Vom Terror gegen die Comunidad zur Comunidad gegen den Terror
Victor, Recherche AG
»Unser höchstes Entscheidungsgremium ist seit jeher die Vollversammlung – das ist, was wir aufbauen, und das ist unsere Art zu denken.«
Die Gemeinden des Indigenen und Populären Rates von Guerrero – Emiliano Zapata (CIPOG-EZ) organisieren sich in der Kommunalität, jenseits staatlicher Strukturen. Kollektive Entscheidungsfindung, gemeinschaftliche Arbeit und Nutzung des Territoriums, die Ablehnung der großen Megaprojekte von Massentourismus über Bergbau bis zu sich ausbreitenden Monokulturen und der Aufbau eigener Bildungs-, Gesundheits- und Versorgungssysteme bedeuten eine Verteidigung des Lebens, die in einer von kolonial-kapitalistischer Ausbeutung geprägten Region mit dem Terror beantwortet wird:
»Wir befinden uns in einer sehr kritischen Phase, da wir uns einer Terrorkampagne ausgesetzt sehen, die unsere Gemeinden überrollt. […] Der Staat weiß, wer die [paramilitärischen] Gruppen sind, die uns angreifen. Doch er unternimmt nichts.«
Die erwähnten Angriffe zielen nicht nur auf Individuen. Sie zielen auf das, was die Gemeinden als kommunale Lebensform aufbauen, sie sind Teil des Krieges gegen die kleinbäuerliche Lebensweise der indigenen Bevölkerung im mexikanischen Bundesstaat Guerrero, der sich vor über 10 Jahren besonders brutal entlud:
Seit langer Zeit sind die »Escuelas Normales Rurales« hier ein bedeutender Ort für die Jugendlichen aus indigenen Familien. Durch deren Besuch erhalten sie eine Ausbildung und gleichzeitig Räume zur Selbstorganisation. Entsprechend kritisch beäugt der Staat diese Schulen, deren Anzahl in den vergangenen Jahrzehnten drastisch zurückgegangen ist – eine der verbliebenen Institutionen ist jene in Ayotzinapa, die zum traurigen Schauplatz eines der größten mexikanischen Staatsverbrechen geworden war. Auf ihrem Weg zum Gedenken an das gegen Studierende gerichtete Massaker von Tlatelolco 1968 wurden die Schüler:innen der Escuela Normalista de Ayotzinapa in Zusammenarbeit mit Kartellen von Polizei- und Militäreinheiten angegriffen. Diese verwendeten vom deutschen Konzern Heckler&Koch illegal verkaufte G-36 Sturmgewehre und ermordeten 6 junge Menschen. 43 Jugendliche sind seit dem Angriff im September 2014 verschwunden – Gerechtigkeit fordern seitdem vor allem ihre Hinterbliebenen, die sich auch von der neuen, »progressiven« Regierung der Morena-Partei verraten fühlen. Seit ihrem Triumph in den Wahljahren 2018 und 2024 stellt sie ihre Politik als linkes Projekt im Dienste der »Armen« dar – während frühere Angriffe auf die indigene Selbstorganisation unaufgeklärt bleiben und neue Attacken verschwiegen werden: Nicht nur die Escuelas Rurales in Guerrero sehen sich noch heute permanenten Bedrohungen ausgesetzt.
Guerrero ist einer der südlichsten und größten Bundesstaaten Mexikos, der durch seine Lage zwischen Küsten-, Berg und Wüstenregionen eine hohe Biodiversität aufweist. Hier leben viele indigene Bevölkerungsgruppen, die in Guerrero mit seinen insgesamt 3,5 Millionen Menschen mindestens 17 Prozent ausmachen. Gerade in den Bergregionen leiden sie unter Armut und dem Fehlen von Strom- oder Wasserversorgung: Der Reichtum ihres Territoriums wurde gleichsam zum Verhängnis. Große Wälder werden abgeholzt, in den Bergen wird in Minen nach Rohstoffen gegraben, Monokulturen und Massentierhaltung breiten sich auf dem Land und die industrielle Fischerei an der Küste aus, während Acapulco spätestens in den 70er Jahren zum ersten Zentrum des Massentourismus in Mexiko wurde. Ebendiese Sektoren werden auch vom Organisierten Verbrechen kontrolliert. Die Kartelle sind vom Drogen- und Menschenhandel bis Forst- und Landwirtschaft in allen Bereichen aktiv.
