Soziologie der Freiheit – Die Entstehung der gesellschaftlichen Frage
Abdullah Öcalan
In den letzten Ausgaben des Kurdistan Reports haben wir angefangen, Texte aus dem Kapitel »Die gesellschaftliche Frage« in Band 3 der »Gefängnisschriften – Manifest der demokratischen Zivilisation« von Abdullah Öcalan abzudrucken. Wir begannen mit »Das Problem von Macht und Staat« und »Das gesellschaftliche Problem von Moral und Politik« sowie »Das Mentalitätsproblem der Gesellschaft«. In Ausgabe 235 fuhren wir mit »Wirtschaftliche Probleme der Gesellschaft«, in 236 mit »Das Industriealismusproblem der Gesellschaft« und in Ausgabe 237 mit »Das Ökologieproblem der Gesellschaft« fort. In der Ausgabe 240 präsentierten wir den siebten Teil des Kapitels: »Gesellschaftlicher Sexismus, Familien-, Frauen- und Bevölkerungsfrage« und in dieser Ausgabe den 8. Teil mit dem Thema der Urbanisierung der Gesellschaft.
Ein anderes türkisches Wort für Zivilisation, medenileşme1, stammt aus dem Arabischen und bedeutet ›Urbanisierung‹. Die Probleme, die ihren Ursprung in der Urbanisierung haben, sind weder geringer noch unwichtiger als die ökologischen. Sie stellen heute eine der größten Bedrohungsquellen für das gesellschaftliche Leben dar. Was macht aber die Stadt zu einer solch problematischen Sache?
Die einem plumpen Verständnis entsprechende Formel ›Stadt = Klasse = Staat‹ könnte zwar die Darstellung der Urbanisierungsfrage vereinfachen, ließe sie aber gleichzeitig ihre Bedeutungstiefe verlieren und uns im Hinblick auf die Vielseitigkeit dieser Frage blind bleiben. Die Menschheit fand, dass der Aufbau von Städten der gesellschaftlichen Natur genauso entspreche wie der von Dörfern, und handelte dementsprechend. Die Stadt stellt einen der wichtigsten Orte dar, an dem sich die gesellschaftliche Intelligenz konzentriert. Die Stadt regt die Intelligenzfähigkeit des Menschen an. Die Vernunft erlebte einen eng mit der Stadt zusammenhängenden Entwicklungsverlauf. Die Stadt ist der Ort, wo der Mensch merkt, wozu er fähig ist. Sie bringt Sicherheit. Wer selbstsicher ist, denkt rationaler. Der Fortschritt im Denken führt zu neuen Erfindungen und entwickelt Methoden und Techniken der Produktionssteigerung. Der Mensch, der all das erlebte, sah die Stadt als eine Lichtquelle und fühlte sich von ihr angezogen. Die Entwicklung der Stadt um den Tempel herum hängt damit zusammen, dass der Tempel zu seiner Zeit der Ort war, an dem die heilige Vernunft und Geister sich versammelten. Die Gesellschaft entdeckte und kreierte in der Stadt ihre eigene Vernunft und Identität. Wir sprechen hier von starken Hypothesen zugunsten der Stadt.
