Ich war Mensch

Ich war Mensch

Gedicht

Ali Haydar Kaytan

 

Kein Unterschied zwischen mir
und anderen Knechten Gottes
neun Monate, zehn Tage
im Bauch der Mutter geborgen
geboren, gewachsen, gesprochen
gegessen, gelebt
erst siebenundzwanzig
gelebt nicht genug
ein junger Spross,
Freund des Guten, Schönen, Neuen, Wahren,
dem Bösen, Hässlichen, Alten, Krummen Feind

Ich war Mensch!
Sie nahmen mir das Leben zur Unzeit
an einem strahlenden Tag im Mai, dem 18.,
hingestreckt auf den Boden,
den ersehnten, den geliebten,
für den ich mich aufgemacht hatte,
geölte Kugeln trafen meinen jugendlichen Körper,
von Kopf bis Fuß voll Blut war ich

Mensch war ich
treuer Freund aller Leidenden
Feind der Unterdrückung, Verfolgung und Ausbeutung
im Kampf für Unabhängigkeit und Freiheit
in vorderster Reihe des Volkes
kämpfte tapfer mit der Waffe in der Hand
sie stieß an auf meinen Tod, die Verräterbande,
in Liedern, fröhlich und klagend,
im Klang der Waffen weiter lebte ich
das ahnten sie nicht

Mensch war ich
die prächtige Wut der Arbeiter
der Bauern ich
gegen Kolonialismus, Imperialismus
und die Reaktion vor Ort
die laute Stimme meines Volkes, das sich erhebt,
jeder Zentimeter von mir: Aufstand
Ich war kein Verräter
der seine Ehre für ein paar Silberlinge hergibt
noch war ich Sultan, der Menschen frisst und Blut säuft

Mensch war ich
fünfzehn unerwünschte Seelen war ich
auf dem Grund des Schwarzmeers, den Fischen zum Fraß
ich war Ararat, ich war Koçgirî,
ich war Dêrsim, ich war Zîlan
ich war das Baby, das noch nicht die Sonne gesehen,
aufgespießt auf Bajonette

Mensch war ich
vergessen vielleicht eines Tages Folter, Leid und Trauer
doch nie vergessen ich
denn ich war Legende, flog von Ohr zu Ohr
der aus den Bergen, von den Barrikaden,
auf den Feind feuernden Guerilla
Erkennungszeichen

Mensch war ich
war das Blut im Mund des Kolonialisten,
der seine Krallen und widerlichen Zähne in meinen Körper trieb
ich war Massaker, Hinrichtung, Vertreibung
ich war Zwangsumsiedlung
Hände und Arme gefesselt
Pate, Verwandter und Angehöriger
manchen ein Freund
grad hier gossen sie Benzin über mich
unsere Asche vermischt
ich brannte lichterloh mit Hunderttausenden
sie ähnelten mir, die Mörder

aber ich war Mensch
Geschichte
der Unterdrückten und Verachteten…
In die Mangel genommen
rot vom Blut
vernichten wollten mich
Kaiser, Sultane, alle Teufel
trieb in die Erde meine Wurzeln
und widerstand bis heute.

Mensch war ich
schlug Dehak den Kopf ab
Kawa der Schmied ich
schwang den Hammer auf den Amboss
nie wieder verlosch
das Feuer des Aufstands hier
eine rote Fackel war ich
an jedem einundzwanzigsten März
auf den Gipfeln der Berge brannte ich

Mensch war ich
mit Spartakus in den Arenen Roms
die erste Hoffnung
war der erste Guerilla
stand auf gegen die Herren
1871 in Paris, war in Russland im Oktober 1917,
in China, in Korea, in Kuba, in Vietnam
trug ich die rote Fahne
in Laos, in Kambodscha, in Mosambique, Angola,
war ich die Feuer speiende Mitrailleuse!
Durchbohrte den Bauch des Verräters, des Kolonialisten
hallte wider von Front zu Front
sie nahmen mir das Leben zur Unzeit
die mit der Maske, der widerlichen,
der Liebe zur Heimat, auf ihrem Gesicht.
Militanter war ich
einer Welt ohne Krieg,
ohne Ausbeutung, galt mein Kampf
erst siebenundzwanzig, ein blutjunger Spross
für die heilige Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit
färbte ich mich blutrot

Mensch war ich
der nicht endende Kampf: ich
das Land, das nach Unabhängigkeit dürstet
der Boden mit Befreiung gedüngt
KURDISTAN war ich!

Verfasst anlässlich der Ermordung Haki Karers im Mai 1977.