Seit dem Eindringen der extraktiven Gewalt von Staat und Unternehmen organisieren sich die indigenen Kleinbäuer:innen zur Verteidigung ihres Landes, des Wassers, der Luft und ihrer Lebensweise – und damit der Sicherung und dem verstärkten Aufbau autonomer Strukturen inmitten von dem »Auge des Sturms«:
»An der Costa Montaña von Guerrero haben unsere Gemeinden neue Formen der Gemeindeverwaltung eingeführt und ihre eigenen Institutionen gegründet. Die Gemeindepolizei wurde 1995 ins Leben gerufen und der regionale Koordinator der Gemeindebehörden im Jahr 1998. Auch diese Organisations- und Regierungsformen wurden nicht aus dem Nichts erfunden, sondern sind das Ergebnis von fünf Jahrhunderten indigenen Widerstands und unserer Erfahrungen als Völker [pueblos].«
1992 gründeten die pueblos der Na Savi, Mepháá, Nahua und Ñamnkué den Rat »500 Jahre Widerstand von Guerrero«, der sich für das Recht der Indigenen auf Autonomie und Selbstbestimmung einsetzte und dessen Einfluss durch das Auftreten der im Bundesstaat Chiapas aktiven zapatistischen Befreiungsarmee (EZLN) 1994 und des mexikoweiten Nationalen Kongresses der Indigenen (CNI) anwuchs. Wie in anderen Teilen des Landes begegnete man dieser Organisierung mit Angriffen auch durch paramilitärische Gruppen des organisierten Verbrechens. Sehr früh kam es in Guerrero entsprechend zum Aufbau lokaler Gemeindepolizei-Einheiten, welche die selbstverwalteten Gemeinden gegen die Angriffe der Paramilitärs verteidigen. Nach zahlreichen, auch von außen durch Bestechung und Gewalt herbeigeführten Spaltungen gründete sich schließlich, als Ausdruck des starken indigenen Widerstands, der noch heute mit der EZLN und dem CNI verbunden ist, der Indigene und Populäre Rat von Guerrero Emiliano Zapata / CIPOG-EZ.
»Auf diese Weise wurde bewiesen, dass die Menschen in diesen Bergen, inmitten des Elends und der Unterdrückung, in die wir eingetaucht waren, in der Lage sind, Frieden und Ruhe wiederzufinden. Diese Form der Gemeinschaftsverwaltung hat die Regionalversammlung der Gemeinschaftsbehörden ins Leben gerufen und die Aussicht auf den Aufbau eines Gemeinschaftsterritoriums eröffnet.«
Ihrem würdigen Kampf für das Leben wird seit jeher mit Gewalt begegnet. Doch die versuchte Zerstörung der kommunalen Selbstverwaltung der Gemeinden des CIPOG beantwortet dieser mit einer Stärkung der eigenen Bildungs- und Kommunikationsstrukturen. Ein besonders aktuelles Projekt ist der Aufbau eines mehrsprachigen Gemeinderadios: »Dieses ist besonders wichtig, denn unsere Mitglieder sprechen vier verschiedene Sprachen. Durch das neue Radio wollen wir die Menschen in ihrer Sprache informieren, über das, was die kapitalistische Erschließung unserer Territorien bedeutet.« Kommunikation wird zur Überlebensfrage, zur Form des politischen Selbstschutzes in einem Krieg um das Territorium und zum praktischen Werkzeug für die Dörfer-übergreifende Organisierung. Das Radio ist auch ein Instrument der kollektiven Erinnerung: Es dokumentiert Angriffe, erzählt Geschichten des Widerstands und trägt die Stimme der Gemeinde hinaus in die Welt – denn der lokale Aufbau und die Verteidigung der Kommunalität in den Gemeinden des CIPOG-EZ wird begleitet durch internationale Solidarität mit und durch weitere Widerstandsbewegungen, dem Lernen mit- und dem Beziehen aufeinander, das Erkennen eines gemeinsamen Kampfes:
