Die Perspektive junger Internationalistinnen
Internationalistische junge Frauen Kommune
In diesem persönlichen Bericht beschreiben junge Internationalistinnen ihre Perspektive auf die Realität junger Frauen in der deutschen Gesellschaft. Dieser stellen sie den demokratischen Sozialismus als gesellschaftliche Alternative gegenüber, deren kleinste Einheit die Kommune darstellt. Mittels dieses Blicks in die Zukunft und historischer Bezüge sollen Antworten auf Fragen im Hier und Jetzt gegeben werden.
Wir beginnen diese Perspektive mit einem Gedenken an die großen Anstrengungen, die viele Frauen im Laufe unserer Geschichte unternommen haben, damit wir leben und den Kampf für die Befreiung der Frauen, für Freiheit und soziale Gerechtigkeit fortsetzen können. Die Frauen, die im Kampf für die Befreiung der Frauen zu Märtyrerinnen wurden, die ihr Leben der sozialistischen Sache gewidmet haben, dem Aufbau einer freien und gleichberechtigten Gesellschaft für uns alle – ihnen widmen wir diese Perspektive auf den Sozialismus.
Vielleicht lesen Sie diese Perspektive gerade, während Sie Musik hören, und jeder Song handelt von Frauen als Trophäe oder Eigentum, als Objekt, das man zusammen mit Geld und Waffen besitzen kann, oder vielleicht beziehen sie sich auf uns nur als sexuelle Objekte, die dazu dienen, die tiefe Leere zu füllen, die das System in den Menschen schafft.
Oder vielleicht gehen Sie auf der Straße spazieren, um sich mit Freund:innen zu treffen oder zur Schule zu gehen, und an jeder Ecke gibt es eine Werbung mit einer Frau, meist halbnackt, zusammen mit Reinigungsmitteln, Lebensmitteln, Autos oder anderen Waren, die auf dem Markt verkauft werden können.
Oder nehmen wir an, Sie gehen nach einem schönen Abend mit Ihren Freund:innen nach Hause und hoffen bei jedem Schritt, dass Sie keinem Mann begegnen, damit Sie nicht die Straßenseite wechseln und schneller gehen müssen oder die Hausschlüssel in die Hand nehmen müssen, um sich zu verteidigen, und den Atem anhalten müssen, bis er verschwunden ist.
Oder vielleicht befinden Sie sich beim Lesen dieser Perspektive in keiner dieser Situationen, aber Sie wissen, dass Sie sie morgen erleben werden – denn das ist die Realität, in der wir als Frauen wegen des sexistischen kapitalistischen Systems jeden Tag leben müssen. Deshalb richten wir diese Perspektive an Sie, egal ob Sie zur Schule oder zur Universität gehen, ob Sie gerade ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, Sozialwissenschaften oder vielleicht Physik beginnen.
Oder vielleicht hatten Sie keine andere Wahl als zu arbeiten. Vielleicht als Kellnerin in einem Restaurant, als Pflegekraft oder im Logistikbereich eines Unternehmens, das Ihnen in den meisten Fällen keine Arbeitsplatzsicherheit bietet, sondern Sie in prekären und unsicheren Verhältnissen zurücklässt. Ganz zu schweigen vom Gehalt, das, wenn Sie Glück haben, gerade so reicht, um über die Runden zu kommen, aber auf keinen Fall den Wert Ihrer Zeit und Ihrer Arbeit widerspiegelt. Ob Sie nun in einer Familie leben, die von Ihnen erwartet, dass Sie einen Mann an Ihrer Seite haben, und Sie davon überzeugen will, dass Sie nur auf den Richtigen warten müssen, oder dass Sie sich bemühen müssen, einen Mann zu lieben oder sich für einen Mann zu verändern. Wie auch immer Ihre Situation aussieht, wir richten diese Perspektive an Sie alle, an alle jungen Frauen, die auf vielfältige Weise Widerstand leisten und für die Befreiung von uns allen kämpfen.
An diesem Punkt Ihres Lebens fragen Sie sich vielleicht: »Wer werde ich werden?« Oder, was vielleicht noch wichtiger ist: »Was werde ich tun?« Wir möchten versuchen, in den nächsten Zeilen eine Antwort auf diese Fragen zu geben.
