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Rolle der Frauen im Friedensprozess und Öcalans einzigartiger Ansatz

Meral Çiçek, Aktivistin der kurdischen Frauenbewegung und Journalistin, 
sowie Redaktionsmitglied der Zeitschrift Jineoloji Vor genau 13 Jahren, am

Meral Çiçek, Aktivistin der kurdischen Frauenbewegung und Journalistin, 
sowie Redaktionsmitglied der Zeitschrift Jineoloji

Vor genau 13 Jahren, am 9. Januar 2013, sind in Paris drei kurdische Frauen ermordet worden. Unter ihnen Sakine Cansız, eine der zwei weiblichen Gründungsmitglieder der PKK, lebende Widerstandslegende und Verkörperung des Frauenbefreiungskampfs in Kurdistan. Der vom türkischen Geheimdienst angeworbene Auftragsmörder starb in Haft, noch bevor die Hauptverhandlung begann. Die französische Justiz hat daraufhin den Fall zu den Akten gelegt und so ihren Beitrag dazu geleistet, die eigentlichen Drahtzieher zu schützen und das Attentat im Dunkeln zu lassen. Deshalb protestiert die kurdische Frauenbewegung in Europa dieses Jahr mit der Parole »Keine Gerechtigkeit ohne Aufklärung« und fordert die französische Justiz dazu auf, sowohl das Massaker vom 9. Januar 2013 als auch die Ermordung von drei kurdischen AktivistInnen in Paris am 23. Dezember 2022 lückenlos aufzuklären und die Verantwortlichen zu verurteilen.

Auch aus heutiger Perspektive, im Zusammenhang mit dem aktuellen Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft, ist es von Bedeutung, die Umstände der Ermordung von Sakine Cansız zu beleuchten. Denn dieses Attentat fiel zeitlich zusammen mit dem Beginn der Dialogphase zwischen Abdullah Öcalan und dem türkischen Staat, welche Ende 2012 begonnen und kurz vor den Parlamentswahlen vom 7. Juni 2015 geendet hat. Recep Tayyip Erdoğan, damals noch Premierminister der Türkei, machte am 28. Dezember 2012 publik, dass der türkische Geheimdienst MIT Gespräche mit Abdullah Öcalan führt, um eine Lösung für die kurdische Frage zu finden. Wenige Tage später, am 3. Januar 2013, besuchten zum ersten Mal VertreterInnen der Partei für Frieden und Demokratie (BDP) Öcalan auf der Gefängnisinsel İmralı. Sechs Tage später fand das Pariser Attentat statt.

Erst 45 Tage nach den Pariser Morden hat es ein weiteres Treffen zwischen Öcalan und der BDP gegeben. Das ist bezeichnend und zeigt, dass das Attentat den Prozess vorübergehend ausgesetzt oder mindestens hat stocken lassen. Es ist davon auszugehen, dass zwischen dem 9. Januar und dem 23. Februar 2013, also dem Datum des zweiten Treffens zwischen Öcalan und der BDP, Gespräche zwischen Öcalan und dem türkischen Geheimdienst stattgefunden haben. Bei diesen Gesprächen muss der MIT Öcalan gegenüber versichert haben, dass dieses Attentat von Elementen innerhalb des türkischen Staates und eventuell auch internationalen Kräften, die gegen eine Lösung der kurdischen Frage sind, geplant worden ist. Öcalan selbst sagte hierzu beim Treffen mit der BDP-Delega­tion am 23. Februar 2013: »Hinter der Ermordung von Sakine stecken diese Art von Gruppen. Die neue Gladio wird nicht richtig verstanden. Sie haben alles, was für die Lösung [der kurdischen Frage] gemacht wird, sabotiert. Der Fall Sakine hegt bei mir Argwohn. Es ist unklar. Sakine vertrat in Europa den Frieden. Das Massaker ist nicht aufgeklärt. Es macht keinen Unterschied, ob sie jetzt mich oder Sakine getötet haben. Das ist ein sehr dunkler Vorfall.«

