Aufbau einer antikapitalistischen Wirtschaft in Rojava
Interview mit Azize Aslan, kurdische Ökonomin und Frauenrechtlerin aus Mexiko
Dr. Azize Aslan stammt aus Kurdistan, hat in Istanbul Entwicklungsökonomie studiert und lebt in Mexiko. Als Expertin für die Region beantwortet sie Fragen zur wirtschaftlichen Ordnung in Rojava, der Marktorganisation, zu Produktions- und Konsumstrukturen und der Rolle der Frauen in der Wirtschaft. Diese Themen behandelt auch ihre, bald auf Deutsch erscheinende Buch »Antikapitalistische Wirtschaft in Rojava«. Das gekürzte Interview wurde im November 2024 von der Akademie der Demokratischen Moderne (ADM) geführt und ist online in voller Länge verfügbar: democraticmodernity.com/
Wie wird die Wirtschaft in der demokratischen Moderne in Rojava gedacht?
Aus Öcalans Sicht bestimmen Monopolmächte die sozialen Beziehungen im kapitalistischen System. Das führt dazu, dass die ganze Gesellschaft versklavt ist. Basierend auf Öcalans Sichtweise definiert die demokratisch-konföderalistische Perspektive die kapitalistische Wirtschaft als Anti-Wirtschaft; daher betont er, dass in einer echten Wirtschaft die Gesellschaft das Subjekt der Entscheidungsfindung sein sollte, und er besteht darauf, dass die Einbeziehung aller Menschen der Gesellschaft in die Prozesse der Produktion, des Konsums und der Verteilung die Wirtschaft demokratisieren wird. Obwohl er die marxistische Theorie des Klassenkampfes auch anerkennt, definiert er den zentralen Widerspruch als Widerspruch zwischen der Gesellschaft und den Monopolkräften, die vom Staat, der Bourgeoisie und dem patriarchalen System gebildet werden.
Die Sozialwirtschaft, wie sie in Rojava aufgebaut wird, basiert im Kern auf Kooperativismus¹ und der Kollektivierung von Arbeitsprozessen und Produktionsmitteln. Ein grundlegendes Ziel ist die Abschaffung des Lohnverhältnisses, also der Ausbeutung individueller Arbeit. Sie basiert auch auf der Produktion des Gemeinschaftslebens unter selbstversorgenden Bedingungen. Selbstversorgung bedeutet aber nicht, dass alle Bedürfnisse auf einer einzigen Gemeinschaftsebene produziert und befriedigt werden, sondern wie schon erwähnt, ist die Sozialwirtschaft in allen Wirtschaftszweigen organisiert. Der Agrarsektor hat aber die höchste Priorität und ist am weitesten entwickelt, weil die Sozialwirtschaft auf grundlegenden kollektiven Bedürfnissen wie der Ernährung basiert.
Eine Wirtschaft, in der die Gesellschaft entscheidet, in der die Natur nicht als Ressource betrachtet wird, sondern als soziales Subjekt in das Gemeinschaftsleben integriert ist, in der Frauen mit ihrem Wissen und ihrer nicht kapitalisierten Weisheit führen, wird auf den moralischen und politischen Prinzipien basieren, die ich zu Beginn erwähnt habe: eine demokratische, ökologische und befreiende Frauenwirtschaft, also eine antikapitalistische Wirtschaft.
Wie kann man nach einem Jahrzehnt das Wirtschaftssystem beschreiben, das aufgebaut wurde?
Wie du dich vielleicht erinnerst, begann die Rojava-Revolution in der Nacht des 19. Juli mit der Eroberung der Weizensilos in Kobanê. Die Silos standen für die Wirtschaft, die der Staat den Menschen in Rojava jahrelang weggenommen hatte, indem er die jährliche Produktion beschlagnahmte und den Weizen einlagerte, sodass die Menschen in Hunger, Sklaverei und Abhängigkeit leben mussten. Außerdem waren die Silos militärische Anlagen. Deshalb war den Menschen in der Nacht der Revolution ganz klar, wo sie die Kontrolle übernehmen würden. Man kann also mit Sicherheit sagen, dass das in Rojava geschaffene autonome System vom ersten Tag der Revolution an auch eine wirtschaftliche Haltung war, eine Wiederbelebung der Wirtschaft.
