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Strohhut-Piraten vs. Fujimori

Aktuelle Lage in Peru und deren historischer Hintergrund Jimena, Studentin für Spanisch und Biologie auf Lehramt 
an der Pontificia Universidad Catól

Aktuelle Lage in Peru und deren historischer Hintergrund

Jimena, Studentin für Spanisch und Biologie auf Lehramt 
an der Pontificia Universidad Católica del Perú (PUCP) in Lima

Die aktuelle Protestwelle der »Generación Z« in Peru, unter der Flagge der Strohhut-Piraten aus dem Manga »One Piece«, hat ihre Ursprünge in der ereignisreichen Geschichte des Landes. Diese Geschichte, die sich lange Zeit zwischen dem Guerillakrieg der »Kommunistischer Partei Perus« und dem Neoliberalismus Fujimoris bewegte, wird heute von der Jugend des Landes neu geschrieben.

»Nos están matando«¹ – unter diesem Motto werden am 14. November wieder tausende Menschen in Lima auf die Straße gehen. An diesem 14. November jährt sich zum fünften Mal die Ermordung von Inti Sotelo und Bryan Pintado, zwei jungen Peruanern, die 2020 während der Proteste gegen die Regierung infolge staatlicher Repression starben. Damit gehören sie zu einer Reihe von über 50 politischen Todesopfern der letzten Jahre in Peru, nicht eingerechnet die zahlreichen Morde durch organisiertes Verbrechen.

Seit mehr als zehn Jahren erlebt Peru immer wieder Protestphasen. Eine Regierungskrise jagt die nächste und das Vertrauen der peruanischen Zivilgesellschaft in die Parteien und Politiker schwindet mit jedem Skandal. Die politische Instabilität lässt sich nur durch die komplexe Verstrickung von Geschichte, Demografie und Geografie erklären. Die scheinbar inneren Konflikte haben internationale Implikationen: vom Goldabbau und Drogenhandel (sowie dem europäischen Konsum), über die Zerstörung des Amazonas bis hin zum Megaprojekt des Chancay-Hafens. Letzterer ist ein Ausdruck der Ausweitung chinesischer Machtpolitik, auf dem historischen Schlachtfeld zwischen »Westen« und »Osten«. Die Abhängigkeit von Rohstoffexporten, als Folge des Kolonialismus und westlicher Hegemonie, ist zugleich Ursache und Symptom der politischen Fragilität der letzten Jahrzehnte.

Peru seit den 80ern

Die Ära des autoritären Fujimori-Regimes und des bewaffneten Widerstandes markierten ein Bevor und ein Danach in der Geschichte Perus. Die Phase des sogenannten »Conflicto armado interno« begann 1980 mit den ersten militärischen Angriffen der »Kommunistischen Partei Perus – Leuchtender Pfad« (sp. Partido Comunista del Perú – Sendero Luminoso, PCP-SL), und endete mit der Absetzung Alberto Fujimoris im Jahr 2000. Die 2001 gegründete Kommission für Wahrheit und Versöhnung (sp. Comisión de la Verdad y Reconciliación, CVR) schätzt, dass in dieser Zeit rund 70.000 Menschen »verschwanden« oder getötet wurden. Am schlimmsten betroffen war die indigene Landbevölkerung, insbesondere in der Region Ayacucho, was eine historische Kontinuität der Gewalt und Marginalisierung dieser markiert. Etwa 30.000 der Opfer werden der PCP-SL zugeschrieben², die durch Autobomben in Lima und Massaker in Provinzen Angst verbreitete. Neben ihr war die zweite bewaffnete Widerstandsorganisation die Gruppe Movimiento Revolucionario Túpac Amaru (MRTA); beide standen in ideologischer Konkurrenz zueinander. Verheerend war die staatliche Antwort: Unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung breitete sich systematische Gewalt aus.

1985 wurde Alan García von der sozialdemokratischen Aprista-Partei (PAP) gewählt, wobei diese sich auf die Alianza Popular Revolucionaria Americana, kurz APRA, bezieht. Die von Víctor Raúl Haya de la Torre gegründete Bewegung verstand sich als antiimperialistische Kraft, die eine politische Einheit Lateinamerikas und die Verstaatlichung von Land und Industrie forderte. García trat als junger, charismatischer Hoffnungsträger an, doch seine Amtszeit war durch die Zuspitzung des bewaffneten Konflikts und eine verheerende Hyperinflation in den Jahren 1987 bis 1992 geprägt. Enttäuscht wandte sich ein großer Teil der Bevölkerung von den linken Parteien ab, sodass 1990 Alberto Fujimori gewählt wurde.

