Şehîd Sorxwîn – eine Freundin, ein Vorbild, eine Kommandantin

Şehîd Sorxwîn – eine Freundin, ein Vorbild, eine Kommandantin

Mit ausführlichen Zitaten aus ihrem Bericht über den Kampf in Kobanê

Gisela Rhein, Redaktion

Im Herbst 2014 machte sich eine Gruppe von Guerilla-KämpferInnen aus der Türkei auf den Weg in die Stadt Kobanê, die umzingelt vom IS um ihre Existenz kämpfte. Hier sollte der IS im Januar 2015 seine erste große Niederlage erleben. Unter ihnen war Sorxwîn Rojhilat.

»Unsere Gruppe, die die Grenze überwinden wollte, war eine sehr große Gruppe von FreundInnen. Ein Konvoi türkischer Soldaten, ca. 50-60 Männer, bewegte sich gleichzeitig mit uns auf die Grenze zu und wir erreichten auch gleichzeitig den Maschendrahtzaun. Dort stießen wir aufeinander. Wir waren unbewaffnet, standen sozusagen mit leeren Händen da. Wir versuchten alle gemeinsam den Nato-Stacheldraht anzuheben. Nato-Stacheldraht hat rasiermesserscharfe Metallteile und die meisten der FreundInnen blieben darin hängen. Ein türkischer Soldat meinte zu mir: »Geh ruhig weiter hinüber. Du wirst so oder so sterben.« In diesem Moment verstand ich, dass dieser Krieg nicht nur ein Komplott des IS war, um die Stadt einzunehmen. Die Schläge und die Beleidigungen der türkischen Soldaten waren die Fortsetzung des internationalen Komplotts. Der IS mag die Angriffe begonnen haben, aber diese Angriffe dürfen nicht getrennt vom Komplott gegen Abdullah Öcalan 1999 gesehen werden. […] Der Lärm von Panzern, Kalaschnikows und Mörsergranaten war allgegenwärtig. Man wusste nicht mehr, ob man kriechen, sich ducken oder aufrecht gehen sollte, denn er war überall. Die Kugeln kamen von allen Seiten und der Himmel stand in Flammen, ein Feuer aus Blitzen. Das war die Situation bei unserer Ankunft in Kobanê in der Nacht. Weil es sehr dunkel war, konnten wir die Freund:innen, die uns abholten, nicht erkennen. Sie brachten uns mit dem Auto zu einem Ort mitten im Krieg: Hier ist Kobanê, ihr seid angekommen.«

Eine rebellische, widerstandsfähige und verantwortungsbewusste Persönlichkeit

Sorxwîn Rojhilat wurde 1985 in Rojhilat in der Stadt Mako (Ostkurdistan) im Iran geboren. In ihrem Dorf und ihrer Familie war der Widerstand ein Teil des Lebens und der Erzählungen aus der Vergangenheit. Sie wuchs ganz selbstverständlich in enger Verbindung mit ihrem Land und ihrer Kultur auf. Schon als Kind und Jugendliche arbeitete sie u.a. als Kurierin für die Guerilla der kurdischen Freiheitsbewegung im Iran. Ihre Familie beschreibt sie als rebellische, widerstandsfähige und verantwortungsbewusste Persönlichkeit. Bevor sie sich eine Meinung bildete, wollte sie diskutieren und lernen. Einfach die Meinung anderer zu übernehmen, ohne sie zu hinterfragen, widerstrebte ihr. Mit anderen Menschen in Kontakt zu treten fiel ihr leicht. Viele Menschen suchten ihre Nähe und das Gespräch mit ihr. Und immer wurde sie getragen von der Liebe und der Akzeptanz ihrer Familie. Mit 21 Jahren schloss sie sich 2006 der kurdischen Freiheitsbewegung an und wurde 7 Jahre nach der Entführung Abullah Öcalans Mitglied der PKK1. Abdullah Öcalan als Person, sein Denken und Schreiben stellten eine starke Orientierung für sie dar. Der Geist der PKK, der Geist der Hevaltî2 trugen und motivierten sie. Sie strahlte ihn aus auf die Menschen ihrer Umgebung.