Um die Frage zu beantworten, würde ich sagen, dass in den vergangenen zwölf Jahren eine große Erfahrung gesammelt wurde. Einerseits gibt es einen Prozess voller Widersprüche, in dem die theoretische Perspektive, die ich in der vorherigen Frage zu erklären versucht habe, in Gang gesetzt wird, und andererseits haben die verschiedenen Praktiken (die unter den bestehenden Bedingungen entstanden sind) eine theoretische Tiefe geschaffen. Ich habe versucht, diesen Prozess mit den üblichen Begriffen der kurdischen Bewegung zu erklären: Aufbauen-Zerstören-Wiederaufbauen; also ein Prozess des Experimentierens, der auf Selbstkritik der Praxis basiert, um ein eigenes Modell zu schaffen. Mit anderen Worten bedeutet das für Rojava einen Prozess des Lernens durch Handeln.
Die Sozialwirtschaft, die vom Sozialwirtschaft-Koordinierungsausschuss geleitet wird, ist in allen Bereichen organisiert, einschließlich Landwirtschaft, Industrie, Handel und Dienstleistungen. Während alle diese Bereiche auf Kooperativen basieren, wird parallel dazu in denselben Bereichen die Frauenwirtschaft organisiert, um eine Wirtschaft zu schaffen, in der Frauen ihre wirtschaftliche Rolle zurückgewinnen können.
Der Sozialwirtschaft-Koordinierungsausschuss setzt sich zusammen aus dem allgemeinen Wirtschaftsausschuss von TEV-DEM, dem Frauenwirtschaftsausschuss von Kongra Star, dem Wirtschaftsrat der Selbstverwaltung (Destaye Aborî) und den wirtschaftlichen Ko-Sprecher:innen der Kreisversammlungen. Im Rahmen dieser Koordination bildet jeder Wirtschaftssektor einen Ausschuss und arbeitet daran, seine Organisation nach Sektoren auszubauen und die Produktion, den Konsum und die Verteilung seines Sektors von der lokalen Ebene auf die gesamte Region zu übertragen. In jeder Ortschaft werden Wirtschaftsversammlungen und Versammlungen der jeweiligen wirtschaftlichen Sektoren gebildet. Die grundlegende Politik besteht darin, alle Sektoren in Kooperativen zu organisieren. Die Beobachtung der Organisation der Genossenschaftsbewegung hilft uns daher, das Modell der Sozialwirtschaft in Rojava zu verstehen.
Was sind die wichtigsten Wirtschaftszweige in Rojava und wem gehören die Produktionsmittel?
Da Rojava und der Norden Syriens große Teile Mesopotamiens ausmachen, hat der syrische Staat diese Region als Nahrungsquelle des Landes gehalten und war der größte Landbesitzer in der Gegend. Obwohl die Landwirtschaft der wichtigste Sektor ist, war es eine industrialisierte Landwirtschaft, die auf Monokultur basierte. Der Staat stellte Saatgut, Düngemittel und Diesel zur Verfügung, um die Produktion sicherzustellen; er bohrte auch Brunnen oder schickte Agraringenieur:innen, um Schädlinge zu bekämpfen. Das Land wurde im Rahmen verschiedener Vertragsverhältnisse ausgebeutet, und die Bäuer:innen wurden zu Arbeiter:innen auf dem Land des Staates. Die Produzierenden hatten kein Mitspracherecht beim Produktionsprozess oder der Verwendung der Produkte. Der Staat war der Verteiler des Saatguts und der einzige Abnehmer. Der Kaufpreis wurde vor der Ernte festgelegt, und der Weizen wurde in Silos in ganz Syrien verteilt.
In der Region gab es keine Industrie, weil der syrische Staat private Aktivitäten in diesen Gebieten nicht zuließ. Die Menschen glauben, dass das gemacht wurde, um die Entwicklung der Region zu verhindern. Die wenigen Fabriken, die es gab, gehörten dem Staat und waren auf die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte wie Baumwolle, Garn, Weberei oder Mehl, Nudeln usw. spezialisiert. Der Handel wurde bis zum Krieg als Grenzhandel betrieben. Mit Beginn der Revolution änderte sich dieses Bild radikal, zunächst aufgrund der Auswirkungen des Krieges und dann aufgrund der Politik der Sozialwirtschaft.
