Feministische Selbstorganisierung gegen Angriffskrieg und Besatzung

Unsere Unterkunft ist ein sicherer Raum für Frauen und Kinder

Maijy Woilya, organisiert bei »Gemeinsam Kämpfen«


Ukrainische Feminist:innen errichten Unterstützungsstrukturen für Frauen und Kinder auf der Flucht. Bericht über ein Wohnprojekt in Lviv.
Mein Leben in Deutschland ist seit dem 24. Februar geprägt davon, mit meinen Gedanken in der Ukraine zu sein. Der Drang, die Besatzung aufzuhalten, das Bangen um Freund:innen vor Ort, die immense Wut auf die Besatzungsmacht und ihre Kompliz:innen – diese Gefühle waren für mich aufgrund der fortwährenden Angriffskriege in Kurdistan nicht neu. Doch es war das erste Mal, dass sich Themen wie Familienbiographie und so etwas wie ein Gefühl von zweiter Heimat mit dem Thema Krieg vermischten.
Dem ging im letzten Jahr eine Suche voraus, die sich mit der eigenen Herkunft beschäftigt hat und mich schließlich in die Ukraine führte. Meine Großeltern sind bis auf einen ukrainischen Großvater ehemals deutsche Siedler:innen – also Deutsche, die als Projekt des russischen Imperiums am Schwarzen Meer und an der Wolga angesiedelt wurden. Cherson, wo die Eltern meiner Mutter gelebt haben, ist nun zu einem großen Teil unter russischer Besatzung.
Meine Pläne, dieses Jahr mehrere Monate in Kiew zu verbringen, änderten sich mit der aktuellen Situation schlagartig. Stattdessen verbringe ich nun einige Wochen in Lviv, im Deutschen auch als Lemberg bekannt, eine Stadt im Westen der Ukraine. Ich besuche dort Freund:innen, bringe logistische Unterstützung und lerne einige linke und feministische Organisationen kennen.
Eindrücke aus Lviv
Lviv ist eine sehr alte Stadt, die schon seit dem Mittelalter besteht. Verschiedene Bauweisen der letzten Jahrhunderte prägen das Stadtbild. Ukrainisch hat sich hier als primär gesprochene Sprache bewahrt. Das hängt damit zusammen, dass andere Teile der Ukraine bereits seit mehreren Jahrhunderten russischer Assimilationspolitik unterzogen wurden, während der Westen der Ukraine erst während des zweiten Weltkriegs und danach mit einer russischen Vorherrschaft konfrontiert wurde. In den letzten Jahrhunderten war die Stadt unter Besatzung verschiedenster Imperien – der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, der Polnischen Republik, des Nationalsozialismus. Die Verteidigung einer ukrainischen Identität gegen Fremdherrschaft ist hier historisch verankert. So stammt das ukrainische Volkslied »oy u luzi chervona kalyna«, das heute im Kampf gegen die russische Besatzung gesungen wird und nun manchmal auf deutschen Radiosendern zu hören ist, aus der Zeit der Besatzung durch die Österreichisch-Ungarische Monarchie. Auch die russische Vormachtstellung zur Zeit der Sowjetunion ging mit einer Assimilationspolitik einher und wird in der Ukraine teilweise als Besatzung verstanden. Zur Zeit der Lösung von der Sowjetunion seit den 80er Jahren wurde Lviv zu einem wichtigen Bezugspunkt für ukrainische Unabhängigkeitsbestrebungen. Diese Tradition hielt sich weiterhin, als es 2004 und 2014 darum ging, sich von einer prorussischen Regierung loszusagen.
