Die Asche von Minbic

Die Asche von Minbic

Stille Schreie und eine verlorene Freiheit

Sinan Cudi, Journalist aus Nord- und Ostsyrien

Im Norden Syriens, wo einst revolutionäre Träume keimten, steht Minbic nun unter der Besatzung von Banden der sog. Syrischen Nationalen Armee (SNA), die vom türkischen Staat unterstützt werden. Mit der Besatzung hat sich nicht nur die Verwaltung geändert, sondern auch die Lebensvorstellungen eines Volkes, die es über Jahrzehnte hinweg aufgebaut hatte. Die Säulen der Freiheit, die die Frauen mit ihrer Arbeit errichtet hatten, und die Straßen, in denen einst das Lachen der Kinder hallte, sind zerstört.

In Minbic herrscht nun Stille. Aber in dieser Stille hallt eine Stimme wider: die Stimme einer arabischen Frau.

In diesem Artikel lesen Sie ihr Zeugnis. Es ist nicht die Stimme einer Führerin, einer Politikerin oder einer Journalistin. Es ist die Stimme einer Frau, die mitten im Leben steht, die auf dem Feld arbeitet, ihre Kinder versteckt und den Untergang ihres Viertels miterlebt hat. Um zu verstehen, was heute in Minbic geschieht, ist dies vielleicht der beste Ort: das Innere des Herzens.

Der Geruch der Angst liegt in den Straßen. In den Augen herrscht angespannte Stille. Die Nachbarschaft ist misstrauisch geworden, die Frauen arbeiten nur noch auf den Feldern, die Schulen sind geschlossen, die Lehrer sind Bauern geworden. Wo früher Ideen diskutiert wurden, hört man jetzt nur noch Flüstern. Willkürliche Regeln, die unter dem Namen »Scharia« aufgezwungen werden, haben die Träume eines Volkes zerstört.

Dieser Artikel wurde inmitten dieser Stille geschrieben.

Und diese Zeilen beginnen mit den Worten einer Frau: »Mir geht es nicht gut.«

Angst und Ungewissheit

Nach dem 10. Dezember 2024 ist das Auffälligste in Minbic ein öffentliches Leben, in dem jegliches Gefühl von Sicherheit verschwunden ist. Sowohl die psychische Verfassung als auch das Alltagsverhalten der Zivilbevölkerung in der Region sind von außerordentlichem Druck geprägt. Die Zivilist:innen, die im Stadtzentrum und in den ländlichen Gebieten leben, bewegen sich mit dem Gefühl, jederzeit mit einem neuen Angriff, einem Bombenanschlag oder willkürlicher Gewalt konfrontiert zu sein.

In den uns vorliegenden Zeugenaussagen wird diese Atmosphäre mit folgenden Worten beschrieben: »Ihr Verhalten und ihre Haltung zeigten, dass in den öffentlichen Räumen kein Gefühl der Sicherheit mehr vorhanden war. Ihre Augen sprachen Bände: Es konnte jeden Moment zu einer Explosion kommen …«

Insbesondere in der Innenstadt ist die Lebendigkeit an Orten, an denen sich viele Menschen aufhalten, fast vollständig zum Erliegen gekommen. Die Menschen verlassen ihre Häuser nur, um ihre Grundbedürfnisse zu decken, und nehmen nur die Hauptverkehrswege, um den Heimweg nicht zu verlängern. Zeugenaussagen zufolge scheuen Menschen, die sich früher vertraut waren, nun sogar davor zurück, einander zu grüßen.

Diese Situation lässt sich nicht nur durch physische Bedrohungen erklären, sondern auch durch noch frische Traumata. Die Bombenanschläge, die früher vom IS und heute von SNA-Banden verübt werden, haben im Gedächtnis der Stadt eine Atmosphäre der Angst geschaffen, die nicht mehr zu vertreiben ist. Für die meisten Menschen haben diese Anschläge die Illusion von Sicherheit vollständig zerstört. Angst ist nicht mehr nur ein Gefühl, sondern einer der grundlegenden Parameter, die das Verhalten bestimmen.

Unter diesen Bedingungen sind individuelle Beziehungen, Nachbarschaftshilfe und die Nutzung öffentlicher Räume völlig aufgelöst. Die Zeugin sagt: »Niemand fordert mehr etwas, weil niemand weiß, was mit demjenigen passiert, der seine Stimme erhebt.« Angst und Unsicherheit haben nicht nur die Grenzen der Straße, sondern auch die Grenzen des Denkens und Sprechens gezogen.