Eine der wichtigsten konkreten Errungenschaften der autonomen Transformation war, dass die vom syrischen Assad-Regime gehaltenen Ländereien »herrenlos« blieben und der syrische Staat die Macht über die Gebiete, die unter die Kontrolle der Selbstverwaltung kamen, verlor. Großgrundbesitzer und Familien, die sich bewaffneten Organisationen (wie dem Islamischen Staat) angeschlossen hatten oder diese unterstützten, verloren ebenfalls ihre Eigentumsrechte, da diese Personen als Verbrecher gegen die Gesellschaft galten. Obwohl die Selbstverwaltung dies nicht so formuliert, wurden die Ländereien dieser Personen und Familien beschlagnahmt. All diese Flächen wurden als Gemeinschaftsland ausgewiesen. Das heißt, sie gehören allen und niemandem, oder anders gesagt, jede:r hat das Recht, sie zu nutzen, aber niemand hat das Recht, sie zu besitzen.
An dieser Stelle treten Kooperativen als wichtiges Instrument der Befreiung in den Vordergrund. Kooperativen gewähren der Bevölkerung das Recht, gemeinschaftliches Land zu nutzen. Dieses Recht auf Land wechselt jedoch ständig, sowohl weil es nicht genug Land für alle gibt als auch wegen der Art und Weise, wie die Produktion gestaltet ist.
Die Kooperativen, deren Mitglieder alle zwei Jahre neu gewählt werden, sind keine dauerhaften Strukturen; sie sind nicht als kooperative Institutionen gegründet, sondern die Menschen in den Kommunen gründen Kooperativen, um einen zweijährigen Produktionsprozess gemeinsam durchzuführen. Alle zwei Jahre beruft der Landwirtschaftsausschuss einige Kommunen ein und kündigt an, dass er Land an Menschen vergeben wird, die Mitglieder der Kooperative werden wollen, und bittet sie, dem Kooperativenausschuss Personen vorzuschlagen. Der Landwirtschaftsausschuss vergibt das Recht zur Nutzung bestimmter Gemeinschaftsflächen an Menschen, die Saatgut, Pestizide und andere gemeinsame Betriebsmittel aus eigenen Beiträgen kaufen. Außerdem sind alle für die landwirtschaftliche Produktion notwendigen Werkzeuge und Geräte für die gemeinsame Nutzung bestimmt und werden in einem Lagerzentrum unter der Verwaltung des Landwirtschaftsausschusses aufbewahrt. Die Kooperativen können die benötigten Werkzeuge und Geräte aus diesem Zentrum durch ein Nutzungsrecht beziehen. Nach Ablauf dieser zwei Jahre wird das gleiche Land für die gemeinsame Nutzung anderer Menschen durch Kooperativen freigegeben.
Diese Praxis ist als vorübergehende Lösung der unmittelbaren Probleme von Menschen entstanden, die kriegsbedingt unter starkem Einkommens- und Nahrungsmangel leiden. Sie hat sowohl positive als auch negative Folgen für die Organisation der Sozialwirtschaft selbst. Solange die Kooperative nicht als Institution etabliert ist und das Land nicht endgültig an die Menschen übergeben wird, wird die kooperative Arbeit für die Menschen selbst nicht zu einer kontinuierlichen und täglichen wirtschaftlichen Tätigkeit. Deshalb gehen die Leute, die sich an landwirtschaftlichen Kooperativen beteiligen, anderen wirtschaftlichen Tätigkeiten nach, um ein regelmäßiges Einkommen zu haben, mit dem sie das ganze Jahr über leben können, auch wenn sie mit dem Einkommen aus der landwirtschaftlichen Kooperative ihren Lebensunterhalt für die Hälfte des Jahres sichern können.
Dieses Problem hängt eng damit zusammen, was auf den Feldern produziert wird und wie es produziert wird. Deshalb ist es ein weiteres Ziel des Landwirtschaftsausschusses, die Landwirtschaft in Rojava grundlegend zu verändern. Zu diesem Zweck versucht er, im Gegensatz zur industrialisierten landwirtschaftlichen Produktion die Produktvielfalt zu erhöhen. So macht die Produktion von Kichererbsen, Linsen und Bohnen, die zuvor nicht angebaut wurden, mittlerweile 25% der von den Kooperativen bewirtschafteten Fläche aus; außerdem wurde mit der Produktion von 10% Baumwolle und 5% Gemüse begonnen. Außerdem wird empfohlen, dass die Kommunen Gärten anlegen und dort essbare Kräuter anbauen.
Wie werden Märkte und Handel in Rojava geregelt und Wirtschaftsmonopole verhindert?
