Die Bedeutung von Energieressourcen für die Entwicklung im Nahen Osten

Energiekriege im Nahen Osten

Cafer Tar, Redakteur bei ANF

 

Die Weltmächte versuchen, den Nahen Osten im Einklang mit ihren eigenen ­Interessen zu gestalten. Die Türkei hat ihre EU-Perspektive aufgegeben und es ist ­absehbar, dass irgendwann auch ihre NATO-Mitgliedschaft zur Diskussion stehen wird.


Die Tatsache, dass der Nahe Osten eine Region ist, die drei Kontinente miteinander verbindet, in der sich Land-, See- und Luftwege kreuzen und zwei Drittel der weltweiten Ölvorkommen sowie eine Transitstrecke für den Welthandel befinden, macht den Nahen Osten wichtig für Staaten, die um die globale Macht kämpfen.

Vor allem in den letzten dreißig Jahren war der Nahe ­Osten die Region, in der der globale Machtkampf am schärfsten ausgetragen wurde. Aufgrund externer Interventionen und der erschwerenden Wirkung interner Dynamiken hat die Region des Nahen Ostens und Nordafrikas nach dem Kalten Krieg fast in jedem Jahrzehnt einen geopolitischen Wandel erlebt.

Während der postosmanischen Kolonialzeit und in den Jahren des Kalten Krieges nahmen die Staaten der Region unterschiedliche Positionen im internationalen System ein, die eher von der ideologischen Ausrichtung der Regierungen als von ihrer internen Dynamik bestimmt wurden. So wurde die Türkei beispielsweise Teil des NATO-Bündnisses, während Syrien der Sowjetunion näher stand.

In der Zeit vom Ende des Kalten Krieges bis heute haben die USA, die eine Zeit lang die einzige Supermacht waren, mit ihren Interventionen in der Region die bestehenden Gleichgewichte im Nahen Osten zerstört und viele Staaten und politische Akteure zum Rückzug von der Bühne der Geschichte veranlasst; trotz all dieser Interventionen ist es ihnen jedoch nicht gelungen, eine neue Ordnung in der Region zu schaffen.

Nach dem arabischen Frühling

Doch erst seit dem Arabischen Frühling entwickelte die Dynamik in der Region ihre heutige Komplexität. Der Arabische Frühling, der am 17. Dezember 2010 begann, führte zu einer radikalen Veränderung der Machtverhältnisse in der Region. Seitdem befinden sich die bisherigen sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen in der Region in einem unumkehrbaren Veränderungsprozess.

Die externen Interventionen globaler Mächte in die nach dem Arabischen Frühling entstandenen Konflikte und politischen Kämpfe haben die ohnehin schon komplexen regionalen Beziehungen weiter verkompliziert. Vor allem in Syrien, im Jemen, im Irak und in Libyen geht der erbitterte Kampf zwischen lokalen Mächten weiter, während auf der anderen Seite globale Mächte wie die USA, China und Russland ebenfalls in einen erbitterten Machtkampf in der Region verwickelt sind, was den Prozess ziemlich kompliziert macht.

Inzwischen befindet sich die Region des Nahen und Mittleren Ostens in einem Zustand völligen Chaos. Unter den heutigen Bedingungen sind die periodischen Beziehungen der globalen Mächte in der Region schnell wechselnd, dynamisch und flexibel. Waren früher die Weltmächte und die Regionalstaaten die Hauptakteure in diesem System, so sind heute auch andere Völker und organisierte Strukturen in der Region hinzugekommen.

Unfähig, diese Entwicklungen richtig zu deuten, hat das Erdoğan/Bahçeli-Duo die geopolitische Lage der Türkei, die wirklich von immenser Bedeutung ist, ungenutzt vergeudet. Anstatt die Geopolitik zu nutzen, um das Wohlergehen aller Völker der Region, sowohl der türkischen als auch der kurdischen Bevölkerung, zu verbessern und ihre Freiheitsräume zu erweitern, haben sie sie dazu benutzt, ihr jeweiliges Klientel zu bereichern.

Dabei ist Geopolitik eigentlich Ausdruck einer Beziehung zwischen der Vision der Regierenden und der Geografie. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, erfordert die Geopolitik, eine Brücke zwischen der Gegenwart und der Zukunft mit einer langfristigen Planung auf geografischer Grundlage zu schlagen, um das Wohlergehen und die Freiheiten der Menschen, die in dem betreffenden Land leben, zu verbessern.

Die geografische Lage der Türkei und Kurdistans bietet enorme Möglichkeiten für den Kampf der Völker der Region für Freiheit und Demokratie. Die in der Türkei herrschende Erdoğan/Bahçeli-Mentalität will die geografische Lage des Landes, die relativ junge Bevölkerung, die politischen Grenzen, das Klima und die unter- und überirdischen Ressourcen für sich nutzen, statt für das ganze Land.

Anstatt die kulturelle Vielfalt dieses Landes als Chance für das ganze Land zu sehen, wird durch das Beharren auf dem überholten nationalstaatlichen Ansatz die gesamte Geografie zur Wüste.

