Soziologie der Freiheit – Die Entstehung der gesellschaftlichen Frage Abdullah Öcalan In den letzten Ausgaben des Kurdistan Reports haben wir angefa
Soziologie der Freiheit – Die Entstehung der gesellschaftlichen Frage
Abdullah Öcalan
In den letzten Ausgaben des Kurdistan Reports haben wir angefangen, Texte aus dem Kapitel »Die gesellschaftliche Frage« in Band 3 der »Gefängnisschriften – Manifest der demokratischen Zivilisation« von Abdullah Öcalan abzudrucken. Wir begannen mit »Das Problem von Macht und Staat« und »Das gesellschaftliche Problem von Moral und Politik« sowie »Das Mentalitätsproblem der Gesellschaft«. In Ausgabe 235 fuhren wir mit »Wirtschaftliche Probleme der Gesellschaft«, in 236 mit »Das Industriealismusproblem der Gesellschaft« und in Ausgabe 237 mit »Das Ökologieproblem der Gesellschaft« fort. In dieser Ausgabe präsentieren wir den siebten Teil des Kapitels: »Gesellschaftlicher Sexismus, Familien-, Frauen- und Bevölkerungsfrage«.
Die Wahrnehmung der Frau als ein biologisch anderes Geschlecht gehört zu den Hauptfaktoren, die zur Blindheit im Hinblick auf die gesellschaftliche Realität führen. Der Geschlechtsunterschied an sich kann nicht die Ursache irgendwelcher gesellschaftlicher Probleme sein. Genauso, wie die Dualität in jedem Quäntchen im Universum nicht als Problem betrachtet werden kann, kann auch die Dualität der menschlichen Existenz nicht problematisiert werden. Die Antworten auf die Frage »warum ist die Existenz dualistisch?« können nur philosophischer Art sein. Die ontologische Analyse kann nach einer Antwort auf diese Frage suchen. Meine Antwort ist: Die Existenz kann sich nicht jenseits der Dualität ereignen. Die Dualität ist die Ermöglichungsweise der Existenz. Die Frau und der Mann könnten sich, selbst wenn sie nicht so wie gegeben, sondern geschlechtslos (ohne Gegenstück) wären, nicht von der Dualität befreien. Das ist, was man Zweigeschlechtlichkeit nennt. Man sollte sich darüber nicht wundern. Allerdings neigen Dualitäten immer dazu, sich unterschiedlich zu gestalten. Auch den Beweis für die universale Intelligenz (Geist1) kann man in dieser Tendenz von Dualitäten suchen. Die beiden Seiten der Dualität sind weder gut noch böse, sondern nur unterschiedlich und müssen es auch sein. Wenn die beiden Seiten von Dualitäten gleich werden, kann die Existenz sich nicht mehr verwirklichen. Beispielsweise ließe sich das Fortpflanzungsproblem der Existenz nicht durch zwei Frauen oder zwei Männer lösen. Deshalb ist die Frage »warum Frau oder Mann?« wertlos; oder wenn man unbedingt nach einer Antwort auf diese Frage suchen will, kann man philosophisch antworten, dass das Universum ein solches Werden erfordert, dazu tendiert, sich so denkt, so begehrt …
Aus diesem Grund ist eine Untersuchung der Frau als Verdichtung sozialer Beziehungen nicht nur sinnvoll, sondern auch von großer Wichtigkeit im Hinblick auf die Lösung und Überwindung gesellschaftlicher gordischer Knoten. Da die patriarchale Sicht mittlerweile immun ist, erscheint ein Bruch mit der Blindheit bezüglich der Frau so schwierig wie die Spaltung eines Atoms2. Dafür bedarf es großer intellektueller Bemühungen und der Zerschlagung der hegemonialen Männlichkeit. Auch auf der Seite der Frau gilt es, die zu einer Existenzweise erhobene und eigentlich gesellschaftlich geschaffene Frau zu analysieren und abzuschaffen. Die Enttäuschungen wegen nicht umgesetzter Utopien, Programme und Grundsätze im Erfolg sowie Misserfolg aller Freiheits- und Gleichheitskämpfe sowie demokratischen, moralischen, politischen und Klassenkämpfe tragen die Spuren des nicht abgeschafften hegemonialen (Macht-)Verhältnisses zwischen Mann und Frau. Alle Verhältnisse, die Ungleichheiten, Sklaverei, Despotismus, Faschismus und Militarismus nähren, haben ihren Ursprung in dieser Beziehungsform. Wenn wir häufig verwendeten Worten wie Gleichheit, Freiheit, Demokratie und Sozialismus Gültigkeit verleihen wollen, die nicht zur Enttäuschung führen soll, müssen wir das um die Frau gesponnene Beziehungsnetz, das genauso alt wie das Gesellschaft-Natur-Verhältnis ist, entflechten oder zerreißen. Es führt sonst kein anderer Weg zu wahrer Freiheit und (Differenzen zulassender) Gleichheit, Demokratie und einer nicht scheinheiligen Moral.
