Wasserforum in Amed Şermin Güven, Doktorandin, Krisen- und Katastrophenforschungsstelle, FU Berlin Beim zweiten Wasserforum Mesopotamiens erprobten
Wasserforum in Amed
Şermin Güven, Doktorandin, Krisen- und Katastrophenforschungsstelle, FU Berlin
Beim zweiten Wasserforum Mesopotamiens erprobten im Oktober in Amed Aktivist:innen, Wissenschaftler:innen und lokale Gemeinden Mesopotamiens neue Wege der ökologischen Diplomatie.
Zwischen Dürre und Diplomatie: Das Forum von Amed
Vom 17. bis 19. Oktober 2025 fand in Amed (tr. Diyarbakır) das zweite Mesopotamia Water Forum (MWF) statt. Vertreter:innen von Gemeinden, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Umweltinitiativen und wissenschaftlichen Einrichtungen aus dem gesamten Gebiet Mesopotamiens kamen zusammen, begleitet von solidarischen Gruppen aus Europa. Thema des Treffens war: Wasser, Gerechtigkeit und die Zukunft ökologischer Diplomatie.
Sechs Jahre nach dem ersten Forum in Silêmanî (ar. Sulaymaniyah) in Südkurdistan stand die inzwischen noch drängendere Frage im Zentrum:
Wie lässt sich in einer Region, in der Wasser zur Waffe geworden ist, ökologische Gerechtigkeit wiederherstellen – und wie kann eine alternative Wasser-Diplomatie den Frieden aktiv mitgestalten?
Wasserkrise als Strategie des Krieges
»Das, was wir heute Klimakrise nennen, ist im Kern eine Wasserkrise.« Mit diesem Satz eröffnete eine Aktivistin das Forum und brachte damit die politische Dimension des Themas auf den Punkt¹. Im Euphrat-Tigris- und Xabûr-Becken zeigt sich diese Krise in besonderer Schärfe: Sie ist nicht nur das Resultat klimatischer Veränderungen, sondern Ausdruck jahrzehntelanger Kriege, geopolitischer Machtkämpfe und struktureller Ungleichheit.
In alternativen Foren wie dem MWF herrscht Einigkeit: Krieg und Ökozid sind die zentralen Begriffe, um die Wechselwirkungen zwischen Umweltzerstörung, kolonialen Kontinuitäten und militärischer Gewalt zu beschreiben. Im Gegensatz dazu entpolitisiert die internationale Klimadiplomatie – etwa in UN-Konferenzen – ökologische Krisen häufig, indem sie sie auf technische oder administrative Probleme reduziert. Fragen nach Verantwortung, Macht und Gerechtigkeit bleiben dort weitgehend ausgespart.
Die Folgen dieser Entpolitisierung sind in Mesopotamien sichtbar: Dürreperioden dauern länger, Regenzeiten bleiben aus, Flüsse trocknen früher aus, und ganze Agrarregionen verlieren ihre Lebensgrundlagen. Laut einem Bericht der UN-ESCWA² sind die Pegelstände von Euphrat und Tigris in den letzten 20 Jahren um mehr als 50 Prozent gesunken³. Dennoch treiben Regierungen weiterhin großflächige Staudammprojekte voran, deren Auswirkungen kaum transnational abgestimmt sind.
Wasser ist zum geopolitischen Werkzeug geworden. Die türkische Staudammpolitik an den Oberläufen von Euphrat und Tigris, die Wasserknappheit in Syrien und im Irak sowie die zunehmende Abhängigkeit ganzer Dörfer von staatlich kontrollierten Zufuhren bestätigen: Wasser ist ein Mittel der Macht4. Die Teilnehmenden des Forums beschrieben dies als eine Form »stillen Krieges« – geführt mit Dämmen, Umleitungen und Trockenlegungen statt mit Waffen5.
Langanhaltende Dürre – Zeit für eine neue Wasser-Diplomatie
Mit der Verschärfung der Dürreperioden im vergangenen Jahrzehnt gewinnt die Frage nach Wasser-Diplomatie neue Dringlichkeit.
»Im Nahen Osten fehlt bislang ein Mechanismus zur gerechten Wasserverteilung – und eine politische Haltung, die die Natur nicht als Ressource, sondern als Mitwelt begreift«, betonte der Mitorganisator Bişar İçli6. Die Wasserkrise betrifft Millionen Menschen – von den Bergen Südostanatoliens bis zu den Marschgebieten im Südirak7. Die jeweiligen Ökosysteme reagieren unterschiedlich auf Trockenheit, doch gemeinsam ist ihnen eine wachsende Vulnerabilität im Anthropozän. »Für die Erholung der Natur braucht es Jahre«, sagte eine Gärtnerin aus den Hevsel-Gärten von Amed – ihr Alltag ist längst zu einem Experiment ökologischer Resilienz geworden.