Fujimori prägte mit seiner Mischung aus Staatsautoritarismus und Neoliberalismus den sogenannten Fujimorismo, eine ideologische Strömung mit ihm als zentraler Figur. Durch Marktliberalisierung und Investitionsförderung gelang es ihm, die Hyperinflation zu beenden, ohne jedoch die strukturelle Armut zu überwinden. Trotzdem brachte der wirtschaftliche Aufschwung Zufriedenheit in Teilen der Bevölkerung und sollte noch über die Regierungszeit Fujimoris hinaus für eine anhaltende neoliberale Wirtschaftspolitik sorgen.

Er errichtete ein autoritäres Regime, das sich auf einer legal-juristischen Ebene durch seinen Putsch 1992 und die Verabschiedung einer neuen Verfassung 1993 äußerte. Der Kongress wurde aufgelöst und die Unabhängigkeit der Justiz suspendiert; stattdessen bildete sich eine Notstandsregierung und die militärische Präsenz wurde ausgeweitet. Die neue Verfassung implementierte die Abschaffung des Zwei-Kammer-Systems, sowie eine anti-demokratische Zentralisierung des Staates und ist bis heute in Kraft.

Auf Seiten der Exekutive wurden zahlreiche Massaker und Menschenrechtsverletzungen durch Einheiten peruanischer Sicherheitsbehörden durchgeführt, wie die der Grupo Colina. Diese wurde 1991 als geheimdienstliche und militärische Anti-Terror-Maßnahme formiert und war verantwortlich für die Massaker in Barrios Altos und La Cantuta, bei denen insgesamt 25 Zivilist*innen als vermeintliche Terroristen umgebracht wurden. Eine zentrale Rolle spielte der Chef des Geheimdienstes, Vladimiro Montesinos, der die Rolle eines de facto-Machthabers im Schatten Fujimoris hatte. Dabei manifestierten sich anti-demokratische und brutale Bestrebungen der Sicherheitsbehörden in dem sogenannten Plan Verde, der 1993 ans Licht der Öffentlichkeit kam und die strategische Planung des Putsches hin zu einer Zentralisierung der Macht vorsah; alles unter dem Vorwand der Bekämpfung des Terrorismus. So kam es unter diversen Vorwänden, wie der Bekämpfung von Armut durch Kontrolle der Geburtenrate, zu Zwangssterilisationen von schätzungsweise 300.000 (meist armen und quechuasprachigen) Frauen.

Diese Ära der Gewalt prägt das kollektive Gedächtnis Perus bis heute. Als historische Konstante bleibt auch die extreme politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentralisierung. Lima, die »Stadt der Könige«, 1535 von den spanischen Kolonisatoren gegründet, war von Beginn an ein künstliches Machtzentrum – anders als etwa Mexiko-Stadt, das auf der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlan aufbaut.
Die topografische Vielfalt durch den Küstenstreifen, die Anden und den Amazonas sowie die enormen Dimensionen des Landes (das etwa viermal so groß wie Deutschland ist) machen totale Zentralisierung unsinnig. Die Infrastruktur, die Orte der Wissenschaft, die ökonomischen Perspektiven – alles zentriert sich in Lima und sorgt für eine große gesellschaftliche Spaltung zwischen Stadt und Land. Was aus Perspektive europäischer Ignoranz unter »Indigenen« zusammengefasst wird, drückt sich nur auf dem Gebiet des peruanischen Staates in mindestens 22 verschiedenen indigenen Sprachfamilien aus, und 55 anerkannten indigenen Bevölkerungen, alle mit eigenen Kosmovisionen und spezifischer gesellschaftlicher Organisierung. Diese Vielfalt in allen Lebensbereichen erschwert den Aufbau eines zentralisierten Staatsapparats nach europäischem Modell. Das Ideal einer homogenen, nationalistischen Demokratie westlicher Prägung stößt hier an seine Grenzen. Und doch entstehen in den Zwischenräumen staatlicher Abwesenheit immer wieder neue Formen sozialer Organisation – Gemeinschaften, die dort, wo der Staat versagt, eigene Wege des Überlebens und Widerstands finden.

