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Machtpolitik statt regionale Stabilität

Israels Syrienpolitik im Kontext von Hegemonie und Zivilisationskrise Sînan Cudî, Journalist und Dokumentarfilmer Der Mittlere Osten ist ein Krisenh

Israels Syrienpolitik im Kontext von Hegemonie und Zivilisationskrise

Sînan Cudî, Journalist und Dokumentarfilmer

Der Mittlere Osten ist ein Krisenherd, dessen politische Landkarte seit über einem Jahrhundert immer wieder neu gezeichnet wird. Keine neue Grenzziehung verbessert die vorhergehende; vielmehr fordert jede immer neuen Blutzoll. So geschieht die geopolitische Neugestaltung des Mittleren Ostens nicht nur durch Veränderungen von Grenzen und Regimen, sondern sie beinhaltet eine vielschichtigere Veränderung, die auch die Zukunft des Zivilisationsparadigmas betrifft.

Der Krieg in Syrien ist als Teil dieser Kontinuität zu einem Konflikt der Geisteshaltungen geworden. Die Politik Israels in Syrien ist dabei eine der sichtbarsten Erscheinungen dieses Konflikts der Haltungen. Es wäre unzureichend, die Syrienpolitik Israels nur im Kontext von »Sicherheit« oder als »Gegengewicht zum Iran« zu deuten. Es geht eher um die Konsolidierung des nationalstaatlichen Sicherheitsparadigmas im Mittleren Osten. Um seine Existenz zu sichern, institutionalisiert Israel die »permanente Sicherheit«.

Der Kern der etatistischen Zivilisationsgeschichte liegt in der Dialektik von »Krieg und Sicherheit«. Sicherheit dient hier nicht dem Schutz der Gesellschaft, sondern der Reproduktion von Macht. Bei der israelischen Syrienpolitik handelt es sich um eine aktualisierte Version eben dieser Form von Macht. Jegliche Politik Israels und seines strategischen Verbündeten USA sollten als Streben nach Hegemonie inmitten der Krise des modernen Nationalstaatssystems gelesen werden. Dieses Streben nach Hegemonie steht im Zentrum der regionalen Architektur des Bündnisses zwischen den USA und Israel. Dagegen entwickeln sich jedoch die neuen Formen der Subjektwerdung der demokratischen Moderne.

Die israelische Sicherheits- und Hegemoniedoktrin in Syrien

Israel hat die Syrienkrise nach 2011 für seine »nationale Sicherheit« sowohl als Gefahr als auch als Möglichkeit bewertet und vorausgesehen, dass eine »strategische Lücke« entstehen werde. Die Ansiedelung der iranischen Revolutionsgarde und der libanesischen Hisbollah in Syrien wurden zu Israels »roter Linie«. Die Schwächung des Regimes in Damaskus hat für Tel Aviv sowohl Risiken als auch Möglichkeiten einer Neupositionierung mit sich gebracht. Israel wollte den Untergang der »regionalen Ordnung« für die Neugestaltung seiner eigenen Sicherheitsarchitektur nutzen.

Primäres Ziel ist es gewesen, zu verhindern, dass die »Achse des Widerstands« in Syrien eine dauerhafte Militärstruktur einrichtet. Hunderte Luftangriffe der israelischen Luftwaffe auf syrischem Boden sind praktischer Ausdruck dieser Doktrin. Diese Luftangriffe wurden meist als »präventive Verteidigung« legitimiert. Dabei handelte es sich bei diesen Angriffen eigentlich um eine militärische Antwort auf die Herrschaftskrise – typischer Ausdruck der aktuellem Haltung, die die Existenz des Staates mit Sicherheit gleichsetzt.
Dabei ging es nicht nur um Sicherheit. Die faktische Annexion der Golanhöhen durch Israel 1981 wurde 2019 durch die US-Regierung unter Trump anerkannt, was einen Wendepunkt darstellt, der den geopolitischen Zielen Israels im Norden Legitimität schenkte. Israel sieht die Golanhöhen heute sowohl als »Verteidigungslinie« als auch als Hauptkomponente des geoökonomischen Korridors, der sich von Jordanien bis zum Libanon erstreckt. Hier geht es darum, durch die Bildung von »Pufferzonen« Nutzen aus der zerteilten Struktur Syriens zu ziehen und zukünftige regionale Energiewege zu kontrollieren.

