Der Kurdistan Report, die treue Begleitung, erscheint nicht mehr
Holger Deilke, Redaktion
Ja es stimmt: Der Kurdistan Report wird eingestellt. Eine traurige Nachricht. Etwas, das irgendwie »immer« da war, wird von uns gehen. Seit fast 44 Jahren, seit November 1982 gehörte der Kurdistan Report einfach dazu.
In ihrer allgemeinen politischen Bewertung zur 200sten Ausgabe des Kurdistan Reports1 schrieb Nilüfer Koç: »Seit November 1982 erscheint der Kurdistan Report. In all den Jahren hat er beharrlich den politisch motivierten Manipulationen der Mainstream-Medien beim Thema Kurdistan entgegengewirkt. Die 36-jährige Geschichte des Kurdistan Reports spiegelt auch ein Stückchen die Wahrheit des kurdischen Freiheitskampfes in den letzten 36 Jahren wider. Es ist die Geschichte eines Kampfes gegen den Strom der materiell Überlegenen.« Und Nilüfer weiter: «Der Report erschien stets in Deutschland. Oft wurden Räumlichkeiten, in denen der Report erstellt wurde, von der deutschen Polizei durchsucht. Erst Schreibmaschinen, dann später Computer und Drucker wurden unzählige Male beschlagnahmt. Dennoch haben es die Redaktionsmitglieder, Autoren des Kurdistan Reports geschafft, 36 Jahre lang trotz politischer und polizeilicher Repression in Deutschland der Stimme der kurdischen Gesellschaft Gehör zu verschaffen.« Und darauf können alle, die an diesem Projekt beteiligt waren und für seine Verbreitung gesorgt haben, wirklich Stolz sein.
Aber Zeiten ändern sich: die Bedingungen gesellschaftlicher Produktion, die Art der Verbreitung und Aufnahme von Informationen, die Formen und Möglichkeiten der Kontaktaufnahme mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. All das sind Veränderungen, die von uns nur sehr begrenzt beeinflussbar sind. Seit längerem nehmen wir wahr, dass der Kurdistan Report in den Öffentlichkeitsarbeiten längst nicht mehr eine so starke Bedeutung einnimmt wie noch vor ein paar Jahren und es sind viele neue Medienprojekte entstanden. Auch deshalb wird der Kurdistan Report nicht mehr so stark wahrgenommen und nachgefragt. Und – auch das muss gesagt werden – wir haben es in den letzten Jahren nicht geschafft, genügend jüngere Menschen für diese Arbeit zu begeistern. Im Rahmen des Kurdistan Reports haben wir keine Lösung gefunden.
Heute eine Vielfalt an Veröffentlichungen
War der Kurdistan Report zu seiner Gründung 1982 noch die einzige deutschsprachige Publikation mit Bezug zur Befreiungsbewegung Kurdistans, können wir heute viele weitere Projekte sehen, die sich in Form von Zeitschriften, Internetseiten oder als Teil der sogenannten Sozialen Medien schon seit längerem der Aufgabe widmen, den Befreiungskampf Kurdistans und seine globale Perspektive und sein Paradigma bekannt zu machen und zu verteidigen. All diese legen wir unseren Leser:innen wärmstens ans Herz.
Der deutschsprachige Teil der Nachrichtenagentur ANF (https://deutsch.anf-news.com/) sei an erster Stelle erwähnt, weil sie sowohl sehr aktuelle Nachrichten und Berichte zum Mittleren Osten und zur Weltlage bereitstellt als auch Hintergrundberichte, Interviews und Reportagen.
Für Hintergrundartikel sei den geneigten Leser:innen die Akademie der Demokratischen Moderne wärmstens ans Herz gelegt. Auf ihrer Webseite (https://democraticmodernity.com/de/) veröffentlichen sie Hintergründiges über die Transformation der patriarchalen kapitalistischen Moderne hin zur demokratischen Moderne und der kommunalistischen Gesellschaft.
Auch sehr ans Herz legen möchten wir die Seite der Jineolojî. Jineolojî ist die Arbeit daran, »die Wissenschaft« frauenzentriert neu aufzubauen und die Grundlagen für eine feministisch orientierte neue Gesellschaftlichkeit zu schaffen (https://jineoloji.eu/de/).