Wenn staatliche Kanäle versagen, muss Diplomatie von unten entstehen
Gemeinden, lokale Verwaltungen und Aktivist:innen fordern eine Abkehr von zentralistischen, technokratischen Lösungsansätzen. Stattdessen setzen sie auf grenzüberschreitende Kooperation zwischen Städten, Gemeinden und sozialen Bewegungen.
Die zentrale Botschaft des Forums: Nur eine gemeinsame, partizipative Wasserpolitik kann der ökologischen Katastrophe in Mesopotamien begegnen.
Internationale Initiativen und Solidarität
Zahlreiche internationale Organisationen waren vertreten: die Save the Tigris Foundation, die Euphrates-Tigris Initiative for Cooperation (ETIC), das Water Justice Movement, die Unrepresented Nations and Peoples Organization (UNPO), TEV-EKO, Vertreter:innen der Global Alliance for the Rights of Nature sowie Delegationen aus Brasilien, den Niederlanden, Deutschland, Italien und Kanada8. Ihre Präsenz verlieh dem Forum internationale Resonanz – und verdeutlichte: Die Wasserfrage in Mesopotamien ist Teil einer globalen Krise. Delegierte aus Lateinamerika, wo einen Monat später im November die COP30 in Belém (Brasilien) stattfinden sollte, betonten die Bedeutung alternativer Foren, in denen Stimmen aus kolonisierten und marginalisierten Regionen Gehör finden. Diese Netzwerke traten nicht als Gäste auf, sondern als Mitgestalter:innen geteilter ökologischer Verantwortung. In gemeinsam organisierten Denkwerkstätten wurden Erfahrungen indigener Bewegungen, etwa aus dem Amazonas- oder Nilbecken, mit mesopotamischen Perspektiven verwoben – ein Experiment transnationaler Wissensproduktion jenseits diplomatischer Formate.
Alternative Foren und Klima-Diplomatie von unten
Während die globale Aufmerksamkeit sich auf COP30 richtet, wächst weltweit die Zahl alternativer Klima- und Umweltforen. Orte wie Amed werden zu Gegenräumen, in denen nicht Staaten, sondern Betroffene die Agenda bestimmen9. Hier sprechen Bewohner:innen der Tigris-Dörfer, kurdische Fraueninitiativen, Umweltaktivist:innen aus Basra oder Mûsil (Mosul) – Menschen, deren Alltag vom Versiegen ihrer Flüsse geprägt ist. Gulistan Essa, Sekretärin der Hasakah Water Campaign, formulierte es klar:
»Water is the right of all peoples and all nations. But unfortunately, in Syria today, access to clean water has become almost impossible.«10 Sie schilderte, wie bewaffnete Gruppen Wasserstationen besetzen und Städte von der Versorgung abschneiden. Wasser als Mittel der Kontrolle und Vertreibung – eine Strategie, die Migration erzwingt und humanitäre Krisen verschärft. Essas Worte machten sichtbar: In Rojava ist Wasser längst eine Kriegswaffe – und der Kampf um Wasser zugleich ein Kampf um Selbstbestimmung und ökologische Gerechtigkeit.
In Regionen, in denen Staaten repressiv agieren oder Menschen – wie viele Kurd:innen – de facto staatenlos sind, werden solche Foren zu Orten dringend benötigter Klima-Diplomatie. Sie schaffen politische Sprache jenseits nationaler Institutionen und formulieren Forderungen, wo sie gehört werden können: in Netzwerken der Zivilgesellschaft und in globalen Bewegungen für Umweltgerechtigkeit.
In Silêmanî beim 1. Wasser Forum wie nun auch beim 2. Wasser Forum in Amed wurde es deutlich: lokale Bürger:innen brauchen mehr solcher Foren und Denkwerkstätten, um sich weiter zu vernetzen und gemeinsam demokratische Lösungswege lokal auszuhandeln.
Kooperation, Frieden und Ökologie
Trotz finanzieller Engpässe, bürokratischer Hürden und der politischen Lage in der Türkei gelang es den Organisator:innen – darunter die Mesopotamische Ökologiebewegung, die Hevsel Protection Initiative, Save the Tigris, die Civic Space Studies Association und mehrere lokale Umweltvereine – die Organisierung des Forums erfolgreich durchzuführen.