Lviv ist im Verhältnis zu anderen Teilen der Ukraine bisher selten Ziel russischer Angriffe. Der normale Alltag geht größtenteils weiter: Geschäfte, Restaurants und kulturelle Einrichtungen sind geöffnet, es gibt die üblichen städtischen Menschenmengen auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen oder als Pulk vor Straßenmusiker:innen. Trotzdem ist der Krieg hier präsent. Immer wieder gehen die Sirenen an, was bedeutet, dass Raketen von einem Ort abgefeuert werden, die auch die Stadt treffen könnten. Die Statuen und Hauswände von besonderer Pracht und historischem Wert sind mit Planen abgedeckt, um diese vor möglichen Bombenangriffen zu schützen. Ab 23 Uhr ist Ausgangssperre. Im Stadtzentrum ist eine lange Tafel aufgestellt, mit vielen Bildern von hauptsächlich jungen Menschen – Menschen aus Lviv, die gegen die russische Besatzung gekämpft haben und gefallen sind.
Es gibt in Lviv viele Geflüchtete, die sonst in weniger sicheren Gebieten leben bzw. auch dort, wo nun russische Truppen einmarschiert sind und wo aktive Kämpfe stattfinden. Im März wurden etwa 200 000 Geflüchtete aus anderen Teilen der Ukraine gezählt und das in einer Stadt, die normalerweise 700 000 Einwohner:innen zählt.
Feministische Selbstorganisierung als Antwort auf Krieg
Krieg ist eines der Instrumente, derer sich das Patriarchat bedient, um seine Herrschaftsverhältnisse aufrechtzuerhalten. Krieg und Besatzung werden dabei auf dem Körper von Frauen ausgetragen. In der Ukraine zeigt sich das nicht zuletzt an brutalen Feminiziden und Vergewaltigungen durch russische Soldaten in den Besatzungsgebieten.
Mich interessiert, wie feministische Selbstorganisierung in dieser Situation aussieht. Welche Strukturen gibt es, die Frauen und andere unterdrückte Geschlechter aus einer bewusst antipatriarchalen Perspektive heraus aufbauen, um dem etwas entgegenzusetzen? Was bedeutet das für Lviv, eine Stadt, in der viele geflüchtete Frauen leben?
Eine der Organisationen, die ich in Lviv kennenlerne, ist der Feministische Workshop, oder auch FemWorkshop genannt. FemWorkshop ist eine feministische Organisation, die sich in Lviv seit 2014 für die Bekämpfung von patriarchaler Diskriminierung und Gewalt sowie für tiefgreifende feministische Veränderungen einsetzt. Mit dem Beginn der flächendeckenden Invasion hat die Organisation den Fokus ihrer Arbeit geändert. Es gibt nun verschiedene Projekte, die sich mit den Auswirkungen des Krieges auf Frauen beschäftigen. Seit Juni dieses Jahres ist eines der Projekte eine Unterkunft für geflüchtete Frauen und Kinder. Während meines Aufenthalts in Lviv war ich mehrmals dort, unter anderem, weil wir gemeinsam zwei Veranstaltungen zur Frauenrevolution in Rojava und der aktuellen Situation in Kurdistan organisierten.
Eine der Aktivist:innen von FemWorkshop, die ich öfter treffe und die sich für ein Interview bereit erklärt, ist Kvitka. Kvitka ist 25 Jahre alt, Soziologin und schon seit 2016 Teil der Gruppe. Sie kam zu FemWorkshop dazu, nachdem sie als Referentin an einem Camp für Mädchen im Teenager-Alter teilgenommen hatte. Bis 2021 arbeitete sie beim Feministischen Workshop im Büro- und Sicherheitsbereich. Im Dezember letzten Jahres trat sie aus der Organisation aus, doch als am 24. Februar die flächendeckende Invasion begann, kehrte sie zurück: »Mir wurde klar, dass der Krieg für Feminist:innen viel Arbeit bedeutet und dass wir jetzt von gefährdeten Bevölkerungsgruppen gebraucht werden – Binnenvertriebenen, Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, und weiteren.« Mit dem Beginn der russischen Invasion versammelten sich die Aktivist:innen des Feministischen Workshops zu einem dringenden Treffen und planten verschiedene neue Projekte. Den Fokus auf Bildungsarbeit und Frauen als Zielgruppe behielten sie bei. Außerdem kamen noch einige humanitäre Projekte hinzu.
