Die Bedeutung zweisprachiger Erziehung für die kurdische Sprache Rabia Mereto, Grundschullehrerin und Sozialpädagogin Bis vor Kurzem betonten Befü
Die Bedeutung zweisprachiger Erziehung für die kurdische Sprache
Rabia Mereto, Grundschullehrerin und Sozialpädagogin
Bis vor Kurzem betonten Befürworter:innen zweisprachiger Erziehung vor allem die besseren Berufschancen und die erleichterte Arbeit in internationalen Bereichen. Heute werden jedoch viele weitere Aspekte der zweisprachigen Erziehung hervorgehoben. Bevor wir diese Punkte erörtern, ist es wichtig zu verstehen, dass Sprache weit mehr umfasst als nur Wörter und Grammatik. Denn Sprache ist auch Ausdruck von Werten, Geschichten, Gefühlen, Sprichwörtern, Liedern, Mythen, Haltungen, Identität, Seele und Geschichte einer Bevölkerungsgruppe. Wenn wir also von einem zweisprachig aufwachsenden Kind sprechen, meinen wir ein Kind, das in zwei Kulturen aufwächst.
Vorteile der Zweisprachigkeit
Einer der Faktoren, die zweisprachige Erziehung attraktiv machen, sind die kognitiven Vorteile der Zweisprachigkeit. Wissenschaftler:innen belegen, dass zweisprachig aufwachsende Menschen Probleme besser aus verschiedenen Perspektiven betrachten und schneller Lösungen finden können, da sie ständig zwischen den Sprachen wechseln. Sie sind außerdem aufmerksamer und denken flexibler. Dieser Vorteil wirkt sich positiv auf den Erfolg in Schule und Beruf aus. Ein weiterer Vorteil zweisprachiger Erziehung ist die Stärkung der kulturellen Identität. Demnach sind Kinder, die zweisprachig aufwachsen und somit zwei Kulturen kennen, offener für Neues und sind verständnisvoller und toleranter. In einer Zeit, in der die Feindseligkeit gegenüber Vielfalt täglich zunimmt, gewinnen diese Vorteile der zweisprachigen Erziehung sicherlich noch mehr an Bedeutung.
Natürlich lassen sich diese Vorteile noch weiter ausführen und die Wichtigkeit zweisprachiger Erziehung mit der Erleichterung des Lernens neuer Sprachen, der Erweiterung des Kommunikationskreises und den positiven Auswirkungen auf Kinder erklären. In diesem Artikel geht es jedoch vor allem darum, die Frage zu beantworten, warum Kurd:innen so sehr auf zweisprachige Erziehung bestehen und wie bereit sie sind, diesem Wunsch nachzukommen.
Die Bedeutung des Kurdischen in der Erziehung
Selbstverständlich sind sich die kurdischen Befürworter:innen zweisprachiger Erziehung dieser Vorteile bewusst. Die meisten Familien in Südkurdistan, die ihre Kinder zweisprachig, d.h. kurdisch und englisch, unterrichten lassen, führen diese Argumente an. Doch neben diesen Punkten gibt es für uns Kurd:innen noch zwei weitere Gründe.
Bevor wir auf diese Gründe eingehen, ist es wichtig zu erwähnen, dass Kurdisch in Berlin bereits seit einigen Jahren Erziehungssprache in einigen Kindergärten ist. Obwohl einige Versuche scheiterten, gibt es derzeit einen mehrsprachigen und zwei bilinguale Kindergärten, in denen Kurdisch die Erziehungssprache ist. Der Ausbau dieser Einrichtungen ist selbstverständlich rechtlich unproblematisch.
Zwei weitere Gründe für die Begeisterung kurdischer Familien für diese Kindergärten lassen sich anhand zweier fiktiver Beispiele aus Berlin veranschaulichen, die in der Realität auf viele Familien zutreffen.