Die Regulierung und Kontrolle des Marktes findet auf drei Ebenen statt: der Warenzirkulation, den Preisen und den Akteur:innen. All dies geschieht, um Monopolbildung zu vermeiden und einen Markt, der in der Gesellschaft verankert ist, zu schaffen.
Sowohl die Waren, die in die Region kommen und sie verlassen, als auch die Menschen, die für ihren Transport zuständig sind, werden kontrolliert. In Rojava und Nordsyrien wird der Verkehr durch Kontrollpunkte organisiert, die von den Ordnungskräften (Asayîş) und den Selbstverteidigungskräften auf den Straßen eingerichtet werden. Jedes Fahrzeug und jede:r Nutzer:in muss in einer Kommune registriert sein und dies mit einem von der Kommune ausgestellten Registrierungs- und Verkehrsdokument nachweisen. Wenn die Fahrzeuge Waren transportieren, muss auch eine Vermarktungsgenehmigung vorgelegt werden. Dieses Dokument wird von der Handelsdirektion des Wirtschaftsrats ausgestellt. Wenn die Waren von außerhalb der Region stammen, wird dieses Dokument in der Regel von den Zollbehörden nach einer Kontrolle der Waren ausgestellt.
Ein Beispiel ist auch, dass kleine Händler:innen, die von großen grenzüberschreitenden Händler:innen abhängig sind und deren Waren verkaufen, zusammengebracht werden, um eine Gegenmacht zu bilden. Diese Maßnahmen sollen gesunde Produkte liefern, die den Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechen. Dadurch wird verhindert, dass Händler:innen gestärkt werden, die Monopole aufbauen wollen und die Autonomie nicht unterstützen, sondern den Handel als Mittel im Kampf gegen die Bevölkerung einsetzen. Oft ist dies eine Möglichkeit, den Bedarf zu decken, den die Produktion in Rojava nicht decken kann.
Wie sieht die wirtschaftliche Beziehung zwischen ländlichen und städtischen Gebieten aus?
Leider kenne ich die anderen Regionen Syriens nicht, aber in Rojava und Nordsyrien gibt es keine nennenswerte Urbanisierung; man kann sogar sagen, dass das Dorfleben noch immer weitgehend vorherrscht. Abgesehen von der Region Efrîn ist das flache Terrain der Region so, dass das Leben in den Städten und Dörfern miteinander verbunden ist, das heißt, sie stehen in engem Kontakt. Es ist aber wichtig zu erwähnen, dass diese Verbindung nur über Straßen besteht. Vor der Selbstverwaltung gab es weder in den städtischen Zentren noch zwischen den nahe gelegenen Städten und Bezirken ein öffentliches Verkehrssystem. Die Menschen mussten sich selbst um ihre Fortbewegung kümmern, zum Beispiel mit Sammeltaxis. Der Stadtbusverkehr wurde erst 2019 in Qamișlo eingeführt. Deshalb waren die Städte früher nicht besonders attraktiv. Auch die Tatsache, dass das Wirtschaftsleben auf der Landwirtschaft basierte, spielte eine große Rolle. Aus diesem Grund kann man sagen, dass das Dorfleben in Rojava und Nordsyrien auch heute noch vorherrscht. Gleichzeitig sind kleine und mittelgroße Städte eher Handelszentren und Orte, an denen einige kommunale Dienstleistungen angeboten werden. Wir können aber auch davon ausgehen, dass sie durch die Investitionen der Selbstverwaltung täglich wachsen werden und dass das Leben in der Stadt attraktiver wird.
Natürlich strebt die Selbstverwaltung den Aufbau von Ökostädten an. Das heißt, die Städte werden so geplant, dass sie auf ein natürliches Leben ausgerichtet sind. Das Wichtigste an Ökostädten ist, dass sie so organisiert sind, dass die Bewohner:innen nicht von der Erde losgelöst sind, nicht zu einer Masse von Konsument:innen werden, sondern weiter produzieren, um ihre Bedürfnisse zu decken. Die Nutzung der natürlichen Ressourcen soll durch gemeinsame Entscheidungen zum Wohle aller geregelt werden. Das sind Städte, die keinen Müll produzieren, das Wasser nicht verschmutzen und vor allem sich selbst versorgen. Anstelle einer Beziehung, in der alle Einrichtungen und Dienstleistungen in der Stadt angehäuft sind und so das Dorfleben lähmen, sollten Gesundheits- und Bildungsdienstleistungen so organisiert sein, dass sie näher an die Dörfer herangeführt werden. Produzent:innen und Verbraucher:innen werden in den gemeinsamen Märkten, die in den städtischen Zentren eingerichtet sind, wieder einander näher zusammengebracht. Stadtbewohner:innen werden ermutigt, sich den in den Dörfern gegründeten Kooperativen anzuschließen. Auf diese Weise werden die städtischen Verbraucher:innen auch zu Produzent:innen. Sie pflanzen Obstbäume in ihren Hausgärten und in Grünflächen, die als städtische Gemüsegärten bezeichnet werden.