Mit dem Ende des Fujimori-Regimes und der scheinbaren Rückkehr zur Demokratie wuchs in der Gesellschaft die Hoffnung auf dauerhafte demokratische Stabilität. In den 2000ern kam es zum sogenannten »Boom de los commodities«: Viele Staaten Afrikas und Südamerikas profitierten vom Anstieg der Rohstoffpreise. Nachdem der Glaube an die Institutionen im ersten Jahrzehnt der 2000er in Peru durch wirtschaftlichen Aufschwung wieder erstarkte, zeigten sich bald schon wieder die tiefen Verwerfungen einer Gesellschaft, die seit Jahrhunderten von Gewalt geprägt ist.

Von 2006 bis 2011 regierte Alan García ein zweites Mal, mittlerweile mit einer starken Hinwendung zum Neoliberalismus. Seine Regierung verabschiedete Gesetze, die den Zugang von Holz- und Ölkonzernen zu indigenem Land erleichterten. Dies führte ab 2008 zu starken Protesten, unbefristeten Streiks und Straßenblockaden in den Regenwaldgebieten des Landes. Nach 50 Tagen Streik kam es am 5. Juli 2009 nahe der Stadt Bagua zu einer Konfrontation zwischen der Polizei und indigenen Gemeinden, bei der 33 Menschen – Polizist:innen und Anwohner:innen – starben. Das »Massaker von Bagua« machte die sozio-ökologischen Konflikte Perus sichtbar und offenbarte den Widerspruch zwischen dem neoliberalen Nationalstaatsapparat und den indigenen Bevölkerungen des Amazonas und der Anden. In einem Artikel beschreibt Alan García die indigenen Gemeinden als »Perro del hortelano« (dt. Gärtnerhund) und lässt damit tief in die rassistischen Diskurse der peruanischen Gesellschaft blicken. Die Folge des gesellschaftlichen Rassismus ist die systematische Aberkennung indigener Landrechte zugunsten der Privatwirtschaft und somit die sich weiter verschärfende ökologische Krise des Amazonas. Mit der Ausweitung extraktivistischer Industrien wie Holz- und Goldabbau, Fischfang und Kokaanbau wuchs die Präsenz organisierter Kriminalität, die das Leben indigener Gemeinschaften akut bedroht. Heute gilt der peruanische Amazonas als einer der gefährlichsten Orte der Welt für indigene Umweltaktivist:innen. Die Abwesenheit staatlicher Sicherheitskräfte – und ihre teils direkte Verstrickung in illegale Geschäfte – führte in den letzten Jahren zur Bildung autonomer Selbstverteidigungskomitees, wie beispielsweise die Organización Regional Guardia Indígena (ORGI) der Shipibo-Konibo, die teilweise auch das Ziel einer Autonomie der indigenen Bevölkerungen verfolgen und sich in Prozessen der staatlichen Anerkennung ihrer Selbstverteidigung befinden.

Jüngere Entwicklungen in Peru

Anfang der 2010er begann das Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs. 2011 trat Keiko Fujimori, die Tochter des Ex-Präsidenten, zum ersten Mal als Präsidentschaftskandidatin an und versammelte die weiterhin große Anhängerschaft des Fujimorismo hinter sich. So gewann zu dieser Zeit auch die »No a Keiko«³ bzw. »Fujimori Nunca Más«4-Bewegung an Bedeutung. Im Kontext der »Marea Rosa« – dem Erstarken linker Regierungen in Lateinamerika ab den späten 1990ern, etwa unter Hugo Chávez, Evo Morales oder Lula da Silva, die versprachen, den Neoliberalismus zurückzudrängen – wurde Ollanta Humala gewählt. Mit seinem anti-neoliberalen Programm, das Bildungschancen für ärmere Jugendliche, eine Grundrente ab 65 und eine Verfassungsreform versprach, gewann er breite Unterstützung, vor allem unter Jugendlichen. Er enttäuschte jedoch die Hoffnungen vieler, als er einen Koalitionsvertrag unterschrieb, der die Beibehaltung der Verfassung von 1993 vorsah.

