Eine kurze Geschichte der internationalen Solidarität
Tim Krüger, Journalist
In seinem Text gibt Tim Krüger einen kurzen Überblick über den Beginn und die Entwicklung der organisierten internationalen Solidarität und begründet die veränderte Ausgangsposition für eine neue Internationale.
»Proletarier aller Länder vereinigt euch!« Dieser berühmte Satz, geschrieben von Karl Marx und Friedrich Engels am Schluss des Manifests der Kommunistischen Partei gilt wie kaum ein anderer als fundamentale Losung des revolutionären Internationalismus. Veröffentlicht in den ersten Monaten des stürmischen Jahres 1848, wurde das Kommunistische Manifest zum offiziellen Programm der ersten revolutionären Organisation mit internationalem Anspruch der Neuzeit, dem »Bund der Kommunisten«. Der bereits im Jahr zuvor in London gegründete Geheimbund bestand zwar nur einige wenige Jahre und musste aufgrund des Drucks der Repressionsbehörden in den deutschen Staaten bereits 1852 wieder aufgelöst werden. Er markiert jedoch den Beginn einer neuen Epoche in den weltweiten Kämpfen gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Die in den Jahrzehnten zuvor entstandene Arbeiterbewegung erhielt mit dem Kommunistischen Manifest erste grobe strategische Leitlinien und ein eigenes klar formuliertes Programm.
Die Anfänge der Arbeiterbewegung
In den Anfängen der Arbeiterbewegung herrschte keine klare Vorstellung davon, wie eine andere Gesellschaft aussehen könnte und damit verbunden auch nicht über den Weg dorthin. Die unerträglichen Zustände der industriellen kapitalistischen Produktionsweise führten zum Zusammenschluss der ArbeiterInnen und im Vordergrund stand der tägliche ökonomische Kampf und die Verbesserungen der Lebensbedingungen der arbeitenden Klasse. Auch wenn bereits erste Ansätze gewerkschaftlicher Selbstorganisation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden, mangelte es an politischen Organisationen, die in der Lage gewesen wären den Kampf gegen die Herrschaft des Kapitals langfristig und strategisch zu führen. Marx und Engels versuchten mit ihrem Manifest diesen Mangel zu beheben. In ihren Analysen differenzierten sie zwischen der Rolle des Welthandels und der Rolle des Nationalstaates: Der Welthandel überschreitet alle nationalen Grenzen, während die politisch-juristische Struktur des Nationalstaates der herrschenden Klasse jeden Landes günstige Produktionsbedingungen zu sichern hat. Der Kapitalismus kann selbst nur als weltumspannendes System in seiner Form existieren.
Auch wenn – so schreiben sie im Kommunistischen Manifest – der Kampf der Arbeiterklasse gegen die jeweilige Bourgeoisie ihres eigenen Landes zuerst im nationalen Rahmen stattfinden wird, »das Proletariat eines jeden Landes […] zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden«1 muss, so kann langfristig nur die Kampfgemeinschaft aller Unterdrückten und Ausgebeuteten weltweit, die Überwindung der kapitalistischen Ordnung garantieren. Die Arbeiterinnen und Arbeiter aller Länder haben dabei mehr miteinander gemeinsam, als sie mit den Besitzenden ihrer jeweiligen Heimatländer verbindet. Während der Internationalismus gegen den vor allem auf dem europäischen Kontinent immer stärker werdenden Nationalismus die gemeinsame Identität der arbeitenden Klassen aller Länder betont, ist er mehr als ein abstraktes Menschheitsideal. Im Bewusstsein darüber, dass die herrschende Klasse auf der anderen Seite sich ihrer gesellschaftlichen Stellung bewusst ist, entsprechend handelt und sich im internationalen Maßstab organisiert, muss auch der Kampf der Unterdrückten und Ausgebeuteten im internationalen Maßstab organisiert und koordiniert werden.