Wollten verschiedene geheimdienstliche Elemente mit diesem Attentat den Friedensprozess sabotieren? Wollten sie Öcalan bedrohen und erpressen? Und noch wichtiger: Wer waren die Drahtzieher? Inwieweit waren ausländische Geheimdienste involviert? Was war ihr Plan in Bezug auf die kurdische Frage und die damaligen Entwicklungen in Rojava? Und welche Schlüsse sind hieraus zu ziehen für den momentanen politischen Prozess in Kurdistan, der Türkei und Syrien? Diese Fragen sollten auch heute im Hinterkopf behalten werden. Übrigens hat Numan Kurtulmuş, Präsident des Türkischen Parlaments und aktuell auch Vorsitzender der im Parlament eingerichteten »Kommission für Nationale Solidarität, Geschwisterlichkeit und Demokratie« Anfang November auf einer Zusammenkunft mit den ChefredakteurInnen einiger Medienunternehmen eingeräumt, dass die Pariser Morde von Elementen innerhalb des türkischen Geheimdienstes begangen worden sind. Jedoch hat er die Schuld auf die Fethullah Gülen Bewegung, die den Staat infiltriert haben soll, geschoben: »In der Phase damals waren die meisten Institutionen, die im Namen des Staates diese Sache geführt haben, unter dem Einfluss von FETÖ [zu Deutsch »Fethullahistische Terrororganisation«]. Vom Leaken der Oslo-Gespräche bis zu den Attentaten in Frankreich resultierten daraus alle Sabotageaktionen. Heute jedoch befindet sich die Phase vollkommen unter Kontrolle der politischen Macht.«1

Rolle der Frauen im Friedensprozess

Es ist kein Zufall, dass die Gegner einer friedlichen Lösung der kurdischen Frage am 9. Januar 2013 mit einem bis dato beispiellosen Angriff auf die kurdische Frauenbewegung versucht haben, den Prozess zu untergraben. Dieser Angriff stand in direktem Zusammenhang mit der Rolle und Bedeutung der Frauenbewegung im Friedensprozess. Denn in diesem Punkt ist die Herangehensweise von Abdullah Öcalan beispiellos.

Die Teilnahme von Frauen in Friedensprozessen wird auch im Rahmen der UN Resolution 1325 mit der Agenda »Frauen, Frieden und Sicherheit« gefordert. Jedoch ist 25 Jahre nach Verabschiedung der Resolution die Repräsentation und Partizipation von Frauen in Friedensverhandlungen immer noch sehr, sehr gering. Den Vereinten Nationen nach waren 2024 weltweit nur 7 % der Verhandlungsführer:innen Frauen und in 9 von 10 Friedensverhandlungen waren Frauen nicht vertreten. In Vermittlungsrollen lag die Repräsentation bei 14 %, wobei zwei Drittel der Mediationen keine Frauen einschlossen². Dabei besteht theoretisch Einigkeit darüber, dass nur mit aktiver Teilnahme von Frauen Frieden sowohl möglich als auch dauerhaft sein kann.

Jedoch sollte die Teilnahme und Vertretung von Frauen in Friedensprozessen und Verhandlungen nicht nur auf Zahlen reduziert werden. Wichtig ist neben der Quantität auch die Qualität. Aus dieser Sicht stellen die Herangehensweise und das Verständnis von Abdullah Öcalan sowie die praktischen Erfahrungen sowohl im Prozess 2013-2015 als auch in der aktuellen Phase ein wichtiges Beispiel dar und verdienen dementsprechend auch im Rahmen der Agenda »Frauen, Frieden und Sicherheit« Respekt und Wertschätzung.

Die »Friedensphase« von 2013 bis 2015 begann offiziell am 3. Januar 2013 mit einem Treffen zwischen Abdullah Öcalan und den damaligen BDP-Abgeordneten Ayla Akat Ata³ und Ahmet Türk auf der Gefängnisinsel İmralı. Die Zusammenstellung dieser ersten Delegation reflektierte die Realitäten der kurdischen Bewegung in Bezug auf Gleichstellung der Geschlechter. Zum damaligen Zeitpunkt praktizierte die BDP bereits das Prinzip des Co-Vorsitzes mit Gültan Kışanak und Selahattin Demirtaş als Co-Vorsitzende. Am zweiten Treffen zwischen Öcalan und Abgeordneten der BDP nahmen Pervin Buldan (damals Fraktionsvorsitzende der BDP), Sırrı Süreyya Önder und Altan Tan teil. Im weiteren Prozess gab es noch zweimal personelle Veränderungen in der İmralı-Delegation der BDP bzw. HDP4, jedoch sind Pervin Buldan und Sırrı Süreyya Önder konstant Teil der Delegation geblieben. Mit einem Besuch von Pervin Buldan und Sırrı Süreyya Önder auf der İmralı-Insel am 28. Dezember 2024 hat auch der momentane Prozess begonnen.

