Über Heilung, Medizin und Gemeinwohl
Evîn Azad & Lêgerîn Ekîn, Mitglieder der europäischen Jineolojî Arbeitsgruppe Gesundheit
Wer schon einmal das Glück hatte, im Wald, am Fluss oder in den Bergen den gesamten Zyklus einer einjährigen Pflanze vom Saatgut über die Jungpflanze, die blühende Pflanze bis hin zu der Samenbildung, der Verbreitung der Samen und ihrem Sterben mitzuerleben, lernt, dass die ständige Selbstverteidigung, Anpassung und Metamorphose Schlüssel zu jenem Leben sind, welches wir aufbauen wollen. Und wer schon einmal das Glück hatte, in einem Stadtgarten solch einen Zyklus zu initiieren, zu begleiten und zu vollenden, lernt, wie wir durch Bewusstsein, Wille, gegenseitige Hilfe und Intuition die Gewalt der kapitalistischen Moderne durchbrechen können.
Während die genozidalen Politiken inzwischen via soziale Medien direkt in unsere Adern fließen, wissen wir, dass die Systeme, in denen wir zu leben gezwungen werden, krank sind. Und dass sie unsere Gemeinschaften vergiften. Von Innen.¹ Eigentlich haben wir das schon immer gewusst. Aber in diesen Zeiten erneuter Militarisierung der Zivilgesellschaft ist es für viele noch offensichtlicher geworden. Unsere so genannten Gesundheitssysteme sind einer der vielen Spiegel der kapitalistischen Moderne, die uns fern unserer Würde, Werte und Wohlbefinden durch Bürokratie, Gesetze und Märkte anlächelt und uns teure Rechnungen stellt. Bezahlen müssen dies vor allem jene, die den Angriffen seit jeher am stärksten ausgesetzt sind: Frauen, Kinder, nicht-«konforme« Körper⁴, Armutsbetroffene, Menschen ohne oder mit den «falschen« Papieren.
Ob Herzversagen, Magenprobleme, Allergien, Rücken- und Kopfschmerzen, chronische Müdigkeit oder Krebs, nichts davon kann isoliert von unseren Kontexten verstanden werden. Wenn uns gesellschaftliche Systeme krank machen, liegt das Problem nicht in einem Symptom.
Auf den Wegen der Freiheit, die wir beschreiten wollen, gibt es zahlreiche Herausforderungen zu überwinden. Viele Initiativen und Projekte im Bereich kommunaler Gesundheit, «alternativer Medizin« und Pflanzenwissen können in ihrer Vielfalt dazu beitragen, den sinnvollsten und strategischsten dieser Wege zu finden – je nach Geographie, Geschichte und Notwendigkeiten.
Der demokratische Fluss, der sich durch unsere Räume und Geschichten zieht, führt im Bereich Heilung, Medizin und Gemeinwohl zurück zu unseren vorkeltischen und keltischen Heilkunden, der traditionellen mediterranen, der traditionellen mitteleuropäischen Medizin sowie anderen Volksheilkunden des Balkans, des hohen Nordens und des Ostens. Zwar wurde und wird versucht, diese Spuren unsichtbar zu machen, damit wir sie vergessen, aber wir wissen, dass oftmals bereits ein Gespräch mit unseren Großmüttern ausreicht, um das Vergessen zu verhindern. Und – zu unserem Glück – liegen die Erinnerungen und das Wissen ebenso unauslöschbar in unseren Landschaften. Eine Spurensuche.