Der Aufbau einer Unterkunft für Frauen und Kinder
Für die Aktivist:innen des FemWorkshops ist der Aufbau einer Unterkunft für Frauen und Kinder eine bisher unbekannte und neue Angelegenheit. Seit April hat die Gruppe bereits Erfahrungen bei der Unterstützung von Frauen auf der Flucht gesammelt, indem sie das FemApartment eröffnet hat. Das FemApartment ist ein Wohnraum für Aktivist:innen, die aus unterschiedlichen Teilen der Ukraine kommen und nun in Lviv leben. Das Ziel ist es, diejenigen zu unterstützen, die wiederum andere unterstützen, denn die Bewohner:innen sind weiterhin in feministischen Gruppen und NGOs aktiv. Zwei der Bewohner:innen des Fem­Apartments arbeiten nun in der Unterkunft für geflüchtete Frauen und Kinder mit.
»Die Menschen, die herkommen, brauchen zunächst Stabilität. Da sie nicht so schnell an ihren bisherigen Wohnort zurückkehren können, brauchen sie die Gewissheit, dass sie sich für längere Zeit in einem relativ sicheren Gebiet niederlassen können«, erklärt Kvitka. Diese Stabilität versucht die feministische Gruppe nun zu gewährleisten. Neben dem Schaffen von Wohnräumen versorgt FemWorkshop die Bewohner:innen regelmäßig mit Produkten zum Kochen. Außerdem wird psychosoziale Unterstützung, wie Beratung zur Arbeitssuche, Treffen mit Psycholog:innen, Kunsttherapie und Einzelpsychotherapie, für die Bewohner:innen des Heims organisiert. Eine der Aktivist:innen arbeitet in der Unterkunft als Nanny. Sie verbringt dreimal die Woche Zeit mit den Kindern und plant verschiedene Aktivitäten, wie gemeinsame Ausflüge, Bastelaktivitäten und verschiedene Spiele. »Manchmal unterhalten sie sich auch einfach und lernen respektvoll miteinander zu reden. Da die Nanny eine feministische, vegane, antiautoritäre Aktivistin ist, übernehmen auch die Kinder die entsprechenden Werte«, sagt Kvitka.
»In der Unterkunft ist immer jemand von uns da und ansprechbar«, erzählt sie weiter. »Natürlich gibt es auch Konflikte, weil jede ihre eigenen Ansichten über Ernährung, Lebensmittellagerung oder das Wirtschaften im Allgemeinen hat. Aber wir versuchen diese zu lösen. Zum Beispiel ist es manchen Bewohner:innen wichtig, sich mit Lebensmitteln einzudecken, um sich sicherer zu fühlen. Wir verstehen das und haben den Bereich der Kühlschränke vergrößert.«
Kvitka gibt mir eine kleine Führung durch die verschiedenen Räume des neuen Heims. Im Erdgeschoss sind Büroräume. Im Flur kommen uns bereits die ersten Kinder entgegen auf dem Weg zur Gemeinschaftsküche, die sich ebenfalls im untersten Stockwerk befindet. Ein Stockwerk höher sind Schlafräume für die Bewohner:innen des Heims und das oberste Stockwerk ist ein großes Dachgeschoss mit viel Spielzeug. Meistens sind in diesem Raum die jüngeren Bewohner:innen zum Spielen und manchmal finden dort auch Veranstaltungen statt. Einige Tage vor meinem Besuch organisierte eine queere Gruppe dort anlässlich des Pride-Monats zum Beispiel eine Filmvorführung. Auch die Veranstaltungen zur kurdischen Befreiungsbewegung finden dort statt.
Momentan leben in dem Heim 19 Personen, 14 Frauen und 5 Kinder. Auch einige Haustiere, ein Hund, eine Katze und zwei Ratten gehören zu den Mitbewohner:innen. Ein Großteil der Bewohner:innen kommt aus der Region Donezk, also einem der Gebiete, die schon seit 2014 zur Hälfte von russischen Proxys kontrolliert werden und nun weitgehend unter russische Besatzung gefallen sind. Die anderen Bewohner:innen kommen aus den Regionen Luhansk und Cherson.