Sowohl 2013-2015 als auch im aktuellen Prozess hat es kein einziges Gespräch zwischen Öcalan und VertreterInnen der pro-kurdischen Parteien (BDP, HDP und aktuell DEM Partei) ohne Frauenpartizipation und -repräsentation gegeben. Aber Pervin Buldan saß (und sitzt) nicht »nur« am Verhandlungstisch, damit eine Quote eingehalten oder umgesetzt wird. Auch ist sie hier nicht als Einzelperson zu sehen. Denn zugleich fungiert sie auch (nicht nur) als Brücke zwischen der Frauenbewegung und İmralı. In dieser Funktion steht sie in ständigem Kontakt mit der kurdischen Frauenbewegung und anderen Frauengruppen in der Türkei sowie mit inhaftierten Politikerinnen. Sie ist für diese auch eine Art Ansprechperson in Zusammenhang mit dem Prozess. So können Vorschläge, Kritikpunkte und Botschaften von Frauen bezüglich des Prozesses an Öcalan weitergetragen werden. Ein Nebeneffekt der Präsenz von Pervin Buldan ist, dass Öcalan bei fast jedem Gespräch die Frauenfrage anspricht, seine Gedanken hierzu zum Ausdruck bringt und den Zusammenhang zwischen Frieden und Frauenbefreiung konkretisiert. D.h. bei jedem Gespräch wird auch über die Geschlechterfrage und Perspektiven für die Frauenbefreiung gesprochen. Das ist einzigartig. Es hat weltweit bisher keinen Friedensprozess gegeben, bei dem die Frage der Freiheit der Frau so stark im Zentrum gelegen ist. Und das hängt natürlich mit Abdullah Öcalans Verständnis von Freiheit sowie seiner Verbundenheit mit dem Frauenbefreiungskampf zusammen. Auch dieser Punkt wird leider immer noch viel zu wenig zur Kenntnis genommen von Organisationen, die eine starke Teilnahme von Frauen in Friedensprozessen propagieren, allen voran der UNO und UN Women.

Frauenbefreiung als strategische Säule des Friedensprozesses

In Öcalans Ansatz stellt die Frage um die Freiheit der Frau eine strategische Säule des Friedensprozesses selbst dar. Aus diesem Grund hat er während des Prozesses 2013-2015 vorgeschlagen, dass eine Frauenfreiheitskommission gegründet wird. Insgesamt hatte er die Gründung von 8 Kommissionen vorgeschlagen, mit denen der Friedensprozess sowohl in konkreten Feldern vertieft als auch vergesellschaftlicht werden sollte. Daraufhin sind zahlreiche Frauen aus Kurdistan und der Türkei im Mai 2015 in Istanbul bei der »Frauen Freiheitstagung zur Phase der Demokratischen Lösung und Verhandlungen« zusammengekommen und haben dort die Gründung der Frauenfreiheitskommission beschlossen, welche im Juli desselben Jahres ihre Arbeiten aufgenommen hat.

Die spezielle Herangehensweise von Öcalan reflektiert sich auch auf den Tagesordnungen, die er häufig vor den Gesprächen erstellt und schriftlich festgehalten hat. Beispielsweise findet sich der Tagesordnungspunkt »Frauenbefreiung und gesellschaftliche Partizipation« auf einer Liste, die Öcalan am 15. August 2014 als Agenda für ein Gespräch mit der HDP-Delegation erstellt hat, wieder5.

Obwohl mit der Abgeordneten Pervin Buldan eine Frau ihren Platz am Verhandlungstisch eingenommen hatte, hat sich Öcalan im weiteren Prozess für eine direkte Vertretung der kurdischen Frauenbewegung stark gemacht. Ihm ist sehr wichtig gewesen, dass die Frauenbewegung ihre eigene Vertreterin entsendet und somit der Wille der Frauenbewegung als organisierte Kraft am Verhandlungstisch repräsentiert wird. Das stellt qualitativ gesehen einen großen Unterschied dar. Und deshalb wurde diese Forderung von Öcalan auch lange Zeit vom türkischen Staat abgelehnt. Als die damals 37jährige Ceylan Bağrıyanık als Vertreterin der Demokratischen Freien Frauenbewegung (DÖKH) dann am 4. Februar 2015 als Teil der İmralı-Delegation das erste Mal am Treffen mit Öcalan teilnehmen konnte, sagte dieser: »Es war ein Kraftakt, Sie hierher zu bekommen. Ich habe mich sehr darum bemüht. Sie hierher zu holen, war schwieriger als den Staat zu verändern. Aber am Ende haben wir es geschafft.« Die Bedeutung der direkten Vertretung und Teilnahme der Frauenbewegung am Friedensprozess unterstrich Öcalan am 27. Februar 2015 folgendermaßen: »Ich gratuliere den Frauen dazu, dass sie zum ersten Mal in einem Verhandlungsprozess vertreten sind. Das hat historische Bedeutung.«