Von Beginn an war der Internationalismus also nicht nur als individuelle Haltung und Prinzip gedacht, sondern immer auch als Aufruf für eine gemeinsamen Organisation über alle Grenzen hinweg. Dass diese Organisation, den Herrschenden ein Dorn im Auge sein würde, musste der Bund der Kommunisten bereits 1852 schmerzlich erfahren, als im Rahmen des so genannten »Kölner Kommunistenprozesses« führende Mitglieder der Organisation zu Haftstrafen verurteilt wurden. Um weitere Repressionen ins Leere laufen zu lassen, beschloss die Organisation ihre Selbstauflösung. Doch die Anstrengungen von der Ebene der Solidaritätsbekundungen und des sporadischem Austauschs zwischen den Sozialistinnen und Sozialisten unterschiedlicher Ländern zu einer wirklich organisierten Einheit zu gelangen, gingen weiter. Sie trugen Früchte, als im Jahre 1864 die Internationale Arbeiter Assoziation IAA (besser bekannt unter ihrem späteren Beinahmen Erste Internationale) gegründet wurde. Anders als der Bund der Kommunisten mit wenigen hundert Mitgliedern, vereinigte die IAA zum ersten Mal in der Geschichte Millionen von Arbeiterinnen und Arbeitern aus den industriell entwickelten Ländern der Welt unter dem Dach einer Organisation.
Die Erste Internationale
Die Grundlage der IAA war nicht eine ideologischer Einheit. In ihr versammelten sich zahlreiche Strömungen der sozialistischen Bewegung, vom Anarchismus bis zum Kommunismus, von reformorientierten Sozialisten bis hin zu radikalen umstürzlerischen Flügeln der Bewegung. Die gemeinsame Klammer, die alles zusammenhielt, war die Gegnerschaft zur kapitalistischen Ordnung und der gemeinsame Einsatz für die Emanzipation der Arbeiterklasse. Dabei wurde die Internationale immer wieder von heftigen Auseinandersetzungen erschüttert, zum Beispiel in der Frauenfrage. In diesem Punkt konnte sich die Internationale zu keiner gemeinsamen Position zum Frauenwahlrecht und zur gesellschaftlichen Gleichberechtigung der Geschlechter durchringen. Doch der entscheidende Konflikt, welcher die Internationale spalten sollte, entbrannte an der Frage des Scheiterns, des bis dahin für die sozialistische Bewegung wichtigsten Revolutionsversuches, der Pariser Kommune von 1871.
Während Marx und Engels nach der blutigen Niederschlagung der »Himmelstürmer von Paris« (Marx) den entscheidenden Fehler unter anderem im zu zögerlichen Vorgehen der Kommunarden im Kampf gegen die Kräfte der alten Ordnung sahen und davon überzeugt waren in der Kommune die konkrete Form des zukünftigen proletarischen Staates entdeckt zu haben, stellten sich die Antiautoritären bzw. Anarchisten gegen jede Form von Autorität bzw. zentralisierter Gewalt. Hier glaubten sie die Wurzel allen Übels erkannt zu haben. Bei dieser Debatte zerbrach die Internationale in zwei Teile. Mit dem Ausschluss eines großen Teils der Antiautoritären im Jahre 1872 wurde die Spaltung formell vollzogen. Bis weit in die 1870er Jahre hinein arbeiteten zwei Internationalen parallel. Mit dem Bruch begann der Niedergang der IAA. Die Organisation konnte nie wieder ihren vormaligen Einfluss erreichen. Doch mit der Spaltung der IAA endeten die Anstrengungen zur Vernetzung gegenseitiger Solidarität und Koordination in der sozialistischen Weltbewegung nicht.
Die Sozialistische Internationale
Bereits 1889, 100 Jahre nach der französischen Revolution, gründete sich die Sozialistische Internationale. Der Gründungskongress in London brachte 400 Delegierte aus 20 Staaten und aus rund 300 verschiedenen Organisationen zusammen. Die Zusammensetzung des Kongresses bildete die Breite und den steigenden Organisationsgrad der sozialistischen Bewegung ab. In vielen Ländern hatte sich die Arbeiterbewegung mittlerweile in Form politischer Parteien konstituiert. Diese versuchten den Kampf im nationalen Rahmen auf eine einheitliche Strategie auszurichten. Nicht nur im mittlerweile gegründeten deutschen Kaiserreich, auch in zahlreichen der industrialisierten Länder waren die Parteien in kürzester Zeit zu Massenparteien angewachsen und trotz Repression und Rückschlägen waren sie dabei zur stärksten politischen Kraft geworden. Doch auch die Sozialistische Internationale wurde bald von heftigen Linienkämpfen erschüttert.
