Von der Entstehung moderner Identität zur Abkehr vom Nationalstaat
Mahmut Şakar, Rechtsanwalt und Ko-Vorsitzender des Kölner Vereins für Demokratie und Internationales Recht (MAF-DAD)
Im Kontext des weltweiten Aufschwungs nationaler Befreiungsbewegungen entstanden, überdauerte die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) den Zusammenbruch des Realsozialismus indem sie die entscheidenden Aspekte analysierte, die es zu ändern oder beizubehalten galt. Während anfangs überhaupt erst eine moderne kurdische Identität geschaffen werden musste, wurde diese im Verlauf der Jahrzehnte des Kampfes von der Idee des Nationalstaats und Nationalismus befreit und in die Vorstellung einer »demokratischen Nation« überführt, welche auf der Geschwisterlichkeit der Völker ebenso beruht wie auf der Befreiung der Frau.
Eine neue kurdische Identität entsteht
Es wird behauptet, dass die Kurd:innen zu den Völkern gehören, die am spätesten in den Prozess der modernen Nationenbildung eingetreten sind. Diese Einschätzung ist nicht falsch. Man könnte sogar behaupten, dass die Herausbildung der Kurd:innen als echte Nation ein Produkt der letzten fünfzig Jahre ist. Trotz aller Bemühungen um eine kurdische Identität, trotz nationalistischer Institutionalisierungen und Aufständen war die Bewegung von Öcalan und der PKK die erste (und bislang einzige) Bewegung, deren Verbreitung ganz Kurdistan umfasste, die Geografie in Gänze nutzte und alle Bereiche der Gesellschaft durchdrang.
Die moderne kurdische Nation ist also in den letzten fünfzig Jahren mit einer neuen Identität auf die historische Bühne getreten. Identität ist, wie viele andere historische und soziale Phänomene auch, kein einheitliches, unveränderliches und feststehendes Phänomen. Jede Identität wird durch ihre eigenen historischen, politischen und sozialen Entwicklungen geprägt.
Die Ideologie der PKK hat dieser Identitätsbildung natürlich ihren Stempel aufgedrückt. Hier muss ich zwei Aspekte besonders hervorheben. Erstens war die Bewegung von Öcalan im Gegensatz zu früheren Aufstandsbewegungen eine, die von unten kam und aus den Reihen der armen Kurd:innen hervorging. Dies war der entscheidende Faktor für ihre Existenz und ihre Geschichte bis heute.
Zweitens hat die PKK seit ihrer Gründung einen Ansatz verfolgt, der andere Identitäten und Kulturen respektiert, die Ursache sozialer Probleme nicht in den Völkern, sondern in den Herrschenden sieht und alle progressiven Klassen- und Identitätskämpfe als strategische Allianz betrachtet. Zudem sind die Gründungsmitglieder der PKK aus der revolutionären Linken der Türkei hervorgegangen, weswegen sie sich als deren Nachfolger:innen bezeichnen. Viele Mitwirkende des Gründungsprozesses der PKK waren selbst türkischer Herkunft. Für sie war klar, dass die Türkei ohne die Befreiung Kurdistans von der Kolonialherrschaft nicht frei sein kann.
Die Entstehung der PKK-Bewegung hat außerdem dazu geführt, dass Millionen unterdrückter Bäuer:innen, Arbeiter:innen, armer Kurd:innen und Frauen als politische Akteur:innen an die Stelle der traditionellen kurdischen Repräsentanten getreten sind. Die Konstruktion einer neuen kurdischen Identität stand in engem Zusammenhang mit dem Ziel der Lösung von Klassen-, Religions- und Geschlechterfragen. Deshalb sagte Öcalan, sie seien die Begründer:innen und Vertreter:innen der demokratischen Linie in der Geschichte und Politik Kurdistans.
Die PKK findet zu sich selbst zurück
Der Kampf gegen den Kolonialismus und für das Recht auf Selbstbestimmung folgt im Fall Kurdistans keinem klassischen Muster. In ihren Anfängen interpretierte die PKK dieses Recht ausschließlich als die Gründung eines eigenen Nationalstaates. Die PKK-Bewegung begann jedoch in einer Zeit, in der der Realsozialismus zusammenbrach und die nationalen Befreiungsbewegungen völlig wirkungslos wurden, umzudenken und kam durch die Analyse dieses Erbes und die Realität ihres eigenen Kampfes zu Schlussfolgerungen. Sie begann, den Zusammenhang zwischen Befreiung und der Gründung eines neuen Staates zu hinterfragen.
Bereits Anfang der 1990er Jahre versuchte sie durch die Erklärung eines Waffenstillstands sowie durch die die Herstellung des Zusammenhangs zwischen einer Demokratisierung der Türkei und der kurdischen Frage einen Weg zur Lösung jenseits des bewaffneten Konflikts zu finden. Die türkische Staatstradition hielt es jedoch aus eigenem Interesse für unverzichtbar, die PKK als »separatistisch und spaltend« zu definieren, und reagierte auf alle Vorschläge mit Krieg und Gewalt.