In Öcalans Denken sind Frieden und Frauenbefreiung nicht voneinander zu trennen. Für ihn stellt die Versklavung und Ausbeutung der Frau den Ursprung der sozialen Frage dar, welche historisch gesehen wiederum durch Anwendung von Gewalt und Krieg entstanden ist. Unter Bedingungen von Krieg als Konzentration von Gewalt können weder Frau noch Gesellschaft frei sein. Ebenso können Krieg und Demokratie nicht gemeinsam existieren. Das heißt, in Zeiten des Krieges verschärft sich die soziale Frage.

Zusammenhang von Frieden und demokratischer Gesellschaft

Öcalan versteht Frieden nicht als das Schweigen von Waffen. Im Gegenteil; er definiert den Kriegszustand als »das Fehlen des Friedens«6. Frieden ist für ihn untrennbar mit seinem Konzept der »demokratischen Gesellschaft« verbunden, weshalb er seinen Aufruf vom 27. Februar 2025 auch als »Aufruf für Frieden und eine demokratische Gesellschaft« betitelt hat. Die »demokratische Gesellschaft« ist in Öcalans Schriften und Denken ein Dauerthema. Deshalb finden sich verschiedene Definitionen, welche jeweils unterschiedliche Aspekte der demokratischen Gesellschaft beleuchten. Beispielsweise schreibt Öcalan im 3. Band seines Manifests der demokratischen Zivilisation: »In den Versuchen mit individualistischen (zügelloser Liberalismus) und kollektivistischen (Pharaonensozialismus) Modellen des zwanzigsten Jahrhunderts, die große Zerstörungen nach sich zogen, hat sich deutlich gezeigt, dass die demokratische Gesellschaft den fruchtbarsten Boden für eine Harmonisierung der individuellen Freiheiten und der kollektiven Freiheiten darstellt. Wir können festhalten, dass die demokratische Gesellschaft das geeignetste gesellschaftspolitische Regime ist, um sowohl individuelle mit kollektiven Freiheiten auszubalancieren als auch ein Verständnis von Gleichheit zu fördern, das auf Unterschiedlichkeiten basiert.«7

In seinen Perspektiven, die von Öcalan als Politischer Bericht an den Auflösungskongress der PKK gesendet worden sind, fungiert die demokratische Gesellschaft auch als Synonym für die demokratische Kommune und demokratischen Sozialismus. Die demokratische Gesellschaft steht also für eine soziale Lebensweise, Beziehungsstrukturen und Selbstorganisierung entsprechend kommunalistischer Prinzipien. Diese Prinzipien definiert Öcalan als Ablehnung jeglicher Form von Macht, Herrschaft und Ausbeutung sowie als egalitäre, freiheitliche, ökologische und solidarische Lebenskultur. Die demokratische Gesellschaft basiert auf Selbstverwaltung und Selbstverteidigung. Sie ist außerhalb des Staats zu lokalisieren und erkennt die Existenz des Staates im Rahmen einer »demokratischen Integration« an, fordert aber ebenso vom Staat anerkannt und akzeptiert zu werden. Öcalan hatte dieses Verhältnis zuvor als »Staat + Demokratie« formuliert. Daraus folgt die Losung: – »Frieden, in letzter Instanz, ist die bedingte Übereinkunft zwischen der Demokratie und dem Staat.«

Frauen spielen eine führende Rolle im Aufbau der demokratischen Gesellschaft. Denn Demokratie erfordert die Überwindung von Herrschaft und Ungleichheit nicht nur im Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft, sondern in allen gesellschaftlichen Beziehungen. Die demokratische Gesellschaft steht im Widerspruch zum Patriarchat. Sie funktioniert über eine demokratische Gesellschaftskultur. Öcalan hatte dies in seinen Verteidigungsschriften als »politische und moralische Gesellschaft« definiert. Vereinfacht heißt das, dass alle Teile der Gesellschaft auf gleichberechtigte Weise sich am gesellschaftlichen Prozess beteiligen, dass sie ihre Bedürfnisse und Probleme gemeinsam diskutieren, gemeinsam Beschlüsse fassen und diese auch gemeinsam umsetzen. Inhaltlich geht es dabei auch darum, die Gesellschaft bzw. das Gesellschaftliche von neuem aufzubauen und zu verteidigen in einer Welt, in der durch den Liberalismus Gesellschaft auf eine Gruppe von Individuen reduziert und dadurch die Kommunalität – die Stammzelle gesellschaftlichen Lebens – abgebaut wird.