Wie bei jeder anderen Realität auch, zeigte sich mit der Genese der Stadt auch ein anderes Gesicht: die Herausbildung von Klassen und die Entstehung des Staates. Die materielle Grundlage der Herausbildung von Klassen bildete zweifellos die steigende Produktivität. Einige der Menschen, die im Besitz der sich entwickelnden Vernunft der Stadt waren, lernten aus ihren Erfahrungen, dass man ein Vielfaches an Menschen ernähren könnte, wenn man die Anzahl der Menschen erhöhte und sie auf fruchtbaren Ländereien arbeiten ließe. Was noch zu tun war, war die Errichtung des nötigen Mechanismus dafür. Die Ordnung, die dazu errichtet wurde, war der Staat, der eine Art Monopol darstellte. Diese neue Ordnungsorganisation entstand, wenn auch stadtweit, offensichtlich ursprünglich als landwirtschaftliches Monopol. Anhand der sumerischen Städte lässt sich diesbezüglich alles erklären. Viele Zivilisationen wie die ägyptische oder harappische entstanden als landwirtschaftliche Monopole und Apparate zur Regelung der Produktion. Sobald die Produktion ein Niveau erreicht, das zumindest dem Zweifachen der arbeitenden Bevölkerung Mehrprodukt bieten könnte, entsteht die materielle Grundlage eines Staates. Das Phänomen, das man als Staat bezeichnet, besteht eigentlich aus denjenigen, die von der Mehrproduktion leben. Es wäre sinnvoller, den Staat als eine Organisation zur Anhäufung von Produkten zu bezeichnen und die Stadt als den dafür geeigneten Ort. Die Errichtung solcher Verhältnisse wäre in Stammes- und Dorfgesellschaften äußerst schwierig ausgefallen. Die Stammes- und Dorfstrukturen lassen so etwas nicht zu. Diese Tatsache steckt hinter der Entstehung des Staates in der Stadt. So begegnete die Menschheit in der Stadt der Ausbeutung und lernte eine ihr bis dato unbekannte Beziehungsform kennen. Diese neue Kunst hieß ›Etatismus‹. Wozu derjenige fähig ist, der den Staat in seiner Hand hat! Es entstand ein unheimlicher Apparat zur Durchsetzung von Interessen einzelner. Selbst der sklavenartige Arbeiter begriff, dass er in staatlicher Arbeitslosigkeit bequemer und sicherer war als früher. Es wäre übertrieben, sein Arbeiten ausschließlich auf Zwang zurückzuführen. So oder so ähnlich sah die Gründungsgeschichte der Stadt aus.
Auch wenn die Stadt zu einigen Problemen (Ausbeutung und Organisation der Stärkeren) führte, ist es klar, dass sie einen revolutionären Schritt in der rationalen Entwicklung der Gesellschaft darstellte. Aristoteles stellte sich die Stadt als aus fünftausend Menschen bestehend vor. Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung war die Bevölkerung von Städten tatsächlich ungefähr so groß. In der Stadt handelte es sich um eine neue gesellschaftliche Zusammensetzung. Die Stammesgesellschaft war überwunden. Menschen aus verschiedenen Stämmen und Sippen wurden unter der Stadtbürgerschaft vereint. ›Stadtbevölkerung‹, ›Mitbürger2‹ und ›bajarî‹3 entstanden. Diese Entwicklung zeigt, dass die Gesellschaft reicher geworden war. Die Stadt war in dieser ihrer Form ein Mittel des Fortschritts und keine ernsthafte Problemquelle. Während des gesamten Altertums lassen sich kaum Städte finden, die ein Bevölkerungsproblem hatten – mit der zeitweiligen Ausnahme von Babylon und Rom. Die Stadt, mit ihrer gesellschaftlichen Überlegenheit, steigerte ihre Attraktivität stetig. Während das sumerische Modell sich lawinenartig ausbreitete, wurde in Ägypten eine begrenzte Anzahl von Städten gebaut. Eigentlich war die ägyptische Zivilisation als eine halbstädische und halbdörfliche einzigartig in der Geschichte. Der Handel und das Handwerk entwickelten sich rasant weiter. Mit Straßen, sportlichen, künstlerischen und Palastgebäuden erweiterten sich die Bauten um den Tempel hin zu neuen Gewebebildungen. Zahlreiche Städte wurden um militärische Garnisonen herum aufgebaut. Insbesondere römische Garnisonen bildeten den Kern von neuen Städten. Historiker*innen meinen, dass zu jener Zeit auf eine Stadt zumindest zehn Dörfer kamen. Zwischen diesen bestand eine symbiotische Beziehung. Das bedeutet also, dass es noch keine Probleme zwischen der Stadt und dem Dorf gab.
