Editorial

Liebe Leser:innen,

in dieser Ausgabe wollen wir uns mit der Jugend beschäftigen. Häufig wird die Jugend als faul und aufmüpfig bezeichnet und abgewertet. Das ist kein neues Phänomen, sondern nimmt bereits dort seinen Anfang, wo wir die ersten schriftlichen Überlieferungen haben: im sumerischen Reich um 3000 v. Chr. Dort heißt es auf einer Tontafel: »Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte« (nach Keller, 1989). Ähnlich heißt es im babylonischen Reich um 1000 v. Chr., dass »die heutige Jugend von Grund auf verdorben [ist], sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten« (nach Watzlawick, 1992). Später, um 1530 heißt es bei dem christlichen Reformator Melanchthon: »Der grenzenlose Mutwille der Jugend ist ein Zeichen, daß der Weltuntergang nah bevorsteht«. Im Jahr 2010 heißt es in einer Studie, dass unsere Gesellschaft und die Wirtschaft eine allgemeine Abnahme von Wert- und Moralvorstellungen, sowie fehlende soziale und personale Kompetenzen bemängeln (vgl. DIHK, 2010).

Dass dies kein Zufall, sondern ein Resultat des mehr als 5000 Jahre alten patriarchalen Zivilisationssystems ist, erklärt Abdullah Öcalan in seinen Verteidigungsschriften. Darin spricht er von der Herrschaft der männlichen Alten über die Jugend, der sogenannten Gerontokratie: »Während einerseits die Alten durch ihre Erfahrung stärker werden, nimmt ihre physische Kraft mit zunehmendem Alter ab. Das bringt sie dazu, die Jungen in ihren Dienst zu stellen […]. Die Alten benutzen Körperkraft der Jungen, um sie das tun zu lassen, was sie selber wollen. Bis heute wird die Jugend auf diese Weise abhängig gemacht. Die Vorherrschaft von Erfahrung und Ideologie ist nicht leicht zu durchbrechen. Der Drang der Jugend nach Freiheit hat seinen Ursprung in diesem historischen Phänomen.«

Diesen Drang nach Freiheit sehen wir nicht nur in den Anfängen der PKK, die selbst als eine Jugendbewegung ihren Anfang nahm, sondern auch in der jüngeren Geschichte. So zum Beispiel in den Jin-Jiyan-Azadî-Protesten in Roj­hilat und dem Iran, die maßgeblich von jungen Frauen angeführt wurden oder die globale Fridays for Future-Bewegung der vergangenen Jahre. In den letzten Monaten hat die Jugend weltweit Proteste entfacht, die sich zum Teil mit der Selbstbezeichnung »Generation Z« oder der Piratenflagge aus dem Manga »One Piece« aufeinander beziehen. Auch in Deutschland konnten wir sehen, wie die Jugend angesichts einer zunehmenden Militarisierung nicht stillsteht, sondern am 5. Dezember in über 90 Städten insgesamt rund 50.000 Jugendliche auf die Straße gingen, um deutlich zu machen, dass sie sich nicht in die Kriege der Herrschenden einspannen lassen.

Wir freuen uns besonders, den Abonnent:innen die erste Ausgabe der Zeitung der Jungen Frauen Kommunen beilegen zu können. Die Jungen Frauen Kommunen legen ihren Fokus auf die Identität der jungen Frauen, die, so analysieren sie, im Westen durch den Liberalismus und die Homogenisierung Tag für Tag verloren geht. In der Zeitung wollen sie die verschleierten Angriffe durch den Staat sichtbar machen und eine Ethik der jungen Frauen aufzeigen.
Darüber hinaus könnt ihr euch wie immer auf viele weitere Themen in dieser Ausgabe des Kurdistan Reports freuen.

Eure Redaktion


Kurdistan Report 240 / Januar – März 2026

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