Das erste Beispiel ist eine Familie, in der zu Hause Kurdisch gesprochen wird. Diese Familie hat einen Sohn, der Azad heißt und die kurdische Sprache gut beherrscht. Hierbei ist zu beachten, dass Azads Eltern ihm mit dem Erlernen seiner Muttersprache auch das beigebracht haben, was sie selbst von ihren Vorfahren gelernt haben. So entsteht emotionale Bindung zur Familie. Um eine solche Bindung auch zur Gesellschaft zu ermöglichen, ist es wichtig, dass Azad die Möglichkeit hat, sich in die Gemeinschaft einzubringen – nicht nur in seiner Familie, sondern auch im Kindergarten. Dadurch kann sich auch seine emotionale Bindung zur kurdischen Gemeinschaft entwickeln. Die Eltern wissen jedoch aus eigener Erfahrung, dass Azads Schulbildung in einer Fremdsprache, nämlich Deutsch, stattfinden wird, und da Azad diese Sprache nicht spricht, wäre ein Scheitern vorhersehbar. Da Azad außerdem keine Möglichkeit hat auf Kurdisch unterrichtet zu werden, weil er sich in einem anderen Land befindet und dort auch die Landessprache lernen muss, fordern sie eine zweisprachige Erziehung. Sie argumentieren, dass Azad, wenn er einen kurdisch-deutschen Kindergarten besucht, seine Gefühle leichter ausdrücken und seine kurdische Identität, also seine Beziehung zu seiner Kultur, entwickeln kann, während er gleichzeitig Deutsch lernt.
Das zweite Beispiel ist eine Familie, in der zu Hause kein Kurdisch gesprochen wird, obwohl die Eltern zwar kurdisch sind, aber assimiliert wurden und daher kein Kurdisch sprechen können. Sie sprechen ausschließlich Deutsch mit ihrer Tochter Xunav, die deshalb kein Kurdisch sprechen kann. Auch sie sehen in der zweisprachigen Erziehung eine Chance für Xunav Kurdisch zu lernen. Die Hoffnung von Xunavs Eltern – im Unterschied zu einer deutschen Familie, die ihre Kinder beispielsweise in einen zweisprachigen, deutsch-englischen Kindergarten schickt und deren Kinder von den oben genannten Vorteilen zweisprachiger Erziehung profitieren – ist, dass der Kindergarten eine Verbindung zu ihrer Heimat und ihrer Herkunft ermöglicht und sie durch das Erlernen der kurdischen Sprache wieder mit ihnen verbindet. Die Nachfrage ist in Städten wie Berlin, wo viele internationale Familien leben, sehr groß; viele Familien teilen ein solches Anliegen. Deshalb gibt es zweisprachige Kindertagesstätten, in denen die zweite Sprache viele verschiedene Sprachen umfasst.
Fachliche Notwendigkeiten
Die Familien hoffen, dass Xunav von Azad Kurdisch und Azad von Xunav Deutsch lernen wird, wenn sie in einen solchen Kindergarten gehen. Doch wie realistisch ist das? Um diese Vorstellung in die Praxis umzusetzen, reicht es sicherlich nicht aus, Kurdisch einfach nur in Kindergärten zuzulassen. Es bedarf Fachkräfte, die eine pädagogische Ausbildung absolviert haben. Da es nur sehr wenige Veröffentlichungen zur frühkindlichen Bildung in kurdischer Sprache gibt, die den Kindern den Reichtum dieser Sprache zugänglich machen, reicht es nicht aus, wenn die Erzieher:innen den Kindern einfach nur kurdische Sprachkenntnisse vermitteln. Sie sollten zum Beispiel auch viele Redewendungen in der kurdischen Sprache kennen. So könnten sie das Kind in jeder Situation und bei jedem Bedürfnis mit ihrem pädagogischen Wissen auf Kurdisch begleiten. Dadurch kann die Persönlichkeit der Erzieher:innen bei den Kindern und ihren Familien Respekt vor der kurdischen Sprache hervorrufen. Das Thema »Respekt für die Sprache« ist von größter Bedeutung, denn seit Jahren ist die kurdische Sprache in Teilen Kurdistans nicht nur verboten, sondern auch systematischen Angriffen ausgesetzt. Ziel dieser Angriffe ist es, die kurdische Sprache in den Augen der Kurd:innen als unbedeutend darzustellen. Es mag schwer zuzugeben zu sein, aber in gewisser Hinsicht scheint dies gegen das kurdische Volk gelungen zu sein. Daher müssen Pädagog:innen sowohl fachlich als auch sprachlich kompetent sein. Welche Bedeutung wird dem in der aktuellen Situation beigemessen? Leider habe ich im Laufe der Jahre die Erfahrung gemacht, dass es für uns Kurd:innen im Vergleich zu den Kindern in anderen zweisprachigen Kindergärten nicht so einfach ist, den Kindern die Möglichkeit zu geben, unsere Muttersprache frei und ungehindert zu pflegen und die Sprachkenntnisse auszubauen.