Ein Leben ohne Freiheit für Frauen: Soziale Ausgrenzung und stille Benachteiligung

Das tägliche Leben der Frauen in den ländlichen und städtischen Gebieten von Minbic ist geprägt von einer systematischen Ausgrenzung und Unterdrückung in allen Bereichen, von der Arbeitssuche über die Bildung bis hin zur gesellschaftlichen Repräsentation und Sicherheit. Das in der Region vorherrschende patriarchalische Clansystem und die konservative Politik, der mit dem türkischen Staat verbundenen bewaffneten Gruppen, haben die gesellschaftliche Existenz der Frauen fast ausschließlich auf die landwirtschaftliche Arbeit beschränkt.

In der uns vorliegenden Aussage der Zeugin heißt es: »Die Frauen in Minbic und den umliegenden Gebieten werden aufgrund der männlichen Dominanz unter dem Deckmantel der Stammestraditionen, vollständig marginalisiert…«

Der einzig verbliebene Beschäftigungsbereich für Frauen ist die Landwirtschaft. Dabei handelt es sich nicht um eine freiwillige Entscheidung, sondern um eine Notwendigkeit. Der Zugang zur Bildung ist fast vollständig unterbunden; mit der Schließung der Schulen wurden fast alle Lehrerinnen zur Arbeit in der Landwirtschaft gezwungen. Das bedeutet, dass nicht nur die Schüler:innen, sondern auch die Lehrkräfte vom Zugang zu Wissen und dessen Weitergabe ausgeschlossen sind. Die Arbeit der Lehrerinnen, die einen wichtigen Teil des gesellschaftlichen Kapitals ausmacht, wird bewusst in die Passivität gedrängt.

Die Ausgrenzung von Frauen aus dem täglichen Leben ist nicht nur wirtschaftlicher oder bildungspolitischer Natur, sondern setzt sich auch in Form einer kulturellen und politischen Unterdrückung fort. In der Zeugenaussage heißt es:

»Frauen haben keinen Zugang zu Bildung und Wissenschaft; ihnen sind alle Wege versperrt, sich durch Wissen weiterzuentwickeln…«
Dieser Satz beschreibt nicht nur die physische, sondern auch die geistige Isolation der Frauen in dieser Region. Zukunftspläne zu schmieden, sich selbst zu verwirklichen, ein aktiver Teil des öffentlichen Lebens zu sein – all das ist für die Frauen in Minbic Vergangenheit. Die Verdrängung aus dem öffentlichen Leben hat die Frauen auf ihre Rolle als Arbeitskräfte innerhalb der Familie reduziert.

Unter diesen Bedingungen, in einer von Schweigen geprägten Gesellschaft, besteht jede Form von Gewalt gegen Frauen weiter. Morde an Frauen oder Fälle von Belästigung werden nicht öffentlich bekannt, da es weder Beschwerdemechanismen gibt noch eine gesellschaftliche Reaktion möglich ist. In einem solchen Umfeld wird die öffentliche Repräsentation von Frauen nicht nur ausgelöscht, sondern ihre Geschichte wird getilgt.

Ein gelähmtes Leben: Soziale Unsicherheit und eine unterdrückte Zukunft

Die nach dem 10. Dezember 2024 in Minbic begonnene faktische Besatzung stellt nicht nur eine administrative Veränderung dar, sondern ist auch Vorbote einer viel tiefer gehenden und umfassenden gesellschaftlichen Transformation. Diese Transformation ist jedoch kein Fortschritt bzw. eine Entwicklung, sondern beschreibt vielmehr einen Zustand des Zusammenbruchs, der von Instabilität, Unsicherheit und Angst geprägt ist.

Die Zeugin berichtet: »Niemand kann mehr von legitimen Rechten sprechen, denn unter dem Druck, der mit der türkischen Besatzung verbundenen Banden, ist es unmöglich, seine Stimme zu erheben …«
Diese Aussage zeigt, wie repressiv das politische und soziale Klima in der Region ist. Die Menschen werden nicht nur daran gehindert, ihre Rechte einzufordern, sondern auch daran, zu denken, ihre Meinung zu äußern und sich eine Zukunft aufzubauen.

