Über den globalen Widerstand junger Menschen im 21. Jahrhundert
Herausgeber:innen-Kollektiv der Lêgerîn
Der Dritte Weltkrieg, beginnend in der 1990er Jahren, ist ein Krieg aller Nationalstaaten für Ressourcen, ihre Vormacht und einen Platz in der multipolaren Weltordnung. Er formt unsere heutige Zeit. Korruption, Zwangs- und Kinderarbeit, Feminizide, Genozide, die Manipulation der Gesellschaft, Todesstrafen und Ermordungen, Wehrdienst, Rassismus, ökologischer Zusammenbruch und Massenabschiebungen sind Ausdrücke der momentanen Kriegsphase. Demgegenüber stehen im ständigen Kampf die Jugend, Frauen, unterdrückte Völker und Minderheiten sowie das Internet und digitale Medien, sofern sie demokratisch genutzt werden, Straßenblockaden und Druck durch Massenproteste. Die treibende Kraft dafür wurde vor nicht langer Zeit »Gen Z« genannt, meist durch Mainstream-Medien, die sich darüber lustig machten oder Stereotype verbreiten wollten.
Aber sie wussten nicht, was für eine Kraft in dieser Generation steckt. Diese Gen-Z-Jugend führt nun Massenproteste für Freiheit und Gerechtigkeit in aller Welt an.
Gen-Z-Proteste weltweit
Die Geschichte dieser Protestwelle kann auf den ersten Aufstand in Sri Lanka im Jahr 2022 zurückgeführt werden, wo die Jugend Vetternwirtschaft, Korruption und Elitismus innerhalb der Regierung anklagte und den Rücktritt des Präsidenten forderte. Im Jahr 2024 folgte die Jugend in Bangladesch und in Kenia. Im Juni 2024 begannen Proteste in Kenia, ausgelöst durch eine Steuererhöhung, und ungefähr zur gleichen Zeit brachen Demonstrationen durch Student:innen in Bangladesch los, als Reaktion auf die erneute Einführung einer Quote von Nachfahren von Freiheitskämpfern in öffentlichen Verwaltungsämtern. Diese Gesetze, gepaart mit der offensichtlichen Ungerechtigkeit des kapitalistischen Systems, waren Funken, die das Feuer von Unzufriedenheit und Rebellion der Jugend entfachten.
Weniger als ein Jahr später, im August 2025, gab es eine Protestwelle in Indonesien und seinen kolonisierten Gebieten. Sie wurde zuerst durch eine Steuererhöhung ausgelöst und wurde stärker, nachdem ein Jugendlicher in den Protesten von der Polizei getötet worden war. Am 7. September setzte die nepalesische Jugend ihr Parlament in Flammen. Der Premierminister Nepals musste aus Angst vor der Jugend aus dem Land fliehen. Denn diese hatte die Korruption und die Zurschaustellung von Reichtum in der Regierung satt. Diesen Protesten folgend gab es Mitte September 2025 studierendengeführte Aufstände in Dili, der Hauptstadt von Timor-Leste, welche das Ende der Lebenszeitpensionen und Luxusinvestitionen für Politiker:innen forderten.
Zum Ende desselben Monats begannen die Proteste in Marokko nach dem Tod von acht Frauen nach Kaiserschnitten in Agadir. Die Proteste wurden im Netz organisiert und verbreiteten sich über das gesamte Land. Sie waren auch mit Unmut über Korruption, Arbeitslosigkeit und schlechte Dienstleistungen verbunden. Im Oktober starteten Aufstände in Madagaskar. Wie in Nepal, musste der Präsident die Regierung auflösen und das Land verlassen. Dieser Widerstand begann aufgrund der Verhaftung von Politiker:innen, die Proteste gegen Wasser- und Stromkürzungen organisierten.
Wie schon einige Monate zuvor, gingen in der Türkei türkische und kurdische Jugendliche auf die Straße, um die Verhaftung von Ekrem İmamoğlu anzuprangern, dem Bürgermeister von Istanbul und stärksten Widersacher Erdoğans in der Präsidentschaftswahl.