Monatelang bereiteten Aktivist:innen, Wissenschaftler:innen und Freiwillige das Treffen vor. Die Entscheidung, es trotz zahlreicher paralleler Veranstaltungen nicht zu verschieben, war bewusst politisch: In einer Zeit, in der in der Türkei erneut Friedensgespräche geführt werden, wollten die ökologisch Engagierten die Themen Klima und Wasserkrise präsent halten.
Sie erinnerten daran, dass Friedensverhandlungen häufig auf Machtfragen reduziert werden, während ökologische Aspekte – Waldbrände, Landraub, der Verlust von Lebensräumen – ausgeblendet bleiben.
Bişar İçli, Umweltpädagoge und Gründer eines agrarökologischen Bildungsdorfs in Amed, formulierte es so:
»In der Praxis bedeutet Frieden, den Schutz der Natur und die Ökologie in den Kern des gesellschaftlichen Wiederaufbaus einzubringen.« Frieden, so das Forum, muss auch ökologisch gedacht werden – und der Frieden in Mesopotamien kann nur durch die Wiederherstellung der Flüsse gelingen.
Anthropozän und öko-feministische Perspektiven
Ein eindrucksvoller Teil des Forums fand im Foyer der Veranstaltungsräume statt: die Ausstellung Anthropozän, die anthropologische und künstlerische Perspektiven verband. Fotografien, Videoarbeiten und Installationen zeigten die Spuren menschlicher Eingriffe in den Dörfern des Tigrisbeckens.
Besonders viel Aufmerksamkeit zog das kollektive Video »Ceq-Ceq« auf sich – eine Zusammenarbeit der Jineolojî- und Ökologie-Fakultät der Universität Qamişlo, von Berivan Omar und Ş. Güven11. Es dokumentiert den Fluss Ceq-Ceq, der in Nisêbîn entspringt, die türkisch-syrische Grenze überquert und in Qamişlo ankommt – dort jedoch stark verschmutzt. Während der Dürreperioden trocknet der Fluss stellenweise aus und hinterlässt stehende, faulig riechende Becken: ein Sinnbild politischer Ohnmacht gegenüber ökologischer Realität.
Diese Interventionen in den Zwischenräumen brachten eine mikropolitische und öko-feministische Ebene in die Debatte: Wasser wurde als alltäglicher, körperlicher und geschlechtsspezifischer Erfahrungsraum sichtbar. Frauen, die oft zuerst von Wasserknappheit, landwirtschaftlichen Verlusten und Migration betroffen sind, wurden zugleich als Akteurinnen ökologischer Resilienz erfahrbar.
Ökozid, Recht und Verantwortung
Zentraler Bestandteil der Diskussionen war auch die juristische Dimension ökologischer Gewalt. Die Anerkennung von Ökozid als internationales Verbrechen gewinnt weltweit an Gewicht12. Für Mesopotamien wäre eine solche Anerkennung wegweisend: Wenn gezielte Flussumleitungen, Verursachung von Dürren oder massive Umweltzerstörung als Verbrechen gegen den Frieden gälten, könnten Staaten und Unternehmen künftig rechtlich belangt werden. Damit entstünde eine neue Grundlage für kollektive Verantwortung – und für die juristische Verfolgung von Umweltverbrechen im Euphrat-Tigris-System.
Doch jenseits juristischer Verfahren geht es auch um eine kulturelle Mobilisierung: um die Anerkennung von Flüssen als Rechtssubjekte, um Lebensraumschutz und um die Stärkung der Stimmen der direkt Betroffenen. Ohne die Anerkennung des Ökozids bleiben viele lokale Kämpfe ohne Konsequenzen.
Geopolitische Achsen: Wasser als Macht
Das Euphrat-Tigris-Becken zählt zu den geopolitisch sensibelsten Regionen der Welt.
Die Türkei kontrolliert über 90 Prozent des Euphrat- und rund 50 Prozent des Tigris-Wasserflusses13. Mit Großprojekten wie dem Südostanatolien-Projekt (GAP) stärkt Ankara nicht nur seine wirtschaftliche, sondern auch politische Kontrolle über Syrien und den Irak.
Wasser wird hier zur »weichen Waffe« – eingesetzt, um Abhängigkeiten zu schaffen und politische Loyalitäten zu erzwingen. Das Forum in Amed stellte dieser Logik eine andere Form von Macht entgegen: die Macht geteilter Verantwortung, Kooperation und Solidarität.
