Mustafa Nazif Aktaş – Ein Porträt Hêvî Koçero Beim Blick auf die Vergangenheit scheint es oft, als würde sich die Geschichte im Verhältnis von Zei
Mustafa Nazif Aktaş – Ein Porträt
Hêvî Koçero
Beim Blick auf die Vergangenheit scheint es oft, als würde sich die Geschichte im Verhältnis von Zeit und Ort wiederholen. Wie ist sonst zu erklären, dass Evîn Goyî, Mîr Perwer und Abdurrahman Kızıl während der Vorbereitungen für Gedenk- und Protestveranstaltungen zum Jahrestag der Pariser Morde ermordet wurden?
Erneut Winter, erneut Paris, erneut drei Ermordete der kurdischen Freiheitsbewegung. Unter ihnen, mit Evîn Goyî, wieder eine führende Persönlichkeit der Freien Frauenbewegung Kurdistans. Wie kann sich Geschichte so wiederholen? Oder wurde diese Geschichte bewusst wiederholt – wenige Tage vor dem 9. Jahrestag der Pariser Morde, mitten in Paris, diesmal vor dem Kurdischen Kulturzentrum Ahmet Kaya?
Die Kriminalisierung des kurdischen Widerstands
Die Ermordung von Sakine Cansız, Fidan Doğan und Leyla Şaylemez am 9. Januar 2013 durch den türkischen Geheimdienst wird von der kurdischen Freiheitsbewegung oft als »erster Pariser Mord« bezeichnet. Dabei fand das erste Pariser Attentat gegen die kurdische Freiheitsbewegung bereits lange Zeit zuvor, wieder an einem Wintertag, im Jahre 1985 statt. Täter waren sozialchauvinistische konterrevolutionäre Kräfte, die sich unter dem Namen »Linkes Bündnis« gesammelt hatten. Dieser Angriff ist im Rahmen einer Kampagne zu sehen, welche Abdullah Öcalan im 5. Band seiner Verteidigungsschriften als »erste Phase der Gladio-Kriege«¹ (seit 1985) bezeichnet. In diesem Jahr wurde der Bündnisfall des Artikels 5 des NATO-Vertrags für die Türkei ausgelöst. Das war eine Entscheidung gegen die kurdische Freiheitsbewegung. Im selben Jahr hat die Bundesregierung in West-Deutschland die PKK zur »Terrororganisation« erklärt. Zeitgleich haben der türkische Geheimdienst in Hamburg mit dem BND und in Stockholm mit dem schwedischen Geheimdienst Komplotte geschmiedet um den kurdischen Widerstand zu kriminalisieren und die wachsende Solidarität der Bevölkerungen in Europa mit der Freiheitsbewegung zu stoppen.
Mustafa Nazif Aktaş, Kampfname Celal, hatte während seiner 18-monatigen Geiselhaft in Israel die Bekanntschaft mit den Geheimdiensten der imperialistischen Kräfte gemacht. Deshalb war ihm die Realität von Gladio, trotz seines jungen Alters, nicht fremd.
Geboren wurde er 1960 in einem Dorf bei Amed². In seiner Kindheit musste er neben der Schule arbeiten, um einen Beitrag für das Einkommen der Familie zu leisten. Diese Erfahrung bildete bei ihm die Grundlage für ein starkes Bewusstsein für das kapitalistische und nationalistische Ausbeutungssystem in der Türkei. Weil es damals in der Nähe seines Dorfes kein Gymnasium gab, zog er als Jugendlicher ins Stadtzentrum, wo sich in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre viele kurdische und linke Gruppen organisierten. Dort lernte er auch die sogenannten »Apoisten« kennen und sah in ihnen den wahren revolutionären Geist. Ende der 1970er Jahre schloss er sich der PKK an und organisierte vor allem die Jugend in den Gymnasien der Stadt.
Rückzugsort und Reorganisation
Noch vor dem Militärputsch am 12. September 1980 kam es zu einer groß angelegten Verhaftungswelle gegen revolutionäre Kräfte. Viele Kader:innen der PKK, unter ihnen Sakine Cansız, wurden in Militärgefängnissen gefoltert. Abdullah Öcalan hatte diese Entwicklung bereits im Sommer 1979 vorausgesehen und war über Rojava in den Mittleren Osten gegangen, wo er Kontakt zu revolutionären Kräften aufgenommen und so einen Rückzugsort für die Reorganisierung der Bewegung sicherstellen konnte. Nach dem Militärputsch 1980 reisten Kader:innen der Bewegung als Gruppen in den Libanon um in den in Lagern der Palästinenser politische und militärische Ausbildung zu bekommen.
Auch Nazif Aktaş kam Anfang der 1980er Jahre in den Libanon, wo er neben ideologischer Schulung zum Kommandanten ausgebildet wurde. 1982 war er Teil der ersten Gruppen, die in den Bergen Südkurdistans den Grundstein für den Guerillakampf legen sollten. Aber noch bevor er sich auf den Weg machen konnte, begann im Juni 1982 die israelische Militäroffensive auf die Camps der palästinensischen Volksbefreiungsfront. Die Kader:innen der PKK, die sich in diesen Lagern befanden, beteiligten sich am Widerstand gegen die israelische Offensive. In der Burg von Arnon verloren 11 von ihnen ihr Leben und 15 kurdische Kämpfer gerieten in israelische Gefangenschaft. Darunter war auch Nazif Aktaş.
