Erinnerung mit der Perspektive der Jineolojî
Jineolojî Forschungsgruppe Conca Pérez, Països Catalans
Für den Aufbau einer freien Gesellschaft ist es unerlässlich, die Geschichte und die Erinnerung unserer Gesellschaft wiederzuerlangen.
Wir, die Gruppe Conxa Pérez¹ – Erinnerung aus der Perspektive der Jineolojî, forschen über die Rolle der Frauen während der Franco-Diktatur in den Països Catalans. Wir haben eine erste Forschung durchgeführt, die wir derzeit in Form eines Comics teilen (»Recull de Memòria Oral Illustrada«, 2024). Dieser handelt von der Bildung von Frauen während der franquistischen Zeit – sowohl inner- also auch außerhäusig. Für diese Untersuchung haben wir die Aussagen von sechs Frauen aus Katalonien und La Franja gewürdigt. Auf diese Weise erheben wir die mündliche Überlieferung zu einer intergenerationellen Quelle des Lernens: Was wissen wir über die Geschichte unserer Großmütter? Was haben sie uns erzählt? Und vor allem: Was haben sie uns nicht erzählt? Wie haben sie den Franquismus erlebt? Und die Repression? Wie wurden sie erzogen?
Bei der ersten Forschung haben sechs Illustratorinnen mitgewirkt, die das Vermächtnis und die Erinnerung dieser Frauen als lebendiges Beispiel kollektiven Gedächtnisses künstlerisch dargestellt haben.
Mittlerweile befinden wir uns mitten im Prozess einer zweiten Forschung. Seit Februar 2024 konzentrieren wir uns darauf, Lebensgeschichten zu sammeln, die von Widerstand und Repression geprägt sind – Repression, die sich gegen Frauen richtete, weil sie als »rote« Frauen wahrgenommen wurden. Es geht um Frauen, die aufgrund anarchistischer, kommunistischer oder republikanischer Familienmitglieder stigmatisiert wurden, oder um solche, die sich aktiv politisch engagierten und diese Ideen teilten.

Die Comics sind von unterschiedlichen Autorinnen und im Original in spanischer und katalanischer Sprache. Sie beschreiben Erfahrungen von Frauen der Països Catalans – den „Katalanischen Ländern“ – zur Zeit der Franco-Diktatur. Foto: Jineolojî
Die Gruppe Conxa Pérez arbeitet mit den Methoden der Jineolojî, die die Geschichte als Teil der Gegenwart, aber auch als etwas dynamisches und lebendiges begreift – und nicht als ein strikt determiniertes Phänomen.
Jineolojî ist ein Vorschlag der kurdischen Frauenbewegung. »Jin« bedeutet auf Kurmancî »Frau« und teilt den Wortstamm mit »jiyan« (Leben). »Lojî« bezieht sich auf das griechische Wort »Logos«. Jineolojî ist somit die »Wissenschaft der Frauen« oder »Wissenschaft des Lebens«. Sie will die westlichen Sozialwissenschaften ersetzen, die stark vom Kapitalismus, Kolonialismus und Androzentrismus geprägt sind. Sie will eine vorschlagende Wissenschaft sein, die sich in den Dienst der Gesellschaft und des Lebens stellt – und nicht des Kapitals. Ihre ersten Schritte machte sie 2012, doch ihr Ursprung reicht zurück bis zum Kampf kurdischer Frauen in Gefängnissen in den 1980er Jahren und ihren bewaffneten Widerstand in den Bergen gegen den türkischen Staat.

Angesichts der Notwendigkeit den türkischen Faschismus zu stürzen – und in dem Bewusstsein, dass dieser nur eine von vielen Formen ist, mit denen der Kapitalismus die Freiheit begräbt und Arbeiterinnen weltweit versklavt – wurde es für die kurdischen Genossinnen unabdingbar, ein neues Denken und eine neue Ideologie zu schaffen, um mit den klassischen westlichen Sozialwissenschaften zu brechen. Ein Werkzeug, um sich vom Kolonialismus und Kapitalismus zu befreien. Sie verstanden, dass sich ohne die Befreiung der Frau die Geschichte nur wiederholen würde – und begannen den Weg zur Entpatriarchalisierung der Gesellschaft zu ebnen.
Heute haben alle zivilen, politischen und Selbstverwaltungsinstitutionen der kurdischen Befreiungsbewegung eigene Frauenstrukturen. Diese Initiativen brechen mit patriarchalen und unterdrückerischen Dynamiken. Jineolojî ist Teil dieses radikalen Wandels und wird an Schulen der Demokratischen Autonomen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens (DAANES) unterrichtet. Zudem gibt es zahlreiche Jineolojî-Forschungszentren oder das Andrea Wolf Institut in Rojava, von dem auch internationalistische Frauen Teil sind. Weltweit existieren Jineolojî Komitees. Aus diesen Studien und Analysen entstehen Vorschläge, die auf die Bedürfnisse der Gesellschaft eingehen. Ein Beispiel dafür ist Jinwar, ein Frauendorf für freiheitssuchende Frauen und Überlebende von Krieg, Missbrauch oder Gewalt.

