»Floreceremos« – Wir werden erblühen, denn sie können unsere Wurzeln nicht ausreißen!

Rückblick auf die Frauenkonferenz des Netzwerkes Women Weaving the Future in Bogotá, Kolumbien

Bericht einer Vertreterin vom Netzwerk Women Weaving the Future

Das Netzwerk Women Weaving the Future veranstaltete vom 11. bis 15. Februar gemeinsam mit indigenen Frauen und feministischen Bewegungen Abya Yalas (Südamerika) eine Konferenz in Bogota unter dem Slogan »Wir werden erblühen, denn der Krieg kann unsere Wurzeln nicht zerstören«. Über 400 Delegierte nahmen teil. Ziel der Konferenz war es, den Widerstand der indigenen Bevölkerung und den Kampf für die Freiheit der Frauen auf einer gemeinsamen Grundlage zu vereinen und Schritte für eine Zusammenarbeit zu entwickeln.

Das Zusammentreffen war eine regionale Fortsetzung der Weltfrauenkonferenzen des Netzwerkes, die 2018 in Frankfurt und 2022 in Berlin stattfanden. Bereits bei diesen beiden Konferenzen waren Delegierte und Einzelpersonen aus Abya Yala und dem gesamten Kontinent beteiligt. Während allerdings bisher die globale Ebene im Vordergrund stand, sollte die Konferenz in Bogota ihren Fokus auf die Realität Abya Yalas und der dortigen Bewegungen bzw. Gesellschaften legen. Die 400 Delegierten von Kollektiven, Organisationen und Bewegungen reisten aus zahlreichen Regionen an: Mexiko, Honduras, Guatemala, Haiti, Nicaragua, Costa Rica, Panama, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Brasilien, Bolivien, Peru, Chile, Argentinien und Uruguay sowie aus Kurdistan, Europa, der Türkei, Kanada und Australien. Viele kamen aus Regionen ihrer Länder, die sie auf Grund der kolonialen Realität der Staaten selbst anders benennen.

Warum eine regionale Konferenz?

Mit den zwei Weltfrauenkonferenzen 2018 und 2022 konnten bisher bestehende Verbindungen, die die Frauenbewegung Kurdistans mit anderen Frauenorganisationen aufgebaut hatte, vertieft werden. Gleichzeitig wurde klar, dass globale Konferenzen an Grenzen stoßen, denn die verschiedenen Lebens- und Widerstandsrealitäten der Frauen und Völker unterscheiden sich weltweit stark voneinander und es braucht unterschiedliche Methoden, um Lösungen zu finden. Konferenzen sind Momente, in denen bereits Geschaffenes sichtbar wird. Im Alltäglichen und Praktischen finden die vielfältigen Bemühungen Frauen- und feministische Bewegungen stärker miteinander zu verweben, sie zu stärken und sie miteinander zu koordinieren statt. Auch deshalb braucht es eine globale, regionale und lokale Form der Annäherung. Die Konferenz in Bogotá ist daher als Konsequenz dieser Realität zu verstehen.

Das Netzwerk Women Weaving the Future ist initiiert von der Frauenbewegung Kurdistans und baut auf deren Erfahrungen, sowie den Erfahrungen feministischer Bewegungen und Frauenbewegungen weltweit auf. Ziel ist es, dieses Netzwerk dezentral und demokratisch gemeinsam mit weiteren Bewegungen, Kollektiven und Organisationen weiterzuentwickeln und dadurch die Verbindung und Koordination untereinander zu verbessern und zu vertiefen. Stärke und Flexibilität des Demokratischen Weltfrauenkonföderalismus ist dafür der Ausgangspunkt. Globale gemeinsame Antworten müssen verknüpft mit lokaler und regionaler Praxis entwickelt werden, um dem ebenso global wirksamen kapitalistischen Patriarchat etwas entgegensetzen zu können.

Der fruchtbare Nährboden für diese Kämpfe in Abya Yala

Die Frauen- und feministischen Bewegungen Abya Yalas blicken zurück auf Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte intensiver Organisierung. Organisierung war und ist notwendig, um sich gegen Kolonialismus, Extraktivismus und daraus resultierende gesellschaftliche Probleme wie Feminizide, Verschwinden-Lassen, Bandenkriminalität und Drogenhandel zu wehren. Frauen sind auch hier, wie anderswo, die treibende Kraft gesellschaftlicher Veränderung und revolutionärer Ansätze.