Insbesondere die Ausweisung Öcalans aus Syrien am 9. Oktober 1998 und seine Auslieferung an die Türkei am 15. Februar 1999 im Rahmen des internationalen Komplotts hatten strategische Konsequenzen für die kurdische Politik und waren entscheidende Ereignisse mit Auswirkungen bis heute.
Öcalan und die kurdische Politik standen historisch gesehen vor einem großen Umbruch und mussten strategische Entscheidungen treffen, die einen nachhaltigen Einfluss auf die Überwindung dieser Herausforderungen hatten. Zunächst wurde Anfang der 90er Jahre beschlossen, die Versuche einer friedlichen und demokratischen Lösung in eine dauerhafte strategische Linie umzuwandeln. Die Bewegung entschied sich dafür, den bewaffneten Widerstand nur dann als Kampfmittel einzusetzen, wenn es unvermeidlich war und nur begrenzt Gewaltmittel zur Selbstverteidigung einzusetzen.
Der zweite und tiefgreifendere Ansatz entwickelte sich während Öcalans Gefangenschaft. In dieser Zeit richtete er den Blick stärker auf die inneren Ursachen, die die Bewegung an einen historischen Wendepunkt gebracht hatten. Er kam zu dem Schluss, dass der Kampf für einen neuen Nationalstaat nicht zur Befreiung führen könne. Denn ein Nationalstaat würde die Bewegung nicht aus der kapitalistischen Moderne herauslösen, die er als Hauptursache der kurdischen Frage beschreibt. Er argumentierte, ein solcher Staat würde im Gegenteil am Ende nur Teil dieses Systems werden — ein weiteres Element der kapitalistischen Welt, eher eine Art Anhängsel als eine Alternative.
Aus diesen Analysen entwickelten Öcalan und die kurdische Bewegung ein neues Paradigma: Im Mittelpunkt steht nicht mehr der Staat, sondern die Gesellschaft und ihre Befreiung. Entscheidend sind dabei die Demokratisierung der eigenen Strukturen, die Organisierung der unterdrückten kurdischen Bevölkerung, die Befreiung der Frauen vom Patriarchat und das Ziel, eine ökologische Gesellschaft aufzubauen. Öcalan versuchte, diese Ausrichtung durch vielfältige praktische Schritte zu stärken. Diese neue Denkweise knüpft im Kern an die ursprünglichen Prinzipien der PKK an – ihren volksnahen, fortschrittlichen, sozialistischen und internationalistischen Charakter. Man könnte sogar sagen: Die PKK hat auf diese Weise zu sich selbst zurückgefunden.
Als 2011 der Bürgerkrieg in Syrien eskalierte, zeigte sich schnell: Der Konflikt wurde stark religiös und ethnisch aufgeladen und von brutaler Gewalt geprägt. Weltmächte nutzten diese Unterschiede, um den Krieg weiter anzuheizen und zu verschärfen. Mitten in diesem Schrecken entstand in Rojava jedoch ein anderer Weg: Verschiedene Bevölkerungsgruppen und Religionsgemeinschaften – Kurd:innen, Araber:innen, Suryoye, Êzîd:innen und Armenier:innen – begannen, gemeinsam ein neues Leben aufzubauen.
Den gedanklichen Rahmen dafür lieferte das Paradigma, das Öcalan und die PKK insbesondere seit 1999 weiterentwickelt und in der Praxis erprobt haben. Ohne Öcalans Konzept der »demokratischen Nation« wäre die Rojava-Revolution höchstwahrscheinlich nicht in dieser Form möglich gewesen – und sie würde vermutlich auch nicht so in die Geschichte eingehen. Entscheidend war eine Idee, die Unterschiede nicht als trennend begreift, sondern als Grundlage für ein gemeinsames Leben. Im Alltag drückt sich das in der Redewendung »Geschwisterlichkeit der Völker« aus. Diese Idee ermutigte die Menschen in Rojava, ihre Verschiedenheit nicht gegeneinander auszuspielen, sondern sie gemeinsam zu leben. Ein feministisches Paradigma prägte dabei ihren Geist und ihre Praxis.
Die Anpassung der Ansätze zur Befreiung des kurdischen Volkes
Meiner Beobachtung und Interpretation nach haben Öcalan und die PKK ihre Grundgedanken zur Natur der kurdischen Frage und zur Struktur des türkischen Staates seit Anfang der 1970er Jahre nicht geändert. Die Tatsache, dass Kurdistan eine Kolonie ist und unter der Gefahr eines Völkermords lebt, ist theoretisch weiterhin aktuell und wurde nicht negiert.
Die Ursache und der Charakter des Problems haben sich trotz einer Vielzahl von Veränderungen nicht grundlegend geändert.
Die Bewertungen, Pläne und Strategien zur Lösung dieses strukturellen Problems hingegen haben – wie ich bereits gezeigt habe – im Laufe der Zeit deutliche strategische Veränderungen erfahren. Öcalan und der kurdische Freiheitskampf haben ihre Ansätze zur Befreiung des kurdischen Volkes aus kolonialen Abhängigkeitsverhältnissen und zur Emanzipation mehrfach angepasst: an die eigenen Erfahrungen, an veränderte Bedingungen und an die jeweilige Positionierung der Gegenseite.