In diesem Kontext lehnt Israel die Militärpräsenz der Türkei im Norden Syriens nicht offen ab und sieht diese sogar indirekt als gleichgewichtstiftenden Faktor an. Beide Staaten teilen denselben strategischen Reflex gegen die autonome politische Existenz der Kurd:innen – wenn auch aus unterschiedlichen ideologischen Positionen heraus.
Letztendlich existiert der Staat durch Krieg, obwohl seine Sicherheit nur durch Frieden gewährleistet werden kann. Das Verhältnis des Staates zur Kriegs- und Sicherheitspolitik deutet auf solch eine strukturelle Abhängigkeit hin. Auch bei der Syrien-Strategie Israels handelt es sich um eine Reproduktion dieser Abhängigkeit. Denn die Konstruktion einer »ständigen Bedrohung« in der Wahrnehmung sperrt die Gesellschaft in Israel in einen Sicherheitsdiskurs ein, unterdrückt demokratische Forderungen und platziert den Militarismus ins Zentrum des Sozialgefüges. Insofern handelt es sich bei dieser Politik auch um einen Ausdruck der inneren Krise.

So kann die Sichtweise Israels auf Syrien auch als Spiegelbild seiner eigenen inneren Zerbrechlichkeit gedeutet werden. Israel ist weder imperiale Macht noch lediglich ein defensiver Staat. Er versucht, durch Verewigung des Bedrohungsszenarios als hinterhältigste Form der Sicherheitsphilosophie der kapitalistischen Moderne, seine eigene Macht dauerhaft zu sichern.

Kampf um Einfluss im Dreieck Golan-Syrien-Libanon

Das Gebiet Syrien-Libanon-Golan stellt heute eines der spannungsreichsten Dreiecke im Mittleren Osten dar. Die Golanhöhen sind zu einem geopolitischen Nervenende geworden, welches den Puls der Kräftebalance im schiitisch-sunnitischen Machtkampf fühlt. Aus der Sicht Israels ist dieses Dreieck die Begründung für die Bildung einer »Sicherheitspufferzone«.

Die libanesische Hisbollah hatte 2013 zunächst mit der Mission, das Assad-Regime zu unterstützen, das Feld betreten und sich aktiv am Krieg in Syrien beteiligt. Mit der Zeit hat sie im Dreieck zwischen Syrien, Libanon und Golan eine dauerhafte Militärpräsenz aufgebaut. Diese Ermächtigung stellte zugleich ein konkretes Standbein der Strategie des »Schiitischen Halbmondes« Irans dar. Für Israel hingegen stellte diese Präsenz eine direkte Bedrohung dar. Die israelischen Angriffe auf die Gegenden um Suwaida, Damaskus und Dara in den letzten Jahren zielten nicht nur auf iranische Elemente, sondern auch auf die logistischen Routen der Hisbollah.

Jedoch hat diese militärische Konzentration indirekt Einfluss auf die Sicherheit der demokratischen Kräfte und vor allem der Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien. Denn jede neue Spannung in der Region verstärkt das Risiko, dass die regionalen Kräfte die Autonomieerfahrungen der Kurd:innen in eine »Handelsmasse« umwandeln.
Denn keine der Seiten hat den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft als Ziel; jede von ihnen handelt entsprechend ihrer »Staatsräson«. Diese Staatsmentalität nährt sich im Staatssystem des Iran wie in demjenigen Israels und Libanons aus derselben Wurzel: Hierarchien, Patriarchat, zentralisierte Autorität und eine Ideologie, die Land als Eigentum betrachtet.