Ein Teil der Mitglieder befürwortete den Kolonialismus oder konnte sich zumindest zu keiner offensiven Position gegen die Kolonialpolitik des eigenen Landes durchringen. Die schärfste Spaltungslinie verlief entlang der Frage, ob die Überwindung des Kapitalismus auf dem Weg der Reform oder durch eine revolutionäre Umwälzung bzw. einen Generalstreik zu erreichen sei. Die Ablehnung offensiver Kampfmittel ging bei den Reformisten mit einer schleichenden Anbiederung an den bürgerlichen Staatsapparat einher. Nicht wenige hatten es auf lukrative Posten in Parlamentsfraktionen, der Gewerkschaftsbürokratie oder den überall aufblühenden Genossenschaften abgesehen. Die wachsende Bewegung hatte Berufspolitiker hervorgebracht, die sich nicht alle ihren Idealen verpflichtet fühlten. So war ein entscheidender Faktor für den Aufstieg des Reformismus die Herausbildung einer bestimmten Schicht innerhalb der eigenen Bewegung, die dann doch mehr »zu verlieren [hatten] als ihre Kette«2. Für sie hätte eine offensivere Ausrichtung der eigenen Politik die Gefährdung ihrer eigenen Posten bedeutet
Zum Ende des 19. und mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts rückte vor allem der Kampf gegen die wachsende Kriegsgefahr ins Zentrum der internationalen Vernetzungsarbeit. Die steigende Konkurrenz zwischen den verschiedenen kapitalistischen Mächten auf dem europäischen Kontinent und das aggressive Wetteifern um die Kolonien, führten zu einer rasanten Aufrüstungspolitik und Militarisierung der Gesellschaft und die Einheit der internationalen Arbeiterbewegung wurde durch nationalistische Propaganda angegriffen. Um die Arbeiter bereit für den Krieg zu machen, mussten zuallererst die Bande der Solidarität durchbrochen und Hass und Hetze statt Geschwisterlichkeit gesät werden. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, organisierte die zweite Internationale zahlreiche Internationale Kongresse, wie den Internationalen Sozialistenkongress 1907 in Stuttgart, 1910 in Kopenhagen oder 1912 in Basel. Der Sozialchauvinismus in den Reihen der zweiten Internationale sollte damit zurückgedrängt werden.
Vernetzung gegen Militarismus und Spaltung durch Nationalismus
Am Rande dieser Kongresse kam es auch zu ersten Vernetzungsversuchen der internationalen Frauen- und Jugendbewegung. So organisierte Clara Zetkin zusammen mit weiteren Genossinnen anlässlich des Kongresses in Stuttgart 1907 die erste Internationale Sozialistische Frauenkonferenz. Die zweite Internationale Frauenkonferenz ging dem Kongress in Kopenhagen 1910 voraus und verabschiedete die Einführung eines Kampftages der werktätigen Frauen. Er wird noch heute jährlich am 8. März begangen.
Im Nachgang des Kongresses versammelte sich auch die Jugend aller Länder und diskutierte über die Gefahren des Militarismus. Der letzte internationale Kongress dieser Art vor Kriegsbeginn tagte im Jahre 1912 in Basel und stand ganz im Zeichen der Abwehr der drohenden Kriegsgefahr.
Der Baseler Kongress verabschiedete ein deutlich und entschlossen formuliertes Manifest gegen den Krieg: Bei Kriegsgefahr seien »die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen in den beteiligten Ländern verpflichtet alles aufzubieten, um […] den Ausbruch des Krieges zu verhindern.« Sollte dennoch der Krieg ausbrechen, so müsse mit allen Mitteln für seine rasche Beendigung gekämpft werden und »die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche Krise zur Aufrüttelung des Volkes« ausgenutzt »und dadurch die Beseitigung des kapitalistischen Klassenherrschaft«3 beschleunigt werden. So richtig die Forderung des von allen sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien verabschiedeten Manifestes auch waren, so versickerten sie bereits in den ersten Tagen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wie Wasser im Sand.