Herausforderungen der kurdischen Spracherziehung in Deutschland
Das erste Problem ist, eine geeignete Erziehungskraft zu finden. Da man hier in Deutschland weder einen pädagogischen Fachbereich in kurdischer Sprache, noch Kurdologie oder die Kurdische Sprache studieren kann, ist es schwierig, pädagogische Fachkräfte mit guten Kurdischkenntnissen zu finden. Es ist aktuell fast unmöglich eine solche Fachkraft aus Rojava, wo es kurdische Universitäten gibt, nach Deutschland zu holen. Einfacher wäre es natürlich, eine pädagogische Fachkraft in Deutschland zu finden, auch wenn die Sprachkenntnisse vermutlich nicht von gleicher Qualität wären, wie die der Pädagog:innen aus Rojava. Die Alternative wäre eine Person aus Nordkurdistan einzustellen, die ein pädagogisches Fach in einer Drittsprache studiert hat, Kurdisch sprechen kann und darüber hinaus auch Deutsch lernt und spricht. Eine große Hürde ist jedoch die Anerkennung des Studienabschlusses in Deutschland. Während das Anerkennungsverfahren läuft, müsste sie Deutsch bis zum Niveau C1 erlernen. Das alles ist sehr zeitaufwendig und erfordert viel Kraft. Eine dritte Möglichkeit wäre es, eine Person zu finden, die Kurdisch spricht, aber keine pädagogische Ausbildung hat. Für eine solche Person ist es in Berlin möglich, in einem bilingualen Kindergarten als »Native-Speaker« zu arbeiten. Wenn diese Person jedoch aus Kurdistan stammt, muss sie für ihre Arbeit ebenfalls Deutsch lernen und an Fortbildungen teilnehmen. Dieses Problem belastet nicht nur die Mitarbeiter:innen, es belastet auch die Verantwortlichen der Einrichtungen mit extrem bürokratischen Aufgaben.
Probleme in der Wahrnehmung des Kurdischen
Darüber hinaus denken viele Kurd:innen, dass die eigenen Kenntnisse der kurdischen Sprache nicht ausreichend seien. Das trifft auch auf Pädagog:innen zu, die das Kurdische lehren sollen. Aufgrund der mangelnden kurdischen Sprachkenntnisse halten sie die kurdische Sprache für eine ungeeignete Bildungssprache. Diese Sichtweise kann Kinder negativ beeinflussen und dazu führen, dass sie das Kurdische unbewusst als eine minderwertige Sprache wahrnehmen. Wenn kurdischsprachige Erzieher:innen nicht sehr vertraut mit der frühkindlichen Bildung sind, gelten die deutschsprachigen Kolleg:innen, die ein pädagogisches Fach studiert haben und mit der frühkindlichen Bildung gut vertraut sind, als Autorität und kompetenter. Dabei muss berücksichtigt werden, dass jede Bevölkerung ihre Kinder den Bedürfnissen und Realitäten ihrer Gesellschaft entsprechend erziehen möchte. Der pädagogische Ansatz einer Bevölkerungsgruppe kann für eine andere Bevölkerungsgruppe unpassend sein. Wenn sich kurdischsprachige Pädagog:innen damit noch nicht auseinandergesetzt haben, können manche Merkmale und Besonderheiten unserer Gesellschaft oder unserer Sprache achtlos als mangelhaft oder unsinnig wahrgenommen werden. Dementsprechend ist eine hohe Sprachkompetenz des Kurdischen bei den Pädagog:innen von größter Bedeutung – sowohl für die Sprachvermittlung als auch für eine gesunde Wahrnehmung der eignen Muttersprache.