Dem Sexismus wurde seit der Entstehung der Hierarchie die Bedeutung einer Machtideologie verliehen. Er hängt mit Klassen- und Machtbildung eng zusammen. Zahlreiche archäologische, anthropologische und aktuelle Forschungen und Beobachtungen zeigen, dass es lange Zeitspannen gab, in denen die Frau Autoritätsquelle war. Diese Autorität war nicht die der auf Mehrprodukt basierenden Macht, sondern eine Autorität, die auf Produktivität und Fruchtbarkeit zurückzuführen war und die gesellschaftliche Existenz stärkte. Die bei Frauen stärker ausgeprägte emotionale Intelligenz hat enge Verbindungen mit dieser Existenz. Dass die Frau sich an auf Mehrprodukt basierenden Machtkriegen eindeutig nicht beteiligte, liegt an dieser Stellung und ihrer gesellschaftlichen Existenzweise.
Historische Funde und aktuelle Beobachtungen zeigen eindeutig, dass der Mann bei der Entwicklung der mit hierarchischer und staatlicher Ordnung zusammenhängenden Macht die Führungsrolle innehatte. Dazu musste die bis zur letzten Phase der neolithischen Gesellschaft starke Autorität der Frau zerschlagen und beseitigt werden. Wiederum bestätigen historische Funde und aktuelle Beobachtungen, dass mit diesem Ziel langfristige und große Kämpfe verschiedenster Form geführt wurden. Vor allem die sumerische Mythologie, als Gedächtnis der Geschichte und der gesellschaftlichen Natur, ist in dieser Hinsicht äußerst aufschlussreich.
Die Zivilisationsgeschichte ist gleichzeitig die Geschichte der Niederlage und des Verlustes der Frau. Diese Geschichte ist eine, in der die patriarchale Persönlichkeit sich mit Gott und seinen Knechten, mit dem Herrscher und seinen Untertanen, mit der Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst verhärtete. Aus diesem Grund stellen die Niederlage und der Verlust der Frau einen großen Abstieg und eine große Niederlage für die Gesellschaft dar. Die sexistische Gesellschaft ist das Ergebnis dieses Abstiegs und dieser Niederlage. Wenn der sexistische Mann über der Frau seine Herrschaft errichtet, ist er dabei so begierig, dass er jegliche natürliche Berührung in eine Zurschaustellung von Herrschaft verwandelt. Ein biologischer Akt wie der Geschlechtsverkehr ist dabei stets Träger des Machtverhältnisses. Der Mann betrachtet den sexuellen Kontakt mit der Frau so, als wäre es sein Sieg. Er hat dahingehend eine sehr starke Gewohnheit entwickelt und eine Menge Ausdrücke erfunden: »Ich habe sie vernascht!« »Ich habe ein Rohr verlegt!« »Fotze!« »Das Weib braucht immer einen Braten in der Röhre und einen Knüppel auf dem Rücken!« »Nutte, Hure!« »Ein mädchenhafter Junge!« »Wenn man seine Tochter frei lässt, brennt sie entweder mit dem Trommler oder mit dem Pfeifer durch!« Es ist offensichtlich, wie wirksam der Zusammenhang zwischen Sexualität und Macht in der Gesellschaft ist. Selbst heute noch ist es eine soziologische Tatsache, dass der Mann über der Frau unzählige Rechte besitzt, die bis zum ›Recht auf Morden‹ reichen. Diese ›Rechte‹ werden jeden Tag wahrgenommen. Die überwältigende Mehrheit der Beziehungen haben den Charakter von Übergriffen und Vergewaltigungen.