Statt die Arbeitenden aller Länder zum Kampf gegen den Aufteilungskrieg der Herrschenden aufzurufen, schlugen sich viele Parteien der Internationalen, allen voran auch die deutsche SPD, auf die Seite der nationalen Bourgeoisien ihrer Länder. Im Namen der vermeintlichen »Vaterlandsverteidigung« wurden alle Ideale des Internationalismus und der Geschwisterlichkeit bei Seite gelegt und die Arbeiter zu den Waffen gerufen. Die mehr als vier Jahre andauernde Barbarei des Krieges in den Schützengräben Europas war nicht zuletzt auch durch das grandiose Scheitern der sozialistischen Bewegung angesichts des Krieges mitverschuldet. Die zweite Internationale ging im Kriegsgeheul und Schlachtenlärm unter, doch noch während an den Fronten Europas gekämpft wurde, machten sich andere im Verborgenen daran, die zerrissenen Fäden neu zu knüpfen.
Auch wenn der Großteil der sozialdemokratischen Parteien dem nationalen Chauvinismus erlag, hielten Einzelne trotzig stand und unternahmen den Versuch die zerbrochene Internationale neu zu organisieren. Zu nennen ist hier vor allem die so genannte »Zimmerwalder Konferenz«, welche 1915 die Kriegsgegner in der sozialistischen Bewegung in dem kleinen Schweizer Dorf Zimmerwald zusammenbrachte. Aus dem Deutschen Reich nahm die »Gruppe Internationale« unter der Führung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts an dem Treffen teil. Mit der Gruppe der russischen Exilanten rund um den russischen Revolutionär Vladimir Iljitsch Lenin zieht sich eine direkte Linie von Zimmerwald zur Oktoberrevolution 1917 und der Neugründung der Internationalen im Jahre 1919.
Die erfolgreiche Machtergreifung durch die bolschewistische Fraktion der russischen Sozialdemokratie im November 1917 (julianischer Kalender Oktober) und die Errichtung der ersten Räteregierung nach der Zerschlagung der Pariser Kommune 1871, markierte den Beginn einer neuen Epoche. Als erste Handlung der neuen Regierung unter der Führung Lenins trat Russland aus dem Krieg aus und die russischen Revolutionäre riefen die Arbeiter im Waffenrock zur Verbrüderung an den Fronten auf. Der Oktoberrevolution 1917 folgte die Novemberrevolution 1918 im Deutschen Reich, welche dem Ersten Weltkrieg ein Ende bereiten sollte. Lenin hatte bereits 1915 in Zimmerwald gegen die Pazifisten entschlossen die Position vertreten, dass der Weltkrieg in einen revolutionären Weltbürgerkrieg verwandelt werden müsse. Das Momentum müsse genutzt werden, um die Arbeiterinnen und Arbeiter ganz nach der Losung Karl Liebknechts »der Hauptfeind steht im eigenen Land« dazu aufzurufen ihre Waffen gegen die Herrschenden in ihren Heimatländern zu richten.
Die Kommunistische Internationale – Komintern
Die Novemberrevolution in Deutschland, die Rätebewegung in Ungarn und die aufkommenden Massenkämpfe, die Streiks und Besetzungen in Norditalien, erschienen den Bolschewiki als Beweis, dass die Situation auf dem europäischen Kontinent reif sei. Die objektiven Bedingungen waren bereit, doch was fehlte, um den Kampf zu organisieren waren gut strukturierte, gesellschaftlich verankerte und politisch erprobte Parteien. Um diesen Mangel auszugleichen trieben Lenin und seine KampfgefährtInnen bereits wenige Wochen nach dem Sieg der Oktoberrevolution die Vorbereitungen zur Neugründung der Internationale voran. Im März 1919 wurde dann bei einem Kongress in Moskau die Gründung der Kommunistischen Internationale, kurz Komintern, verkündet. Anders als die Zweite Internationale, welche sich laut Clara Zetkin, nur »darauf beschränkt« hatte »Arbeitstreffen zur Zurechtlegung wohlklingender Beschlüsse abzuhalten«4 aber wenig innere organisatorische Disziplin und Verbindlichkeit hatte, sollte die Komintern von Beginn an als eine einheitliche Weltpartei aufgebaut werden. Während die Beschlüsse der Zweiten Internationale für ihre Mitgliedsorganisationen nicht bindend waren – worin viele die Ursache für das epochale Scheitern der Internationalen, den Krieg aufzuhalten, erkannten – sollten sich die einzelnen Parteien im Komintern nun als nationale Sektionen einer internationalen Weltorganisation verstehen.