Systematische Angriffe auf die Heilkünste und das Gemeinwohl
Als unser Kontinent durch die römisch-katholische Kirche vom Christentum kolonisiert worden ist, wurden nahezu alle Praktiken verboten, die mit der Erde in Verbindung standen. In diesem Prozess wurden Allmenden zerstückelt, privatisiert und eingezäunt. Die meisten unserer ältesten Bäume wurden dabei entweder abgeholzt oder strategisch von den neu errichteten Kirchengärten eingeschlossen, um die rituellen Praktiken der Bevölkerung zu unterbinden. Wir begannen in dieser Zeit jene Verbindung zu verlieren, die wir bis heute mit großen Schwierigkeiten versuchen auf sinnvolle Weise zurückzugewinnen. Vielen ist es heute fern, wie grundlegend unsere Verbindung zum Land und seinen Weisheiten für ein freies Leben ist. Gleichzeitig werden nicht-rationale, spirituelle Verbindungen und Haltungen in weiten Teilen der (europäischen) revolutionären Linken verpönt und belächelt.
Die Prozesse der Einhegung des Landes hatten einen direkten Einfluss auf das kommunale Leben und das Gemeinwohl. Die Angriffe auf das Wissen unserer Vorfahren und das allmählich vollumfängliche Verbot, in unseren Wäldern oder nomadisch leben zu dürfen, entzogen uns schrittweise unsere Selbstbestimmung. Während dieser Zeit fanden einerseits Enteignungsprozesse im Bereich der Heilkünste statt, andererseits wurde versucht, Gemeinschaftlichkeit als solche zu zerschlagen und den gehorsamen «Staatsbürger« der römischen Städte zu erschaffen. Die Verteidiger der patriarchalen Staatsmentalität waren sich schon immer bewusst, dass ein freies Leben möglich ist, solange wir Zugang zu Land und daher autonome Kontrolle über Nahrung sowie unser Wohlergehen haben. Deswegen können wir Ernährung, Medizin und Verbindung zu Land nicht getrennt von einander betrachten.³
In Bezug auf die Enteignungsprozesse im Bereich der Heilkünste können wir uns auf Schriften beziehen, die die Kosmovisionen matriarchaler Gesellschaften nachzeichnen: »Diese verstehen das Universum als aus polaren Kräften bestehend, die ein Gleichgewicht schaffen. Jede Störung der Balance wird darin als mögliche Ursache einer Krankheit betrachtet, die das Individuum, den Clan, das Dorf, den ganzen Stamm, aber auch die Natur, sogar das Universum selbst umfasst.«⁴ In diesem Verständnis waren (und sind) Frauen und weitere widerständige Geschlechter⁵ seit jeher Heilerinnen, Hebammen, Pflegerinnen, Kräuter- und Pilzkundige. Sie geben Leben und erhalten es – bringen Kinder zur Welt und führen Schwangerschaftsabbrüche durch. Ein großes Repertoire an altem Wissen über Kräuter, Pilze und Heilverfahren wurde und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Zum Beispiel wie sich Kräuter und Pflanzenteile in ätherische Öle, Hydrolate, Aufgüsse, Kataplasmen, Räuchermischungen, Tinkturen und Salben verwandeln lassen. In matriarchalen Gesellschaften umfassen die Heilkünste neben der körperlichen auch die seelische, mentale und spirituelle Ebene. Heilungsrituale und -prozesse fanden und finden dabei als gemeinschaftliche Prozesse statt, die in die Magie und die Kraft des Universums eingebettet sind.⁶
Die Zeit der sogenannten Hexenverfolgung ist in unseren Geographien ein Schlüsselmoment unserer Geschichte sowie der Unterdrückung der weiblichen Heilkunst. Der erste (1428) und der vorgeblich letzte (1782) Hexenprozess fanden beide in der Schweiz statt.⁷ Zwischen diesen beiden Daten wurden mittels einer ausgeklügelten Strategie der Herrschenden, nämlich der katholischen Kirche, später auch der protestantischen sowie den aufsteigenden Angestellten des modernen Staates, tausende Menschen ermordet. Die meisten davon waren Frauen. Diese Strategie verfolgte das Ziel, das weibliche Geschlecht seines Wissens, seiner Macht und Stärke zu berauben und dem männlichen Geschlecht, dem Staat und der Kirche zu unterwerfen. So legte es den Grundstein für die totale Unterdrückung von Frauen und für die Verfestigung des Patriarchats und der herrschenden Klasse. In vielen Gegenden wurden in diesem Zuge sexuelle Gewalt an Frauen entkriminalisiert und schützende Gesetze einfach abgeschafft.