Frauen und demokratische Politik

In seinen Schriften analysiert Öcalan die Rolle von Frauen im Aufbau von gesellschaftlichem Leben aus historischer Sicht. Er unterstreicht die führende Rolle der Mutter-Frau in der Entwicklung von Kommunalität und gesellschaftlichen Werten und bezeichnet sie als »Hauptstifterin«. Dabei stützt er sich auf Forschung zu matrilinearen Clan-Gesellschaften im Paläolithikum und Neolithikum in Mesopotamien. Göttinnenkult stellt er in Verbindung hierzu und interpretiert diesen Kult nicht nur im Zusammenhang mit Fruchtbarkeit, sondern mit der Rolle, welche die Frau im Aufbau des gesellschaftlichen Lebens gespielt hat.

Öcalan nach ist es essentiell, dass Frauen – kommunalistische Frauen – für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft diese Rolle zurückfordern. Mit der Frage »Wie wird man zu einer kommunalistischen Frau?« macht er darauf aufmerksam, dass dies in einem Prozess der Geschlechterbefreiung geschehen muss. Frauen müssen Kleider und Ketten, Denkarten und Gefühle des patriarchalen Ausbeutungssystem und der kapitalistischen Moderne ablegen, um eine führende Rolle im Aufbau der demokratischen Gesellschaft spielen zu können. Die autonome Organisierung der Frauenbewegung bildet den Raum und den Rahmen für die Bildung dieses Geschlechterbewusstseins und ist deshalb immer noch notwendig. Hierzu schreibt Öcalan in seinem Buch Soziologie der Freiheit: »Es heißt oft, das allgemeine Niveau der Freiheit einer Gesellschaft sei proportional zum Niveau der Freiheit der Frau. Entscheidend ist nur, zu welchen inhaltlichen Konsequenzen diese richtige Feststellung führt. Die Freiheit und Gleichheit der Frau sind nicht lediglich Maße für die gesellschaftliche Freiheit und Gleichheit. Sie erfordern auch Theorie, Programm, Organisation und Handlungsmechanismen. Noch wichtiger: Dies zeigt auch, dass es ohne Frauen keine demokratische Politik geben kann, dass sogar eine Klassenpolitik mangelhaft bleibt, kein Frieden geschaffen und keine Umwelt geschützt werden kann.«

Die Teilnahme und Vertretung von Frauen in Friedensprozessen kann nicht losgelöst von der Teilnahme am politischen Leben gedacht werden. Wenn Frauen keine starke Rolle in der Politik spielen, werden sie auch nicht in der Lage sein, Inhalte und Ziele von Verhandlungen zu beeinflussen. 2013-2015 ist zugleich auch die Phase gewesen, in der innerhalb der kurdischen Freiheitsbewegung in allen Teilen Kurdistans und in der Diaspora das Modell des Co-Vorsitzes und das Prinzip der gleichen Partizipation und Repräsentation etabliert worden ist. Dieses Prinzip besagt, dass Frauen in allen Entscheidungsmechanismen gleich vertreten sind. Dabei geht es nicht nur um quantitative Gleichheit, sondern um die qualitative Dimension. Denn die gleiche Teilnahme und Vertretung stellt aus Sicht von Frauen nicht nur eine Möglichkeit, sondern zugleich auch eine große Verantwortung dar. Ihre Aufgabe ist es, transformativ zu agieren, indem sie in allen Mechanismen eine Kultur der Demokratie und eine Mentalität der Freiheit leben und repräsentieren. Das ist die Essenz der demokratischen Politik. In diesem Sinne spielen sie eine führende Rolle in der Demokratisierung von Politik. Hierfür ist autonome Organisierung von allen Frauen notwendig. Denn letztendlich geht es darum, den kollektiv organisierten Willen der Frauenbewegung zu repräsentieren und nicht als Einzelpersonen zu agieren.

