Was uns Rojava über die Bedeutung von Befreiung lehrt:
Von Bhzad Dher, Deutschlandvertreter der Partei der Demokratischen Union (PYD) in Syrien
In den vergangenen Wochen wurde in deutschen wie internationalen Schlagzeilen immer wieder behauptet, das Autonomieprojekt Rojava sei gescheitert. Tatsächlich ist es ein ein schwerer Rückschlag, aber es ist kein Scheitern. Im Gegenteil: Gerade in Zeiten wachsenden Nationalismus und globaler Krisen ist das Modell Rojava wichtiger denn je. In seinem Beitrag zeigt Bhzad Dher, warum Rojava für alle, die nach Alternativen und Antworten suchen, eine Fundgrube an Erfahrungen und Lehren ist.
Den Befreiungsbewegungen unserer Zeit mangelt es nicht an Themen, sondern an einem gemeinsamen Verständnis. Frauenrechte, Klima, Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Antikolonialismus, Antirassismus, nationale Befreiung – eine lange Liste von Kämpfen, die nebeneinanderstehen, sich in der Praxis jedoch oft so verhalten, als stünden sie in Konkurrenz zueinander.
Jede Bewegung ist von der Priorität ihres Anliegens überzeugt. Daraus resultiert die Haltung: Zuerst befreien wir das Land, dann sprechen wir über die Frauen. Zuerst stürzen wir das Regime, dann bauen wir die Demokratie auf. Zuerst lösen wir die Wirtschaftskrise, dann kümmern wir uns um die Umwelt.
Doch was tatsächlich geschieht, ist das Gegenteil: Wir wechseln die Gesichter und behalten die Struktur.
Das Problem liegt nicht in den Anliegen selbst, sondern in der Logik, mit der wir sie betrachten: einer hierarchischen Logik, die Befreiung als eine Abfolge geordneter Prioritäten versteht und nicht als einen miteinander verflochtenen gesellschaftlichen Prozess. Eine Logik, die genau jene Struktur reproduziert, die sie eigentlich überwinden will und es nicht bemerkt.
Hier liegt die Bedeutung der Erfahrung Rojavas in Nord- und Ostsyrien. Nicht weil es sich um ein »kurdisches Projekt« handelt und nicht weil es eine Form der »Selbstverwaltung« ist, sondern weil dort etwas Seltenes versucht wird: die Bedeutung von Befreiung selbst neu zu definieren.
In Rojava wird die Frauenfrage nicht als ein Thema unter vielen behandelt, sondern als Ausgangspunkt gesellschaftlicher Organisation. Die Umwelt wird nicht als Nebenthema verstanden, sondern als Grundlage der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Demokratie wird nicht als Wahlprozess oder Staat gedacht, sondern als Netzwerk lokaler Räte, die die Gesellschaft von unten organisieren. Freiheit wird nicht als Kontrolle über den Staat begriffen, sondern als Reduzierung der Logik von Kontrolle überhaupt.
Der bekannte Slogan »Frau – Leben – Freiheit« ist kein moralischer Aufruf, sondern eine organisatorische Formel: Keine Demokratie ohne die Befreiung der Frau. Keine gesellschaftliche Befreiung ohne Versöhnung mit der Natur. Keine Freiheit ohne die Auflösung von Zentralismus und Hierarchie.
Dieses Verständnis unterscheidet sich grundlegend von der »Prioritätenlogik«, die viele moderne Revolutionen geprägt hat. Zahlreiche Revolutionen riefen nach Freiheit und endeten doch in neuen zentralistischen Systemen, neuen männlich dominierten Führungen und neuen ausbeuterischen Wirtschaftsformen. Die Akteure wechselten – die Struktur blieb.
Rojava versucht, diesen Kreislauf zu durchbrechen, indem nicht nur die Machtverhältnisse, sondern die Organisationslogik selbst verändert werden:
Doppelspitze statt Einzelherrschaft, Räte statt zentraler Staatlichkeit, autonome Frauenstrukturen statt bloßer »Repräsentation«, Gemeinwohlwirtschaft statt extraktiver Ökonomie.
Was in der akademischen Theorie als »Intersektionalität« diskutiert wird, wird hier zur alltäglichen Praxis. Intersektionalität dient hier nicht länger der Ausbeutung und Unterdrückung, sondern der Entwicklung der Gesellschaft – sie wird eine Methode zu ihrer Organisation.
Wenn wir verstehen, dass die Unterdrückung der Frau, die Ausbeutung der Natur, Autoritarismus, Klassismus und Rassismus keine getrennten Probleme sind, sondern Symptome einer gemeinsamen Herrschaftsstruktur, verändert sich die Logik des Kampfes. Es gibt keinen Wettbewerb zwischen den Anliegen mehr, sondern ein kämpferisches Miteinander, in dem der Einsatz für die Umwelt zugleich ein Einsatz für Frauenbefreiung ist, feministische Praxis zugleich demokratische Praxis, und nationale Befreiung eine gesellschaftliche Befreiung und nicht bloß eine staatliche.
Das ist es, was man »Miteinander statt Hierarchie« nennen kann. Nicht das Nebeneinander von Themen, sondern das Miteinander der Kämpfe innerhalb eines gemeinsamen Befreiungsprojekts.
Die wichtigste Lehre dieser Erfahrung ist einfach, aber tiefgreifend: Wir kämpfen nicht für voneinander getrennte Anliegen, sondern gegen die Struktur, die sie alle hervorbringt.
Dann verlieren Fragen wie »Was hat Priorität?« ihren Sinn. Die eigentliche Frage wird: Wie verändern wir die Organisationsweise selbst, sodass diese Struktur sich nicht erneut reproduzieren kann?
Vielleicht lässt sich die Erfahrung Rojavas nicht eins zu eins übertragen. Aber man kann etwas Grundlegendes von ihr lernen: Befreiung beginnt nicht mit der Ordnung der Anliegen, sondern mit der Veränderung der Denkweise, mit der wir sie betrachten.
Kurdistan Report 241 – April / Mai / Juni 2026

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