Das höchste Gremium der Komintern, das Exekutivkomitee (EKKI), welches auf den regelmäßig stattfindenden Kongressen gewählt wurde, sollte die kommunistische Weltbewegung auf eine einheitliche Strategie hin ausrichten und die Arbeiten der einzelnen Länderorganisationen koordinieren. Die Komintern sollte gleich der bolschewistischen Partei leninschen Modells auf einer äußerst strikten ideologischen Einheit aufbauen und es wurden keine unterschiedlichen Strömungen oder Fraktionen toleriert. Die Parteien sollten sich nach dem Modell der Bolschewiki in »Parteien neuen Typs«, also professionell arbeitende Kaderparteien, transformieren. Mit diesen Prinzipien erreichte die Komintern eine bis dahin nicht gekannte Einheit, Stabilität und auch Schlagkraft. Aber andererseits war dieses Prinzip ursächlich dafür verantwortlich, dass der Marxismus-Leninismus, nach dem Tod Lenins 1924 offizielle Staatsideologie der Sowjetunion, in einem immer weiter verengten Kanon verknöcherte. Die Internationale verlor einen großen Teil ihrer Flexibilität. In der Zeit der innerparteilichen »Säuberungskampagnen« unter der Regierung Josef Stalins, welche auch den Kaderstamm der Komintern dramatisch dezimierte, kam die innerorganisatorische Diskussion über die Fragen der richtigen Strategie und Taktik sowie über Fehlschläge und Irrtümer in der eigenen Politik nahezu vollständig zum Erliegen.
Herausragend war die Komintern nicht nur durch ihre schiere Größe, sie war auch die erste Internationale welche wirklich versuchte im Weltmaßstab zu agieren. Mit dem Kongress der Völker des Ostens 1920 in Baku erweiterte die Komintern die Parole von Marx und Engels und verkündete »Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt euch!«. In Baku kamen insgesamt 1900 Delegierte aus asiatischen und europäischen Ländern in Asien zusammen, um den antikolonialen Befreiungskampf zu diskutieren. Im Anschluss an die Konferenz entsandte die Komintern zahlreiche ihrer KaderInnen in die kolonisierten Länder, um die Organisierung der antiimperialistischen Kämpfe voranzubringen. Anders als in den vorangegangenen Internationalen galt in der Komintern das Prinzip, dass die Kommunistischen Parteien der imperialistischen Länder aktiv die Kolonialpolitik ihrer eigenen Regierungen bekämpfen sollten. Den Schlüssel zum Sieg im Weltmaßstab sah die Komintern im vereinten Kampf der Arbeiterklasse in den Metropolen und der unterdrückten Völkern dieser Welt
Die Trikontinentale
Während die Komintern in den Wirren des Zweiten Weltkriegs 1943 aufgelöst wurde, ging der Samen der in den kolonisierten Länder gepflanzt worden war nach 1945 auf. 1966 mündeten die zahlreichen antikolonialen Kämpfe in den Ländern des Trikonts5 in der Gründung der »Solidaritätsorganisation mit den Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika« (OPSAAAL), besser bekannt als Trikontinentale. An der Gründungskonferenz nahmen über 500 VertreterInnen unterschiedlicher Organisationen aus 82 Ländern teil. Nicht die ideologische Einheit aller Beteiligten, sondern die gemeinsame Erkenntnis, dass die unterdrückten Völker weltweit dem selben Feind gegenüberstehen, bildete die Grundlage der Organisation. Dies unterschied sie deutlich von der Haltung der Komintern. Folglich repräsentierte die Trikontinentale ein äußerst breites Spektrum von Organisationen. Dieses reichte von dezidiert marxistisch bis hin zu Konzepten, die sich auf den »islamischen Sozialismus« bezogen. Im Mittelpunkt stand die gegenseitige Solidarität der nationalen Befreiungskämpfe.