Über den demokratischen Sozialismus
Wir als junge Frauen befinden uns in einer dramatischen Situation. Angesichts der systemischen Angriffe, denen wir täglich ausgesetzt sind, kann die Lösung für uns nur der Aufbau eines neuen globalen Systems sein, das sexistische Regeln radikal ablehnt und sich auf die Freiheit der gesamten Gesellschaft auf der Grundlage der Freiheit der Frau konzentriert. Wir nennen dieses System ein sozialistisches System. Wenn wir hier von Sozialismus sprechen, meinen wir damit kein System der Herrschaft oder eine utopische Realität; diese haben nichts mit der Realität des demokratischen Sozialismus zu tun, den der kurdische Philosoph Abdullah Öcalan entwickelt hat.
Der demokratische Sozialismus ist weder ein der Gesellschaft aufgezwungenes Konstrukt noch ein Konzept, das von der sozialen Natur des Menschen entfremdet ist. Er ist eine konkrete Lebensweise, die auf Freiheit, Gemeinschaftlichkeit und Vielfalt basiert. Er steht im Gegensatz zum Kapitalismus, der auf Ausbeutung und Gewalt basiert, und auch zum Liberalismus, der sich auf individuelle und falsche Freiheit konzentriert. Im sozialistischen Verständnis spielen sowohl das Individuum als auch das Kollektiv eine Rolle in der Gesellschaft und stehen in einem organischen Gleichgewicht zueinander. Der demokratische Sozialismus ist gerade für uns als junge Frauen von zentraler Bedeutung, weil er mit unserer Geschichte verwoben und Teil unserer Identität ist.
Wie sind wir zum heutigen Stand gekommen?
Mitte des 19. Jahrhunderts führten die Arbeiten von Karl Marx und Friedrich Engels zur Entwicklung einer neuen Form des Sozialismus, dem sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus. Sie verstanden die Realität der Gesellschaft in der Gegenwart und in der Geschichte als einen Kampf zwischen Klassen mit gegensätzlichen Interessen, nämlich dem Proletariat und der Bourgeoisie. Grundlage dieser Analysen und der Ziele des sozialen Aufbaus ist hierbei die materielle Situation der Gesellschaft, insbesondere die Produktionsverhältnisse.
Diese Erkenntnisse waren bahnbrechend und führten zu historisch bedeutsamen Schritten. Aber die auf Marx‘ Ideen basierende Lösung kratzte nur an der Oberfläche und konnte den grundlegenden sozialen Widerspruch nie wirklich lösen. Tatsächlich wurde die Unterdrückung der Frauen im realen Sozialismus weder zerstört noch gelöst. Zwar verbesserte sich die Situation der Frauen, so wurde in vielen Ländern beispielsweise das Recht auf Abtreibung eingeführt, aber auch die sowjetischen Revolutionär:innen waren sich des Problems bewusst: Die Beziehungen zwischen Männern und Frauen waren so sexistisch, dass sie sogar das Klassenbewusstsein untergruben. Damals wurde das Klassenbewusstsein als Grundlage für den gemeinsamen Kampf angesehen; die Geschichte hat uns gezeigt, dass dies nicht die Wurzel des Problems berührt.
Wie Alexandra Kollontai selbst analysierte:
»Die Interessen der Arbeiterklasse verlangen, dass neue, kameradschaftliche und gleichberechtigte Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Arbeiterklasse, den männlichen und weiblichen Arbeitern, hergestellt werden. [Zum Beispiel] verhindert die Prostitution dies. Ein Mann, der die Zuneigung einer Frau gekauft hat, kann sie niemals als ›Kameradin‹ betrachten. Daraus folgt, dass die Prostitution die Entwicklung und das Wachstum der Solidarität unter den Mitgliedern der Arbeiterklasse zerstört und daher die neue kommunistische Moral die Prostitution nur verurteilen kann.«
Alexandra Kollontai unternahm ebenso wie Clara Zetkin und Rosa Luxemburg wichtige Schritte. Sie kamen der Wahrheit des Sozialismus näher. Über den Widerspruch der Klassen hinaus verstanden sie die Beziehung zwischen den Geschlechtern als das Hauptproblem. Dabei stießen sie immer wieder auf Widerstand seitens der vorherrschenden männlichen Mentalität. Vor der Oktoberrevolution in Russland wurden Frauen als Anhängsel der Männer angesehen, nicht als revolutionäre Persönlichkeiten, obwohl sie die treibende Kraft der Gesellschaft waren. So war beispielsweise der Streik der Frauen, die am internationalen Frauentag 1917 in Sankt Petersburg Brot forderten, letztlich der Ausgangspunkt der Oktoberrevolution, und es waren Frauen, die zur treibenden Kraft der Russischen Revolution wurden.