Die meisten leben schon seit dem Eröffnungstag am 1. Juni in der Unterkunft. »Wir haben Organisationen und freiwillige Helfer:innen, die wir kannten, eingeladen und sie haben wiederum Leute an uns weitergeleitet. Viel Werbung war nicht nötig«, berichtet Kvitka zu der Frage, wie die Frauen den Weg zu ihnen gefunden haben.
Geflüchtete Frauen im Westen der Ukraine
Seitdem Russland die flächendeckende Invasion begonnen hat, gab es laut UN-Bericht mehr als 10 Millionen Grenzübertritte von Menschen aus der Ukraine auf der Flucht in Folge des Krieges. Die meisten von ihnen sind Frauen mit Kindern. Neben dem Faktor, dass Männer zwischen 18 und 60 Jahren wegen des Militärdienstes das Land nicht verlassen dürfen, gibt es noch weitere Gründe, die dazu führen, dass weniger Männer auf der Flucht sind. Einige bleiben in den unsicheren Gebieten, um die Häuser vor Plünderungen schützen, damit die Familie später wieder dorthin zurückkehren kann. Einige bleiben, um zu arbeiten und den Unterhalt für die Familie auf der Flucht zu sichern. Zusätzlich gibt es bei vielen Unterkünften in der Ukraine die Regelung, keine Männer aufzunehmen.
Viele der Frauen kümmern sich auf der Flucht um Kinder oder ältere Angehörige. Das bringt verschiedene Herausforderungen mit sich, da das Umfeld und die Alltagsroutine ihrer bisherigen Wohnorte nicht mehr vorhanden ist. »Vielleicht konnten die Frauen vorher ihr Leben so organisieren, dass sie keine weitere Hilfe bei der Care-Arbeit brauchten, doch beim vorübergehenden Niederlassen in Lviv können sie ihr Leben nicht auf gewohnte Weise organisieren und brauchen Unterstützung«, sagt Kvitka.
Ein Problem bei der Kinderbetreuung ist: Die staatlichen Kindergärten nehmen keine Kinder auf, die keine offizielle Bescheinigung haben, dass ihre Eltern arbeiten. »Das ist ein Teufelskreis«, erklärt Kvitka. »Die Frauen können sich weder eine Arbeit suchen, weil sie sich um die Kinder kümmern müssen, noch können sie die Kinder in den Kindergarten schicken, da sie keine Arbeit haben. Auch in dem Punkt sind sie oft auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen.«
Die Nachfrage nach Wohnraum für Geflüchtete ist in Lviv groß. Die meisten Menschen, die aus den umkämpften Gebieten fliehen, reisen weiter ins europäische Ausland, doch viele wollen in der Westukraine bleiben. »Staatliche Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten haben zunächst Menschen aufgenommen, können diese aber nicht langfristig beherbergen, da sie ihre Arbeit als Bildungseinrichtungen wieder aufnehmen«, sagt Kvitka zur Wohnungslage in Lviv. Aus diesem Grund mussten Organisationen wie der Feministische Workshop die Initiative ergreifen und Unterkünfte öffnen, damit es weiterhin Wohnraum für Geflüchtete gibt.
»Wir haben unsere Unterkunft als einen sicheren Raum geplant, in dem Frauen und Kinder für längere Zeit leben und sich gegenseitig unterstützen können«, sagt Kvitka.
Was genau für längere Zeit heißt, ist leider noch nicht klar. Mit Sicherheit hat der Feministische Workshop die Räume bis zum Ende des Jahres. Ob die Unterkunft danach noch weiter bestehen kann, hängt derzeit von Spendengeldern ab. t
Spendenkonto:
Inwole e.V.
IBAN: DE66 1002 0500 0003 8100 02
BIC: BFSWDE33BER
Betreff: Feminist WorkshopWeitere Informationen zur Unterstützung:
https://femwork.org/en/support-us/


 Kurdistan Report 223 | September/Oktober 2022