Untrennbar sind in Abya Yala zudem Kämpfe um den Körper der Frau und das Land miteinander verbunden: »Wir sind heute hier, um Mutter Erde zu verteidigen. Dafür ist autonome Organisierung als Frauen notwendig, denn es geht auch um das Territorium unserer Körper. Nur wenn wir unsere Körper verteidigen, können wir auch Mutter Erde verteidigen«, so Lourdes von der Organisation Fenmucarinap1 (Peru) auf einem Podium der Konferenz zum Thema »Autonome Organisation als Grundprinzip«. Sie drückt damit auch die Einheit der Frauen mit ihrer Gesellschaft und die Entschlossenheit, sich auf den Kampf für die Freiheit der Frau und die Freiheit des Volkes einzulassen, aus. Ähnlich versteht es auch Nadia Uma­ña, vom Congreso de los Pueblos2 in der Region Cauca (Ko­lumbien), die von einer erfolgreichen Landbesetzung berichtete: »Das Land, das wir uns heute zurücknehmen, wird morgen die Grundlage für unseren Kampf und unsere Autonomie sein. Nähren wir also weiterhin die Samen unseres Widerstandes.«

Die Erfahrungen aus Protesten für das Recht auf Abtreibung in Argentinien, die verschiedenen indigenen Kämpfe gegen Kolonialismus, Kämpfe gegen Feminizide in Mexiko, Argentinien, Kolumbien und weiteren Regionen haben den Nährboden für eine lebendige und kämpferische Frauen- und feministische Bewegung geschaffen, auf deren Erbe diese Konferenz nun aufbauen konnte. Verbindungen mit dem Kampf des kurdischen Volkes um Existenz und Freiheit konnten auf dieser Konferenz als ein lebendiges Band geflochten werden. Direkte Begegnungen, gegenseitiges Verstehen und das Erkennen von gemeinsamen Erfahrungen im Kämpfen und im Entwickeln von Perspektiven, können als Grundlage für Begegnungen und das Schaffen neuer Verbindungen mit weiteren Frauenbewegungen dienen.

Das Erbe dieser Kämpfe und der Völker Abya Yalas wurde auch in den zahlreichen künstlerischen Beiträgen und Ritualen sichtbar. Avelina Rochel aus Ecuador, die im Namen von CONAIE3 sprach und eine spirituelle Autorität ihres Volkes ist, nahm darauf Bezug: »Solche Zusammenkünfte können nicht ausschließlich aus gesprochenen Worten bestehen. Unsere Großmütter haben uns gesagt, dass wir Herz und Verstand miteinander verbinden müssen. Daher brauchen wir auch hier verschiedene Methoden, die wir anwenden. Unser Kampf muss verschiedene Farben ermöglichen und Schritt für Schritt vorangehen.«

Vier Tage intensiver Diskussionen und Begegnungen

Mehrere Jahre lang hat die Frauenbewegung Kurdistans und das Netzwerk Women Weaving the Future Vertrauen mit Bewegungen in Abya Yala aufgebaut. So war auch die Konferenz ein Ergebnis gemeinsamer Diskussionen mit diesen Organisationen und Bewegungen, die auf einem einwöchigen Camp im Sommer 2025 konkretisiert wurden. Auf diesen Diskussionen aufbauend, wurde das Programm und die Ausrichtung festgelegt und gestaltet. Die Ergebnisse dieser Mühen wurden auch durch das große und breite Interesse an der Konferenz sichtbar.

Auf der Konferenz wurden inhaltlich sowohl »Kolonialpolitik und Angriffe in Abya Yala als auch die verschiedenen Widerstände und Kämpfe um die Verteidigung des Landes, der Körper von Frauen, der Völker und des freiheitlichen Lebens diskutiert. Atahualpa Sophia von El Salto de la Vida4 lebt in Jalisco in Mexiko, einer Region, in der zahlreiche Unternehmen wie Honda, Amazon und andere große Konzerne Produktionsstätten errichtet haben, die die Natur massiv verschmutzen, insbesondere den Fluss der Region. Die Bevölkerung leidet unter Krankheiten, viele Menschen sind bereits an den Folgen von Kontamination gestorben. Es ist nur ein Beispiel, von denen es in Abya Yala und darüber hinaus zahlreiche gibt. Sie sagte: »Ich möchte all unseren Freund:innen danken, die es uns ermöglichen, weiterhin auf unseren eigenen Beinen zu stehen. Danke, dass ihr uns glaubt, was in unserer Region passiert. Es ist wichtig, dass wir schnell darüber sprechen, denn die Zeit drängt. Unser Fluss war unser Leben, unser Wasser die Quelle unseres Daseins. Heute ist dieser Fluss vergewaltigt worden. Er ist kaum noch am Leben. All das für den Profit einiger Unternehmen wie Honda, Amazon und anderer.«

