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Gerontokratie

Die Herrschaft der Alten über Jugend, Kinder und Frauen Abdullah Öcalan Mit seiner Verteidigungsschrift »Jenseits von Staat, Macht und Gewalt« legte

Die Herrschaft der Alten über Jugend, Kinder und Frauen

Abdullah Öcalan

Mit seiner Verteidigungsschrift »Jenseits von Staat, Macht und Gewalt« legte ­Abdullah Öcalan 2004 aus dem Gefängnis heraus eine neue Vision von einer kommunal organisier­ten, basisdemokratischen und ökologischen Gesellschaft dar. Auch die spezielle Form der Herrschaft über die Jugend spart er ­darin nicht aus. Der folgende Text ist ein ­Ausschnitt aus diesem Buch (Seite 23–27).

Wir müssen auch vom Druck und von der Abhängigkeit sprechen, in der die erfahrenen Alten in der hierarchischen Gesellschaft die Jungen halten. Diese wird als Gerontokratie bezeichnet. Während einerseits die Alten durch ihre Erfahrung stärker werden, nimmt ihre physische Kraft mit zunehmendem Alter ab. Das bringt sie dazu, die Jungen in ihren Dienst zu stellen. Indem sie sie geistig unter ihren Einfluss bringen, machen sie all deren Tun von sich abhängig. Auch dieses Phänomen ist eine wichtige Stütze des Patriarchats. Die Alten benutzen Körperkraft der Jungen, um sie das tun zu lassen, was sie selber wollen. Bis heute wird die Jugend auf diese Weise abhängig gemacht. Die Vorherrschaft von Erfahrung und Ideologie ist nicht leicht zu durchbrechen. Der Drang der Jugend nach Freiheit hat seinen Ursprung in diesem historischen Phänomen.

Seit den alten Weisen bis hin zu den heutigen Wissenschaftlern und ihren Institutionen wird der Jugend der entscheidende Teil des Wissens, den man strategisch oder vital nennt, vorenthalten. Die Informationen, die die Jugend erhält, sind vielmehr diejenigen, die sie einschläfern und betäuben und ihre Abhängigkeit dauerhaft machen. Wenn Wissen vermittelt wird, werden die Mittel zu seiner Umsetzung zurückgehalten. Eine konstante Herrschaftstaktik ist die des Hinhaltens. Die Strategien und Taktiken und das System von Druck und Ideologie, die gegen die Frau gerichtet sind, gelten ebenso für die Jugend. Der Freiheitsdrang der Jugend ist nicht ihrem physischen Alter, sondern diesem spezifischen gesellschaftlichen Druck geschuldet. Begriffe wie »Grünschnäbel« oder »Halbstarke« sind erniedrigende Propagandabegriffe. In den gleichen Zusammenhang fallen auch die Bemühungen, zu verhindern, dass sich die Energie der Jugend gegen das System richtet. Dazu und zur Aufrechterhaltung der Ordnung dienen die frühe Ausrichtung auf die Sexualität und das Einbläuen starrer Dogmen.

Es ist schwer, eine Jugend aufzuhalten, die zur Freiheit drängt. Die Jugend ist diejenige gesellschaftliche Gruppe, die mehr als alle anderen für die Systeme ein potenzielles Ärgernis darstellt. Weil dies den Herrschenden immer bekannt war, wurde im Namen der »Erziehung« der Jugend nichts erspart, von Menschenopfern von Jugendlichen bis hin zu noch unbegreiflicheren Praktiken. Bei der Entstehung der hierarchischen Gesellschaft spielte diese Unterwerfung der Jugend nach jener der Frau die entscheidende Rolle.

Doch auch alle späteren etatistischen Gesellschaften verfuhren ähnlich mit der Jugend. Nicht umsonst hält sich das System für das stärkste, das die Jugend unter seiner Kontrolle hat. Eine solche gehirngewaschene Jugend kann man jede Arbeit tun lassen. Sie übernimmt die schwersten Berufe, einschließlich des Kriegshandwerks. Immer noch wird die Jugend in Abhängigkeit und unter Kontrolle gehalten, was im Grunde aus der Schwäche der Alten resultiert. Immer noch spielt dieses Verhältnis eine bedeutende Rolle dabei, die herrschenden Systeme aufrecht zu erhalten. Ich muss es noch einmal betonen: Jugend ist ebenso wie Weiblichkeit kein physisches, sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Eine wesentliche Aufgabe der Gesellschaftswissenschaften müsste sein, diese beiden Phänomene von den Verzerrungen zu befreien, die sie überlagern.