Sorxwîn erzählt weiter über ihre Zeit in Kobanê: »Ich erinnere mich auch an Heval Xwînda. Sie kam aus Kobanê und war bei der YPJ3. Sie kam zu unserem Platz, nachdem Heval Çekdar gegangen war und einen verwundeten Freund bei uns gelassen hatte. Es war schon dunkel. Der verwundete Freund hieß Heval Rojhat Koçer und gehörte zu der Gruppe, mit der ich gekommen war. Seine Schulter war verletzt. Heval Xwînda war nicht älter als 18 Jahre. Sie erzählte uns, dass ihr Freund verwundet und ins Krankenhaus gebracht wurde. Sie sprach nicht viel, blieb ruhig und stark. Auf ihrem Rücken trug sie eine Tasche mit zwei Munitionsketten für das schwere Maschinengewehr (BKC), jede Menge Granaten und einige Magazine für die Kalaschnikow. Ich war sehr beeindruckt. Es war eine so schwere Tasche, dass ich sie nicht einmal heben konnte, und die Freundin hatte sie sich einfach auf den Rücken geschnallt. Sie trank etwas Wasser und ging zurück zu ihrer Stellung. Ich fragte sie: »Warum gehst du allein, wenn es schon dunkel ist?« Sie sagte nur, dass neue KameradInnen, die Kobanê nicht kennen, aus den Bergen gekommen seien. Sie musste zurückgehen, denn sie war die Einzige in ihrer Gruppe, die die Straßen und Häuser von Kobanê gut kannte. Sie setzte sich hin, um ihr Bein zu behandeln und ich sah, dass sie verwundet war. Es war eine offene, infizierte Blutwunde. Sie säuberte sie, verband sie und trug dann die schweren Rucksäcke und das Essen hin und her. Man konnte diesen ganz besonderen Geist der Kameradschaft, der Hevaltî spüren.«

Kampf und Erfahrung in Botan

Wenige Jahre nach ihrem Beitritt zur PKK kam Sorxwîn als Kämpferin zur YJA-Star4 nach Nordkurdistan (Bakûr) in die Region Botan. Als sie ankam wurde dort heftig gekämpft. Die Angriffe des Feindes, der türkischen Armee, waren auf ihrem Höhepunkt. Als Befehlshaberin in Botan war sie eine Pionierin. Ihre große Erfahrung als Guerillakämpferin half ihr gemeinsam mit ihrer Gruppe von Kämpferinnen erfolgreiche militärische Taktiken zu entwickeln. Sie selbst nahm an den gefährlichsten Operationen teil und kehrte erst zurück, wenn sie ihr Ziel erreicht hatte. Ihre Fähigkeit mit Menschen in Kontakt zu kommen, sie ernst zu nehmen und ihnen Interesse entgegenzubringen, machte sie bei den Menschen der Region und den KämpferInnen ihrer Einheit beliebt. Mit ihrem Führungsstil und ihrem Verhalten hatte sie großen Einfluss auf die Menschen. Sie war für viele ein Vorbild. Ihre Moral und Kraft übertrug sich auf die Menschen um sie herum. Ob hier in Botan, später als Kämpferin in Kobanê oder danach in ganz Rojava als Mitglied der Organisation der Kriegsverletzten (Gazi-Föderation) war sie immer bereit Verantwortung zu tragen.

Auch als Kommandantin in Kobanê prägten ihr Verantwortungsgefühl und ihr tiefes Verständnis für Hevaltî ihr Handeln und ihren Kampf gegen den IS. Dort in dieser umkämpften Stadt musste sie kreativ neue Kampftaktiken entwickeln um Ihre KameradInnen zu schützen und gegen die militärisch hoch gerüsteten IS-Schergen erfolgreich Widerstand zu leisten. In Kobanê traf sie viele KameradInnen der letzten Jahre wieder und sah viele von ihnen fallen.