Geiselhaft in Israel
Nazif Aktaş und seine Genossen wurden in israelischer Geiselhaft gefoltert und vom MOSSAD und dem türkischen Geheimdienst MIT gemeinsam befragt. Trotz physischer und psychischer Folter ist es ihnen gelungen, ihre wahre Identität geheim zu halten. Der Widerstand der PKK-Gefangenen im Militärgefängnis von Diyarbakir unter der Parole »Berxwedan Jiyan e – Widerstand heißt Leben« wurde von Nazif Aktaş und seinen Genossen in israelischer Geiselhaft beispielhaft fortgesetzt. Trotz sehr begrenzter Möglichkeiten brachten sie in Gefangenschaft die Zeitung Serxwebûn mit Artikeln auf Kurdisch, Türkisch und Arabisch heraus und setzten dabei den Fokus auf revolutionäre Kultur, revolutionäres Leben und genossenschaftliche Beziehungen. Ihre internationalistische revolutionäre Haltung verschaffte ihnen bei ihren Mitgefangenen großen Respekt und Wertschätzung.
Ende 1983 bis Anfang 1984 kam es durch Bemühungen des Internationalen Roten Kreuzes zu einem Gefangenenaustausch. Die Gruppe der Gefangenen der PKK kam so nach 18 Monaten in Geiselhaft frei. Die Geiseln sollten über Griechenland nach Algerien gebracht werden. Den kurdischen Revolutionären gelang es, in Griechenland aus dem Flugzeug zu steigen und politisches Asyl zu beantragen. Von Algerien aus wäre es für sie sehr schwierig gewesen, Verbindung zu ihrer Bewegung aufzunehmen. In Griechenland arbeiteten sie als Tagelöhner. In ihrer Freizeit schrieben sie Flugblätter und gestalteten Plakate.
Politische Arbeit in Europa
Einige Zeit später wurde Nazif Aktaş von der Bewegung nach Deutschland geholt, wo er ein Jahr lang in Duisburg politisch für die kurdische Freiheitsbewegung arbeitete. Anschließend ging er mit der gleichen Aufgabe nach Paris.
Anfang der 1980er Jahre versuchte Abdullah Öcalan als Ausdruck von Widerstand gegen den Militärputsch und die herrschende Junta in der Türkei eine antifaschistische Einheitsfront zu bilden. Denn durch den Putsch, Verhaftungen und Folter kam es zu einer Schwächung und Zersplitterung der linken und sozialistischen Kräfte in der Türkei und Kurdistan. Öcalan sah die Notwendigkeit, alle linken Kräfte im Kampf gegen den türkischen Faschismus in einem Bündnis zusammen zu bringen. Als Gegenprojekt wurde 1985 unter Federführung der Kommunistischen Partei der Türkei (TKP) die »Linke Einheit« gegründet, welche vor allem in Europa verantwortlich für provokative Angriffe gegen die PKK war. Um die kurdische Freiheitsbewegung im Rahmen der Gladio-Kriege kriminalisieren zu können, brauchte es eine gewaltvolle Atmosphäre, die durch diese systematischen Angriffe und Provokationen der »Linken Einheit« geschaffen werden sollte. In diesem Zusammenhang kann man von einem Bündnis aus NATO-Geheimdiensten, vorgeblich antiimperialistischen linken Kräften aus der Türkei und kollaborierenden kurdischen Organisationen sprechen. In diesem Rahmen entstand das Pariser Komplott, das zum ersten Mord an einem Vertreter der kurdischen Feiheitsbewegung führte.
Ein Tag vor Weihnachten, am 23. Dezember 1985, fand in Paris, in der Nähe der Metrostation Saint Denis, eine Protestaktion der kurdischen Bewegung statt. Gruppen, die sich unter dem Dach der »Linken Einheit« gesammelt hatten, griffen die friedlich protestierende Menschenmenge plötzlich mit Pistolen, Messern und Stöcken an. Dabei wurde Nazif Aktaş gezielt getötet und drei weitere kurdische Patrioten schwer verletzt.
Weil das faschistische Regime in der Türkei eine Überstellung seines Leichnams nicht genehmigte, wurde Nazif Aktaş am 7. Januar 1986 auf dem Friedhof Père-Lachaise im Bereich der gefallenen Kommunarden beigesetzt. Sein Grab befindet sich noch immer dort. Obwohl die französischen Behörden den geplanten Protestzug verboten hatten, nahmen mehr als Tausend Kurd:innen aus ganz Europa an seiner Beerdigung teil. Auch Vertreter der Revolutionären Front der Palästinensischen Befreiungseinheit begleiteten ihn auf seinem letzten Weg.
Fußnoten
¹ Gladio: Von der NATO geschaffene geheime »Stay-behind« Organisation
² Türkische Bezeichnung: Diyarbakır
Kurdistan Report 240 / Januar – März 2026

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