In Tansania entfachte sich das Feuer nach den gefälschten Wahlen Ende Oktober, in denen die vorige Präsidentin angeblich mit hoher Stimmzahl wiedergewählt worden war. In der darauffolgenden brutalen Repression wurden mindestens 700 Menschen durch den Staat getötet. Wie auch in Nepal wurde das Internet abgeschaltet, welches das zentrale Organisationswerkzeug der Jugend darstellte.
Im Westen bewegte die Völker die Gleichgültigkeit, Arroganz und Gewalt der herrschenden Klasse. Dies können wir in der Solidaritätsbewegung für Palästina in Italien und mit »Bloquons tout«, der Bewegung des 10. September, in Frankreich sehen oder auch in Aktionen gegen die ICE-Abschiebungsbehörde in den USA.
Eine Bedrohung für das System der Dominanz
Die genannten sind nur einige der Aufstände, die von der Gen Z weltweit geführt werden. Die heutige Situation kann mit der 68er-Bewegung oder später dem Arabischen Frühling im Jahr 2010 verglichen werden. Wie im Arabischen Frühling findet die Jugend keinen Platz in den hierarchischen Strukturen oder diktatorischen Regimen, die auf ungerechter Verteilung von Ressourcen und Möglichkeiten für die dominierende Elite beruhen. Es ist kein temporäres Feuer, sondern das Ergebnis von Jahren der Unterdrückung, der Unzufriedenheit, der Proteste und Widerstände. Die Energie der Jugend, die nach Gerechtigkeit und Freiheit sucht, setzt jetzt eine große Welle in Gang, die die Welt mit sich nimmt.
Diese Energie ist eine existenzielle Bedrohung für das System der Dominanz, und so wird sie mit unbeschreiblicher Gewalt zu ersticken versucht. In fast jedem Land wurden viele Demonstrant:innen von der Polizei getötet. Es wird ein Krieg gegen die Gesellschaft und gegen junge Menschen geführt. Im Sudan, im Kongo, in Palästina, Syrien und Kurdistan verantworten die imperialistischen Interessen der westlichen und regionalen Mächte die Tode Tausender. In Europa werden migrantische Jugendliche regelmäßig von der Polizei getötet, während viele andere in Abschiebezentren sterben.
Das System der kapitalistischen Moderne streicht aktiv die arme Bevölkerung aus und attackiert besonders die Jugend und die Frauen, um sich Platz für die eigenen Interessen zu schaffen, wie wir im Genozid an den Palästinenser:innen seit über zwei Jahren beobachten können. Das palästinensische Volk leistete über Jahrzehnte Widerstand gegen Massaker und kolonialistische Siedler:innen. Und während Tausende Familien und Kinder sterben, hat es die Hoffnung auf ein Ende des Völkermords nicht aufgegeben. In der Stärke des palästinensischen Volkes liegt der Funke für einen internationalen Aufstand und ein Zusammenkommen aller Länder weltweit, um einen Waffenstillstand und Freiheit für die Palästinenser:innen zu fordern.
Überall auf der Welt begegnen wir der Korruption von Regierungen, der Armut und der Unterdrückung mit intensiviertem gesellschaftlichen Widerstand. Die Menschen verließen die Straßen nicht, sondern verstärkten im Gegenteil ihren Kampf. Dies zeigt sich beispielsweise darin, wie die Ermordung eines indonesischen Jugendlichen die Proteste und den Willen zum Kampf erneut auflodern ließ.
Warum die Jugend?
Eine Eigenschaft jeder Generation Jugendlicher ist die Suche nach Selbstbestimmung. Niemand sonst kann vorhersagen, was unsere Identität sein wird, nur wir selbst. Daher stellt diese Eigenschaft uns direkt den hegemonialen Mächten gegenüber, die den Status Quo aufrecht erhalten wollen. Wir werden erzogen, zu glauben, dass die Krisen und Kriege um uns herum normal seien und wir verlernen, den Wahnsinn zu sehen. Doch solange es die Jugend gibt, gibt es Hoffnung. Wir können die Jugend als immer suchende, nie ruhende Kraft verstehen, die die Gesellschaft immer wieder zu neuen Formen und Erfahrungen bewegt. Die Jugend ist wirklich eine Flamme, die, wohin auch immer sie geht, flackernde Lichter in alle dunklen Ecken wirft. Sie ist eine Praxis. Die Ungerechtigkeit zu sehen und es zu unserer eigenen Lebensaufgabe machen, sie umzukehren, ist die Praxis der Jugend.