Der Zusammenbruch des Realsozialismus
Mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus verlor auch der Internationalismus und die Solidarität zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Kämpfen weltweit zunehmend an Bedeutung und Dynamik. Während das Kapital in den 90er Jahren zu einer regelrechten Offensive zur Rückeroberung der Welt ansetzte, gerieten die sozialistischen Bewegungen, auch unter dem Eindruck der nach dem Ende der Sowjetunion proklamierten Alternativlosigkeit des Kapitalismus, zusehends in die Defensive. Die Antiglobalisierungsbewegung versuchte mit den Weltsozialforen Anfang der 2000er Jahre der globalen Vernetzung der Herrschenden Plattformen der gegenseitigen Solidarität entgegen zu setzen. Sie schufen zwar einen Raum für Diskussion und Austausch, konnten sich aber langfristig nicht zu einem tragfähigen Modell entwickeln. Schon 2004 resümierte der Vordenker der kurdischen Freiheitsbewegung Abdullah Öcalan, dass »die Weltsozialforen […] weit davon entfernt« seien »das Chaos zu erfassen und zu überwinden.«6 Laut Öcalan fehlt hierfür eine klare und aktualisierte theoretische Analyse der Herrschaftsverhältnisse im 21. Jahrhundert.
Die Notwendigkeit einer neuen Internationalen
Dennoch betonen Abdullah Öcalan und die kurdische Freiheitsbewegung auch in der aktuellen Debatte immer wieder die dringende Notwendigkeit einer »neuen Internationalen«. So stellte Öcalan in einem Beitrag zu einer Konferenz fest, dass »der heutige Kapitalismus […] keine Krise mehr,« sei »sondern […] das Ausmaß einer Krankheit erreicht [habe], welche die Menschheit«7 bedrohe. Öcalan hält daher den Wiederaufbau der Internationalen als Raum der gemeinsamen Diskussion und Solidarität innerhalb der unterschiedlichen Strömungen der sozialistischen Bewegung und aller Kräfte, welche nach einer menschlicheren Alternative zum Kapitalismus streben, für eine der dringendsten Aufgaben unserer Zeit. Dabei sollte »die sozialistische Tradition in der Geschichte […] als ein Erbe betrachtet werden«, jedoch gehört auch eine neue Analyse der heutigen Realität des Kapitalismus zu den »grundlegenden Aufgaben der Internationalen«, so Öcalan.8
Im 20. Jahrhundert basierten die verschiedenen gemeinsamen Organisierungen der Unterdrückten auf der internationalen Klassensolidarität und der nationalen Befreiung. Heute müsste eine neue Internationale in der Lage sein die Komplexität und Vielfältigkeit der gesellschaftlichen Kämpfe im 21. Jahrhundert abzubilden. Die in den vergangenen Jahren immer stärker werdende weltweite Frauenbewegung, aber auch der internationale Kampf gegen die fortschreitende Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, müssen als grundlegende Dynamiken beim Aufbau eines neuen Internationalismus verstanden werden. Ein zu enger ideologischer Ansatz, der nur die Anhänger einer bestimmten Strömung des Sozialismus berücksichtigt, kann keine Antwort auf die drängenden Probleme unserer Zeit bieten. In Anbetracht der wachsenden Kriegsgefahr, der aktuellen weltweiten Barbarei, der ökologischen Katastrophe und der global organisierten Offensive des Faschismus kann nur eine möglichst breite politische Einheit das Fundament für internationale Kooperation und Solidarität legen. Die Solidaritätsbewegung, die in den vergangenen Jahren rund um den Befreiungskampf in Kurdistan entstanden ist und weltweit antikapitalistische Kräfte der unterschiedlichsten Couleur zusammengebracht hat, hält dabei nicht nur wichtige Lehren und Erfahrungen bereit, sondern kann einen wichtigen Beitrag bei der Errichtung einer mehr als notwendigen neuen Internationalen leisten.
1 Manifest der Kommunistischen Partei, Karl Marx und Friedrich Engels, 1848
2 Manifest der Kommunistischen Partei, Karl Marx und Friedrich Engels, 1848
3 Stuttgarter Sozialistenkongress: Resolution über den Militarismus und die internationalen Konflikte, Stuttgart 1912; (Das Abschlussmanifest des Kongresses)
4 Zitiert nach Loren Balhorn, bei der Rosa Luxemburg Stiftung: https://www.rosalux.de/news/id/41549/die-weltrevolution-die-keine-war
5 Länder Afrikas, Lateinamerikas und Asiens
6 s. Abdullah Öcalan: Jenseits von Staat, Macht und Gewalt
7 anf-news.com/aktuelles/Ocalan-zeit-fur-demokratischen-sozialismus-49136
8 anf-news.com/aktuelles/Ocalan-zeit-fur-demokratischen-sozialismus-49136
Kurdistan Report 241 – April / Mai / Juni 2026

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