»Den Kampf den wir hier im Süden leisten, ist der gleiche den etwa die Genoss:innen in Kurdistan führen, für Autonomie und die Befreiung der Frau. Dort und hier wollen wir unser eigenes Gebiet für Leben und Frieden. Es sind Kämpfe der Unterdrückten, doch wir lassen uns nicht verkaufen, wir organisieren uns gegen den kapitalistischen, ausbeutenden Staat und sprechen uns laut für das Leben aus!«
Die Worte des CIPOG-EZ Delegierten auf der internationalen Protestkarawane »El Sur Resiste« (»Der Süden widersteht«), die sich 2023 gegen die Megaprojekte »Tren Maya« und »Interozeanischer Korridor« richtete, dient nicht etwa einer rein symbolisch hergestellten Verbindung zum kurdischen Befreiungskampf: Beide Bewegungen setzen auf die Kommune, auf Selbstverwaltung statt Stellvertreterpolitik, auf kollektive Verteidigung und den Aufbau einer neuen Welt im Schoße der alten.
»Deswegen bauen wir unser eigenes kommunales System auf. Denn wenn wir unser Land nicht bearbeiten und es verlieren, machen wir uns abhängig.«
Die Unabhängigkeit jedoch wird angegriffen, und die Gewalt gegen den CIPOG nimmt weiter zu. 2025 ist die Lage katastrophal: Als im Juli diesen Jahres der Hurrikan Erick Guerrero verwüstete, zeigte sich erneut die Notwendigkeit der kommunalen Selbstverwaltung der Gemeinden des CIPOG-EZ: Während Acapulco mit Hilfe überschüttet wurde, blieben die CIPOG-Gemeinden sich selbst überlassen. »Es gibt keine Hilfe. Sie ignorieren uns. Wieder einmal zeigt sich: Für die Regierung zählen wir nicht. Wir erleben Rassismus, Vernachlässigung und eine systematische Missachtung unserer Rechte«.
Seit 2015 vermeldet der CIPOG-EZ mindestens 63 Morde an seinen Mitgliedern, 22 gelten als Verschwunden und mindestens ein Mitglied sitzt unschuldig im Gefängnis. Ganze Familien wurden durch Paramilitärs umgebracht, darunter viele Jugendliche. Zuletzt wurde am 1. August 2024 Alberzo Zoyateco Perez ermordet, während andere Mitglieder und Sprecher des CIPOG-EZ permanent Morddrohungen erhalten. Ihre Forderungen nach Land und Autonomie werden blutig beantwortet, denn ihre Comunidad, ihre Kommunalität, steht der kapitalistisch-kolonialen Erschließung ihrer Territorien im Weg.
Einen Einblick in die von Gewalt geprägte Realität der Montaña Baja de Guerrero und den Krieg gegen die Selbstverwaltung der Gemeinden des CIPOG-EZ gewährt der ausführliche Bericht der Menschenrechtsmission »Misión Civil de Observación – Sexta«. Im August 2025 erschien das bisher allein auf Spanisch zugängliche Material in deutscher Sprache.
»Die Morde gegen uns gehen weiter, aber unser Widerstand auch. Wir geben nicht auf. Wir verkaufen uns nicht. Wir geben nicht nach.«


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