Rom, die letzte prachtvolle Stadt der Antike, vereinte vielleicht alle Probleme seines Zeitalters in seinem Herzen. Dies machte Rom sowohl zur prachtvollsten als auch zur problematischsten Stadt der Zivilisation. Man konnte dort allen Klassen und sozialen Gruppen (Aristokratie, Bourgeoisie, Sklav*innen, Lumpenproletariat, allen ethnischen Gruppen, allen Glaubensgemeinschaften, allen Hautfarben) begegnen. Die alten Klassen und sozialen Gruppen waren als Überbleibsel, die neuen als Keimzellen vertreten. Zudem konnte man jeglicher Moral, Politik und Regierungsform begegnen. Im Reich wurde jegliche Art von Königreich, Republik und Demokratie ausprobiert. Entweder als Überbleibsel oder als Keimzelle konnte man allen Wissenschaften, Künsten, Philosophien und Religionen begegnen. Rom war im wahrsten Sinne des Wortes eine ökumenische Stadt. Das Sprichwort »alle Wege führen nach Rom« war in gewisser Hinsicht der Ausdruck dieser Realität. Rom spiegelte den Höhepunkt der dreitausendfünfhundertjährigen Zentralzivilisation wider. Auch sein Untergang war so imposant wie die Stadt selbst. Die beiden großen Kräfte, die zu einem Problem für die Zivilisation wurden, d. h. die Christ*innen, die die Armenklasse bildeten, und die Gruppen, die immer noch größtenteils die Eigenschaften ihrer jeweiligen Ethnie beibehielten (diese als Barbaren zu bezeichnen, wäre ein Hereinfallen auf die Terminologie der Zivilisation), führten das Ende der Stadt herbei, indem sie sie von innen und von außen in verschiedenen Wellen angriffen. Das Jahr 476 n. Chr. markiert nicht nur den Untergang einer Stadt, sondern im Namen Roms das Verderben und den Untergang der dreitausendfünfhundertjährigen antiken Zivilisation.
Im Mittelalter konnte die Menschheit im Hinblick auf die Urbanisierung niemals das Niveau der Antike erreichen. Die mittelalterliche Stadt mit ihrer ummauerten Burg war anfangs einförmig und sehr klein. Die mittelalterlichen Städte bildeten eine Art Hauptquartier von Fürstentümern und Emiraten. Indem einige Handwerker und Hofdiener sich um sie herum versammelten, begannen die Städte sich auszudehnen. Auch wenn die Händlerklasse der Expansion und Pracht der Stadt einen ersten Schub verlieh, ist es nicht einfach, neu errichtete Städte zu finden, die das Niveau von antiken Städten wie Rom, Alexandria, Antiochia, Dara und Nusaybin, Edessa/Urfa erreichten. Selbst wenn die neuen Städte die alten zahlenmäßig übertrafen, konnten sie im Hinblick auf Architektur und Funktionalität (Tempel, Theater, Ratsgebäude, Agora, Hippodrom, Amphitheater, Hamam, Kanalisationssystem, Werkstatt) niemals das alte Prachtniveau erreichen. Die mittelalterliche Zivilisation ähnelte einer Zivilisation, die ihre Zelte und Städte auf den Ruinen der Antike errichtete. Die Stadt war noch weit davon entfernt, dem Land, dem Dorf überlegen zu sein. Die Städte ähnelten eher kleinen Inseln in einem Ozean aus Dörfern. Obwohl sie bereits Macht- und Klassenwidersprüche in sich trugen, stellten sie noch kein Problem für die Umwelt dar. Das Zivilisationssystem im Allgemeinen nagte aber in der Folgezeit wegen der Kapitalmonopole allmählich an der Umwelt. Die Bodenversalzung hing mit den landwirtschaftlichen Monopolen zusammen. Dieser Umstand setzte sich bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts fort und vergrößerte die Probleme immer weiter.
Zur eigentlichen Urbanisierungskrise kam es infolge der industriellen Revolution des neunzehnten Jahrhunderts und des Industrialismus. Dies war kein Zufall, sondern liegt in der anti-gesellschaftlichen Natur des Industrialismus begründet. Ökologisch am problematischsten an der Stadt ist, dass sie eine von der Umwelt separierte Dialektik durchmacht. Das Dorf lebt in einem unmittelbaren Verhältnis zur Umwelt. Es hängt in jeglicher Hinsicht von ihr ab und weiß, dass es ihr Produkt ist. Das Dorf setzt sein Leben fort, indem es mit seinen Tieren und Pflanzen sozusagen die Sprache der Umwelt spricht. Es ist eine gemeinsame Sprache, eine Landwirtschaftssprache geschaffen worden. Die Gesellschaftsgründung geschah unter großem Einfluss dieser Sprache. In der Stadt ist das Gegenteil der Fall; sie entfernt sich stetig von der Landwirtschaft und der Umwelt. Sie entwickelt eine neue Sprache – die Sprache der Stadt. Ihr wohnt eine eigene Rationalität inne. Ihre Beziehung mit der Vernunft der Umwelt wird immer schwächer. Die Sprache der Stadt ist eine, die mit Handel, Handwerk, Industrie und Geldgeschäften zusammenhängt. Sie stellt deren Vernunft und Wissenschaft dar und wird von ihnen konstruiert. So sieht die neue dialektische Entwicklung der Sprache aus. Offensichtlich handelt es sich dabei um eine widersprüchliche und entfremdete Sprache und Mentalität. Die Urbanisierung jener Zeit schloss die alte ländliche Gesellschaft und die Dialekte und Kulturen mit ein, die die verbreiteten Klans, Stämme, Völker und Dorfgemeinschaften des ländlichen Gesellschaftssystems repräsentieren. Zudem entwickelte die Stadt ihre eigene wissenschaftliche, künstlerische, religiöse und philosophische Sprache. Was die Klassen betrifft, sind zwei weitere Hauptkategorien, bestehend aus der Aristokratie und den Anderen, entstanden. Städtertum hatte noch keine eigene Gestalt angenommen, sondern war ein Ausläufer der Gesellschaft im Allgemeinen.