Dengir Güneş von der kurdischen Frauenbewegung berichtete von der Geschichte der Freiheitsbewegung Kurdistans, die sich von Anfang an auf die Stärke des eigenen Volkes gestützt hat: »Wir waren gezwungen, einen Kampf zu entwickeln, der sich gegen koloniale Interessen richtet.« Ein zentrales Element in der Analyse der Situation des kurdischen Volkes sei dabei die Realität der Frau und ihrer Rolle in der Gesellschaft gewesen. Aus diesem Grund sei die Autonomie der Frau zu einem fundamentalen Prinzip geworden, das wiederum auch ein besseres Verständnis der Rolle des Mannes ermöglicht habe. »Mit diesem Ansatz haben wir erreicht, als Freiheitsbewegung vom Volk akzeptiert zu werden. Diesen Kampf führen wir allerdings nicht nur für uns, sondern für alle Frauen weltweit.« (Güneş).
Immer wieder gelang es, Brücken zwischen den Realitäten der verschiedenen Gesellschaften Abya Yalas zu bauen und auch die globale Dimension von kapitalistischer bzw. kolonialer Ausbeutung sichtbar zu machen, z.B. die Gemeinsamkeiten mit Kurdistan und anderen kolonialisierten Regionen.

Die Farbe der Frauen im Widerstand

Die Realität Rojavas und die Erfahrungen der Gesellschaft vor Ort wurden von Bêrîvan Xalid im Namen von Kongra Star geschildert: »Ich möchte euch die Realität Rojavas und unsere Organisierung als Frauen bei Kongra Star näherbringen. Wir sind aus einer Kriegsrealität heraus hierher angereist.« Dass in Rojava Frauengesetze verabschiedet wurden und Frauen in allen Bereichen des Lebens und auf allen Ebenen der Organisierung vertreten seien, bezeichnete sie als großen Erfolg des dortigen Kampfes. Xalid äußerte den Wunsch, dass Frauen auf der ganzen Welt die Errungenschaften Rojavas sehen und anerkennen: »Wir hoffen, dass die ganze Welt, dass Frauen überall, erkennen: Die Erfolge, die wir in Rojava erreicht haben, sind die Erfolge aller Frauen. Wir Frauen müssen uns verteidigen, wir müssen unser eigenes Selbstverteidigungssystem aufbauen. Unsere Botschaft an die Welt ist: Wir werden unseren Kampf fortführen!« Dies wurde in den Diskussionen der Konferenz immer wieder eingebracht, diskutiert und dabei festgestellt, dass Frauen diejenigen sind, die die Kraft in sich tragen, die Entfernung zwischen Kontinenten zu überwinden und sich gegenseitig zu verstehen, da sie überall ähnliche Gewalterfahrungen machen.

Es wurde deutlich, dass ein mit dem Land verbundenes Leben dazu beiträgt, freiheitliche Werte ins Leben zu integrieren, um diese zu verteidigen. Vertreterinnen indigener Völker Abya Yalas, die Vertreterinnen der Frauenbewegung Kurdistans als auch Sleydo’, vom Volk der Wet’suwet’en5 aus einem Teil des Gebietes, das heute als Kanada bezeichnet wird, vertraten diese Haltung. Sleydo’ formulierte es so: »Wir sind das Land und das Land ist wir« sei für sie und ihr Volk keine Metapher, sondern gelebte Realität. Der Staat werde als Besatzungsmacht wahrgenommen. Die traditionelle Organisierung ihres Volkes sei antikolonial, antipatriarchal und jenseits staatlicher Logik. Dies bilde deshalb zugleich die Grundlage für das gesellschaftliche Leben wie für den Widerstand. »Frauen sind diejenigen, die Leben erschaffen, diejenigen, die das Wasser des Lebens in sich tragen.«, erklärte sie. Daraus ergebe sich ihre besondere Rolle im gesellschaftlichen Gefüge und im Widerstand.
Es herrschte Übereinstimmung in der Frage, dass Staaten zur Unterdrückung beitragen und sie multiplizieren. Daher müssen Lösungen außerhalb des staatlichen Systems gefunden werden.

