Der lebendige Körper des sozialen Gedächtnisses

Der lebendige Körper des sozialen Gedächtnisses

Erinnerung als lebendige Praxis der Kommune

Nimet Sevim, Journalist

Der Individualismus, den die Moderne uns aufzwingt, verwandelt das Gedächtnis in ein Archiv und die Erinnerung in persönliche Daten. Demgegenüber ist die Kommune eine lebendige und kollektive Form des sozialen Gedächtnisses. Die Kommune ist nicht nur ein Zusammenleben, sondern auch ein gemeinsames Erinnern, ein gemeinsames Verstehen und ein gemeinsames Neuschöpfen. In diesem Sinne ist die Kommune eine Lebensform, in der nicht nur soziale Beziehungen, sondern auch die Vergangenheit, das Gedächtnis und die Erzählung gemeinsam gestaltet werden.

Alles, was die kapitalistische Moderne vergessen hat, findet in der Kommune wieder zu neuem Leben. Denn das System macht die Vergangenheit zu einer Ware und profitiert von den Erinnerungen, während die Kommune die Vergangenheit gemeinsam gestaltet und ihr so einen Sinn gibt. Dieser Unterschied ist nicht nur ideell, sondern existenziell. In der Kommune bleibt eine Erinnerung, ein Widerstand, eine Trauer oder eine Freude nicht auf die einzelne Person beschränkt, sondern vermehrt sich im Kollektiv. Diese Vermehrung ist gleichzeitig die Weitergabe der Erinnerung an den Kampf. Der Verlust einer Mutter ist nicht nur die Trauer ihrer Familie, sondern die Trauer der gesamten Kommune. Das Lachen eines Kindes gehört nicht nur seinen Eltern, sondern ist die Hoffnung des Kollektivs.

Der Staatsgeist zentralisiert die Erinnerung, friert sie in Museen, Archiven und Denkmälern ein. Die Kommune hingegen schreibt die Erinnerung nicht an einen Ort, sondern an Menschen. Die Stimme eines alten Menschen, die Frage eines Kindes, die Erzählung einer Frau sind die lebendigen Adern der Erinnerung. Die Erinnerung lebt hier nicht auf Buchseiten, sondern in Gesichtern, Stimmen und alltäglichen Beziehungen. Das Gedächtnis der Kommune ist daher weder ein einzelner Held noch eine zentralisierte Erzählung. Es ist vielstimmig, vielschichtig und zeitlos.

Die Kommune erzählt nicht nur von der Vergangenheit, sie erschafft sie neu in der Gegenwart. Damit wird das Gedächtnis als Form des Widerstands lebendig. Das Sprechen vergessener Sprachen, das Tragen verbotener Kleidung, das Singen unterdrückter Lieder – all das sind Akte der Erinnerung. In dieser Hinsicht bewahrt die Kommune nicht nur die Vergangenheit, sondern schafft auch eine Gegenerinnerung zur offiziellen Geschichtsschreibung. Diese Erinnerung konstruiert nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft. Denn die Kommune trägt in ihrem Körper sowohl Spuren der Vergangenheit als auch der Zukunft.
Kommunisierung bedeutet daher auch, sich zu erinnern. Es bedeutet, dass sich alle gemeinsam zu ihrer gemeinsamen Wunde bekennen, nicht nur zu ihrem eigenen Trauma, ihrer eigenen Geschichte. In der Kommune ist der Schmerz nicht individuell, sondern kollektiv; und diese Kollektivität ist ebenso heilend wie transformativ. Denn das Teilen des Schmerzes schafft eine gemeinsame Basis für den Widerstand.

In einer Zeit, in der das Vergessen eine systematische Politik des Staates ist, ist das Erinnern revolutionär. Die Kommune ist das Herz dieser Revolution. Jede Erinnerung ist ein Aufbegehren, jede Erzählung ein Kampf. Und die Kommune holt diesen Kampf aus dem isolierten Körper der Einzelnen heraus und trägt ihn in das gemeinsame Herz der Gemeinschaft.

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