Die Familie wurde in diesem gesellschaftlichen Zusammenhang als kleiner Staat des Mannes konstruiert. Die stetige Vervollkommnung der Familie in ihrer bestehenden Art und Weise in der Zivilisationsgeschichte rührt von der großen Stärke her, die sie den Staatsapparaten verleiht. Erstens wird die Familie, die um den Mann herum zur Macht wird, zur Keimzelle der Staatsgesellschaft gemacht. Zweitens wird durch die Familie das grenzenlose Arbeiten der Frau ohne Gegenleistung gewährleistet. Drittens kommt sie für den Bedarf an Nachwuchs auf, indem sie Kinder großzieht. Viertens steht sie als Klischee gesellschaftlich für Sklaverei und Hilfsbedürftigkeit. Somit stellt die Familie eigentlich eine Ideologie dar. Sie ist die Institution, durch die die dynastische Ideologie funktionalisiert wird. Jeder Mann sieht sich in seiner Familie als Herrscher eines kleinen Feudalstaates. Diese dynastische Ideologie spielt eine wichtige Rolle bei der Wahrnehmung der Familie als eines sehr wichtigen Phänomens. Über je mehr Frauen und Kinder die Familie verfügt, desto größer die Sicherheit und Würde, die der Mann erlangt. Es ist ebenfalls wichtig, die Familie in ihrer bestehenden Art und Weise als eine ideologische Institution zu betrachten. Wenn man der Macht und dem Staat die Frau und die Familie in ihrer bestehenden Art und Weise entzöge, bliebe sehr wenig an Ordnung übrig. Aber der Preis, den man für diese Art und Weise der Familie zahlt, ist die Gefangenschaft der Frau in einer schmerzhaften, armen, hilfsbedürftigen Existenzweise, in einer Niederlage in einem stetigen Krieg niedriger Intensität. Eine nahezu der im Laufe der Geschichte von Kapitalmonopolen über der Gesellschaft errichteten ähnliche Monopolkette ist das ›männliche Monopol‹ über der Frauenwelt – wohl das älteste und stärkste Monopol überhaupt. Die Existenz der Frau als die älteste Kolonie zu betrachten, führt uns zu realistischeren Ergebnissen. Frauen als ›das nicht zur Nation gewordene älteste Kolonialvolk‹ zu bezeichnen, wäre am zutreffendsten.
Die kapitalistische Moderne hat, trotz ihrer ganzen liberalen Ausschmückung, der Frau weder Freiheit noch Gleichheit beschert, sondern verlieh ihr einen noch schwerer zu ertragenden Status, indem sie ihr zusätzliche Aufgaben auferlegte. Der Status als billigste Arbeiterin, Hausarbeiterin, unbezahlte Arbeiterin, flexible Arbeiterin und Dienerin zeigt, dass der Zustand sich immer weiter verschlimmerte. Zudem wurde der Missbrauch an der Frau als Ilustrierten-Wesen und Werbemittel vertieft. Selbst ihr Körper wird zum Zwecke vielfältigsten Missbrauchs im Warenzustand gehalten. Sie ist das kontinuierliche Anreizmittel der Werbeindustrie. Kurz, sie ist die fruchtbarste Vertreterin moderner Sklaven. Können wir uns eine wertvollere Ware vorstellen als die, die einerseits fortwährendes Vergnügungsmittel ist, andererseits den größten Gewinn einbringt?
Die Bevölkerungsfrage hängt eng mit dem Sexismus, der Familie und der Frau zusammen. Mehr Bevölkerung heißt mehr Kapital. ›Hausfrauentum‹ ist eine Bevölkerungsfabrik – eine Fabrik, die für das System die wertvollsten Waren, derer es sehr bedarf, also Nachkommen, produziert. Leider wurde die Familie unter der monopolistischen Herrschaft in diesen Zustand versetzt. Während die Frau den Preis für alle Schwierigkeiten zu zahlen hat, stellt der Wert der Ware das wertvollste Geschenk für das System dar. Das Bevölkerungswachstum schadet am meisten der Frau. Genauso verhält es sich auch bei der dynastischen Ideologie. Der Familiarismus als populärste Ideologie der Moderne bildet die letzte Phase des Dynastismus. Alle diese Umstände sind in die nationalstaatliche Ideologie ebenfalls sehr gut integriert. Was könnte wertvoller sein, als für den Nationalstaat Kinder großzuziehen? Größere nationalstaatliche Bevölkerung bedeutet größere Stärke. Die Bevölkerungsexplosion basiert also auf dem streng organisierten Kapital und den lebenswichtigen Interessen der männlichen Monopole. Schwierigkeiten, Kummer, Schmerzen, Anschuldigungen, Armut und Hunger gebühren der Frau, Genuss und Gewinn ihrem ›Ehemann‹ und Kapitalisten. Kein anderes Zeitalter in der Geschichte brachte die notwendige Kraft auf, die Frau so vielseitig zu missbrauchen. Die Frau als erste und letzte Kolonie erlebt den kritischsten Moment der Geschichte.
