Internationale Solidarität bedeutet den Aufbau von Alternativen Michael Kaiser, Aktivist von »Defend Kurdistan« Es gibt eine Anekdote, die der vie
Internationale Solidarität bedeutet den Aufbau von Alternativen
Michael Kaiser, Aktivist von »Defend Kurdistan«
Es gibt eine Anekdote, die der viel zu früh verstorbene Anthropologe David Graeber immer wieder erzählte, wenn er über seine Reise nach Rojava sprach. Sie handelt von einem kurzen Austausch mit Amina, einer Aktivistin der lokalen Strukturen. Graeber berichtete: »Einmal haben wir uns dafür entschuldigt, dass wir keine besseren Geschenke oder materielle Hilfe für die Menschen Rojavas mitbringen konnten, die derart unter dem Embargo leiden. Und sie sagte: ›Letztendlich ist das nicht entscheidend. Wir haben das, was uns niemand je geben kann. Wir haben unsere Freiheit, ihr nicht. Wir wünschen uns nur, dass es einen Weg gäbe, wie wir sie euch geben könnten.‹ «Diese Worte sind nicht nur ein Ausdruck bemerkenswerter Würde; sie machen deutlich, was internationale Solidarität im Kern ausmacht: es geht darum, Kämpfe um Freiheit und Selbstbestimmung nicht auf eine materielle Dimension zu reduzieren und zugleich anzuerkennen, dass globale Machtverhältnisse die Bedingungen für Befreiungsbewegungen entscheidend prägen. Sie führen uns damit direkt zu jenem Ort, an dem viele der geopolitischen Verwerfungen unserer Gegenwart sichtbar werden: Kurdistan.
Eine Region im Zentrum globaler Umbrüche
Die Welt befindet sich in einer Phase tiefgreifender Umwälzungen. Politische Ordnungen verschieben sich, alte Gewissheiten lösen sich auf, neue Konfliktlinien entstehen. Besonders deutlich zeigt sich dies im Mittleren Osten, in dessen Zentrum sich Kurdistan befindet – ein Raum, der von den Staaten Türkei, Syrien, Irak und Iran geteilt wird. Der gegenwärtige Wandel ist ambivalent: Er birgt große Gefahren, aber auch historische Möglichkeiten.
Zu den Gefahren gehören die Angriffe auf das Projekt der Demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien (DAANES), das Wiedererstarken des sogenannten Islamischen Staates sowie die drohenden Eskalationen im Irak und Iran1. Zugleich bietet der politische Prozess der möglichen Integration der selbstverwalteten Gebiete in eine neue syrische Staatsstruktur trotz Unsicherheiten Chancen: Chancen auf eine Stabilisierung des Landes, auf eine Ausweitung basisdemokratischer Erfahrungen und auf eine Neubestimmung gesellschaftlicher Beziehungen jenseits autoritärer Modelle.
Nicht weniger bedeutsam ist, dass sich die kurdische Gesellschaft – trotz aller inneren Widersprüche – historisch selten so geeint gezeigt hat wie heute. Diese neue Einheit ist Ausdruck eines kollektiven Bewusstseins, das in Jahrzehnten revolutionärer Organisierung, Repression und Widerstand gewachsen ist.
Doch gerade in solchen Momenten historischen Übergangs wird deutlich, wie zentral internationale Solidarität ist: als konkrete Unterstützung, als ethische Verpflichtung und als Möglichkeit, von den Kämpfen anderer zu lernen.
»Krieg beginnt hier«: Die Verantwortung des globalen Nordens
Wer von internationaler Solidarität spricht, darf die eigene Rolle nicht ausblenden. Menschen im globalen Norden leben in Gesellschaften, deren Regierungen durch ihr Handeln – oder ihr Nicht-Handeln – maßgeblich beeinflussen, wie repressive Staaten gegen freiheitliche, demokratische Bewegungen vorgehen können. Sowohl auf materieller Ebene wie auch auf der Ebene propagandistischer Legitimation.