Auch die Kinder dürfen in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Wer die Frau und die Jugend gefangen nimmt, hat ohnehin indirekt auch die Kinder in das gewünschte System einbezogen. Es ist wichtig, die verzerrte Haltung der hierarchischen und etatistischen Gesellschaft zu Kindern offen zu legen. Dass die Kinder wegen der Versklavung der Mutter nicht richtig erzogen werden, sorgt für eine verzerrte und verlogene gesellschaftliche Weiterentwicklung. Auch über die Kinder wurde ein Ausbildungssystem errichtet, das letztlich auf Repression und Lügen basiert.

Man versucht mit verschiedenen Methoden schon ab der Wiege, die Kinder vom System abhängig zu machen. Man lässt den Kindern die Sehnsucht nach der Freiheit der natürlichen Gesellschaft, erlaubt ihnen aber niemals, diesen Traum zu leben. Ein hohes Ziel ist, die Kinder ihren Träumen gemäß leben zu lassen.

Ich möchte es noch einmal betonen: Wir dürfen es nicht als zwangsläufig ansehen, dass die patriarchalen Verhältnisse an Macht gewonnen haben. Es handelte sich nicht um eine quasi naturgesetzliche Entwicklung. Es gilt besonders, aufzuzeigen, dass es sich um einen fundamental wichtigen Abschnitt auf dem Weg zur Herausbildung von Klassen und des Staates gehandelt hat. Es entsprach dem Wesen der natürlichen Gesellschaft, dass sich die Beziehungen im Umfeld der Frau und Mutter nicht auf Macht und Autorität gründeten, sondern von organischer und solidarischer Art waren. Sie waren keine Verirrung oder Abweichung, die letztlich in staatliche Autorität mündete. Wegen ihrer organischen Herausbildung hatte es die Frau nicht nötig, sich auf Gewalt und Lüge zu stützen. Dieser Punkt erklärt auch, warum der Schamanismus ein überwiegend männlich geprägtes religiöses Phänomen ist.

Wenn man den Schamanismus genau betrachtet, sieht man sofort, dass es sich um eine Tätigkeit handelt, bei der Illusion und Machtdemonstration eine große Rolle spielen. Hier wurde sorgfältig die Macht und jene Mythologie vorbereitet, die sich listig über die Unschuld der natürlichen Gesellschaft legen wird. Der Schamane war auf dem Weg zur Priesterschaft, zum Kleriker. Er strebte ein Bündnis mit dem Ältesten an. Um die Herrschaft zu vervollständigen, brauchten die beiden die Hilfe des starken Jägers. Die stärksten und fähigsten Jäger transformierten sich nach und nach in erste militärische Einheiten. Dieses Trio erwirbt nach und nach Werte und Fähigkeiten. Durch List und Tücke wurde das System der natürlichen Autorität der Frau nach und nach demontiert. War früher die Frau die Einflussreiche, deren Wort auch bei den Männern etwas galt, geriet sie nun langsam unter die Herrschaft und die Kontrolle der neuen Autorität.

Es war kein Zufall, dass die erste starke Autorität über die Frau errichtet wurde. Die Frau bildete das Rückgrat der organischen Gesellschaft. Ohne sie zu beseitigen, hätte das Patriarchat nicht siegen können. Es wäre auch niemals möglich gewesen, die Institutionen eines Staates zu etablieren. Es war also von strategischer Bedeutung, die Macht der Frau zu beseitigen. Aus den Informationen, die uns von den Sumerern überliefert sind, wird klar, dass dieser Prozess sehr konfliktreich vor sich gegangen ist.

Die Frauenbilder von Lilith und Eva, die in die monotheistischen Religionen hineinwirken, repräsentieren diesen Prozess besonders prägnant. Lilith¹ repräsentiert die unbeugsame Frau, Eva dagegen die Frau, die kapituliert hat. Die Behauptung, sie sei aus der Rippe des Mannes geschaffen worden, ist ein Maß für die Abhängigkeit, in die sie gebracht wurde. Auf der anderen Seite belegen die Bezeichnungen von Lilith als aufrührerische, verfluchte Hexe, Freundin des Satans und ähnliche Verwünschungen, dass ein großer Konflikt stattgefunden hat. Dies ist entlarvend für die Kultur der nachfolgenden Jahrtausende, ihre Überzeugungen und Glaubenssätze.