Den Kräften, die sich in dem genannten Dreieck bekämpfen, ist gemeinsam, dass sie das Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht akzeptieren. Volksgruppen unterschiedlicher Identität wie Kurd:innen, Drus:innen, Araber:innen, Palästinenser:innen, Armenier:innen sind die wahren Akteur:innen, die den Preis dieses zwischenstaatlichen Konflikts zahlen. In dieser Gegend gedeiht das Wort der demokratischen Zivilisation wiederum im alltäglichen Widerstand dieser Menschen.

Türkei – Israel: Freund oder Feind?

Das Verhältnis zwischen Israel und der Türkei auf syrischem Boden hat weder den Charakter eines echtes Bündnisses noch ist es offene Feindschaft. Beide Kräfte haben sich zwar in die US-Architektur der Region eingegliedert, jedoch haben sie ihre Nationalinteressen, die sich überlappen, auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck gebracht.
Während Ankara im Norden Syriens mit der sogenannten »sicheren Zone« faktisch eine Besatzung installiert hat, setzt Israel im Süden des Landes – auf der Linie Golan, Quneitra, Damaskus – eine »Strategie der tiefen Verteidigung« gegen Iran um.

Dabei gibt es drei mögliche Konfliktpunkte zwischen den bei­den Akteuren:

Der Faktor Iran: Auch wenn die Türkei von Zeit zu Zeit in Konkurrenz zu Teheran tritt, ist sie dem Iran nicht durchgehend feindlich gesonnen. Für Israel jedoch stellt der Iran eine existentielle Bedrohung dar (jedenfalls wird es so propagiert). Dieser Unterschied erschwert eine Koexistenz der Positionen in Syrien.

Die kurdische Frage: Die Türkei sieht die kurdische Autonomie in Nordsyrien als Bedrohung für ihre »nationale Integrität« an. Langfristig betrachtet, bewahrt Israel Kanäle des begrenzten Kontakts zu den Kurd:innen als strategisches »Element des Gleichgewichts«. Ohne Einwilligung der USA verstärkt Israel diese Linie jedoch nicht.

Mediterrane Energiewege: Zwischen der Türkei und Israel besteht nach wie vor eine potentielle Konkurrenz in Bezug auf das Seerecht und Energiewege. Das kann zu indirekten Spannungen bei zukünftigen Energieprojekten an der syrischen Küste führen.

Oberflächlich betrachtet sieht es aus, als würden die Türkei und Israel in Syrien widerstreitende Positionen einnehmen. Während sich die Türkei auf Gruppen der Muslimbruderschaft und ihren eigenen Einflussbereich stützt, versucht Israel, ein Gleichgewicht gegen den Iran aufzubauen. Aber wenn wir uns die innere Struktur ansehen, erkennen wir, dass die Grundlage beider Kräfte Produkt desselben Paradigmas ist: der nationalstaatlichen Moderne.

Diese Mentalität eignet sich das Verständnis des »Teile-Zerschlage-Herrsche« als ontologisches Prinzip an. Kurdische Versuche, ihre eigenen demokratischen Verwaltungssysteme aufzubauen, werden sowohl in Ankara als auch in Tel Aviv als »regionale Bedrohung« angesehen. Denn das Modell des demokratischen Konföderalismus hat das Potential, die geographischen und geistigen Grenzen des Nationalstaats zu überwinden.

Daher stellt die Konkurrenz zwischen ihnen eigentlich eine maskierte Partnerschaft in der Geisteshaltung dar. Beide Staaten festigen ihre eigene Existenz, indem sie den demokratischen Willen der Völker in der Region unterdrücken. Aus dieser Perspektive betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit eines direkten Konflikts zwischen der Türkei und Israel in Syrien gering, jedoch besteht ein ständiger indirekter Interessenkonflikt. Denn beide Staaten nutzen den Begriff des »Machtgefüges« um ihre eigene geopolitische Architektur zu bauen. In diesem Sinne ist eine direkte militärische Konfrontation unwahrscheinlich, indirekte Stellvertreterkonflikte jedoch sehr wahrscheinlich.