Gen Z heißt auch, den Ausdruck unserer Generation zu finden. In Nepal steht der weiße blutige Turnschuh als Symbol für den Widerstand der Jugend: In einem Protest wurde einem jungen Mann ins Bein geschossen, und er ließ seinen blutgetränkten Schuh zurück. Jetzt steht dieser für die Träume der Jugend und für das Blut der Gefallenen, die ihr Leben im Kampf ließen. Denn wenn nicht wir die Aufgabe des Aufbaus unserer Zukunft annehmen, wer dann? Es ist der Sozialismus, der uns unseren Willen, unsere Liebe für das freie Leben und unseren Schmerz für die Menschheit ausleben lässt.
Großindustrien, Firmen und korrupte Politiker:innen wollen unsere Länder spalten, schließen Verträge und fassen Beschlüsse über unser Land und uns. Ganz vorne stehen die USA und Westeuropa, die in Länder eindringen, Menschen bombardieren und Massaker verüben, ganze Städte und Realitäten zerstören. Es ist Zeit für die Erkenntnis, dass die Kolonisierung nie wirklich geendet hat und wir uns über die ganzen Jahre weiterhin im Krieg befinden. Wir müssen uns neu positionieren: In der Tradition der sozialistischen Jugend und derer, die vor uns Antworten fanden und Widerstand leisteten.
Welche Lösungen können wir finden?
Wir erkennen mehr und mehr, dass unsere Kämpfe den gleichen Ursprung haben. Das liegt daran, dass viele Menschen ihr Leben in die Verbindung der Kämpfe gaben und zu Brücken zwischen den Völkern wurden. Um diesen Sinn für internationale Solidarität weiterzuführen und zu erweitern, müssen wir den Austausch von Perspektiven, Ansichten, Kritiken und Strategien organisieren. Es ist nicht genug, in einem Land aufzustehen ohne auf unsere Nachbarländer zu blicken. Wir sehen viele Proteste und Demonstrationen auf der Welt, aber wir müssen uns kritisieren: Wenn wir uns organisiert gegen das System richten wollen, brauchen wir eine Idee dessen, was danach zu tun ist und wie wir eine Alternative zur Quelle unseres Problems entwickeln können.
Wenn wir all diese Kämpfe evaluieren (und es gibt noch viele mehr als wir genannt haben), können wir erkennen, dass sie eigentlich Teil eines geteilten Widerstandes sind, den die Jugend und Frauen anführen. Von Kathmandu bis Gaza, vom Kongo bis nach Kurdistan sind die Ähnlichkeiten deutlich. Die Völker stehen an der Front der globalen Bewegung für Freiheit und Leben gegen Ausbeutung und Imperialismus. Die Nationalstaaten zensieren regelmäßig Medien und digitale Nachrichten, was zeigt, dass diese eine starke Waffe der Gen Z sind. Um weiterzukämpfen, wird unsere stärkste Kraft die kollektive Organisierung und die Verbindung zwischen uns darstellen.
Dieser Krieg ist international, also muss es unser Widerstand auch sein!
Die Gen-Z-Aufstände sind oft vernetzt mit dekolonialen Kämpfen, Kämpfen für die Existenz und das Überleben von Kultur, wie der westpapuanischen Jugend in Indonesien.
Die Sahrawis in Marokko, die Massai in Tansania, kämpfen seit Jahren gegen die durch Nationalstaaten aufgezwängte Unterdrückung und Gewalt. Ein Bündnis zwischen den Völkern, welches die Trennung durch Staatsgrenzen überwindet, ist unser Weg, diesen Kampf zu gewinnen.