Während seiner Amtszeit formierten sich verschiedene Proteste gegen Megaprojekte, wie gegen die Mine von Yanacocha, oder gegen das »Ley Pulpín«-Gesetz, das Arbeitsrechte von Jugendlichen einschränken sollte. Sie markierten den Beginn der Protestwellen, die bis in die Gegenwart anhalten. Nach dem Amtsende von Humala kam es zu keiner vollständigen Legislaturperiode mehr. Zwischen 2016 und 2025 hatte Peru sieben verschiedene Präsidenten und mit jedem weiteren Wechsel scheinen Proteste weiter zu eskalieren. Das Verfahren der »Amtsenthebung wegen moralischer Unfähigkeit« (incapacidad moral) wurde vor 2000 nur zweimal seit der Unabhängigkeit 1821 angewandt; Fujimoris Entlassung war der dritte Fall. Ab 2018 wurde es zur Routine. 2020 wurde der beliebte Präsident Martín Vizcarra des Amtes enthoben, und an seiner Stelle der kontroverse Manuel Merino vereidigt, was zu einem großen, landesweiten Aufschrei führte, bei denen der 22-jährige Bryan Pintado und der 24-jährige Inti Sotelo durch Folgen der polizeilichen Repression starben. 2021 wurde der Lehrer Pedro Castillo aus der nördlichen Provinz Cajamarca gewählt und 2022 nach dem Versuch, den Kongress verfassungswidrig aufzulösen, zwangsweise abgesetzt. Auch diese Absetzung war kontrovers und wird bis heute nicht von allen Staaten anerkannt. Seine Vizepräsidentin Dina Boluarte rückte nach – die erste Frau an der Spitze des Landes.

Im ganzen Land gingen Menschen ab Dezember 2022 auf die Straße, nicht nur wegen der politischen Instabilität, sondern auch wegen der wachsenden Kriminalität und Unsicherheit im Land. Es kam zur blutigen Niederschlagung der Protestbewegung und knapp 50 Personen starben durch Gewalt, die vor allem von den peruanischen Sicherheitsbehörden ausgingen; die meisten Opfer stammten aus Provinzen wie Puno, Apurimac, La Libertad und Ayacucho.

Die Protestbewegung der letzten Jahre charakterisiert sich durch eine stark periodische, spontane Mobilisierung, begleitet von einer organisierten sozialen Bewegung. Darunter sind auch die »Brigaden der ersten Linie«, die erste Hilfe, Deaktivierung der Tränengasbomben und Konfrontation mit der Polizei organisieren.

Durch den Zerfall des Parteiensystems in den 90ern entwickelte sich eine neue Jugendbewegung, die, ähnlich wie andere lateinamerikanische politische Bewegungen, den Fokus auf die Schaffung einer gemeinschaftlichen Lebenskultur (cultura de vida comunitaria) legte. In Lima drückte sich dies vor allem in der Formierung politisch-sozialer Organisation rund um die Hip-Hop- und Kunstszene aus, und in der Schaffung von sozialen Zentren in marginalisierten Teilen der Stadt. Nach der Enttäuschung durch traditionelle linke Parteien, insbesondere durch das gesellschaftliche Trauma der Wirtschaftskrise und der Verschärfung der Gewalt zur Zeit der ersten Amtszeit Garcías, finden Jugendliche ihre Hoffnung in den Kämpfen ihres Alltags wieder. Auch durch die Ursprünge der PCP-SL und der MRTA in sozialistischen Studentenkreisen wird die Schuld am bewaffneten Konflikt auf linke Ideologien ­projiziert – es kommt zu einer breiten gesellschaftlichen Ablehnung der »Linken«. In neuen Formen des Aufbaus einer sozialen Jugendbewegung stützte man sich ideologisch fortan auf die Ablehnung des Neoliberalismus und des Fujimorismo, der sich vor allem an der Kandidatur von Keiko Fujimori manifestiert. Eine besondere Stärke dieser Strömung waren die starken landesweiten Netzwerke, also die Vernetzung der Jugendlichen und der Kunstszenen in den Provinzen.

Neben den Kunstszenen bilden die Studierendenbewegung und der feministische Block zwei weitere Pfeiler der organisierten Jugendbewegung. Nachdem es unter dem Fujimori-Regime zur Auflösung aller studentischen Gremien gekommen war, formierten diese sich in den 2010ern neu; zunächst an der Universidad Nacional Mayor de San Marcos (UNMSM) und danach auch an anderen Universitäten. Das stark privatisierte Bildungssystem in Peru führt auch zu einer Spaltung zwischen Studierenden an den Privatuniversitäten und den öffentlichen. Unter den Privatuniversitäten nimmt nur die Pontificia Universidad Católica del Perú in großem Ausmaß an Mobilisierungen teil.

Neue Akteure im Widerstand

Im September dieses Jahres formierte sich erneut eine Protestbewegung unter der Jolly Roger-Fahne der Strohhut-Piraten aus dem Manga »One Piece«. Von Nepal über Marokko bis nach Peru versammeln sich Jugendliche und nennen diese Bewegung »Generation Z«. Doch in den meisten Fällen, so auch in Peru, bleibt es nicht nur bei der Mobilisierung von Jugendlichen, sondern erstreckt sich über mehrere Generationen. Die »Generation Z«-Bewegung steht im Kontext wachsender Unzufriedenheit mit autoritären Staaten und prekären Lebensbedingungen, sowohl regional als auch international, und insbesondere mit der unerschütterlichen Pro-Palästina-Bewegung.