Neue Etappe der USA-Israel-Hegemonie

Der Mittlere Osten befindet sich im Zentrum einer ­neuen geopolitischen Strategie, die in den vergangenen Jahren zunehmend offen von den USA und Israel koordiniert wird. Diese Strategie übertrifft die klassischen Balancen des Kalten Krieges, indem sie eine Neudefinition der regionalen Ordnung sowohl im Militärischen als auch Politischen erzielt. In einer Zeit, in der die globalen Prioritäten Washingtons gen Asien und den Pazifik gleiten, rückt der israelische Staat als regionaler Partner und Stellvertretermacht in den Vordergrund. Dabei schafft er eine Form hegemonialer Neustrukturierung, die den US-Diskurs um »Stabilität« und »Ordnung« mit seinen eigenen Sicherheitsinteressen verschmilzt.
Diese Neustrukturierung hat drei Standbeine: Integration militärischer Kräfte, die Neuordnung von Energie- und Wirtschaftskorridoren sowie die Aktualisierung politischer Legitimität von Begrifflichkeiten.

Erstens vertieft sich die Koordinierung zwischen den USA und Israel auf militärischer Ebene vor allem gegenüber dem Iran, Syrien und Libanon. Die Angriffskriege, die 2024 geführt wurden, die Integration von Raketenabwehrsystemen und Mechanismen des geheimdienstlichen Informationsaustauschs haben sich in eine dauerhafte gemeinsame Befehlsdoktrin verwandelt. Das bedeutet, dass ein möglicher umfassender Angriff gegen die libanesische Hisbollah nicht nur auf Beschluss Israels, sondern mit Einverständnis der USA geführt werden wird. Die zunehmenden Luftoperationen Israels im Süden Syriens stellen praktische Vorbereitungen für die Etablierung einer neuen »Pufferzone« für die Golanhöhen dar. Auch wenn die Begründung für solch eine Zone auf die Existenz von vom Iran unterstützte Kräfte gestützt wird, geht es zugleich auch darum, die neue Sunnitisch-islamische zentrale Kontrolle der Regierung in Damaskus zu schwächen.

Zweitens hat die Achse USA-Israel in Bezug auf Energie- und Handelswege das Ziel, einen vielseitigen Korridor zu errichten, der beim Gastransfer vom Mittelmeer nach Europa die Türkei und die arabischen Länder weder ausgrenzt, noch von ihnen abhängig ist. Die Diskussionen über die EastMed-Pipeline, deren Planung Israel mit Zypern und Griechenland unterzeichnet hat, sind Anzeichen solch einer neuen Energie-Diplomatie. Die mit Golfstaaten geschlossenen Verteidigungs- und Technologieabkommen weisen auf eine regionale Sicherheitsarchitektur, die über die Abraham-Abkommen hinausgeht. Diese Struktur wird von ihrer Funktionalität her als NATO des Mittleren Ostens gedacht. Auch wenn einige arabische Länder, wie Saudi-Arabien, nach dem Angriff Israels auf Katar mit ihren anti-israelischen Erklärungen den Schein erweckt haben, nicht Teil dieser Zielsetzung zu sein, so ist längerfristig kein Hindernis für die Umsetzung dieses Ziels zu erkennen.

Drittens definieren die USA und Israel über den politisch legitimen Begriff der »regionalen Stabilität« eine autoritäre Stabilität.
Das bedeutet, dass Transformationsphasen, die sich auf den Volkswillen stützen, mit den Stichworten »Terror«, »Chaos« oder »Unregierbarkeit« verunglimpft werden. Eines der Hauptziele dieser Strategie ist die Paralysierung von demokratischer Autonomie und Formen von Selbstverwaltung. Die Erfahrung der Selbstverwaltung in Rojava wird genau an diesem Punkt sowohl als Hoffnung als auch Bedrohung gesehen. Auch wenn die USA die QSD taktisch unterstützen, so handelt es sich nicht um Unterstützung für ein »transformatives politisches Projekt«, sondern um ein Mittel zur Schaffung »regionaler Balance«.