Enteignet die Selbstverwaltung Land?
Ja, aber in Rojava wurden tatsächlich nur die Ländereien von Menschen beschlagnahmt, die gegen die Gesellschaft gehandelt haben, die sich bewaffneten fundamentalistischen Gruppen angeschlossen haben und die Verbrechen gegen die Gesellschaft begangen haben. Die Ländereien von Stammesführern, die diese Gruppen mit Geld und Waffen unterstützt haben, wurden ebenfalls beschlagnahmt. Man kann sagen, dass es in dieser Frage keine gesetzlichen Normen gibt, es handelt sich um moralisch-politische Entscheidungen.
Welche Rolle spielen Kooperativen und Kooperativismus in der Wirtschaft Rojavas?
Auf einer Konferenz im Jahr 2017 wurde beschlossen, die Kooperativenbewegung zu institutionalisieren. So wurde in jeder Provinz ein Kooperativenzentrum (Mala Kooperatîfan) geschaffen, und in jedem Kanton Nordsyriens wurde ein Kooperativenverband (Yekîtîya Kooperatîfan) gegründet. Diese gesamte institutionelle Organisation zielt darauf ab, Kooperativen in der gesamten regionalen Wirtschaft zu gründen und sie durch die Schaffung eines Netzwerks miteinander zu vernetzen, das den größten Teil der Gesellschaft und ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten abdeckt.
Kooperativenzentren sind in allen Provinzen als öffentliche Räume organisiert. Die Menschen können jederzeit hereinkommen, um sich zu unterhalten, Fragen zu stellen und sich beraten zu lassen; vor allem können sie um Rat bei der Gründung einer Kooperative bitten. Darüber hinaus besteht die erste Aufgabe der Kooperativenzentren darin, Versammlungen in den Kommunen abzuhalten, um die Bevölkerung zu beraten und gleichzeitig die Kommunen zu ermutigen, das Prinzip des Kooperativismus kennenzulernen und in ihren Aktivitäten anzuwenden.
In Wirklichkeit geht es nicht nur darum, Kooperativen als produktive Einrichtungen zu gründen, sondern eine kollektive Vereinbarung zu treffen, um alle produktiven Prozesse der Kommune kooperativ zu gestalten, d. h. das Wirtschaftsleben in der Kommune zu kollektivieren. Eine weitere Aufgabe der Kooperativenzentren besteht darin, die Prozesse der Kooperativen zu überwachen und ihr demokratisches Funktionieren sicherzustellen. Darüber hinaus vermitteln sie den Transport und Tausch von Überschüssen mit anderen Kommunen, organisieren Schulungen, damit alle Mitglieder der Kommune in der Kooperative arbeiten können, wenn sie dies wünschen. Auch hier unterstützen sie Kommunen, die Kooperativen gründen wollen, bei der Beschaffung von Produktionsmitteln, Ausrüstung, Wissen, Fähigkeiten, wirtschaftlichen Ressourcen usw. Sie übernehmen auch Aufgaben, wie zum Beispiel die Beantragung von kommunalem Land bei der Selbstverwaltung oder die Zusammenarbeit mit landwirtschaftlichen Einrichtungen, um Brennstoffe, Saatgut, Maschinen usw. zu bekommen. Die andere Aufgabe der Kooperativenzentren besteht darin, 5% der Einnahmen aller Kooperativen einzusammeln, die wie folgt verteilt werden: 2% der Beiträge gehen an Fonds der Kooperativen, weitere 2% gehen an die Kooperativenzentren und 1% an den Kooperativenverband. Mit diesem Beitrag unterstützen die Kooperativenzentren und der Kooperativenverband die Gründung neuer Kooperativen.
Wie ist das Verhältnis zwischen den Kooperativen und den Kommunen?