Die Hoffnungslosigkeit, die insbesondere unter jungen Menschen herrscht, lässt sich nicht nur mit Arbeitslosigkeit erklären, sondern auch damit, dass sie keine Pläne schmieden und sich keine Zukunft vorstellen können. Die durch die Einstellung des Bildungswesens, die Zerstörung öffentlicher Räume und die Lähmung der Institutionen entstandene Lücke wird von verschiedenen Banden gefüllt. Dies untergräbt das soziale Vertrauen.

Die Zeugin fährt fort: »Die Ideen, Träume und Zukunftspläne der Zivilbevölkerung in Minbic sind vollständig zum Stillstand gekommen …«

Dieser Stillstand ist nicht nur Ausdruck individueller Traumata, sondern auch eines kollektiven mentalen Zusammenbruchs. Das Vertrauen der Menschen untereinander, ihr Glaube an den öffentlichen Raum und ihre Hoffnung auf den Staat oder irgendeine Form von Gerechtigkeit sind verschwunden.

Die Zeugin drückt es so aus: »Die Beziehungen zwischen den Menschen in der Region basieren nicht mehr auf Vertrauen, Loyalität und Ehrlichkeit…«

In diesem Zusammenhang wird die soziale Struktur von Minbic nicht nur gewaltsam unterdrückt, sondern auch moralisch und kulturell zerstört. In diesem Klima, in dem jeder jedem misstraut und Vertrauen durch Angst ersetzt wurde, versuchen die Menschen nur noch, den Tag zu überstehen. Es kann weder eine gemeinsame Vision noch ein kollektiver Widerstand entstehen.

Deshalb sind die Worte der Zeugin nicht nur eine individuelle Klage, sondern spiegeln auch die tiefe Wunde wider, die im kollektiven Gedächtnis von Minbic entstanden ist.

Ein Atemzug Freiheit: Sehnsucht nach Rojava, Aufstand gegen die Diktatur

Die Zeugin, die vom sozialen Zusammenbruch in Minbic und den schweren Folgen der Besatzung berichtet, beschränkt ihre Aussage nicht nur auf die Dunkelheit. Sie lässt auch Raum für die Suche nach einem Licht in diesem düsteren Bild. Und dieses Licht ist klar definiert: Rojava.

»Auch wenn die Meinungen, Träume und Pläne zum Stillstand gekommen sind, hoffen die Menschen doch, dass Rojava nur einen einzigen Schritt näherkommt; sie sehnen sich nach einer Rückkehr zum Leben und zur Freiheit…«

Dieser Ausdruck ist nicht nur eine politische Verpflichtung, sondern steht auch für die Sehnsucht nach einer Lebensform, einer Existenzform. Rojava steht hier nicht nur für ein Verwaltungsmodell, sondern für die Vorstellung, dass Freiheit, Gleichheit und ein menschenwürdiges Leben wieder möglich sein können.

Die Zeugin beschreibt Rojava als »saubere Luft«, »freien Atem« und »Weg in eine bessere Zukunft«. Die folgenden Aussagen spiegeln sowohl die emotionale als auch die politische Dimension dieser Sehnsucht wider: »Und atmen … Wir wollen wieder saubere Luft atmen, ein Leben ohne Unterdrückung und Ausbeutung …«

Diese Sehnsucht ist nicht nur eine Haltung gegen die Despotie der derzeitigen Machthaber, sondern auch ein Aufruf zur Wiederbelebung der Erinnerung an den Widerstand der Vergangenheit. Am deutlichsten kommt dies vielleicht hier zum Ausdruck: »Während wir eigentlich dieses Wissen, dieses Licht an die kommenden Generationen weitergeben wollten, geschieht nun all dies in unserer Region. Das ist eine große Enttäuschung…«

Dass die Frauen, Jugendlichen und Intellektuellen der Region selbst in dieser dunklen Zeit weiterhin Ideen für die Zukunft entwickeln, zeigt, dass die Besatzung ihre Seelen nicht vollständig unterworfen hat. Der Widerstand keimt manchmal in einer Stimme, manchmal in einem Satz der Hoffnung, manchmal in der Frage eines Kindes.

Die Erzählungen der arabischen Zeugin, die im Mittelpunkt dieser Geschichte steht, tragen nicht nur die Spuren der historischen Ereignisse in Minbic, sondern in ganz Nord- und Ostsyrien, das unter Besatzung steht. Ihre Geschichte ist mehr als ein individueller Schrei, sie spiegelt gleichzeitig das Schweigen und die Hoffnung eines ganzen Volkes wider.