Mehr und mehr treten die internen Widersprüche dieser neuen hegemonialen Phase hervor. Die israelische Politik der Zerstörung in Gaza hat die globale Legitimität der USA zutiefst erschüttert. Ebenso stoßen die Pläne bezüglich einer Ausweitung auf den Libanon und Syrien auf ernsten Widerstand. Die »Stabilitätsarchitektur«, die die USA im Mittleren Osten neu aufbauen wollen, produziert tatsächlich kontinuierlich Krisen. Das zeigt die strukturelle Schwäche des hegemonialen Systems: keine Sicherheitsordnung, die den Willen der Gesellschaften unterdrückt, kann von Dauer sein.

Diese Phase zeigt gleichzeitig sowohl die Krise der klassischen Hegemonialbeziehungen als auch den Aufstieg der demokratischen Gesellschaftsinitiativen auf. Die Hegemonie ist nicht nur ein Kräfte- oder Machtverhältnis, sie ist zugleich eine Form ideeller Herrschaft. Die Neugestaltung des Mittleren Ostens durch die Achse USA-Israel stellt eine aktualisierte Form dieser geistigen Herrschaft dar. Statt die Krise des Nationalstaats im Sinne einer Demokratisierung zu lösen, ist das Ziel, sie erneut mit Sicherheitsbündnissen zu beenden.

Das stärkste politische Subjekt, das heute auf der Gegenseite zu dieser hegemonialen Neugestaltung des Mittleren Ostens steht, ist die Bewegung der demokratischen Autonomie, die zwar staatenlos ist, aber gesellschaftlich die am stärksten organisierte Struktur darstellt. Die Kurd:innen haben mit dem Modell der Selbstverwaltung, wie sie es in Rojava und Nordsyrien aufgebaut haben, eine Praxis des antihegemonialen »Dritten Wegs« konkretisiert. Dieses Modell stellt außerhalb – oder entgegen – der neuen geopolitischen Gleichung, die das Bündnis USA-Israel schaffen will, eine alternative Zivilisationslinie dar. In diesem Sinne stellt der Diskurs einer »neuen Ordnung im Mittleren Osten« der USA und Israels eine Krise der Geisteshaltung dar, welche mit dem Paradigma der demokratischen Zivilisation in Konflikt steht.

Auch wenn diese neue Phase der USA-Israel-Hegemonie mit dem Anspruch, das Schicksal des Mittleren Ostens neu zu bestimmen, entstanden ist, so erschwert die Existenz der demokratischen Gesellschaftskräfte die Zementierung dieses Plans. Die Erfahrungen demokratischer Autonomie öffnen allen Völkern der Region den Raum für eine neue politische Zukunft. Auch wenn die Pläne Washingtons und Tel Avivs darauf aus sind, diese neue Phase der Subjektwerdung zu unterdrücken, wirken historische Dynamiken zum Vorteil für die demokratische Moderne. Denn der stärkste Widerstand gegen die Zerstörungs- und Sicherheitspolitiken der hegemonialen Kräfte wird aus dem Willen der Gesellschaft geboren, das Leben neu zu gestalten.

In diesem Rahmen stellt die »Neue Phase der USA-Israel-Hegemonie« ein Kampffeld dar, in dem entschieden wird, auf Grundlage welches Zivilisationsparadigmas die Region geformt werden wird. Bei diesem Kampf ist nicht nur der Wille der Staaten, sondern auch der Wille der demokratischen Selbstbestimmung der Völker von entscheidender Bedeutung.

Alternative der demokratischen Moderne im Hegemonialkrieg

Die demokratische Moderne steht diesem Kampf um Hegemonie als »Widerstand« und »alternatives Zivilisationsparadigma« entgegen. Die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien ist eine gesellschaftliche Form, die von nationalstaatszentrierten Kräften wie Israel und der Türkei als Bedrohung angesehen wird. Denn dieses Modell hinterfragt die Heiligkeit des Staats, indem es Grenzen, Identitäten und Hierarchie neu definiert.