⁸ Währenddessen wurde die Figur des «allwissenden Arztes im weißen Kittel« zum Repräsentant der modernen Heilkunst. Bis heute sind die meisten Ärzte in Spitzenpositionen Männer, während ein Großteil der Beschäftigten im medizinischen Sektor Frauen sind.⁹
Durch die Vernichtung der sogenannten «Hexen« sollte das bedrohliche Weibliche vernichtet werden. Bedrohlich (für das Patriarchat) waren vor allem ihr unantastbares Wissen, ihre magischen Fähigkeiten und die Macht, Leben zu geben. Dieses Wissen um Heilverfahren und die Natur befähigte sie zu einem autarken Leben. In dieser Logik musste den Frauen diese Befähigung genommen werden, um sie in Abhängigkeit und Unterwerfung zu drängen. Ein weiterer Aspekt war die Schuldfrage, die mit der Inquisition überhaupt erst aufkam. Kriege, Klimawandel und Hungersnöte, Epidemien und Aufstände prägten die Zeit. Immer weniger Menschen gingen in die Kirche. Um die Menschen wieder in die Arme der Kirche und des Staates zu treiben und ihnen eine(n) Schuldige zu präsentieren, wurde ihnen eingeredet, die Frauen seien Schuld. Sie seien Hexen, würden das Land und die Menschen verzaubern und hätten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Nur durch die Vernichtung der Hexen und dem Einhalten der Gebote der Kirche und des Staates würde es den Menschen wieder besser gehen.¹⁰ Im Namen dieses Narratives wurden brutale Tests und Folter durchgeführt, um die vermeintlichen Hexen zu identifizieren und zu überführen. Sie «bewiesen« die Richtigkeit der Anschuldigungen und legitimierten die Inquisitoren dazu, die überführten «Hexen« hinzurichten, häufig durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen. Zudem wurden, neben der großen Mehrheit der Frauen, alle nicht-Gläubigen, Unverheirateten, Heilenden und von der körperlichen, sittlichen oder sexuellen Norm Abweichenden unter Verdacht der Ketzerei gestellt, verurteilt und ebenfalls ermordet.¹¹
Das Erbe dieser Enteignungsprozesse ist der Grundstein für die Anfänge der «modernen« oder «westlichen« Medizin. Ein wesentliches Merkmal dieser Entwicklungen ist die Entfremdung des Menschen von der Natur und ihrem natürlichen Rhythmus. Ein weiteres Merkmal ist die Transformation des Menschen vom Subjekt in ein Objekt der Medizin und die Etablierung eines hierarchischen Systems, in dem die Menschen ihrer Ressourcen für ein freies Leben beraubt werden. So ist ein «Gesundheitssektor« entstanden, der sich hauptsächlich einem entfremdeten Konzept vom menschlichen Körper – zerlegt in einzelne Körperteile und Organsysteme – und dem binären Konzept von «Gesundheit« versus «Krankheit« widmet. Innerhalb dessen hat sich die Rolle von Frauen grundlegend geändert. Sie wurden einerseits aus ihrer Rolle als Ausübende der Heilkunst verdrängt, andererseits bildete sich bei der Inanspruchnahme medizinischer Behandlung eine strukturelle Diskriminierung heraus. Es gibt viele Besonderheiten der Anatomie und Physiologie von Frauen, weiteren widerständigen Geschlechtern, Menschen mit Beeinträchtigung und anderen, die eine spezielle Anamnese, Untersuchung und Behandlung erfordern, welche in den meisten Gesundheitseinrichtungen nicht gewährleistet wird. Das betrifft körperliche Beschwerden, aber auch die Berücksichtigung psychosozialer Faktoren, insbesondere jener Bevölkerungsteile, die im täglichen Leben hohen Belastungen durch Sorgearbeit, Reproduktion und häufig prekären Arbeitsbedingungen begegnen müssen.