Kein Frieden ohne Demokratie und Freiheit

Frieden bildet den Grundboden für die Entfaltung der demokratischen Gesellschaft. Frieden ist dementsprechend kein Endziel, sondern notwendige Grundlage, damit Gesellschaft sich frei, gleichberechtigt und demokratisch organisieren kann. D.h. die demokratische Gesellschaft kann nur unter friedlichen Bedingungen existieren und umgekehrt kann es Frieden nur geben, wenn der Staat die Existenz und den Willen der demokratischen Gesellschaft anerkennt. Konkret heißt dies, dass der türkische Staat die Existenz des kurdischen Volks als demokratischer Gesellschaft mit ihren eigenen demokratischen Institutionen anerkennt und diese sich auf Grundlage gegenseitiger Anerkennung demokratisch integriert.

Die Selbstorganisierung als demokratische Gesellschaft erfordert gesellschaftliche Veränderung und Transformation bzw. Selbstdemokratisierung. Deshalb spricht Öcalan vom »Aufbau der demokratischen Gesellschaft«. Führende Rolle in diesem Prozess trägt die Frau, die im autonom organisierten Bereich ein Bewusstsein für Freiheit, Gleichheit und Demokratie bildet und in gemischten Strukturen gegen Patriarchat, Sexismus, Reaktionismus, Zentralismus, Bürokratie, Macht und Hierarchien kämpfend gesellschaftlichen Wandel fördert. Diese Schlüsselrolle von Frauen für gesellschaftliche Freiheit und Demokratie gilt ebenso für Frieden. Genauer gesagt sind Freiheit, Demokratie und Frieden nicht voneinander zu trennen und können nicht ohne einander existieren.

Das Schlusswort möchte ich an dieser Stelle an Abdullah Öcalan weiterreichen, der in seiner Soziologie der Freiheit, welche in diesem Text oft zitiert worden ist, dieses Verhältnis zwischen Frau und der Dreieinigkeit zwischen Frieden, Freiheit und Demokratie eindrucksvoll zum Ausdruck bringt: »Die Frau als fundamentaler Bestandteil der moralischen und politischen Gesellschaft spielt eine entscheidende Rolle bei der Bildung einer Ethik und Ästhetik des Lebens, die Freiheit, Gleichheit und Demokratisierung widerspiegeln. Die Wissenschaft von Ethik und Ästhetik ist ein integraler Bestandteil der Frauenwissenschaft. Aufgrund ihrer hohen Verantwortung im Leben wird die Frau zweifellos die treibende intellektuelle und umsetzende Kraft hinter Durchbrüchen und Fortschritten in allen ethischen und ästhetischen Angelegenheiten sein. Die Verbindung der Frau mit dem Leben ist viel umfassender als die des Mannes. Damit hängt das hohe Niveau ihrer emotionalen Intelligenz zusammen. Deshalb ist Ästhetik im Sinne einer Verschönerung des Lebens eine existentielle Angelegenheit für die Frau. Auch in ethischer Hinsicht (Ethik = Theorie der Moral, Ästhetik = Theorie der Schönheit) trägt die Frau eine umfassendere Verantwortung. Es liegt in ihrer Natur, dass die Frau sich im Sinne der moralisch-politischen Gesellschaft realistischer und verantwortungsvoller verhält, wenn es darum geht, Bewertungen, Feststellungen und Entscheidungen in Bezug auf die guten und schlechten Aspekte von Bildung, die Bedeutung des Lebens und des Friedens, die Übel und Schrecken des Krieges sowie Fairness und Gerechtigkeit zu treffen. Damit meine ich natürlich nicht die Frau, die Marionette und Schatten des Mannes ist. Es geht um die freie und gleiche Frau, die sich die Demokratisierung zu eigen gemacht hat.« (S. 382)

Fußnoten
¹ www.bbc.com/turkce/articles/cvgdnp48qkno.amp
² https://docs.un.org/en/S/2025/556
³ Ayla Akat Ata war Anfang der 2000er Jahre auch Anwältin von Öcalan.
4 Im Juni 2014 hat sich die BDP mit der HDP zusammengeschlossen und die Fraktion im Türkischen Parlament hat sich umbenannt.
5 Die Protokolle der Gespräche zwischen Öcalan und der BDP bzw. HDP Delegation von 2013 bis 2015 sind 2015 vom Mesopotamien-Verlag mit dem Titel »Demokratik Kurtuluş ve Özgür Yaşamı İnşa – İmralı Notları« (Demokratische Befreiung und Aufbau des Freien Lebens – İmralı Notizen) in Buchform veröffentlicht worden.
6 Öcalan, Abdullah: Soziologie der Freiheit. Manifest der demokratischen Zivilisation, Band III, Münster, 2020, S. 178
7 Ebd. S. 63 f.
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Kurdistan Report 240 / Januar – März 2026

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