»Früh am Morgen sah ich einen Freund aus einer anderen Gruppe zu mir kommen. Es war Şehîd Gelhat. Er hatte von der Ankunft unserer Gruppe, der Gruppe vom Cudî-Berg, gehört. Wir kannten uns beide aus der Cudî-Region. Dort waren wir beide KommandantInnen. Ich war für eine kleine Gruppe zuständig und er war der Kommandant der gesamten Region. Wir waren lange Zeit gemeinsam in der Cudî-Region verantwortlich. Er kam nur ein paar Tage vor uns nach Kobanê. Er fragte mich, wen ich mitgebracht hätte. Er stand noch an der Tür, mit Schuhen an den Füßen und machte sich in Türkisch über mich lustig, weil ich in Zivil gekommen war. Er gab mir den Rat: »Hevala Sorxwîn, verteidige dich drei Tage lang. Wenn du in diesen drei Tagen nicht Şehîd fällst, dann hast du die Taktik und den Auftrag hier gelernt und weißt, wie wir uns bewegen müssen, wie der Feind angreift und so weiter. Und wenn du das verstanden hast, wirst du nicht mehr Şehîd fallen. Du musst dich nur die ersten drei Tage gut verteidigen.« Hevala Melsa sagte mir das Gleiche: »Du musst drei Tage lang durchhalten, dann hast du es gelernt.« […] Zu diesem Zeitpunkt verstand ich, was das im Krieg bedeutet: Man wird als neue Kommandantin an die Front geschickt und lernt dort eine wirkliche Kommandantin zu werden. Das hatte mir vorher niemand gesagt. Ich wusste nicht, wie der IS vorgeht, wie sie kämpfen, von wo aus sie angreifen und mit welchen Mitteln, von welcher Seite sie kommen und so weiter. Was ist die Methode des Feindes? Was ist sein taktischer Ansatz? Wie greift er an?«
Die Verletzung oder der Tod jeder Kameradin, jedes Kameraden gingen ihr sehr nahe. Gleichzeitig wollte sie die Kraft dieser Menschen weitertragen und stellvertretend für die gefallenen FreundInnen weiterkämpfen.

Kampf um Kobanê

»Ich war für eine Gruppe verantwortlich und Heval Gelhat für die Gruppe mit dem Bagger, wir kämpften also Seite an Seite. Vor uns war eine Straße zu sehen, über die eine Taube flog. Der Scharfschütze schoss auf sie und sie fiel vor unseren Augen zu Boden. Die Scharfschützen von Daesh5 waren wirklich sehr gut ausgebildet. Ich rief Heval Gelhat an und sagte ihm erneut, dass seine Deckung viel zu schlecht sei. Dreimal hatte ich ihn schon aufgefordert seine Position zu ändern. Als ich ihm von der Taube erzählte, lachte er nur. Aber als der Krieg immer schwerer wurde und immer mehr Freunde starben oder verwundet wurden, sank seine Moral. Heval Zarîn war vor uns auf dem Dach eines Hauses in Stellung und geriet ins Kreuzfeuer der Scharfschützen, nachdem sie ein paar Mal auf Daesh gezielt hatte. Ihr Fehler war, dass sie ihre Position nicht geändert hatte und ihr Haar durch das Loch, durch das sie zielte, gut sichtbar war. Das machte sie zur Zielscheibe. Ich sah, wie der Scharfschütze von Daesh dreimal schoss. Einmal links, einmal rechts vom Loch und das letzte Mal direkt auf sie.«

Kurz bevor sich der IS geschlagen geben musste und der Sieg schon greifbar nahe war, traf eine Splitterbombe der Terrororganisation ihren Stützpunkt. Şorxwîn Rojilat wurde schwer verletzt: »Ein Geschoss flog direkt über uns hinweg, wie ein Feuerball kam es auf uns zu. Alles um mich herum brannte und ich fiel auf den Boden. Ich lag auf dem Rücken, gegenüber von uns befand sich Heval Hamza und ich sah, wie er direkt auf mich zu lief als er mich fallen sah. Er trug mich und die anderen hinaus. Dann erinnere ich mich nur noch daran, dass ich etwas Weiches fühlte, aber ich hatte die Augen verbunden und spürte nur, wie ich bewegt und von einem Ort zum anderen gebracht wurde. […] Der Arzt stellte fest, dass ich wach war und sagte: »Als man dich unter den Verwundeten zu uns brachte, dachten wir, dass von dir nichts mehr übrig ist, was nicht verletzt ist. Wir sagten uns, sie ist eine Frau, wie soll sie mit diesem Aussehen leben. Selbst wenn wir sie behandeln, wie soll sie ihr Leben weiterführen?« Also entschieden sie sich dafür, mich sterben zu lassen, denn ich blutete so stark und sie beschlossen, die anderen zuerst zu retten.«
Aber Kommandantin Sorxwîns Kraft und Lebenswille war stärker als der Tod. Sie überlebte und kämpfte sich zurück ins Leben.