Dass die Türkei in die Lage versetzt wurde, in Kurdistan und insbesondere in Syrien Kriege gegen revolutionäre Bewegungen zu führen, liegt nicht nur an ihren eigenen Ambitionen. Es liegt an der politischen, technologischen und finanziellen Unterstützung aus Europa. Ein großer Teil dieser Unterstützung erfolgt offiziell im Rahmen der Flüchtlingspolitik; faktisch jedoch dient er der Stabilisierung eines autokratischen Staates, der eine eigenständige Rüstungsindustrie aufgebaut hat, die heute Drohnenkriege, gezielte Tötungen und Besatzungsprojekte ermöglicht.
Es sind europäische Technologien, die in Drohnen verbaut werden, die in Gebieten wie Efrîn, oder Serêkaniyê und Girê Spî, oder Tişrîn eingesetzt wurden. Es sind Panzer deutscher Produktion, die bei Angriffen genutzt wurden. Es sind politische Abkommen mit der Türkei, die ihr Handlungsspielräume verschafft haben, während sie gleichzeitig demokratische Bewegungen kriminalisiert.
Ähnliches gilt für andere historische Ereignisse: vom Einsatz deutscher Chemikalien beim Massaker von Helebce (arab. Halabdscha) bis zur systematischen Unterstützung staatlicher Strukturen, die auf Gewalt und Unterdrückung aufgebaut wurden. Der Westen schürt mittels seiner Partner Stellvertreterkriege – aus geopolitischen, wirtschaftlichen und ideologischen Gründen.
Internationale Solidarität bedeutet daher zunächst: sich dieser Verantwortung bewusst zu werden. Schweigen legitimiert das Handeln der eigenen Regierungen. Selbst wenn einzelne Menschen die Staatsraison nicht verändern können, beginnt jeder Wandel mit dem Schritt, die Realität zu benennen.
Und gleichzeitig bedeutet Solidarität zu erkennen, dass globale Krisen nicht voneinander getrennt betrachtet werden können. Die Kriege in Kurdistan, in der Ukraine und in Gaza, die imperialen Ansprüche der USA in Lateinamerika, die Zunahme autoritärer Populismen, soziale Spaltungen, Wohnungsnot und sexualisierte Gewalt – sie hängen miteinander zusammen. Ihre gemeinsame Grundlage ist die Struktur der kapitalistischen Moderne, deren Ausprägungen sich regional unterscheiden, deren Wurzeln jedoch dieselben sind.
Eine Alternative aufbauen: Die Kraft der kurdischen Freiheitsbewegung
Hier wird das Beispiel Kurdistans besonders wichtig – nicht, weil es ein ideales Modell wäre, sondern weil es zeigt, dass Alternativen möglich sind. Die kurdische Freiheitsbewegung hat in den freien Bergen, in den Selbstverwaltungen Nordkurdistans, im selbstverwalteten Camp von Mexmûr, in Şengal und besonders in Rojava Räume geschaffen, in denen eine andere Form des Zusammenlebens praktisch erprobt wird.
Dass diese Alternativen existieren können, liegt an jahrzehntelangem Aufbau: an Kooperativen, Räten, Akademien, Frauenstrukturen, Jugendräten und Netzwerken. Es liegt an der politischen Philosophie des Vordenkers Abdullah Öcalan, die ihre Wurzeln nicht im utopischen Entwurf der Zukunft, sondern in der Geschichte der menschlichen Gemeinschaft sucht, bevor der Staat als zentrales Machtmonopol entstand.
Das strahlendste und stabilste Beispiel dieser Alternativen ist Rojava – ein Gebiet, das trotz Krieg, Embargo und permanenter Bedrohung ein Maß an Selbstverwaltung, Sicherheit und gesellschaftlicher Teilhabe entwickelt hat, das im Umfeld des regionalen Chaos herausragt.