Noch 2021, während des Wahlkampfs Castillos, folgte eine starke Fragmentierung und Entsolidarisierung innerhalb der Bewegung. Insbesondere Kontakte in die anderen Teile des Landes brachen in dieser Zeit ab und die Haltung gegen den Fujimorismo und Neoliberalismus wird schwächer. Nach einer Phase der Schwächung von politischer Organisierung, bringt der Block »Generación Z«, der eine Zusammenarbeit von verschiedenen Kollektiven und unabhängigen Jugendlichen darstellt, frischen Wind in die organisierte Bewegung Limas.

In Peru steht die aktuelle Protestwelle im regionalen Kontext der Geschichte und Politik, wie auch im internationalen Kontext des ansteigenden Autoritarismus und der entsprechenden Antwort des Volkes. Konkrete regionale Auslöser für diese Protestphase seit September 2025 waren eine Rentenreform, Gesetze zur Bekämpfung organisierter Kriminalität, ansteigende Gewalt und Unsicherheit, insbesondere die Situation der Schutzgelderpressungen von Busfahrer:innen und Korruptionsvorwürfe gegen Kongressabgeordnete.

Im Zentrum der momentanen Proteste stehen neben der »Generación Z« besonders die sogenannten »Transportistas«, also die Busfahrer:innen und Kontrolleur:innen, die der organisierten Kriminalität in den Stadträndern Limas fast hilflos ausgesetzt sind. Private Transportunternehmer werden von kriminellen Banden um hohes Schutzgeld erpresst. Wenn nicht gezahlt wird, sind die Opfer, aber meistens die Busfahrer:innen, auf der Straße. Die Wut der Bevölkerung kommt durch das fehlende Vorgehen der Regierung, mehr noch: In den letzten Monaten wurden Gesetze verabschiedet, die die Verfolgung organisierter Kriminalität noch weiter erschweren. Die Vermutung liegt nahe, dass ihr Einfluss bis tief in die Reihen der Kongressabgeordneten reicht.

Vom heißen Herbst 
in den Frühling der Erneuerung?

Der Oktober 2025 brachte die Absetzung einer der am meisten gehassten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Geschichte des Landes, Dina Boluarte, oft auch genannt »Dina Asesina« (dt. Dina Mörderin), wegen ihres Durchgreifens während der Proteste 2022/2023. Ihr Nachfolger, José Jerí, musste sich vor seiner Vereidigung Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs stellen, mittlerweile gilt für ihn die Immunität. Bei den Protesten am 15. Oktober wurde ein junger Rapper, Mauricio Ruiz, Künstlername trvko, von einem Polizisten in Zivil erschossen. Seitdem erwachte im Angesicht der Staatsgewalt besonders die Hip-Hop-Bewegung wieder zum Leben und organisiert eine Protestkultur rund um das Gedenken an ihren ermordeten Freund, mit Wandbildern und Konzerten.

Im Frühling nächsten Jahres stehen Wahlen an, bei denen mehr als 40 Präsidentschaftskandidat:innen aufgestellt sind. Bei keinem tatsächlichen Gegenkandidaten gegenüber Keiko Fujimori gibt es Hoffnungen, dass sich die Lage des Landes in nächster Zeit verbessern würde. Vielmehr kann man eine Zuspitzung der verschiedenen Konflikte erwarten. Doch auch der gesellschaftliche Widerstand ist in Bewegung. Im ganzen Land liegt etwas in der Luft, das so schnell nicht verschwinden wird. Es gilt, sich mit der peruanischen Bevölkerung auf den Straßen zu solidarisieren!

Fußnoten
¹ dt. »Sie bringen uns um«
² Wir wissen nicht, wer diese Zuschreibung macht. In der Geschichte der Widerstandsbewegungen gegen Unterdrückung werden ja in der Regel alle Toten den Widerstandsbewegungen »zugeschrieben«. Und wir wissen auch nicht, welche von Paramilitärs angerichteten Massaker dem Sendero zugewiesen wurden.(Red.)
³ Nein zu Keiko!
4 Nie wieder Fujimori


Kurdistan Report 240 / Januar – März 2026

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