Warum der »Kurdistan Report« erschien

Warum der »Kurdistan Report« erschien

Ein Rückblick auf die Anfänge 1982

Redaktion des Kurdistan Report

Der folgende Beitrag erschien unter dem Titel »Warum erscheint der Kurdistan Report« in der allerersten Ausgabe des Magazins im November 1982. Wir veröffentlichen ihn hier1, um einen Einblick in diese Geschichte zu geben und auf das umfassende Archiv aufmerksam zu machen, das online verfügbar ist2. Betrachten wir die Entwicklung des Kurdistan Reports über die Jahre seines Erscheinens, wird auch die sich mit der Zeit verändernde Realität der kurdischen Gesellschaft sowie der Befreiungsbewegung Kurdistans deutlich. Die Berichterstattung der 80er war geprägt von der Folter und dem Widerstand dagegen in den türkischen Gefängnissen und dem Guerillakrieg, der zwei Jahre nach dem Erscheinen des ersten Kurdistan Reports aufgenommen wurde. In den 90ern rückten die Dorfvernichtungen, die Serhildans und die Weltpolitik mehr in den Fokus, nicht zuletzt mit dem internationalen Komplott 1998/99 und der Inhaftierung Abdullah Öcalans auf der Gefängnisinsel İmralı. Neue Schriften Öcalans und Konzepte wie die Demokratische Autonomie und deren Umsetzung in Nordkurdistan wurden in den 2000ern intensiv diskutiert. In den 2010ern kam die Rojava-Revolution auf, bald darauf gefolgt von knapp einem Jahrzehnt des intensiven Widerstands gegen die türkische Vernichtungspolitik. Durch die Gespräche mit Abdullah Öcalan, die seit 2024 wieder möglich sind, ist nun eine neue Phase angebrochen, die ebenso in den letzten Ausgaben des Kurdistan Reports dokumentiert ist. Auch wenn der Kurdistan Report mit dieser 241. Ausgabe zu einem Ende findet, geben die seit knapp 44 Jahren erschienenen Ausgaben, die heute im Onlinearchiv abrufbar sind, einen unvergleichlichen Einblick in all diese Jahre des Befreiungskampfes in Kurdistan.

 

Der Kurdistan Report erscheint, um das Kurdistan-Problem, welches seit Hunderten von Jahren nicht gelöst ist, und die Region des Mittleren Ostens mit all ihren Konflikten der europäischen Öffentlichkeit nahezubringen.

Kurdistan wird von den vier herrschenden Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien in einem klassischen Kolonie-Status gehalten. In seiner ganzen Geschichte hat unser Volk sich gegen Fremdherrschaften gewehrt. Heute leidet es unter reaktionären und barbarischen Staaten, die seine Existenz zu vernichten bestreben. Den Kampf des kurdischen Volkes gegen diese Unterdrückung versuchen die Herrschenden von der Weltöffentlichkeit abzuschirmen. Insbesondere den in den letzten Jahren von der PKK in dem türkisch beherrschten Teil Kurdistans ins Leben gerufenen Widerstandskampf, will man als »Separatismus und Terrorismus« diffamieren sowie seine Erfolge vor der Weltöffentlichkeit verbergen.

Es waren nicht nur die Herrschenden und Reaktionäre, die die Befreiungsbewegung Kurdistans bekämpften und diffamierten, sondern auch diejenigen, die sich bei jeder Gelegenheit »fortschrittlich« nannten. Diejenigen, die bei jeder Gelegenheit ihre volle Solidarität mit den unterdrückten Völkern bekundeten, aber die nicht von Kurden und Kurdistan wissen wollten. Ein ganzes Volk mit seiner Sprache, Kultur, Gesellschaft und Geschichte wurde ignoriert. Manche setzten das Kurdistan-Problem lediglich mit einem Sprach- und Kultur-Problem gleich.