Wiederaneignung und Kommunalisierung
Im Grunde genommen haben die Enteignungsprozesse vor allem darauf abgezielt, unsere resilienten, widerständigen Gemeinschaften zu zerstören. Die moderne Medizin war und ist dafür eines der zentralen und gewalttätigsten Instrumente, um eine entfremdende, gefühlte Individualisierung mit männlich-dominanter Mentalität durchzusetzen. Diese Mentalität gilt es zu durchbrechen.
Die erste Herausforderung, die sich uns stellt, ist unsere Sprache. Weil wir uns, wenn wir über «Gesundheit« sprechen, wider Willen in einer hegemonial-patriarchalen Sprache bewegen, besteht die Notwendigkeit, die Terminologie und Ontologie des Themas »Gesundheit« eingehend zu reflektieren. Die Binaritäten Gesundheit-Krankheit, Arzt-Patient oder sogar Klient, Produzent-Verbraucher oder Herr-Sklave haben die tief verwurzelte Mentalität geschaffen, dass »Gesundheit« eine Dienstleistung sei. Aber genau wie frei-sein, ist gesund-sein kein Zustand, sondern ein gemeinschaftlicher, kommunaler Prozess. Deswegen geht es in einer sozialrevolutionären Herangehensweise einerseits um eine Wiederaneignung, ein Erinnern, ein Sich-wieder-verbinden. Und andererseits um Kommunalisierung. Und all das in einer neuen, hoffentlich poetischen Sprache.
Wiederaneignung hieße, dass wir die Sprache unserer Körper sowie der Pflanzen- und Pilzwelt wieder kennen und fühlen lernen, respektive mit ihr zu kommunizieren verstehen. Wir stellen fest, dass spirituelle Konzepte und Praktiken innerhalb der «revolutionären« Linken marginalisiert, infantilisiert und direkt angegriffen werden. Gleichzeitig wird die zunehmende Ausbreitung ökofaschistischer Ideologien der extremen und liberalen Rechten und ihre Bezüge auf vorchristliche Mythen, Beziehungen zu Bäumen und Pflanzen sowie Heilkünste als scheinbarer Kollateralschaden hingenommen. Nur eine in der Geschichte verwurzelte sozialrevolutionäre Perspektive, welche sich mit den alten Heilkünsten und -praktiken verbindet, kann verhindern, dass Projekte und Initiativen rund um Heilung, Medizin und Gemeinwohl von Blut-und-Boden-Ideologien vereinnahmt werden.¹²
Die patriarchale Mentalität führt zudem dazu, dass «Gemeinwohl« und «Sorgearbeit« als «Frauenthemen« oder gar «Frauenprobleme« eingestuft werden, nicht zuletzt weil sie oftmals an den Peripherien oder den Rändern der Gesellschaft stattfinden. Als wären sie ein «schön-zu-haben«, das weder politisch sei, noch das Herz unseres revolutionären Ökosystems ausmachen würde. Wir können auch sagen, dass sie wie bei anderen Formen geschlechtsspezifischer Arbeit noch immer nicht ernst genommen werden, weil sie meistens in den Händen von Frauen liegen. Das zeigt uns, wie sehr wir als Gesellschaft (und Linke) damit kämpfen, zu verstehen, dass keine Struktur, die wir aufbauen, ohne das Verstehen der Wurzeln aller Enteignungs- und Erfolgsgeschichten langfristig stabile Strukturen hervorbringen kann.