Das Jineolojî Komitee der Països Catalans ist Teil des Jineolojî Netzwerks Europas, das Studien- und Forschungsgruppen zu Themen wie Widerstand, Mythologie und Geschichte organisiert. Wir haben die Pflicht, unsere Vergangenheit neu zu denken und jene demokratischen Spuren in die Gegenwart zu holen, die uns zeigen, dass gegenseitige Unterstützung, Respekt vor der Natur und das Zusammenleben der Völker und Gesellschaften immer Teil von uns waren – und sein werden.
Die Jineolojî-Perspektive versteht Geschichte als revolutionäres Werkzeug der Erinnerung, das aufzeigt, wie sich Werte, Kulturen des Widerstands, Sprachen, Ethik, Kulte, Geschichten und vieles mehr bis heute widerspiegeln. Es geht darum, demokratische und revolutionäre Erinnerungen zu sammeln, sie zu beobachten, zu organisieren und mit den Werten der Gesellschaft zu verbinden – und so eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Gesellschaft und Natur zu schlagen. Gleichzeitig bricht sie mit der patriarchalen Geschichtsschreibung, die sich auf vermeintlich »relevante« historische Meilensteine stützt – meist militärischer Art.
Jineolojî erinnert an die Frauen, die aus Geschichte, Kultur und offiziellen Institutionen ausgeschlossen wurden – basierend auf der Interpretation von Öcalan: »Die Geschichte der Zivilisation ist zugleich die Geschichte der Niederlage und des Verschwindens der Frau.«
Wir verstehen das historische Gedächtnis als einen unverzichtbaren Teil der kollektiven Identität, die von Klassen- und gesellschaftlichen Kämpfen durchzogen ist. Es hilft uns, uns selbst zu erkennen, unsere Vergangenheit zu würdigen und sie als Erbe zu begreifen, das uns erklärt, wer wir sind.
Die Geschichte unserer Völker wurde zum Schweigen gebracht, verdeckt, verfälscht – bis hin zur Vergessenheit. Fünfzig Jahre nach der sogenannten Transition² ist es uns immer noch nicht gelungen, uns als Gesellschaft von der Mentalität des faschistischen Regimes zu befreien. Angst und Schweigen verbreiteten sich wie Gift bis in die entlegensten Winkel unseres Landes. Dieses Schweigen und diese Angst sind in den Erlebnissen von Frauen und Minderheiten unübersehbar – überwacht und bestraft von der »Moralpolizei« und Institutionen wie dem «Patronato de la Mujer«. Psychische, emotionale, körperliche Misshandlungen, sexualisierte Gewalt, Demütigungen, ständige Erniedrigungen, Kindesentzug, Unterwerfung … und viele weitere Foltermethoden, die noch heute das gesellschaftliche Gefüge prägen und unsere Freiheitskämpfe beeinflussen.

Wenn wir nicht erkennen, wie sehr das faschistische Regime nicht nur auf den Straßen, sondern in den Köpfen unserer Nachbar:innen weiterlebt, werden wir seine Ketten nie sprengen können.
Heißt das, dass die Geschichte niemals nach außen gedrungen ist? Wir sehen es als notwendig an, uns das historische Gedächtnis anzueignen, denn es gehört der Gesellschaft – doch die Institutionen benutzen es zu parteipolitischen Zwecken. Politisch hat der Streit um die Erinnerung zugenommen. Doch es fehlt der politische Wille, die Geschichte aufzuarbeiten, den Franquismus zu verurteilen oder die Transition zu kritisieren. All das wurde zum Schweigen gebracht, um die Logik der Unterdrückung fortzusetzen.
Das zeigt sich auch im Geschichtsunterricht an Schulen, der aus einer militaristischen, kolonialen und patriarchal geprägten Perspektive gelehrt wird. Doch Geschichte liegt auch im Alltäglichen: in menschlichen Beziehungen, Gefühlen, Schmerz, sozialer Organisation, Träumen und Hoffnungen, im Widerstand der Frauen … Der Blick der Jineolojî richtet sich auf all das. Deshalb konzentrierte sich unsere erste Forschung auf die Rolle der Bildung bei der Aufrechterhaltung des Systems und des Schweigens.
Wer die Bildung kontrolliert, kontrolliert die Gesellschaft. Die franquistische Ideologie prägte das Bildungswesen tiefgehend und bestimmte das Weltbild vieler Generationen. Propaganda und Schulpflicht machten das Engel-des-Hauses-Ideal für Frauen zur Norm. Frauen wurden auf Familie, Unterwerfung, Gehorsam und Dienstbarkeit reduziert.