Im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert wurde dieses historische Gleichgewicht völlig gestört. Zweifellos kam es nicht plötzlich dazu. Der Wiederaufstieg der Stadt zwischen dem zehnten und dem sechzehnten Jahrhundert (Venedig, Genua, Florenz, Mailand usw.) war Ausdruck der kommerziellen Revolution, die sich im dreizehnten Jahrhundert über Italien in ganz Europa ausgebreitet hatte. Italienische Städte hatten in diesem Prozess die Vorreiterrolle inne. Sie wollten mit der Renaissance in Roms Fußstapfen treten und sich vergrößern. Es kam dabei innerhalb und zwischen den Städten zu einer sehr großen Konkurrenz. Was sich ereignete, war der Kampf um die Führungsrolle einer neuen Zivilisationsphase. Das ganze alte Leben wurde nahezu wiederbelebt. Aber die neuen Bedingungen sollten eben dieses Leben transformieren. Man konnte kein neues Rom schaffen, indem man das alte imitierte; man erreichte lediglich das Niveau unscheinbarer Kopien von Rom. Auch die Erfahrungen zentraler Königreiche und Nationalstaaten waren nicht vom Erfolg gekrönt. Es ist aber eine nicht zu leugnende Tatsache, dass italienische Städte im Zuge der Renaissance zwischen dem zehnten und dem sechzehnten Jahrhundert die europäische Zivilisation anführten. Sie spielten diese Rolle sowohl als (ökumenisch-katholische) Kirche als auch als säkulare Tendenz.
Die deutsche urbane Revolution begann zunächst mit dem Städtebund der Hanse (ca. 1250–1450 n. Chr.), als diese Städte ihre kommerzielle Revolution verwirklichten. Die zweite Phase (ab 1400 n. Chr.) war eine manufakturelle. Dabei wurde auf der Grundlage eines Städtekonföderalismus ein intensiver Kampf gegen Zentralisierung geführt. Diese Kämpfe und Aufstände, bei denen viele bäuerliche und halb-proletarische Gruppen, vor allem Handwerker, eine Rolle spielten, dauerten ungefähr vier Jahrhunderte. Diese erste Erfahrung mit städtischem und ländlichem demokratischem Konföderalismus unterlag nach einem sehr blutigen Prozess aus diversen Gründen (ideologische, organisatorische und Führungsfragen) der zentralistischen Monarchie und dem Nationalstaat, der zunächst nur eine Tendenz darstellte. Wären sie nicht unterlegen gewesen, wäre vielleicht die europäische Geschichte ganz anders verlaufen. Die heutige Bundesrepublik Deutschland erlebte vom bürgerlich-nationalstaatlichen Faschismus ausgehend eine sehr langsame evolutionäre Transformation hin zu diesem alten Modell – allerdings nicht in der Form eines demokratischen Konföderalismus, sondern der eines bürgerlichen Föderalismus.