Auch die feministischen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre machten bedeutende Fortschritte in dieser Frage. Bereits damals gelang es ihnen, in der Gesellschaft die Erkenntnis zu verbreiten, dass »das Persönliche politisch ist«. Alles, was wir erleben, jede Ungerechtigkeit, jede Unterdrückung und Gewalt ist nicht nur etwas Individuelles oder Gelegentliches, sondern dieselbe Ungerechtigkeit erleben täglich Tausende junger Frauen.
Wie bauen wir einen demokratischen Sozialismus auf?
Abdullah Öcalan schreibt in seinem Brief zum 8. März 2025:
»Solange die Vergewaltigungskultur nicht überwunden ist, kann die soziale Realität in den Bereichen Philosophie, Wissenschaft, Ästhetik, Ethik und Religion nicht offenbart werden. Wie der Marxismus beweist, wird die Verwirklichung des Sozialismus nicht möglich sein, solange die neue Ära nicht die tief in der Gesellschaft verwurzelte männlich dominierte Kultur zerstört. Der Sozialismus kann durch die Befreiung der Frauen erreicht werden. Ohne die Freiheit der Frauen kann man kein Sozialist sein. Es kann keinen Sozialismus geben. Ohne Demokratie kann man nicht zum Sozialismus gelangen.«
Die Erkenntnisse, zu denen Öcalan heute gelangt ist, beweisen, dass das, was viele revolutionäre Frauen in den vergangenen Jahrhunderten zu erklären versuchten, richtig war. Das soziale Problem der Prostitution, das Alexandra Kollontai vor einem Jahrhundert ans Licht brachte, hat heute alle Ebenen und Bereiche der Gesellschaft in brutalster Form erreicht. Gerade im Zeitalter der digitalen Medien und des Finanzkapitalismus werden junge Frauen am stärksten hyperästhetisiert und hypersexualisiert.
Wir werden ständig dazu gebracht, uns an ästhetische und soziale Normen, die auf Sexismus und Vergewaltigungskultur basieren, anzupassen oder auf sie zu reagieren. Aus diesem Grund besteht der erste Schritt zum Aufbau eines demokratischen Sozialismus darin, in uns selbst eine starke sozialistische Persönlichkeit zu entwickeln, die in der Lage ist, durch den Aufbau von Kommunen, Genossenschaften, Räten und anderen Formen autonomer Organisationen, die Sexismus entschieden ablehnen, eine organisierte Gesellschaft um sich herum zu schaffen.
Das Beharren auf den moralischen Werten der Menschheit bedeutet gleichzeitig die Schaffung einer demokratischen und sozialistischen Kultur, und als junge Frauen tragen wir diese Werte besonders stark in uns. Diese Prinzipien gelten jedoch nicht nur für uns Frauen, sondern sind auch für Männer von grundlegender Bedeutung. Wie Abdullah Öcalan sagt: »Ein Mann kann sich nur dann als Sozialist bezeichnen, wenn er in der Lage ist, richtig mit Frauen zu leben.«
Kommune ist Gesellschaft, und Gesellschaftlichkeit ist Sozialismus.