Aber was ist das Kurdistan-Problem in der Realität? Warum sind so manche Menschen dermaßen empfindlich, wenn man sie auf Kurdistan anspricht?

Für die Imperialisten ist der Mittlere Osten heute wegen seiner billigen Arbeitskraft, eines guten Absatzmarktes, billiger Rohstoffe – insbesonders Öl – und seiner geopolitischen Lage von lebenswichtiger Bedeutung. So versuchen alle Kräfte, das Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten zu verändern. Wer diese Region beherrscht, wird auch die Weltpolitik entsprechend gestalten können.

Aber die Entwicklungen laufen nicht so, wie die Imperialisten es sich wünschen. So wie die Völker von Asien, Afrika, Latein-Amerika und dem Fernen Osten, nehmen auch die Völker des Mittleren Ostens den Kampf zur nationalen und sozialen Befreiung auf.

Kurdistan liegt in der Mitte des Mittleren Ostens und nimmt den ersten Platz unter den ungelösten Problemen ein. Die Entwicklung der letzten Jahre in allen Teilen Kurdistans bestätigt, dass eine Lösung, d.h. Befreiung im Interesse des kurdischen Volkes, eine Änderung in der gesamten politischen Landkarte des Mittleren Ostens herbeiführen würde.

Die jüngsten Ereignisse im Nahen Osten, die Entwicklungen im türkischen Kurdistan3, zeigen, dass für eine Änderung in diesem Sinne, Kurdistan eine besondere Aufgabe zufällt.

In türkischen Kurdistan ist die revolutionäre Bewegung erst 1973 entstanden. Davor gab es überhaupt keine kurdische linke Bewegung. Diese Bewegung fand bei der Bevölkerung breite Unterstützung und Sympathie, sodass 1978 die PKK (Arbeiterpartei Kurdistan) aus ihr hervorging. In den letzten Jahren konnten durch vielfältige Kampfformen die Autorität des türkischen Staates infrage gestellt, die Macht der Feudalherren geschwächt und die Faschisten (Graue Wölfe) zum Teil aus Kurdistan vertrieben werden. Insofern war die Entwicklung in Kurdistan einer der entscheidenden Faktoren für den Putsch.

Nach dem Putsch sind hunderttausende von Menschen verfolgt und gefoltert, tausende in Gefängnissen gesteckt, hunderte durch Folter ermordet worden.

Trotz all dieser Fakten konnte der legitime Kampf des kurdischen Volkes der europäischen Öffentlichkeit und interessierten Menschen entweder gar nicht oder nur auf verzerrte Weise vermittelt werden.

Der »Kurdistan Report« will diese Lücke innerhalb seiner Möglichkeiten schließen.

Er will über aktuelle Entwicklungen aus gesamt Kurdistan, jedoch mit Schwerpunkt auf den türkischen Teil Kurdistans, berichten.

Er will berichten:
von der Geschichte, Kultur, Politik und Wirtschaft
von Gefängnissen, welche Symbole des Widerstands wurden
von Kooperationen zwischen Parteien und Gruppen
von Änderungen, Entwicklungen des Mittleren Ostens aus unserer Perspektive
von der Lage der hier zu Tausenden lebenden kurdischen Arbeitsmigranten und von der Asyllage
Wir hoffen auf die Solidarität der Demokraten im mühsamen, schwierigen Kampf des kurdischen Volkes um seine Unabhängigkeit und Freiheit.
Wir freuen uns über jeden Anstoß.
Euer Kurdistan Report

 

1 Der Beitrag von 1982 wurde für diese Veröffentlichung in Bezug auf Sprache und Grammatik überarbeitet.
2 http://kurdistan-report.de/archiv
3
Gemeint sind der Militärputsch in der Türkei 1980 und die anschließende Repressionswelle gegen alle sozialistischen Kräfte in der Türkei und Nordkurdistan


Kurdistan Report 241 – April / Mai / Juni 2026

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