Den eigentlichen Boom erlebten die holländischen und englischen Städte. Dabei war von Bedeutung, dass sie das Zentrum dreier Revolutionen bildeten, denen sie intensiv ausgesetzt waren. Die kommerziellen, finanziellen und industriellen Revolutionen waren insbesondere in Amsterdam und London siegreich. Der kommunale Föderalismus wurde in beiden Ländern einfach unterdrückt. Doch die übrige Stadt- und Landbevölkerung ergab sich dem Zentrum und dem Nationalstaat nicht einfach so. Dazu bedurfte es der holländischen im sechzehnten und der englischen Revolution im siebzehnten Jahrhundert. Amsterdam im siebzehnten und London im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert waren die führenden Städte dieser revolutionären Prozesse. Diese beiden Städte waren die Zentren der neuzeitlichen Welt. Sie regierten das zentrale Welt-Zivilisationssystem, das eine große Transformation durchmachte. Sie stellten hegemoniale Machtzentren dar. Ihre Bevölkerung und somit ihre Widersprüche wuchsen rasend schnell. Die krebsartige Struktur der Stadt entstand in dieser Zeit. Diese kranke Struktur wurde von Amsterdam und London auf – in historischer Reihenfolge – Frankreich, die USA, Osteuropa, Russland, den Fernen Osten, Lateinamerika, den Nahen Osten und Afrika übertragen. Das zwanzigste Jahrhundert stellte den Zeitraum in der Geschichte dar, in dem die Stadt eindeutige Überlegenheit erlangte. Neben der alten Zivilisation machte auch die paradigmatische Welt der ländlich-kommunalen Gesellschaft, die zwölftausend Jahre lang eine dominante Rolle gespielt hatte, dem kapitalistischen urbanen Paradigma Platz. Die Stadt war nun nicht mehr nur Handels-, Finanz- und Industriezentrum, sondern gleichzeitig auch das hegemoniale Zentrum einer ganzen Weltanschauung. Dieses Paradigma, das sich insbesondere mit seinen Universitäten und anderen akademischen Wissenschaftshäusern, seinen Krankenhäusern und Gefängnissen, seinen Klassen und Bürokratien institutionalisierte, versuchte sich durch die streng positivistische Herangehensweise durchzusetzen, die an die Stelle der alten eschatologischen4 Weltanschauung (mit ihrer Ausrichtung auf Jüngsten Tag und Jenseits) trat. Der Positivismus war eigentlich die neue Religion der Bourgeoisie, die es aber praktischer und erfolgversprechender fand, sich der Wissenschaften, deren Bedeutung sich enorm vergrößert hatte, zu bedienen und sich die Maske des ›Szientismus‹ aufzusetzen.
Mit dieser Struktur der Städte litt die Gesellschaft wirklich unter sozialem Krebs. Selbst Aristoteles hatte sich keine Stadt mit zehntausend Einwohner*innen vorgestellt. Städte mit hunderttausend, einer Million, fünf Millionen, zehn Millionen, fünfzehn Millionen, zwanzig Millionen und – das Ziel sind: – fünfundzwanzig Millionen Einwohner*innen! Was ist das anderes als ein krebsartiges Wachstum? Um allein eine solche Stadt zu ernähren, kann man ein mittelgroßes Land samt seiner Umwelt zerstören. Dieses Wachstum entbehrt jeglicher Logik. Es ist eindeutig, dass es zu keinem anderen Ergebnis führen kann, als die Erste Natur samt der Natur der Gesellschaft und der Stadt zu zerstören. Diese Größen sind langfristig für kein Land, keine Umwelt tragbar. Der wirkliche Grund der Umweltzerstörung ist dieses krebsartige Wachstum. Die Stadt besetzte, zerstörte und kolonialisierte nun ihr eigenes Land samt Bevölkerung; die neue Kolonialmacht waren nun die Stadt und die dort ansässigen globalen Handels-, Finanz- und Industriemonopole sowie die Wolkenkratzer, wo sie ihre Hauptquartiere beziehen. Die Sicherheitsmaßnahmen in diesen Wolkenkratzern, die den Burgen und Wehrmauern von früher in nichts nachstehen, bestätigen diese Tatsache.