Allerdings bärge eine auf einer mit Freiheit, Gleichheit und Demokratie geladenen Philosophie beruhende Lebenspartnerschaft mit der Frau in sich die Fähigkeit, für das Schöne, Gute und Richtige auf perfektem Niveau zu sorgen. Ich für meine Person finde das Zusammenleben mit der Frau im beschriebenen Status nicht nur äußerst problematisch, sondern auch hässlich, schlecht und falsch. Seit meiner Kindheit habe ich noch nie den Mut gezeigt, mit der Frau unter dem bestehenden Status zusammenzuleben. Es ginge dabei um ein Leben, das einen so starken Trieb wie den Geschlechtstrieb infrage stellt. Der Geschlechtstrieb dient der Fortexistenz des Lebens. Er ist ein Naturwunder, das als heilig angesehen werden sollte. Das Kapital und das männliche Monopol haben aber die Frau dermaßen beschmutzt, dass diese Fähigkeit, dieses Naturwunder in eine äußerst erniedrigte Institution verwandelt wurde, die wie eine »Nachwuchsfabrik« Waren produziert. Während die Gesellschaft mit diesen Waren durcheinander gebracht wird, erlebt die Umwelt unter der Last dieser Bevölkerung (derzeitig rund sieben Milliarden; wenn es so weiter geht, stellen Sie sich vor, wie es der Umwelt mit zehn oder fünfzig Milliarden ginge) Augenblick für Augenblick den Untergang.
Zweifellos ist es ein heiliges Ereignis, mit einer Frau ein gemeinsames Kind zu haben; es ist der Beweis dafür, dass das Leben nicht versiegen wird. Es lässt einen die Unendlichkeit spüren. Könnte es ein wertvolleres Gefühl als das geben? Jede Spezies spürt durch dieses Phänomen die Aufregung, sich ins Unendliche zu begeben. Insbesondere beim heutigen Menschen ereignet sich dieser Umstand aber auf dem Niveau – wie einst ein Dichter sagte – »Verderben bringen uns unsere Nachfahren«3. Es lässt sich nicht leugnen, dass wir wieder einmal mit der Morallosigkeit, Hässlichkeit und Falschheit des Kapital- und männlichen Monopols konfrontiert sind, die sowohl der Ersten als auch der Zweiten Natur widersprechen.
Was von Menschen konstruiert wurde, lässt sich auch von Menschen zerstören. Es handelt sich hier weder um ein Naturgesetz noch um ein Schicksal, sondern um die zu zerstörenden Ordnungen der Monopole, um die Hände des krebskranken und mit Hormonen vollgepumpten Lebens des Netzwerks des schlauen und listigen Mannes. Ich spürte immer, dass dieses perfekte, dieses – sofern man wissen kann – beste Paar im Universum einen tiefen Sinn erlangen sollte. Ich brachte den Mut auf, gegenüber allen Beziehungen dem gemeinsamen Denken mit der Frau, der Diskussion und Behebung der Probleme, wo, wann, wie viele sie auch immer sein sollten, Vorrang einzuräumen. Zweifellos ist nur die Frau, die stark denkt, gute, schöne und richtige Entscheidungen treffen kann, mich fasziniert, indem sie über mich hinauswächst, und meine Gesprächspartnerin sein kann, ein Eckpfeiler meiner philosophischen Suche. Ich habe stets daran geglaubt, dass die Geheimnisse des Lebensflusses im Universum mit ihren besten, schönsten und richtigsten Seiten in dieser Frau eine Bedeutung erlangen werden. Aber ich glaubte im Gegensatz zu allen anderen Männern gleichzeitig auch an meine Moral, die mir das Teilen meiner Existenzweise mit der Ware ›des Mannes und des Kapitals‹, mit ›Hürmüz mit den neunzigtausend Ehemännern‹ verbietet. Also kann über den Feminismus hinaus die ›Jineolojî‹4 (Frauenwissenschaft) zweckdienlich sein5.
Fußnoten
¹ im Original deutsch
² nach dem Albert Einstein zugeschriebenen Aphorismus »Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil.«
³ Die Zeile »Başımıza bela dölümüz bizim« stammt aus dem mehrfach vertonten Gedicht »Nesini söyleyim canım efendim« des wandernden Volkssängers und Dichters Serdâri (ca. 1833–1921).
4 Kurdisch aus jin = Frau und -lojî = -logie.
5 siehe die Ausführungen zum Feminismus im siebten Teil dieses Bandes

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