Politik ist ohnehin nichts Starres und Unveränderliches, kein heiliger Text. In der Tradition der Linken heißt das: Politik ist »konkrete Analyse der konkreten Situation«.
Vor diesem Hintergrund hat diese Bewegung ihre Haltung zum Nationalstaat strategisch und endgültig verändert. Sie hat sowohl den Nationalstaat als auch den Nationalismus – gewissermaßen die »Religion« des Nationalstaates – einer grundlegenden Kritik unterzogen. Immer wieder hat sie betont, wie sehr beide Phänomene den Völkern in der Vergangenheit geschadet haben und bis heute schaden.
Daraus folgt – aus historischem Bewusstsein und rationaler Einsicht ebenso wie aus der Analyse der heutigen politischen Lage –, dass die Völker nicht wieder den Weg des Nationalstaats und Nationalismus einschlagen sollten, die ihnen so viel Schaden zugefügt haben. Gerade Sozialist:innen sollten diesen Weg aus ihrer politischen Agenda streichen – und ihn auch nicht als Ziel für das kurdische Volk fordern.
»Demokratische Türkei, freies Kurdistan«
Wenn die Gründung eines neuen Nationalstaates kein sinnvoller und realistischer Weg ist, dann besteht die zentrale Strategie nicht nur darin, dass Kurd:innen eine autonome, freie Struktur aufbauen. Genauso wichtig ist, dass auch die Strukturen des Zentralstaates sich für die Demokratie öffnen und sich die Gesellschaft als Ganzes demokratisiert. Deshalb lautete ein zentraler Slogan dieser Strategie – bezogen auf die Türkei – etwa: »Demokratische Türkei, freies Kurdistan«. Eine Demokratisierung des Zentralstaates und ein Modell, das die autonome Struktur der kurdischen Gesellschaft schützt, lassen sich nur gemeinsam denken. Denn in einem undemokratischen Staat wären sowohl die Errungenschaften der Kurd:innen als auch ihre Autonomie und Selbstbestimmung ständig bedroht.
Aus dieser Perspektive kann eine Alternative zur Staatsgründung nur aus dem Konzept einer »demokratischen Nation« entstehen. Andernfalls droht ein Konflikt der Nationalismen, in dem die vergleichsweise schwächere kurdische Identität erneut zerrieben oder zerschlagen würde. Diese Erfahrung machen Kurd:innen seit fast 200 Jahren immer wieder.
Öcalans zentrales Anliegen ist es, die kurdische Frage aus der Logik von »Aufstand und Vernichtung« herauszuführen. In diesem Sinn ist die »Geschwisterlichkeit der Völker« nicht nur ein ethischer, fortschrittlicher Grundsatz oder ein schöner Slogan, sondern eine notwendige Voraussetzung für gemeinsames Leben und eine friedliche Politik. Natürlich wird dieser Weg erschwert, wenn die Gesellschaft, mit der man »geschwisterlich« zusammenleben will, selbst stark vom Nationalismus geprägt ist. Doch das ist ein erkennbarer Teil staatlicher Politik – und genau deshalb muss darum gekämpft werden, dass sich die Bedingungen ändern.
Die kurdische Identität umfasst mehr als Kultur und nationale Zugehörigkeit
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Bedingungen, unter denen die PKK entstanden ist, ihre klassenbezogene und ideologische Prägung sowie ihre lange Tradition des Widerstands zeigen, dass es kein Zufall ist, dass sie zur Idee der demokratischen Nation und zur Jineolojî (Wissenschaft aus der Perspektive der Frau) gelangt ist. Deshalb betont Öcalan im letzten Band seines »Manifests der demokratischen Zivilisation«, dass die Idee der demokratischen Nation das Ergebnis von vierzig Jahren Arbeit und Kampf ist.
Die Angriffe auf die Theorie der demokratischen Nation und auf das Ziel der »Geschwisterlichkeit der Völker« richten sich aus dieser Sicht gegen eine historische Errungenschaft der Freiheitsbewegung und gegen die Identität, die sie geprägt hat. Aus derselben Logik heraus wären die nächsten Ziele derjenigen, die diese Ideen angreifen, die Parole »Jin, Jiyan, Azadî«, die Jineolojî und das Streben nach Frauenfreiheit. Denn Nationalismus geht häufig mit einer patrarchalen Mentalität einher.
Die kurdische Identität, die sich in den letzten fünfzig Jahren entwickelt hat, stützt sich heute nicht nur auf Kultur und nationale Zugehörigkeit. Sie ist auch geprägt von dem Anspruch, Ausgrenzung zu überwinden, ein demokratisches Zusammenleben der Völker zu ermöglichen und die Freiheit der Frauen voranzutreiben. Genau diese Haltung ist meiner Meinung nach die größte Stärke und eine zentrale Kraft der Kurd:innen.
Kurdistan Report 241 – April / Mai / Juni 2026

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