Perspektiven des Frühlings der Frauen und der Völker

Die Konferenz bot Vertreterinnen von Völkern, Gruppen, Organisationen und Bewegungen, aber auch für Akademikerinnen und Revolutionärinnen als Einzelpersonen die Möglichkeit sich in Abya Yala zu treffen und zu diskutieren. Begegnungen zwischen den Kämpfen der Frauen Kurdistans (und der kurdischen Diaspora) und indigener Völker aus dem Norden des amerikanischen Kontinents wurden möglich. Viele der Organisationen sind es nicht gewohnt, sich untereinander zu koordinieren und nicht alle Länder bzw. Regionen sind intensiv miteinander vernetzt oder wissen übereinander Bescheid.

Im ersten Entwurf der Abschlusserklärung steht: »Auf unserer Konferenz haben wir gehört, wie der brutale Kapitalismus unsere Körper, unsere Berge, Flüsse und Wälder zerstört hat. Wir haben unsere Entschlossenheit bekundet, den systematischen Kreislauf des Kolonialismus zu durchbrechen.« Weiter heißt es, der Konföderalismus aus Kurdistan stärke die Prozesse in vielen Ländern und eröffne neue Wege gemeinsamer Organisierung: »Wir sind entschlossen, Widerstand zu leisten, zu leben und unsere Kräfte zu organisieren.«
Dabei wird es wichtig sein, die unterschiedlichen Realitäten des Kontinents stärker für die Entwicklung bzw. die Ausrichtung der zukünftigen Aufbauarbeiten im Sinne des Demokratischen Weltfrauenkonföderalismus einzubeziehen und sich auf Geschichte, Erbe und Kultur dieser Kämpfe einzulassen. Darauf aufbauend müssen entsprechende Methoden entwickelt werden. Der Entwurf betont außerdem die »Dringlichkeit eines weltweiten Austauschs der Frauen, um dem patriarchalischen, extraktivistischen, kolonialistischen, kapitalistischen und völkermörderischen Krieg entgegenzutreten«. Daher sei es ausschlaggebend und dringend notwendig, die gemeinsame Organisierung zu beschleunigen.

Welche Schritte nun anstehen, um die Kämpfe der Frauen in Abya Yala zu stärken, sich miteinander zu vernetzen und die Koordinierung der Kämpfe voranzutreiben, wird mit den jeweiligen Kontexten und Organisationen gemeinsam entwickelt werden. Verantwortung dafür wird das Netzwerk Women Weaving the Future übernehmen und darin auch Erfahrungen für ähnliche Entwicklungen in anderen Regionen der Welt sammeln. Wichtig wird es sein, auf den Erfahrungen aufzubauen und eine eigene Dynamik als Frauen des Kontinents zu entwickeln und die Verbindung mit Frauen- und feministischen Kämpfen in Kurdistan und darüber hinaus zu schaffen. Die zwischenmenschlichen und kulturellen Begegnungen, die gemeinsam gelebten Rituale, die Podiumsdiskussionen und auch die Abschlusserklärung spiegelten die Entschlossenheit der Frauen wider.
»Wir erkennen an, dass wir Völker und politische Prozesse mit einem kollektiven Gedächtnis sind, und wir wissen, dass es wichtig ist, dieses gemeinsame Gedächtnis des Kampfes der Frauen und unseres Widerstands weiter zu nähren.« (Aus dem verlesenen Entwurf der Abschlusserklärung).

Fenmucarinap – Federación Nacional de Mujeres Campesinas, Artesanas, Indígenas, Nativas y Asalariadas del Perú (deutsch: Nationale Föderation der bäuerlichen, handwerklichen, indigenen, einheimischen und lohnabhängig arbeitenden Frauen Perus) ist eine landesweite Organisation von Frauen aus ländlichen und indigenen Gemeinschaften in Peru, die sich für Frauenrechte, Landrechte, Ernährungssouveränität und soziale Gerechtigkeit einsetzt.
Der Congreso de los Pueblos (deutsch: Kongress der Völker) ist eine breite soziale Bewegung in Cauca im Südwesten von Kolumbien.
CONAIE – Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador (deutsch: Konföderation der indigenen Nationalitäten Ecuadors) ist ein Dachverband indigener Organisationen in Ecuador.
El Salto de la Vida (deutsch: Der Sprung ins Leben) ist eine Organisation die sich gegen massive Umweltverschmutzung in der Region Jalisco, Mexico durch Unternehmen wie u.a. Honda, Amazon richtet.
Die Wet›suwet›en sind ein indigenes Volk der First Nations in British Columbia, Kanada, mit einer mindestens 6000 Jahre alten Kulturgeschichte. Ihr traditionelles Territorium erstreckt sich über mehr als 8000 Quadratmeilen entlang des Bulkley River und der umliegenden Gebiete.


Kurdistan Report 241 – April / Mai / Juni 2026

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