In diesem Zusammenhang kann die Syrienpolitik Israels nicht nur als Gegnerschaft zum Iran oder Assad bewertet werden. Tel Aviv ist sich darüber bewusst, dass der Erfolg des Experiments Rojava den Gedanken der demokratischen Solidarität zwischen den arabischen, jüdischen und kurdischen Völkern in der Region stärken wird. Deshalb handelt es sich bei den Operationen, die Israel unter dem Banner der »Sicherheit« führt, eigentlich um Teile des Zivilisationskriegs, der gegen demokratische Subjektwerdung geführt wird.
Abdullah Öcalan macht in seinem Manifest der demokratischen Zivilisation darauf aufmerksam, dass die Hegemonie nicht nur mit Waffengewalt, sondern auf Grundlage der Kontrolle von Informationen, der Wirtschaft und des ideologischen Bereichs fortgeführt wird. Die Achse USA-Israel legitimiert diese Kontrolle unter dem Vorwand der »Bedrohung durch den Iran«. Die Türkei wiederum funktioniert als eine Art Subunternehmer dieser Legitimierung.

In diesem Sinne fügt sich der Status der Kurd:innen in Syrien als Thema, das von den regionalen Kräften zwar am meisten diskutiert, aber am wenigsten verstanden wird, in die Gleichung ein. Während die USA die Kurd:innen als taktische Partner gegen den IS brauchen, kann diese Beziehung anderereits immer ausgesetzt werden, um auf strategischer Ebene die Türkei nicht zu verlieren. Israel sieht die politische Existenz der Kurd:innen als potentielles »Element des Gleichgewichts« gegen die arabischen Blöcke. Dabei hat diese Beziehung niemals auf einer ideologischen oder werteorientierten Grundlage gefußt. Interessant ist, dass sowohl Israel als auch die USA den neuen Mittleren Osten als Alternative zum Sykes-Picot-Plan präsentieren, welcher der Ausgangspunkt hegemonialer Ausdehnung unter britisch-französischer Führung war. Aber letztendlich ist das Verhältnis zu den Kurd:innen und die Herangehensweise ihnen gegenüber genauso, wie es Frankreichs Politik vor 100 Jahren gewesen ist.

Aus Sicht der Kurd:innen macht diese Situation die Notwendigkeit, ihre Selbstbestimmung neu zu definieren, deutlich: eine Phase der Subjektwerdung im demokratischen Bündnis mit den Völkern und nicht an von Staaten zurechtgerückten Verhandlungstischen. Deshalb muss die kurdische Bewegung dem Paradigma von Öcalan entsprechend nicht nur »nationale«, sondern auch regionale Kraft der demokratischen Lösung sein.

Die israelische Syrienpolitik verstehen heißt, die regionale Pleite der modernen Zivilisation zu erkennen. Bei dieser Politik handelt es sich um eine hegemoniale Reproduktion, welche unter der Maske der Sicherheit den Willen der Völker der Region unter Kontrolle zu bringen versucht. Jedoch erschüttert der Aufstieg der demokratischen Moderne, also der neuen gesellschaftlichen Lebensformen auf Grundlage von Selbstverwaltung, Ökologie und Frauenbefreiung diese Hegemonie.

Jeglicher aktueller Konflikt in Syrien stellt auch einen Zusammenstoß zweier Zivilisationsparadigmen dar: Auf der einen Seite die militaristische Moderne, die sich auf der Achse USA-Israel-Türkei konkretisiert, und auf der anderen Seite die demokratische Gesellschaft, die in Rojava Gestalt annimmt.

Der Ausgang dieses Konflikts wird von der Entscheidung der Völker, in was für einer Welt sie leben wollen, entschieden werden. Die Linie der demokratischen Zivilisation hat sich mitten im Zentrum des Mittleren Ostens auf der Hauptachse des Widerstandes und des Wiederaufbaus platziert.


Kurdistan Report 240 / Januar – März 2026

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