Bei den Interviews für den Comic bemerkten wir, dass manche Frauen zögerten, über ihre Erfahrungen zu sprechen, weil sie diese nicht für bedeutend hielten oder nicht verstanden, warum ihre Geschichte für eine Forschung interessant sein könnte. Andere wollten aus Angst, Schuldgefühlen oder Schmerz gar nicht sprechen. Sie hatten gelernt, dass man schweigen muss, um zu überleben. Schweigen als Strategie, um das Vergangene zu vergessen – ganz wie es der Staat gewollt hat.
Bildung, wie wir sie verstehen, befreit uns vom Dogmatismus und von Herrschaftssystemen, lehrt uns kritisches Denken und hilft uns, unsere Persönlichkeit voll zu entfalten. Das aktuelle System hingegen erzieht uns mit einer liberalen, individualistischen Ideologie – mit sexistischen, kolonialen und anderen dominierenden Weltanschauungen.
Unser Hauptwerkzeug, um das in uns verinnerlichte System zu erkennen und zu überwinden, ist Bildung. So bauen wir unsere Persönlichkeit auf den Prinzipien der Freiheit auf.
Geschichte wie auch Bildung ist kein Phänomen von außerhalb – sie ist durch unsere Dörfer, Straßen und Familien gegangen. Deshalb müssen wir uns als Teil dieser Erinnerung fühlen: Es ist unser Leben, unsere Sicht auf die Welt.
Für die Genossinnen der kurdischen Befreiungsbewegung ist Perwerde³ der Weg zur Harmonie zwischen dem, was wir fühlen, sagen und tun. Darin liegt wahre Schönheit und revolutionäre Kraft. Bildung ist letztlich eine Form der Selbstverteidigung – denn wer in Freiheit, Geschichte und Identität gebildet ist, wird Unterdrückung, Herrschaft und Kolonisierung durch das kapitalistische System nicht akzeptieren. Aus der Perspektive der Jineolojî fördern wir Selbstbildung, Familienforschung, lokale Geschichte und mündliche Überlieferung. Auch wenn diese Prozesse lange zurückliegen – sie sind noch Teil unseres Lebens.
Als Gesellschaft tragen wir eine erzwungene Leerstelle in Bezug auf unsere jüngere Geschichte. Wir müssen sie füllen, Räume für Austausch schaffen und fordern, dass sie Teil des öffentlichen Diskurses wird. Die Vergangenheit darf nicht ausradiert werden – sie muss im Dialog mit der Gegenwart stehen. Wir sind keine leere Tafel – auch wenn die kapitalistische Moderne uns das glauben machen will.
Erinnerung zurückzuholen, Geschichte zu erzählen, das Geschehene zu würdigen und sich an die Leben zu erinnern, die ausgelöscht wurden, ist unerlässlich, um Gerechtigkeit zu schaffen und jenen zu gedenken, die ihr Leben dafür gegeben haben. Diese soziale Gerechtigkeit darf nicht territorial oder staatlich beschränkt sein – denn es waren die Staaten, die die Geschichte Tausender Völker haben vergessen lassen.