Das zweite Problem ist der Mangel an Materialien für die frühkindliche Bildung in kurdischer Sprache: von kleinen Lernkarten und Kinderliteratur bis hin zu visuellen Medien. Wenn im Kindergarten nicht genügend kurdisches Material vorhanden ist, verliert die kurdische Sprache in den Augen der Kinder an Wert und wird nicht als gleichwertig mit Deutsch angesehen, für das es ein gutes Angebot an Lernmaterialien gibt. Denn in der zweisprachigen Erziehung wird die »schwache« Sprache von der »starken« verdrängt, wenn den Kindern nicht gleichermaßen Gelegenheit gegeben wird, mit beiden Sprachen in einer ähnlichen Art und Weise in Kontakt zu kommen. Wenn der kurdischen Sprache im Kindergarten von Azad und Xunav nur eine geringe Bedeutung beigemessen wird, wird Xunav wenig Motivation zum Lernen haben, und Azad wird sich immer weiter vom Kurdischen entfernen.
Kindliche Anforderungen an Sprache
Kinder möchten die Sprache in vollen Zügen genießen. Sie wollen in einer Sprache spielen, singen, Geschichten hören und gemeinsam Bücher anschauen können. Sie wollen die Sprachen annehmen und verwenden, in denen sie das alles tun können. Außerdem verwenden Kinder die Sprachen, die sie erlernt haben durchaus situationsbedingt. Kinder wünschen sich, dass die Wörter und Konzepte einer Sprache ausreichen, um ihre Sorgen und Träume auszudrücken. Das betrifft vor allem die eigene Muttersprache. Wenn diese unzureichend ist, um ihre Sorgen und Träume auszudrücken und eine andere Sprache ihnen diese Möglichkeit bietet, greifen sie ohne Zögern auf die andere Sprache zurück. Um das zu verdeutlichen, können wir ein Beispiel anführen, das wir immer häufiger hören. Viele Eltern berichten davon, dass sie mit ihrem Kind Kurdisch gesprochen haben, das Kind jedoch plötzlich aufhörte Kurdisch zu sprechen, als es in einen deutschen Kindergarten ging. Jetzt antwortet es ihnen auf Deutsch, selbst wenn sie Kurdisch mit ihm sprechen. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand. Eltern, die ihr ganzes Leben lang Deutsch oder eine andere Sprache sprechen und Kurdisch nur am Rande verwenden, bringen ihren Kindern nur ein sehr einfaches Kurdisch bei, das lediglich für einfache Alltagsgespräche ausreicht.
Dies verdeutlicht, dass bei der Kindererziehung nicht der sogenannte »sprachliche Reichtum«, sondern vielmehr der Wortschatz und die Sprachkenntnisse der Kinder ausschlaggebend dafür sind, ob eine Sprache als »stark« oder »schwach« einzustufen ist. Wie gut sich die Erzieher:innen mit der frühkindlichen Pädagogik auskennen, ob sie eine auf Vertrauen basierende Beziehung zu Kindern aufbauen können und wie sehr die verwendeten Materialien die Kinder ansprechen und ihnen Freude bereiten, sind Grundlage und Anzeichen für den den Reichtum der Sprache in den Augen und Herzen der Kinder.
Herausforderungen für die Zukunft
Zusammenfassend kann ich sagen, dass das Festhalten an der zweisprachigen Erziehung neue Möglichkeiten eröffnet, vor allem in Kindergärten und bilingualen Schulen, in denen Kurdisch als Lehrsprache fungiert. Doch wenn wir nicht der Ausbildung der Lehrkräfte und der Aufbereitung der Materialien die ausreichende Bedeutung beimessen, kann dieses sogar dazu führen, dass das Kurdische noch mehr Ablehnung erfährt. Dies ist eine große Herausforderung und kann nicht allein durch die Anstrengungen Einzelner oder kleiner Gruppen bewältigt werden. Auch für Institutionen oder Organisationen ist es nicht einfach, diese Herausforderung zu meistern. Daher ist eine große Anstrengung nötig, ein pädagogisches Konzept zu entwickeln, Fachkräfte auszubilden, Unterrichtsmaterialien zu erstellen und weiterzuentwickeln sowie die Kinderliteratur in kurdischer Sprache zu stärken und ihr Angebot zu erweitern.
Es bleibt zu hoffen, dass sich Azad und Xunav künftig in ihrer Gesellschaft und Sprache nicht fremd fühlen und darüber hinaus keine Angst vor der Fremdheit anderer Gesellschaften und Sprachen haben werden.
Kurdistan Report 240 / Januar – März 2026

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