Eine weitere Herausforderung im Bereich der Kommunalisierung ist das stetige Wachstum der grün-kapitalistischen Branche der «alternativen« Medizin. Nicht wenige, die die Welt verändern wollen, zieht es zu überteuerten Ausbildungen in der blühenden, neoliberalen Bildungsbranche. Es gibt viele Initiativen, die »alternative« Therapeutinnen, »Kräuterexpert:innen« und andere hierarchische Realitäten und Identitäten schaffen. Diese neigen dazu, die sogenannte Durchschnittsbevölkerung in Bezug auf Gemeinwohl als kommunalem Prozess zu entmachten und so die patriarchale Beziehung Doktor-Patient zu reproduzieren. Wer versucht, innerhalb staatlich regulierter Strukturen von alternativer Medizin zu »leben« und diese damit kapitalisiert, weiß, dass mensch damit rasch in die Bedienung der grünen Mittel- und Oberschicht fällt.
Diese spezialisierenden Tendenzen stehen in einem Gegensatz zu kommunalistischen, »volksmedizinischen« Ansätzen (folk medicine, médecine populaire = die Medizin der einfachen Leute), die die gesamte Gemeinschaft stärken möchte, weil sie diese als lebendigen Organismus versteht. Darin geht es weniger darum, viele Expert:innen zu schaffen, als durch Bildung und Prävention alle Mitglieder einer Gemeinschaft mit in die Verantwortung für das Gemeinwohl einzubinden. Kommunalisierung von Gemeinwohl bedeutet eine aktive Einbindung von allen. Sie bedeutet das Ende des individuellen Wohls als Beginn des Gemeinwohls.
Tropfen, die ein freies Leben hervorbringen
Zum Glück reichen die Fänge des Patriarchats nicht bis in alle Wurzelverzweigungen. Auf der ganzen Welt gab und gibt es selbstverständlich unzählige widerständige Praxen im Bereich Heilung, Medizin und Gemeinwohl. In der Tendenz sind sie unsichtbar, einerseits weil der Staat sie direkt angreifen würde, und andererseits, weil in der patriarchalen Mentalität ein Mangel an Verständnis für die Zentralität dieser Fragen weit verbreitet ist. Die ausgewählten Beispiele sind nur einige der unzähligen Tropfen, die ein freies Leben hervorbringen. Von allen können wir etwas lernen.
Şîfajin (Heilung der Frau) heißt das 2020 mit der Perspektive der Jineolojî eröffnete Gesundheitszentrum im Frauendorf Jinwar in Nord- und Ostsyrien. Das kleine, von Frauen aus dem Dorf und der Umgebung geführte Heilzentrum ist ein Ort, an dem Frauen zusammenkommen und medizinische Behandlungen und Bildungen von Frauen für Frauen angeboten werden. Der Fokus liegt auf der Wiederbelebung von natürlichen Heilmethoden und altem Wissen zu Heilpflanzen, die dort auch angebaut werden. Langfristiges Ziel ist es, die hilfreichen Aspekte der Schulmedizin nicht grundsätzlich abzulehnen, sondern ausgehend von naturheilkundlichen Methoden eine Synthese von beiden zu schaffen. Die Entwicklung eines freien kommunalen ökologischen Lebens (also die Frauenrevolution) wird zugleich als die wichtigste Grundlage der Heilung verstanden.
Der Heilkräutergarten Hevrîn Xelef¹³ in Berlin ist ein interkultureller Ort der Begegnung und des politischen Austausches von Frauen und weiteren widerständigen Geschlechtern. Er wurde von Flamingo ins Leben gerufen, einem Netzwerk für geflüchtete Frauen und Kinder. Er ist ein Partnerort von Jinwar, und auch der kurdische Frauenrat betreibt hier eine Gartenfläche. Es ist eine kleine, grüne Oase des Rückzugs, des voneinander Lernens und der Heilung. Hier treffen sich Frauen mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten, um gemeinsam zu gärtnern, Heilkräuter anzubauen, ihr Wissen zu teilen und aus alten, überlieferten Rezepten Tees, Tinkturen, Öle und Cremes herzustellen. Sie sehen im Garten »einen Ort um Kraft zu schöpfen, sich weiterzuentwickeln, sich friedlich, ökologisch, basis-demokratisch und vor allem herzlich miteinander zu verbinden und sich im Sinne der Selbstverteidigung und Autarkie zu stärken«.