Als Jugend tragen wir die Verantwortung, eine koordinierte und weltweite Antwort auf die Angriffe des globalisierten kapitalistischen Systems zu geben. Um das »Manifest der Jugend«, geschrieben von der kurdischen Jugendbewegung, zu zitieren:
»Die Organisierung des globalen Aufstands der Massen gegen die kapitalistische Globalisierung mit Schwerpunkt im Westen ist äußerst wichtig und sinnvoll.«
Die heutigen Aufstände finden auf globaler Ebene statt, also ist es Zeit, sie auch auf globaler Ebene zu organisieren. Die Allianzen, die manchmal schon existieren, müssen strategische (Langzeit-)Allianzen werden. Machtveränderungen wie in Nepal und Madagaskar sind sehr große Leistungen der Jugend, aber sie allein bilden keine nachhaltige Lösung für die Probleme der Gesellschaft. Wie wir heute in europäischen liberalen Demokratien sehen, kann ein eher demokratischer Staat ohne organisierte Gesellschaft bald wieder zu einem faschistischen und militaristischen Regime werden.
Was wir vorschlagen, ist die Gründung eines demokratischen Weltkonföderalismus der Jugend, als Vorreiter:innenschaft einer generellen Organisierung aller Bereiche der Gesellschaft. Diese konföderale Struktur ist ein Körper, dem, um zu funktionieren, Leben durch einen Geist gegeben werden muss, durch die demokratische Nation der Jugend.
»Die globale Konföderation der demokratischen Nation kann Form annehmen […] als globale Einheit der demokratischen Nationen.« Die Unterschiede unserer Kulturen und Geschichte respektierend und wertschätzend, können wir von unseren Gemeinsamkeiten ausgehen, um eine Einheit, eine gemeinsame Kultur der Jugend zu entwickeln. Wir sehen diesen Wunsch nach Einheit in der One-Piece-Flagge, die als Symbol der Gen-Z-Proteste im Himmel aller Kontinente wehte. Es gibt diese Grundlage für die Bildung eines gemeinsamen Bewusstseins der Jugend, wenn wir den Willen haben, daran zu arbeiten.
Unsere Generation kann aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Die kurdische Jugendbewegung analysiert den Arabischen Frühling und die Gezi-Park-Proteste in der Türkei. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass beim Arabischen Frühling das Fehlen einer bestimmten Führung, einer Organisation sowie politischer Diskurse und Programme ausschlaggebend waren. Daher entwickelte sich alles erst spontan durch die sozialen Medien. Auch bei den Gezi-Park-Protesten fehlte es an einer konsistenten Kraft, die ein alternatives soziopolitisches Modell hätte zeigen können.
Im Gegensatz dazu sind das weite politische Bewusstsein, das Organisationsniveau und die Organisierung mit einem klaren Plan, das, was die Rojava-Revolution möglich machte. Diese Revolution vereint die Völker des Nordens und Ostens Syriens unter demselben Ideal der Freiheit. Die revolutionäre Jugendbewegung Kurdistans erklärte, dass ihre größte Utopie ist, »niemals von ihren Träumen getrennt zu sein, mit all den unzähligen oppositionellen Bewegungen und Gruppen mit Betonung des Anti-Kapitalismus zusammenzukommen und mit dem internationalen revolutionären Jugendgeist eine zweite 1968er-Revolution zu erschaffen.«
Der demokratische Konföderalismus, die Freiheit der Frauen und die Ökologie werden die entscheidenden Prinzipien für den Erfolg der politischen Anstrengungen unserer Zeit sein. Rêber Apo als Wegbereiter dieser Ideen ist auch im Jahre 2025 noch immer inhaftiert. Dieses Jahr zum letzten seiner Gefängnisjahre zu machen ist unsere Pflicht als globale Jugend! Allein aufgrund seines Mutes und seines Optimismus fanden Millionen von Menschen auf der Welt zu ihrer Identität zurück und folgten in den Rängen der internationalistischen Revolution. Sie erlauben uns, den nächsten Schritt zu gehen und den demokratischen Jugendkonföderalismus aufzubauen.
Lasst uns unsere Rolle einnehmen!
Die Jugend hat den Kampf bereits begonnen, und wir werden nicht umkehren!
Kurdistan Report 240 / Januar – März 2026

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