Das Netzwerk TEV-EKO – ein Zusammenschluss ökologischer Initiativen aus der kurdisch-europäischen Diaspora – wertet solche Foren als entscheidend für die Zukunft von Flüssen, Wäldern und Böden14. In einer Region, in der Staaten das Wasser militarisieren, entwirft Amed als historisch relevanter Ort, direkt mitten im Flusssystem vom Euphrat-Tigris eine dekoloniale Wasserpolitik, die auf Selbstverwaltung und transnationale Zusammenarbeit setzt.
Fazit: Wasser als Sprache des bedarf weiterer lokaler Mobilisation. Das Wasserforum von Amed war mehr als eine Konferenz. Es war ein Zeichen kollektiver Selbstermächtigung – ein Schritt hin zu einer dezentralen, zivilgesellschaftlichen Wasser-Diplomatie.
»Zeugnisse aus Rojava und Irak machten deutlich, wie Menschen zur Migration gezwungen wurden, nachdem Wasserquellen beschlagnahmt oder ausgetrocknet waren. Gleichzeitig zeigten ökofeministische Perspektiven, wie Frauen die Hauptlast ökologischer Zerstörung tragen – und dennoch im Zentrum gemeinschaftlicher Resilienz und Selbstorganisation stehen. Internationale Unterstützer:innen lobten die wachsende Beteiligung lokaler Gemeinschaften im Vergleich zur ersten Ausgabe […] und ermutigten dazu, diesen Prozess der Inklusion fortzusetzen, um bei künftigen Ausgaben eine noch stärkere Beteiligung zu erreichen.«15
In einer Zeit, in der Dürre, Krieg, Klimakollaps und ökologische Gewalt zunehmen, werden solche Foren zu Wegweisern: Sie schaffen politische Sprache, wo staatliche Diplomatie schweigt, und fordern Recht, wo bisher nur Ohnmacht herrschte.Wasser ist kein nationales Eigentum16, keine Ressource, die kontrolliert oder verkauft werden darf. Wasser ist Leben, Geschichte und Zukunft – und in Mesopotamien vielleicht der letzte Ort, an dem sich zeigen wird, ob Zusammenarbeit stärker sein kann als Kontrolle.
Fußnoten
¹ ANF English (2025): Water Crisis Deepens: It Has Become a Strategy of War. https://english.anf-news.com/ecology/water-crisis-deepens-it-has-become-a-strategy-of-war-81793
² United Nations Economic and Social Commission for Western Asia
³ United Nations ESCWA (2024): Water Scarcity and Climate Stress in the Tigris-Euphrates Basin. Beirut.
4 ave the Tigris Campaign (2023): Mesopotamia Water Forum: Final Declaration. Erbil.
5 The Amargi Journal (2025): Mesopotamia Water Forum in Amed: Crisis, Justice and Shared Governance.
6 İçli, Bişar. Interview, geführt von Şermin Güven. Online Auswertung Mesopotamia Water Forum. [29. Oktober 2025].
7 FAO (2023): Near East and North Africa Drought Report. Rom.
8 Save the Tigris Foundation (2025): Press Release on 2nd Mesopotamia Water Forum.
9 UNFCCC Secretariat (2025): COP30 Preparatory Documents. Bonn.
10 ANF English (2025): Mercenaries cut off water as Syria’s crisis deepens. Interview mit Gulistan Essa, 21. Oktober 2025. https://english.anf-news.com/ecology/mercenaries-cut-off-water-as-syria-s-crisis-deepens-81843
11 Ceq-Ceq (2025): Kollektivvideo von Platforma Jin a Ekolojiê; Rojava University Institute for Ecology; Berivan Omar; Şermin Güven. https://youtu.be/FtucEoZpK6k
12 Stop Ecocide International (2024): Proposal for the Inclusion of Ecocide in the Rome Statute of the International Criminal Court. London.
13 Turkish State Hydraulic Works (DSİ) (2023): GAP Overview Report. Ankara.
14 TEV-EKO ist ein basisorientiertes Netzwerk, das ökologische Fragen aus einer feministischen und gemeinschaftlichen Perspektive behandelt und Beobachtungen von Umweltzerstörungen durch Kriege in Kurdistan in den Fokus nimmt. Das Netzwerk ist seit 2024 aktiv.
15 Bellini, Flippo,Delegationsmitglied des italienischen Wasserforums und Mitglied im internationalen Netzwerk »People Affected by Dams« (MAR).
16 https://www.ispionline.it/en/publication/beyond-water-nationalism-towards-mesopotamian-ecological-identity-25177
Kurdistan Report 240 / Januar – März 2026

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