Es gäbe noch so viel mehr: Die Zeitschrift Xwebûn2 von den jungen Frauen, und Lêgerîn3 von der demokratischen Jugend sowie Veröffentlichungen von den Studierenden, von Akademiker:innen wie KURD-AKAD und vielen weiteren, die bisher im Rahmen der Bewegung der demokratischen Moderne entstanden sind. Es lohnt sich, diese und andere Seiten aufzusuchen.
Abos werden eingestellt, Webseite bleibt
Die Internetseite des Reports wird bestehen bleiben, damit es ein möglichst vollständiges Archiv gibt, mit dem die sehr bewegte Geschichte der Kurd:innen, der Völker der Region und der Befreiungsbewegung nachvollzogen werden kann. Der Report war knapp 44 Jahre Zeug:in und Botschafter:in dieser bewegten Zeiten. Das übernehmen jetzt andere Medien.
Was kommt nun?
Wir wissen es nicht genau. Als Mitglieder der Redaktion werden wir alle im größeren Kontext unserer bisherigen Arbeit weiter aktiv sein. Wir werden unsere Erfahrungen zur Verfügung stellen und neue sammeln. Natürlich hinterlässt der Kurdistan Report eine Lücke. Aber diese Lücke stellt auch einen Raum dar, der mit Neuem gefüllt werden kann.
Abschließen möchte ich mit den Worten, die eine Freundin gefunden hat, nachdem sie vom Ende des Reports erfahren hat:
»1982 bin ich geboren. 1982 erschien die erste Ausgabe des Kurdistan Report. Und jetzt ist es die letzte. Mich macht das traurig, und es erfüllt mich mit Stolz und Dankbarkeit. Das darf so nebeneinander stehen.
Für mich waren die 80er vor allem geprägt durch Widerstände gegen die Volkszählung, Tschernobyl und Anti-AKW-Proteste, Aufrüstung, den Umbruch im Osten Deutschlands. Erst viel später, vor 10 Jahren, verstand ich, dass bereits in den 80ern eine große kurdische Diaspora in Deutschland lebte und auf die genozidale Politik in den vier Besatzungsstaaten aufmerksam machte. Die Solidaritätsbewegung für Kurdistan in Deutschland hat seitdem viele Aufs und Abs erlebt.
Dass der Kurdistan Report nun eingestellt wird, ist Sinnbild für vieles – für unsere eigene Schwäche, gut recherchierte Printpublikationen am Leben zu erhalten, aber auch für eine neue Phase des Widerstands und Aufbaus einer lebendigen Gesellschaft abseits des kapitalistisch-patriarchalen Systems.
Auch innerhalb der Solidaritätsbewegung und all der Strukturen, die hier die demokratische Moderne aufbauen wollen, haben wir die Freund:innen, die den Report 44 Jahre mit Leben erfüllt haben, hängen lassen. Wir waren oft froh, dass das andere machen – uns fehlte Mut, Wille, Entschlossenheit, nur vermeintlich Kompetenz und den jüngeren Generationen auch oft die Bedeutung für das, was andere gestartet haben. Es ist genau so eine Stärke der Freiheitsbewegung Kurdistans und ihres Umfelds, Projekte hinter sich zu lassen, einen langen Atem zu haben, aber auch immer wieder neu zu bewerten, ob sich etwas bewährt hat. So wie wir immer sagen »Sie können die Blumen abschneiden, aber sie werden den Frühling nicht aufhalten«, so werden auch die Samen des Reports weiter keimen.
Mit den Erfahrungen dieser wunderbaren Zeitschrift – einem wichtigen Sprachrohr für fast ein halbes Jahrhundert – haben wir ein großartiges Text- und Bildarchiv, über das wir uns noch Jahrzehnte freuen werden. Die Fähigkeiten der Redaktion werden uns dabei helfen, Blätter für unsere Nachbarschaften, Kooperativen und Bildungszentren zu entwerfen, und die Freund:innen, die den Report trugen, werden ihre Kraft weiter dafür einsetzen das freie Leben aufzubauen.
Vielen Dank dafür!«
In diesem Sinne: JIN, JIYAN, AZADÎ.
Kurdistan Report 241 – April / Mai / Juni 2026

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