Ein weiteres Beispiel ist das Village 2 santé (das Dorf der Gesundheit) bei Grenoble. Basierend auf einer eigens durchgeführten soziologischen Studie wurde es in einem der ärmsten Vororte von Grenoble aufgebaut. Das Angebot umfasst einen warmen Empfang, Sozialarbeitende, eine Rechtsberatung inklusive Diskriminierungsexpertinnen, Ärztinnen, Hebammen, interkulturelle Übersetzung und Weiteres. Diagnosen werden gemeinschaftlich gefällt und Methoden der éducation populaire (Volksbildung), die in der Arbeiterinnenbewegung entwickelt wurden, sollen helfen, dass sich Betroffene emanzipieren. Ein zentrales Anliegen ist dabei die Entmedikalisierung der Betroffenen sowie die Wiederherstellung der menschlichen Würde. Von Administration bis Operation – alle verdienen den gleichen Lohn. Neben der «professionellen Praxis«, der Ausübung medizinischer, sozialer Unterstützung sowie langfristiger Begleitung chronisch Erkrankter, nimmt die Selbstverwaltung in Form von Sitzungen, Bildungen, Einkäufen und der gemeinschaftlichen Putzarbeit die andere Hälfte der Zeit aller aktiven Mitglieder ein.¹⁵
Zuletzt, Chiapas. Ein zentrales Element der autonomen Gesundheitsstrukturen der zapatistischen Gemeinschaften ist die Figur der promotores de salud (Gesundheitsfördernde). In den Gemeinschaften arbeiten sie einerseits in den Gesundheitshäusern, aber auch durch Besuche in abgelegenen Dörfern, als erste Anlaufstelle bei Beschwerden. Andererseits haben sie einen Bildungsauftrag, der auf Prävention basiert. Das Ziel dabei ist es, dass Familien für ihr eigenes Wohlergehen und die Bildung ihrer Kinder Verantwortung übernehmen. Zudem helfen die promotores de salud, Mythen rund um Gesundheit zu dekonstruieren und sie auch vor sich selbst bereichernden Schamanen zu schützen. Sie werden von ihren Gemeinschaften gewählt und sind so mit den lokalen Sprachen, Traditionen und Bräuchen vertraut. Jede Gemeinschaft wählt zudem ein Gesundheitskomitee, das für die Umsetzung der Gesundheitspolitik verantwortlich ist, sowie einen Gesundheitsrat, der die Gesundheitspolitik unter Einbeziehung der gesamten Bevölkerung ausarbeitet. Weil die neoliberalen Politiken auch zu einer Entfremdung von lokalen Heilquellen geführt haben, findet ein Prozess des Wiederlernens traditioneller Heilmethoden statt.
Diese und viele weitere Beispiele können uns dabei helfen, die richtigen Schritte der Wiederaneignung und der Kommunalisierung im Bereich Heilung, Medizin und Gemeinwohl vorzunehmen. Wie wir uns verbinden werden, welches Wissen in verschiedene Geographien übertragbar ist und wo wir Neues zu erfinden haben, wird sich in der nächsten Zeit zeigen. Es fühlt sich zeitweise so an, als hätten wir die Corona/Covid-Pandemie bereits vergessen. Und auch, was es bedeutet, in einen totalitären Kriegszustand einzutreten ohne darauf vorbereitet zu sein.¹⁵ Da die Militarisierung von Zivilgesellschaft allem voran durch die modernen Technologien der Kontrolle sowie durch mediale Kriegsführung so vehement vorangetrieben wird, dürfen wir nicht vergessen, dass dieser »Ausnahmezustand«, in dem wir allmählich weder unsere Körper noch unsere Gemeinschaften fühlen können, eine gezielte Strategie ist. Wenn wir verstehen, wie grundlegend es ist, autonome und kommunale Gemeinwohl- und Versorgungsstrukturen aufzubauen, die auf einer tiefen Verbundenheit mit der Erde basieren, werden wir in der Lage sein, langfristige stabile Strukturen des Widerstands und der Selbstverteidigung für uns und mit der Erde aufzubauen. Zur Zeit gilt es vor allem, die Verwundbarsten unserer Zeit vor den jüngsten Angriffen zu schützen, während wir gleichzeitig jene Strukturen aufbauen, die fern in die Zukunft reichen.