Doch ebenso wichtig ist: Diese Alternativen, wie sie auch beispielsweise die zapatistischen Gemeinden in Mexiko darstellen, sind nicht als isolierte Inseln zu denken. Die kurdische Bewegung betont immer wieder, dass der Freiheitskampf nur dann bestehen kann, wenn er Teil eines globalen Prozesses wird. Befreiung kann nicht exportiert werden – sie muss überall aufgebaut werden. Internationale Solidarität bedeutet daher nicht, Kurdistan zu romantisieren oder passiv zu bewundern, sondern den Aufbau eigener Alternativen im eigenen gesellschaftlichen Umfeld zu betreiben.
Hier lohnt wie gesagt auch der Blick auf andere Bewegungen wie die Zapatistas, die – ähnlich wie die kurdische Bewegung – Plattformen des Austauschs geschaffen haben, in denen Kritik und Selbstkritik zentrale Praktiken sind. Diese Formen der gegenseitigen Bezugnahme sind Beispiele dafür, wie internationale Solidarität zu einem Prozess gemeinsamer Veränderung wird.
Die verlernte Kunst des Aufbaus
Im globalen Norden ist eine der wichtigsten Fähigkeiten verloren gegangen: der Aufbau. Protest, Widerstand, Mobilisierung – all dies ist notwendig. Aber ohne Aufbau bleibt es defensiv. Aufbau bedeutet, konkrete Strukturen zu schaffen: Bildungsräume, Kommunen, Kooperativen, Medien, Netzwerke und solidarische Infrastruktur. Aufbau bedeutet, die eigenen gesellschaftlichen Realitäten zu analysieren, Bedürfnisse zu erkennen und Lösungen zu entwickeln.
Internationale Solidarität, verstanden im Sinne revolutionärer Realpolitik, heißt: vom Mut anderer zu lernen, aber nicht zu kopieren. Der historische Satz »Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam« hatte nie den stumpfen Sinn, etwa überall identische Guerillabewegungen zu schaffen und einen nationalen Befreiungskampf wie den der Vietkong zu führen. Er bedeutete: überall den Mut zu entwickeln, dem expansiven Kapitalismus eine andere Idee, ein anderes gesellschaftliches Projekt entgegenzusetzen.
In einer politischen Gegenwart, die zunehmend von populistischen Akteuren dominiert wird, die je nach Tagesform neue Kurswechsel vollziehen und damit das Leben von Millionen beeinflussen, ist der Aufbau solcher transnationaler solidarischer Strukturen notwendiger denn je.
Die Verantwortung, die bleibt
Während dieser Text verfasst wird ist die Gefahr in Rojava nicht gebannt. Kobanê ist weiterhin abgeschnitten, und die humanitäre Lage ist katastrophal. Die Zukunft der demokratischen Integration Syriens ist ungewiss. Doch gerade darin liegt auch eine historische Chance: die Chance, Errungenschaften wie die Frauenbefreiung, die nie wieder vollständig zurückgedreht werden kann, weiter zu verbreiten und an gesellschaftliche Realitäten anderer Orte heranzutragen.
Ihre Verteidigung und Weiterentwicklung ist nicht allein Aufgabe der Menschen vor Ort. Sie liegt auch in der internationalen Verantwortung all jener, die erkennen, dass der Kampf um Freiheit – ob in Kurdistan, Lateinamerika, Afrika oder Europa – Teil eines gemeinsamen globalen Ringens ist.
Internationale Solidarität heißt, sich nicht abzufinden. Sie heißt lernen, aufbauen, austauschen, Verantwortung übernehmen. Und sie heißt, zu verstehen, dass die Freiheit anderer immer auch die eigene ist.
1 Der Text entstand kurz vor dem Beginn des Krieges der USA und Israels gegen Iran.
Kurdistan Report 241 – April / Mai / Juni 2026

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