Ohne den gesellschaftlichen Abstieg der Frau zu untersuchen, kann man die grundlegenden Besonderheiten in der Kultur des Patriarchats nicht verstehen, geschweige denn die gesellschaftliche Konstruktion von Männlichkeit. Ohne die gesellschaftliche Konstruktion von Männlichkeit zu verstehen, kann man auch die Institution Staat nicht verstehen. Man kann dann die Kultur von Krieg und Macht nicht richtig definieren. Ich gehe deshalb so intensiv auf dieses Thema ein, um wirkliche Klarheit über die grauenhaften »göttlichen Persönlichkeiten«, und alle Arten von Ausgrenzung, Ausbeutung und Massakern zu erlangen, die infolge der späteren Herausbildung von Klassen entstanden. Der Paradigmenwechsel, die politische Macht und der Staat, diesen Fluch der Menschheit, als heilig zu betrachten, bedeutet die schmutzigste geistige Konterrevolution in der Geschichte der Menschheit. Doch sie hat sich tatsächlich ereignet. Diese Konterrevolution als zwangsläufige Folge des Fortschritts zu bezeichnen, ist ein gefährlicher Irrtum, dem auch der Marxismus verfallen ist. Wenn wir diese Interpretation der Geschichte nicht aus diesem Blickwinkel heraus kritisch überprüfen und korrigieren, wird jede Revolution sich unvermeidlich innerhalb kürzester Zeit in eine Konterrevolution verwandeln.

Während zuerst die Welt der natürlichen Gesellschaft, die kreative Kraft der Frau und damit die der Jugend und der Kinder zerstört wurde und an ihrer Stelle eine Hierarchie, die auf Stärke und Lüge in Form der Mythologie basierte, zur herrschenden Form der neuen Gesellschaft wurde, ereignete sich parallel dazu noch eine zweite Konterrevolution: Der Prozess der Entfremdung von der Natur, der Prozess ihrer beginnenden Zerstörung.

Zum Sammeln von Pflanzen und Früchten kam die Jagd und damit das planmäßige und gezielte Töten. Nicht nur die materiellen, vor allem die ideellen Folgen einer Kultur des Tötens sind schwerwiegend. Eine Gemeinschaft, in der sich das Töten von Tieren und Angehörigen der eigenen Art über notwendige Verteidigung hinaus zu einer Kultur entwickelt, wird sich schließlich daran machen, alle notwendigen Geräte und Institutionen für eine Kriegsmaschinerie zu entwickeln. Während auf der einen Seite der Staat als das grundlegende Machtinstrument ausgebaut wurde, entwickelte man immer neue und bessere Kriegspfeile, Speere und Beile, die als die wertvollsten Werkzeuge galten. Die Entwicklung der patriarchalen Gesellschaft aus der natürlichen Muttergesellschaft heraus als gefährlichste Verirrung der Geschichte legte demnach auch den Grundstein für alle späteren abscheulichen Formen des Tötens und der Unterdrückung. Dies war weder Schicksal noch eine notwendige Bedingung für Fortschritt, sondern ganz im Gegenteil ein schrecklicher Irrweg.

Die Jagd- und Kriegskultur führte letztlich zur militärischen Organisierung. Militärische Organisierung entwickelte sich in dem Maße, in dem die natürliche, ethische Gesellschaft zerfiel. Während die Frau vorwiegend Beziehungen in Zusammenhang mit Abstammung, Familie, Sippe und Verwandtschaft aufbaut, steht bei der militärischen Organisierung der davon losgelöste starke Mann im Vordergrund. Es ist klar, dass letztlich keine natürliche Gesellschaftsform gegen diese Macht bestehen konnte. Die gesellschaftliche Gewalt hat Einzug in die gesellschaftlichen Verhältnisse gehalten – das nennt man dann Zivilisation. Die entscheidende Macht besitzt dabei derjenige, der über die Gewalt gebietet.
So wurde auch der Boden für das Privateigentum geebnet. Es leuchtet ein, dass die Gewalt die Basis für das Eigentum ist. Bevor die Herrschaft Teil der zwischenmenschlichen Beziehungen wurde, konnte das Mittel der Gewalt nicht entwickelt und angewandt werden. Herrschaft hingegen hat mit Besitz zu tun. Beherrschen beinhaltet »besitzen« in einer dialektischen Beziehung. Das Besitzverhältnis ist der Kern aller Eigentumsordnungen. Eine neue Ära hatte begonnen. In ihr wurden die Gemeinschaft, Frauen, Kinder und die Jugendlichen, wie auch ergiebige Jagdgründe und Sammelstellen als Eigentum betrachtet. Der starke Mann trat immer mehr in den Vordergrund.

¹ In der jüdischen Mythologie gilt Lilith als die erste Frau Adams, die er verstieß, weil sie, so eine Überlieferung, beim Geschlechtsverkehr oben liegen wollte. Vorläufer dieser Figur sind aus der sumerischen Kultur nachweisbar.


Kurdistan Report 240 / Januar – März 2026

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