Wir haben die Kommune als eine Form der Organisation der Gesellschaft erwähnt, aber sie ist nicht nur das; sie spielt eine zentrale Rolle beim Aufbau des demokratischen Sozialismus. In den frühen 1800er Jahren machten archäologische Forschungen neue Entdeckungen über den Ursprung demokratischer Gesellschaften und Systeme. Zu dieser Zeit konnten Marx und Engels diese Entdeckungen noch nicht in ihren Theorien über Sozialismus und Kommunismus berücksichtigen. Das haben sie selbst erkannt. Erst später wurde der Menschheit durch die Erkenntnisse aus der Pariser Kommune von 1871 und archäologische Forschungen, die Licht auf das Gemeinschaftsleben zur Zeit der Naturgesellschaft warfen, klar, dass die Kommune eine zentrale Leitlinie für das Verständnis der demokratischen Geschichte ist.
Gegen Ende seines Lebens hat auch Marx dies verstanden. Die Kommune ist die natürlichste und grundlegendste Organisationsform der demokratisch-sozialistischen Gesellschaft. Sie kann als Jugendkommune oder sogar als Kinderkommune, als Frauenkommune oder als Studierendenkommune existieren. Innerhalb der Kommune kann jeder Teil der Gesellschaft politisch werden und so die Fähigkeit entwickeln, sich autonom zu organisieren, Entscheidungen zu treffen und ein Lebenssystem zu entwickeln, das auf den Bedürfnissen jeder Gruppe oder Gemeinschaft basiert. Außerdem kann eine Kommune die Fähigkeit entwickeln, sich gegen physische, psychische, wirtschaftliche und jede Art von Angriffen zu verteidigen, die vom Staat und vom System ausgehen.
»Revolutionäre müssen sich im Volk bewegen wie die Fische im Wasser« – Mao Zedong
Nun kommt es auf uns an: Was können wir tun?
Auch für uns junge Frauen ist die Kommune die erste Struktur, in der wir uns organisieren können. Das heißt, in der wir wir selbst werden können, unsere Identität entdecken, Schwesternschaft aufbauen, uns gegenseitig unterstützen, die Grundlage für ein demokratisches sozialistisches System schaffen und vor allem uns selbst verteidigen können. Wenn wir Sozialistinnen werden und einen Ausweg aus der aktuellen Weltkrise finden wollen, müssen wir uns als Einheit, als Kommune verstehen; das heißt, wir müssen uns als eins sehen.
Wenn eine Frau nicht an sich glaubt oder sich selbst nicht als wertvoll empfindet, ist es auch unsere Verantwortung, dieses Vertrauen gemeinsam mit ihr aufzubauen. Wenn eine Frau mit der Frage ringt, ob sie genug Kraft oder Mut hat, um revolutionär zu sein, müssen wir uns in dieser Frage wiedererkennen und gemeinsam jede Angst und jedes Hindernis überwinden. Wenn eine Frau auf der Straße von einem Mann belästigt wird oder häuslicher Gewalt in der Familie oder am Arbeitsplatz ausgesetzt ist, müssen wir diese Gewalt so empfinden, als wäre sie gegen uns selbst gerichtet.
Wir wissen jetzt, dass sie, wenn sie eine von uns angreifen, die Identität der Frau als Ganzes angreifen und damit uns alle angreifen. Und so können wir, wenn wir das nächste Mal ein sexistisches Lied im Radio hören oder eine Werbung auf der Straße sehen, die uns als Verkaufsobjekt darstellt, in uns selbst und in unseren Schwestern die Kraft finden, diese Kultur abzulehnen, dieses System abzulehnen, den Radiosender zu wechseln, diese Werbung zu zerstören und gemeinsam mit anderen jungen Frauen unser eigenes System, unsere eigene Selbstverteidigung zu organisieren.
Die Welt verändert sich, die Jugend erhebt sich überall, und wir sind nicht mehr allein. Es gibt eine ganze Organisation von Frauen, die uns den Rücken stärkt und bereit ist, Seite an Seite mit uns für den Aufbau einer freien Gesellschaft auf der Grundlage des demokratischen Sozialismus zu kämpfen.
Wenn wir uns das nächste Mal fragen: »Wer werde ich einmal sein?«, haben wir alle notwendigen Mittel, um uns selbst die richtige Antwort zu geben. Wie Fred Hampton, der revolutionäre Führer der Black Panther Party, einmal sagte: »Wenn du Angst vor dem Sozialismus hast, dann hast du Angst vor dir selbst.«
Kurdistan Report 240 / Januar – März 2026

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