Der Comic »Recull de Memòria Oral Illustrada« behandelt die selbstorganisierte Bildung von Frauen während der Franco-Diktatur und verleiht ihren Lebensäußerungen, ihren Erkenntnissen und Alltagserfahrungen Körper und Seele. Wir haben Mauern durchbrochen und Erinnerungen ausgegraben, um jene Kraft der Selbstverteidigung zu finden, die in jeder und jedem von uns wohnt. Der Widerstand zeigt sich sogar im Schatten. Wir laden euch ein, an den Präsentationen des Comics teilzunehmen, die wir in den Països Catalans organisieren.
Wir, die Gruppe Conxa Pérez, Erinnerung aus der Perspektive der Jineolojî, forschen weiter zu Repression und Widerstand von alltäglichen, armen, rebellischen, schüchternen und mutigen Frauen, die verfolgt wurden, weil man sie als »rote Frauen« ansah. Geschichten voller sozialer Ausgrenzung, Stigmatisierung, täglichem Widerstand – viele davon bestehen noch heute. Sie zeigen uns, wie wichtig diese Arbeit ist, denn die faschistische Mentalität lebt weiter – in einer Gesellschaft, die nicht auf ihre Ahninnen hören will und das Sprechen über Erlebtes mit Angst belegt.
In jeder dunklen Nacht existiert Klarheit. Man muss sie nur unter den Trümmern der Geschichte suchen.
Das ist unser Ziel.
Wir wissen, dieses Land hat revolutionäre Momente erlebt, die den Lauf der Geschichte veränderten. Viele Frauen haben das möglich gemacht – ohne sie wären wir nicht hier.
Wir ehren ihren Mut, ihre Stärke – in einer Zeit, in der das Erheben des Kopfes mit dem Tod bestraft wurde. Wenn wir heute den Kopf heben, dann nur, weil sie ihn zuvor gehoben haben. Sie waren mit Faschismus, Exil, Kontrolle, Zensur, Verboten, Missbrauch aller Art konfrontiert – doch sie gaben nie ihre Liebe zum Leben und zur Freiheit auf.
Dies ist der Weg, auf dem sich alle anderen Wege kreuzen: der Weg zur Freiheit.
Ein Weg, auf dem wir suchen, wer wir sind, woher wir kommen – und wie wir unsere Wurzeln verteidigen, überall dort auf der Welt, wo faschistische und patriarchale Unterdrückung herrscht. Wir müssen uns verpflichten, weiter nach dem Geschehenen und den verschwiegenen Widerständen zu suchen.
Viele Genossinnen sagen: Weiterzukämpfen ist die beste Form des Gedenkens. Es ist nicht die beste – es ist die einzige Form.
In Gedenken an jene, die so laut gesprochen haben, dass wir ihr Freiheitslied heute noch hören können. Es lebe der antifaschistische Kampf und der Widerstand der Frauen!
Wir forschen weiter zur Repression gegen »rote Frauen«. Wenn du Informationen, Erfahrungen oder Kontakte hast, schreib uns: grupconxaperez.jineoloji@gmail.com

¹ Als Zeichen des Respekts und der Bewunderung haben wir unsere Forschungsgruppe Conxa Pérez genannt, weil sie in unseren Augen ein Vorbild des Widerstands ist. Conxa, 1915 im Stadtteil Les Corts (Barcelona) geboren, war ihr Leben lang eine engagierte Aktivistin. Schon in jungen Jahren schloss sie sich der CNT (Konföderation anarchosyndikalistischer Gewerkschaften) an und engagierte sich später in Nachbarschaftskämpfen. Sie verteidigte die Freiheit und kämpfte gegen den Faschismus. Nach der Ausrufung der Republik begann sie, libertäre Athenäen (selbstorganisierte Kulturzentren für Bildungszwecke) zu besuchen, wo sie sich so stark einbrachte, dass sie schließlich einige Monate im Frauengefängnis verbrachte. Mit dem Ausbruch des Krieges schloss sie sich dem revolutionären Komitee von Les Corts (Stadtbezirk von Bacelona) an und war eine der sieben Frauen, die zur bewaffneten Gruppe von hundert Kämpfer:innen gehörte, die als Aguiluchos de Les Corts bekannt waren. Sie nahm unter anderem an dem Angriff auf das Gefängnis Modelo zur Befreiung politischer Gefangener und am bewaffneten Kampf in der Kaserne von Pedralbes teil. Im Dezember 1938 floh sie nach Frankreich und kam ins Flüchtlingslager von Argelès. 1942 kehrte sie nach Barcelona zurück und eröffnete einen Stand auf dem Markt von Sant Antoni, der sich zu einem geheimen Treffpunkt der anarchistischen Bewegung entwickelte. Ende der 1990er Jahre schloss sie sich dem Kollektiv Mujeres del 36 (Frauen des Jahres 36) an, welches sich für die Wiedergewinnung und Anerkennung der Erinnerung an die während des Bürgerkriegs verfolgten Frauen einsetzt.
² In Spanien Übergang von der Franco-Diktatur – nach dem Tod des Diktators 1975 – zur konstitutionellen Monarchie (bürgerliche Demokratie mit in der Verfassung verankertem Königshaus).
³ Perwerde ist das kurdische Wort für Bildung.