¹ Für eine eindrückliche, anatomische Beschreibung unserer modernen patriarchal-kapitalistischen Gesundheitssysteme, siehe Rupa Marya & Raj Patel (2021): Inflamed, Deep Medicine and the Anatomy of Justice, London: Penguin Books. Sowie die Organisation Deep Medicine Circle, von welcher Rupa Marya ein Gründungsmitglied ist, https://deepmedicinecircle.org.
² Mit »konform« meinen wir hier männlich, weiß, mittelalt, mittelschwer, mittelgroß sowie geistig und körperlich im Arbeitsmarkt verwertbar. Für nicht-«konforme« Körper siehe auch Harriet A. Washington (2007): Medical Apartheid, The dark history of Medical Experimentation on Black Americans form Colonial Times to the Present, New York, Doubleday.
³ Für eine Analyse der historischen Prozesse von den ersten Einhegungen bis heute, siehe Autor:innenkollektiv Land & Wirtschaft Initiative Demokratischer Konföderalismus (2024): 500 Jahre, Aufstieg und Niedergang der Kapitalistischen Moderne. Göttingen, Eigenverlag. https://i-dk.org.
⁴ Cécile Keller (2006): Medizin in matriarchalen Gesellschaften, in: Heide Göttner-Abendroth (Hg.): Gesellschaft in Balance, Stuttgart, Kohlhammer, 266-75.
⁵ Wir verwenden hier »Frauen und weitere widerständige Geschlechter«, verweisend auf die lokale Herangehensweise von Gemeinsam Kämpfen https://gemeinsam-kaempfen.de.
⁶ Siehe auch Zozan Sima (wird 2025 oder 2026 publiziert): Jineolojî Lecture Notes, Chapter XII, Paradigm Shift in Health and Medicine based on women’s liberation, https://jineoloji.eu.
⁷ Das Hexenmuseum Schweiz umfasst tausende Akten- und Archivauswertungen. In Deutschland und Österreich sowie anderen Sprachregionen wurden viele Akten vom Staat vernichtet.
⁸ Siehe auch Silvia Federici (2014): Caliban und die Hexe, Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Wien, Mandelbaum.
⁹ Ein Schlüsselwerk zu diesem Prozess ist Barbara Ehrenreich, Deidre English (1975): Hexen, Hebammen und Krankenschwestern. München, Verlag Frauenoffensive.
¹⁰ Vergleiche Dr. Muriel González Athenas, 2019. https://jineoloji.eu/de/wp-content/uploads/2024/03/Jineolojicamp-DE-2019-Komplett.pdf.
¹¹ Für eine historische Recherche zu allen, die neben den Frauen zu dieser Zeit angegriffen und getötet worden sind, siehe Arthur Scott Evans (1978): Witchcraft and the Gay Counterculture. A Radical View of Western Civilization and Some of the People it has tried to destroy. Boston, Fag Rag Books.
¹² Eine Untersuchung von Esoterik aus anti-faschistischer Perspektive: Claudia Bart (2006): Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur, Aschaffenburg, Alibri.
¹³ Hevrîn Xelef, die Namensgeberin des Gartens, wurde 2019 im Zuge der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien von türkeitreuen Milizen ermordet.
¹⁴ Claire Richard (2023): La santé communautaire: une autre politique du soin, 369 manuels, 369 éditions.
¹⁵ Zur Reflektion empfehlen wir Hintergrund (1/2/25): Corona – War da was?, http://www.hintergrund.de, insbesondere Tove Soiland (2025): Weder Verschwörung noch Zufall: Was war die Corona-Krise?, in Hintergrund 1/2/25.


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