Der Imperialismus und Kolonialismus des einundzwanzigsten Jahrhunderts wirkt nun nicht mehr von außerhalb, sondern in den Ländern selbst. Die Kolonisatoren sind keine Fremden, sondern vielmehr Partner. Es haben sich nicht nur die Kapitalmonopole globalisiert, sondern auch die Macht und der Staat. Es lässt sich nicht mehr zwischen Innen und Außen der globalen Macht unterscheiden. Auch nationale Zugehörigkeiten spielen überhaupt keine Rolle mehr, sie alle sind Partner. Die Unterscheidung zwischen Militärischem, Wirtschaftlichem und Kulturellem ist ebenfalls bedeutungslos geworden. Die gemeinsame Sprache von ihnen allen ist Englisch, ihre gemeinsame Kultur ist die angelsächsische, ihre Militärorganisation ist die NATO, ihre internationale Organisation ist die UN. Es gibt nun nicht mehr nur ein oder zwei, sondern zahlreiche Londons und New Yorks (das hegemoniale Zentrum der USA übernahm in den 1930er Jahren die Position von London). Wir leben im Zeitalter der globalen Städte. Die Städte des globalen Zeitalters zerstören nicht nur mit der Ausbreitungsgeschwindigkeit von Krebszellen die Umwelt. Ein Marsianer wäre wohl mit seiner Mentalität und Lebensweise mehr Erdling als die Stadtbewohner*innen unseres Zeitalters. Die Vornehmheit des urbanen Menschen, die sich ohnehin kaum entfaltet hatte, verlor ihre Gültigkeit. Er versucht seine Monstrosität unter dem Deckmantel des Modernen, des Modischen zu verstecken. Der eigentliche Barbar (der Umsetzer des Faschismus, Genozids, unbegrenzten kulturellen Genozids und schließlich des Soziozids) ist die Stadt. Jegliche Art barbarischer Personen und Gruppen (die virtuelle, simulakre, geistesverrückte, mediensüchtige Gesellschaft von Sportfanatiker*innen und innerlich hohlen wilden Partygänger*innen über die zerstörerische Bürokratie und Wucherer auf dem Markt, bis hin zu denjenigen, die sich an kein einziges moralisches Prinzip halten, und den Roboterisierten), die die alten Barbaren (ich glaube überhaupt nicht, dass die Nomadenstämme Barbaren waren) in jeglicher Hinsicht übertreffen, haben nun ihr Zentrum nicht mehr auf dem Land, sondern in der Stadt; sie sind die Stadt selbst.
Es werden die Babylons des modernen Zeitalters erlebt (schade um Babylon, denn es war bis zu seiner Zerstörung edel und heilig; seine Entartung hielt sich in Grenzen). Es lässt sich nicht voraussagen, wie es enden wird. Aber alle wissenschaftlichen Daten zeigen, dass unser Planet diese Welt (die monströse Welt, die ihn verrät und entschlossen ist, seine Ökologie zu vernichten) nicht mehr tragen kann. Selbst wenn die urbanen Menschen auf das Land ziehen sollten, sind sie doch von Kopf bis Fuß krank. Man sollte sehr gut begreifen, dass die urbane Gesellschaft am Rande des ›Soziozids‹ steht.
Für diesen Zustand der Stadt sind zweifellos die Klassenmacht und die staatlichen Strukturen verantwortlich. Die prächtige Rendite der Stadt verwandelte sie in unerbittliche Barbaren und schuf die urbane Monstrosität (den neuen Leviathan). Es ist klar, dass dafür nicht alleine die Stadtbevölkerung und -gesellschaft verantwortlich gemacht werden können. Aber Nesseln brennen Freund und Feind. Die Banlieus, die ›neuen Christen‹ der Stadt, müssen einen Ausweg finden. Andernfalls werden sie in den Händen von Tausenden Neros, die schlimmer sein werden als Nero selbst, viel schlimmeres erleiden, als am lebendigen Leibe verbrannt zu werden. Man sollte sich Gedanken darüber machen, die begrenzte urbane Schönheit, Moral und Vernunft zu retten. Nun hat jedes gesellschaftliche Projekt die (bereits zu einer Krankheit gewordenen) Probleme, die ihren Ursprung in der Stadt haben, in den Fokus zu rücken. Es lässt sich niemals leugnen, dass wir nur in diesem Rahmen sinnvolle Antworten auf alle gesellschaftlichen und ökologischen Fragen entwickeln können. Wir bräuchten gar nicht nach weiteren Ursachen zu suchen, die zum Untergang der Welt und der Gesellschaft führen; alleine die Probleme, die ihren Ursprung in der Stadt haben, sind bereits dazu mehr als ausreichend.
Kurdistan Report 241 – April / Mai / Juni 2026

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