Die Beziehung zwischen den Kommunen und den Kooperativen wird durch Selbstverwaltung hergestellt. Selbstverwaltung geht über die Arbeitenden in den Kooperativen hinaus und umfasst alle Mitglieder der Kommune. Gemäß der demokratischen Moderne ist die Selbstverwaltung der Gesellschaft entscheidend für die Herstellung der Beziehung zwischen Wirtschafts- und Gemeinschaftsleben. Deshalb müssen Kooperativen von der Gemeinschaft selbst verwaltet werden. Sollte eine Kooperative nicht in direktem Zusammenhang mit der Gemeinschaft stehen und keinen definierten Bedarf/Gebrauchswert produzieren, fällt der Aspekt der kollektiven Arbeit nicht ins Gewicht. In diesem Fall wird sie von dem Moment an, in dem sie ihr Produkt unter kapitalistischen Marktbedingungen verkaufen muss, vom Tauschwert dominiert. Die Kooperativen müssen nach den Entscheidungen und Bedürfnissen der Kommunen gebildet werden und mit den Kommunen zusammenarbeiten. Die Berücksichtigung dieser Faktoren garantiert, dass die Kooperative von Anfang an ein Raum der Selbstverwaltung durch die Kommune ist.
Der erste Schritt zur Gründung einer Kooperative in Rojava sind öffentliche Versammlungen, die von den Kommunen organisiert werden. Das Kooperativenzentrum beruft die Kommuneversammlung ein, um über das Thema Kooperativen zu diskutieren. Es stellt den Kommunen drei grundlegende Fragen, um Selbstverwaltung im Leben der Kommune zu diskutieren: Was werden wir produzieren? Wie werden wir produzieren? Für wen werden wir produzieren? Um diese Fragen herum definiert die Kommune ihre kollektiven Bedürfnisse, Arbeitsweisen und Verteilungssysteme. Mit anderen Worten: Sie entscheidet über den gesamten kooperativen Prozess. Diese Treffen finden vor der Gründung sowie später während des laufenden Betriebs der Kooperativen statt.
Welche Rolle spielen Frauen bei der Gründung von Kooperativen?
Zuerst muss man verstehen, dass die Organisation der Frauen in Rojava nicht nur die Teilnahme am Selbstverwaltungssystem umfasst, sondern viel weiter geht und die Bildung eines autonomen konföderalen Systems der Frauen beinhaltet. Frauen organisieren sich zuerst in ihren eigenen Strukturen und schließen sich dann den gemischten Strukturen an. Deshalb sind die Hauptbetätigungsfelder der Organisation von Frauen in Rojava die Frauenstrukturen selbst. So halten Frauen ständig ihre Versammlungen ab, gründen ihre Institutionen, Kommunen, Kooperativen und Akademien und organisieren sich in allen Bereichen des Lebens, wodurch sie Räume schaffen, in denen Frauen all ihre Entscheidungen kollektiv treffen. Heute hat diese Organisation eine autonome Konföderation von Frauen erreicht. Sie gehen Probleme an, indem sie mit der kollektiven und bewussten Kraft, die sie durch die Konföderation geschaffen haben, an gemischten Räumen und Versammlungen teilnehmen. Die Teilnahme an gemischten Räumen ist wichtig, weil sie sich entgegen den Erwartungen nicht nur mit Frauenfragen, sondern mit allen sozialen Problemen aus der Perspektive und dem Verständnis von Frauen befassen. Deshalb sind die Ansichten von Frauen in allen Bereichen der Selbstverwaltung in Rojava unverzichtbar geworden.
Frauenkooperativen haben daher zwei Ziele. Zum einen sollen Räume für Produktion und wirtschaftliche Unabhängigkeit für Frauen geschaffen werden, um die Frauenökonomie mit ihrem tatsächlichen Inhalt zu füllen und dabei neu zu entdecken, was Wirtschaft für Frauen bedeutet. Zum anderen soll das allgemeine Verständnis von Wirtschaft dekonstruiert werden, indem diese Erfahrungen zurück in die Gemeinschaft getragen werden.
Die Frauenwirtschaft (Aborîya Jin) ist ähnlich der gemischten Wirtschaft in Form von Komitees in Sektoren wie Landwirtschaft, Industrie, Handel und Kooperativen unter dem Dach des Frauenkongresses (Kongra Star) organisiert. Es gibt auch Zentren der Frauenkooperativen (Mala Kooperatîfên Jin) und einen Frauenkooperativenverband (Yekîtîya Kooperatîfên Jin), die eine aktive Rolle beim Aufbau von Frauenkooperativen in allen Bereichen der Frauenwirtschaft spielen.