Befreiung

»Dann kam der Tag, an dem wir die Befreiung von Kobanê verkündeten. Dieser Tag, ich weiß gar nicht, wie ich ihn beschreiben soll. Diese große Freude und Aufregung, die dieser Tag wirklich mit sich brachte, war und ist unbeschreiblich. Auf der einen Seite explodierte mein Herz vor Freude. Auf der anderen Seite waren meine Augen voller Tränen, die nicht aufhören wollten zu fließen. Eines meiner Augen bestand nur noch aus einer tiefen Wunde. Gleichzeitig schlug mein Herz so stark vor Liebe zur Befreiung und zum anderen an die Erinnerung an all die FreundInnen, die in der Schlacht gefallen waren. Und auch für die Menschen, die geflohen waren und zurückkamen, um die Ruinen wieder aufzubauen. Alles kam zusammen: die große Freude und der große Schmerz über den Verlust der FreundInnen. Ich weinte furchtbar. Wegen der Wunde flossen keine Tränen, nur Blut.«
Ihre Selbstdisziplin und ihre Liebe zum Leben und zu den Menschen halfen Sorxwîn, weiter ein aktiver Mensch in der Gemeinschaft zu bleiben. Sie ließ sich ihre Angst um das ihr noch verbliebenen Augenlicht und die Schmerzen, die die vielen Splitter in ihrem Körper verursachten, nicht anmerken. Sehr aufrecht und aufmerksam ging sie durchs Leben und übernahm Verantwortung als Ko-Vorsitzende der ­Organisation der Kriegsverletzten und auch weiterhin als Kommandantin der YPJ in Rojava. Unermüdlich war sie in der Region unterwegs, um nach dem Wohlbefinden verletzter ­FreundInnen zu sehen und Notwendiges auch unter den Bedingungen ständigen Mangels zu organisieren. Aber vor allem gab ihre Anwesenheit, ihre Aufmerksamkeit und ihr Gespür für die Bedürfnisse der Menschen den Verwundeten Kraft und motivierte sie, Probleme nicht als unüberwindlich zu betrachten. Ihre Ankunft an einem Ort löste stets große Willkommensfreude aus. Ihr wurden Respekt und Liebe entgegengebracht. Und nach ihrer Abfahrt konnten alle sofort die Lücke spüren, die sie hinterließ.

Menschen wie Sorxwîn Rojhilat werden von der Türkei zu Feinden erklärt. Sie wusste, dass sie auf der Liste der zu tötenden Personen stand. Am 11. Februar 2024 traf sie beim Ver­lassen des Verwaltungsgebäudes der Organisation der Kriegsverletzten in Qamișlo die Rakete einer türkischen Drohne. Gemeinsam mit der Freundin Azadî fiel sie an diesem Tag – neun Jahre nach dem Sieg in Kobanê. Genau dort liegt Şehîd Sorwîn jetzt auf dem Friedhof der Gefallenen der Revolution begraben.
Heute muss sich Kobanê wieder gegen die Bedrohung aus der Türkei und Umzingelung der Regierungstruppen der islamistischen Übergangsregierung in Damaskus wehren. Strom, Wasser, Lebensmittel und Medikamente fehlen. Aber die Menschen in dieser zum Symbol des Widerstands gewordenen Stadt geben nicht auf. Sie organisieren sich, sie sind bereit für ihre Freiheit zu kämpfen. Hier schließt sich der Bogen zum Kampf von Şehîd Sorxwîn, einer Revolutionärin, die ihre Verantwortung gegenüber den Menschen tief in sich trug. Die Menschen, die sie kannten, liebten und respektierten tragen ihren Kampf und ihre Ziele weiter.

 

1 Arbeiterpartei Kurdistans
2 Kurdischer Begriff für Freundschaft. Im Kontext der kurdischen Befreiungsbewegung drückt der Begriff eine tiefe Freundschaft, gemeinsamen Widerstand, Selbstlosigkeit und Solidarität aus.
3 Frauenverteidigungskräfte in Rojava
4 Fraueneinheiten der Guerilla der kurdischen Freiheitsbewegung
5 Abfälliger arabischer Begriff für IS


Kurdistan Report 241 – April / Mai / Juni 2026

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