Die fortschrittlichsten Erfahrungen mit landwirtschaftlichen Frauenkooperativen wurden in Bereichen wie ökologischem Landbau, Produktion von organischem Dünger, Bewässerungspraktiken und Diversifizierung von Erzeugnissen gesammelt, da man sich bewusst ist, dass der Verzehr hochverarbeiteter Industrieprodukte eine der größten Gefahren für die menschliche Gesundheit darstellt.
Alles, was sie auf dem Feld anbauen, durchdenken und planen sie so, dass sie mit dem Produkt einen anderen sozialen Bedarf decken können. Zu diesem Zweck wurden viele kleine Konservenfabriken gegründet. Die Konservenproduktion ist eine traditionelle Gewohnheit der Subsistenzwirtschaft in Mesopotamien: Gemüse und Obst wird in den Somemrmonaten geerntet, in der Sonne getrocknet, in der Erde vergraben oder in Höhlen gelagert. Frauen pflegen diesen Brauch seit Jahrhunderten. Die kapitalistische Konsumgewohnheit, Produkte außerhalb der Saison zu verlangen, bedeutet, von der Natur etwas zu verlangen, das sie gemäß ihrem natürlichen Kreislauf nicht gibt. Eine solche Kooperative, »Demsal«, die im März 2019 von sechs Frauen in der Stadt Hesekê gegründet wurde, konserviert Lebensmittel entsprechend der Erntezeit wie z.B. Fruchtmarmelade oder Eingelegtes, und im Frühjahr stellen sie Käse her.
Zu den weiteren Aktivitäten der Frauenwirtschaftskooperativen gehören die Produktion von Milch, Joghurt, Käse und Eiern in Viehzuchtkooperativen und die Herstellung von Brot in Bäckereikooperativen. Die Koordination der Frauenwirtschaft hat Frauenmärkte geschaffen sowie Räume, in denen Frauen ihre Produkte direkt an die Verbraucher:innen verkaufen können. Das zeigt, dass Frauen eine andere Art des Austauschs entwickeln können. Auf den von Frauen geschaffenen alternativen Märkten findet der Verkauf oder Tausch von Produkten zwischen Produzent:innen und Konsument:innen ohne Zwischenhändler:innen statt, manchmal sogar ohne Geld.
Mit diesen Beispielen möchte ich zeigen, dass Frauen mit der Organisation ihrer Wirtschaft auch eine andere Art des Verständnisses von Wirtschaft organisieren. Sie stellen die Sorgearbeit, die Sorge für die Gemeinschaft und die Natur in den Mittelpunkt dieses Verständnisses und ihrer Aktivitäten. Diese Sichtweise konzentriert sich auf die Reproduktion der Natur und der Menschen mit einem Sinn für Gegenseitigkeit und Harmonie und führt daher nicht zu Herrschaft in der Organisation des Lebens. Mit anderen Worten: Die konföderale Autonomie der Frauen, die sich mit dem Ziel und Verständnis organisiert, »ein Leben ohne Patriarchat zu organisieren«, hat im Bereich der Wirtschaft eine wichtige Organisationskraft erreicht.
Was wird getan, um das Bewusstsein für eine kommunale und solidarische Wirtschaft zu schärfen und sie in der Gesellschaft zu verankern?
An Orten, an denen der Staat jahrelang individuelle wirtschaftliche Aktivitäten nicht erlaubt hat, wollen die Menschen zunächst individuelle Aktivitäten ausüben. Wir sollten nicht erwarten, dass die Sozialwirtschaft leicht und sofort akzeptiert wird, da sie nicht im Blick der Menschen lag. Außerdem schließt diese Wirtschaft, wie ich bereits erwähnt habe, individuelle Aktivitäten nicht aus; sie erwartet, dass diese Aktivitäten mit einem Verständnis für den sozialen Nutzen und die sozialen Bedürfnisse durchgeführt werden. Sie sollen eine organisierte Einheit bilden, um angesichts monopolistischer Kräfte die Selbstversorgung der Gesellschaft zu gewährleisten. Deshalb wird versucht, eine Ordnung zu schaffen, in der sich Kooperativen und Unternehmen gegenseitig ergänzen und stärken.
Natürlich haben die Akademien die wichtige Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alle das verstehen und verinnerlichen. Die Akademie für Wirtschaft organisiert Bildungen für alle, die in der Wirtschaft tätig sind. In diesen Schulungen geht es um Strategien für eine gemeinsame und organisierte Wirtschaft, an der alle teilhaben, sich solidarisch zeigen und sich gegenseitig stärken können.
Was sind die aktuellen Herausforderungen und Widersprüche in der Wirtschaft Rojavas?
Der Krieg und das Embargo und die damit verbundenen Einschränkungen, die ständigen Invasionen und Angriffe, die imperialistischen Pläne der Blöcke um die USA und Russland, die wirtschaftlichen und politischen Streitigkeiten über die Ölreserven in der Region sowie die Tatsache, dass der syrische Staat immer noch keine umfassende politische Lösung anstrebt, stellen Rojava vor mehrere Herausforderungen. Man kann sagen, dass diese Herausforderungen von externen Faktoren herrühren und die Selbstverwaltung leider nur begrenzt darauf reagieren kann.
Auf der anderen Seite gibt es mehrere interne Widersprüche. Zum Beispiel ist die Tatsache, dass die von mir erwähnten Kooperativen keine Kontinuität schaffen und nicht zur Hauptwirtschaftstätigkeit der Menschen werden können, ein wesentlicher Widerspruch, den die Sozialwirtschaft überwinden muss. Die Entwicklung wirtschaftlicher Aktivitäten, die es allen ermöglichen, zu arbeiten und ihr Leben zu organisieren, ist von entscheidender Bedeutung. Es ist notwendig, den Wunsch zu wecken, zu arbeiten und Lebensmittel zu produzieren, insbesondere in der Landwirtschaft und Viehzucht. Es ist wichtig, Infrastrukturmaßnahmen durchzuführen, um eine Vielfalt an Produkten und Methoden im Agrarsektor zu schaffen. Allerdings ist es in einer Region, die ständig bombardiert wird, schwierig, in diese Richtung zu investieren. Deshalb muss der Luftraum über Rojava und Nordsyrien für Kampfflugzeuge und Drohnen gesperrt werden. Es ist auch wichtig, Strategien zu entwickeln, um Spekulation und Inflation zu bekämpfen, die durch das Dollar-Embargo in Syrien verursacht werden. Man muss sowohl über eine lokale Währung als auch über eine Landreform nachdenken. Ohne diese Maßnahmen wird es für Kooperativen und die Sozialwirtschaft immer schwieriger, eine echte Alternative zur Tyrannei des durch den Krieg geschaffenen kapitalistischen Marktes zu werden.
Ist die in Rojava praktizierte kommunale Ökonomie etwas, das auch in anderen Teilen der Welt praktiziert werden kann?
Obwohl wir in einer globalisierten Welt leben, haben alle Menschen und Orte unterschiedliche Bedingungen, gehen verschiedene Wege zur sozialen Veränderung, nutzen unterschiedliche Vorgehensweisen und Methoden.
Ich bin mir daher nicht sicher, ob die Art und Weise, wie Rojava seine Wirtschaft organisiert, anderswo angewendet werden kann, aber es gibt viel von Rojava zu lernen. Rojava hat aber auch von anderen Orten gelernt und kann noch viel lernen. Das ist es, was wir Wirtschaft nennen: Technologie und Produktion sind aus den frühen Zivilisationen entstanden, indem sie voneinander gelernt haben. Viele Leute sagen, dass es möglich ist, in Rojava eine antikapitalistische Wirtschaft zu organisieren, weil das kurdische Volk so gut organisiert ist, weil es bewaffnete Selbstverteidigungskräfte gibt, weil Land zurückerobert wurde und sogar, weil der syrische Staat die Bewegung nicht direkt angreift.² Wir können nicht sagen, dass diese Dinge keinen Einfluss haben, aber sie sind nur die Kristallisation, der konkrete Ausdruck eines langjährigen Kampfes. Die notwendigen Bedingungen können nur mit einer radikalen und revolutionären Vision geschaffen werden.
¹ Kooperativismus bezeichnet ein wirtschaftlich, soziales und politisches Modell, das auf Kooperativen basiert. Im deutschsprachigen Raum findet sich die Idee bedingt als Genossenschaftswesen wieder.
² Das Interview wurde 2024 geführt, als es keine direkten Angriffe von Seiten des Assad-Regimes gab. Gleichwohl gab es stetige Angriffe auf die Bevölkerung Rojavas, insbesondere durch die »Syrische Nationalarmee« (SNA), die starke Beziehungen zur türkischen Regierung hat.


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