Kampf um die Kontrolle der Energieressourcen

Seit jeher beruhen die größten Spannungen und Konflikte in der Welt auf dem Wunsch anderer Mächte, die Reichtümer zu besitzen, über die ein Land verfügt. In der Antike versuchten die Großmächte der Welt, die Handelsrouten zu kontrollieren, und während der Kolonialzeit stand der Kampf um die Vorherrschaft über die unter- und oberirdischen Ressourcen der Länder im Mittelpunkt der Konflikte. Der heutige Machtkampf hingegen umfasst die beiden oben genannten Faktoren sowie das Bestreben, Energieressourcen, Produktionsgebiete und Absatzmärkte zu kontrollieren.

Vor allem nach der industriellen Revolution hat das rasante Wachstum infolge der Entwicklung von Technologie und Wissenschaft den Energiebedarf der Gesellschaften in außerordentlicher Weise erhöht, um sowohl das Wachstum aufrechtzuerhalten als auch den Konsum fördern. Somit sind die Industriegesellschaften energieabhängig geworden.

Diese neue Situation hat dazu geführt, dass der bereits ­früher wichtige Nahe Osten aufgrund seiner fossilen Kohlenwasserstoffressourcen noch wichtiger geworden ist. Heute ist der Nahe Osten die Region mit den wichtigsten Kohlenwasserstoffressourcen der Welt. Darüber hinaus gewinnt die Region auch durch ihre verkehrstechnischen Vorteile an Bedeutung.

Der kontinuierliche Anstieg der Weltbevölkerung erhöht einerseits die Bedeutung der alten Energieressourcen in den ohnehin bereits energieabhängigen Gesellschaften und zeigt andererseits die Notwendigkeit auf, neue Energiequellen zu finden. Alle Einschätzungen deuten darauf hin, dass der Energiebedarf in Zukunft weiter steigen wird.

Darüber hinaus ist der Nahe Osten durch die Eröffnung des Suezkanals besonders wichtig geworden. Der Suezkanal hat den Transport der Kohlenwasserstoffressourcen in der Region und der in einem Teil der Welt produzierten Waren in einen anderen Teil der Welt erleichtert und die Transportkosten gesenkt. Darüber hinaus hat die Region auch als Markt für den Weltkapitalismus an Bedeutung gewonnen. Heute sind die Länder in der Region mit ihrer wachsenden Bevölkerung und ihren sich entwickelnden Volkswirtschaften nicht nur wegen ihrer natürlichen Ressourcen, sondern auch als Märkte wertvoll geworden.

Mit der Entwicklung des Kapitalismus hat der steigende Bedarf an Öl die Ölregionen zu strategisch wichtigen Regionen für große Staaten gemacht. Für viele Staaten ist die Präsenz in den Kohlenwasserstoffregionen zu einem der grundlegenden Parameter für den Erfolg ihrer Außenpolitik geworden.

Öl behält weiterhin seine Bedeutung

Unter den heutigen Bedingungen gehen Expertisen davon aus, dass die weltweite Ölnachfrage jedes Jahr um zwei Prozent steigen wird. In diesem Fall wird die gesamte Ölnachfrage bis 2030 105 Millionen Barrel erreichen. Der größte Teil dieser Menge wird von entwickelten Volkswirtschaften wie den USA, der EU, China und Indien sowie von Ländern mit hoher Bevölkerungsdichte verbraucht werden. Während die Kohlenwasserstoffreserven in der Welt rasch zur Neige gehen, haben auch die neu entdeckten Kohlenwasserstoffvorkommen einen Höchststand erreicht. Trotz der Ausrichtung vieler Staaten, insbesondere der westlichen, auf neue Energiequellen werden die Kohlenwasserstoffressourcen und die Gewährleistung ihrer Sicherheit in den nächsten 50 Jahren wichtig bleiben.

Darum werden neben den lokalen Mächten auch wichtige Weltmächte wie die USA, Russland, die EU-Länder, China und Japan noch lange versuchen, die Region im Sinne ihrer eigenen Interessen zu steuern. Es ist sinnvoll, die Außenpolitik dieser Länder zu betrachten, um zu verstehen, was in der Region des Nahen Ostens in der Vergangenheit und heute geschehen ist.

Wenn es in der Debatte um die Kohlenwasserstoffressourcen auf der einen Seite darum geht, sie zu fördern, geht es auf der anderen Seite darum, die Vertriebswege zu kontrollieren. In diesem Zusammenhang sind das Kaspische Meer, der Indische Ozean, der Pazifik und das Schwarze Meer von besonderer Bedeutung.

Die US-Doktrin des Präventivkrieges

Die Konflikte im Nahen Osten insbesondere nach dem Kalten Krieg und das »Great Middle East«-Projekt beruhen darauf, die Region von potenziellen Bedrohungen für die USA und den Westen zu säubern, die Energieressourcen und Energietransitlinien zu kontrollieren und die Sicherheit Israels zu gewährleisten. An dieser Stelle ist die von den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entwickelte Doktrin des Präventivkrieges zu erwähnen. Nach dieser Doktrin ergreifen die USA Maßnahmen gegen Kräfte, die ihre eigene Sicherheit und die ihrer Verbündeten untergraben oder beseitigen würden, bevor ein Angriff erfolgt.

In dieser Hinsicht ist der Nahe Osten für die USA wieder sehr wichtig geworden, zumal die EU und Japan in hohem Maße vom Öl aus dem Nahen Osten abhängig sind und die USA selbst seit einiger Zeit auf Ölimporte angewiesen sind. Im Irak und in Afghanistan versuchten die USA, durch direkte militärische Interventionen Ergebnisse zu erzielen, was ihnen jedoch in beiden Ländern nicht gelang. Vor allem im Irak haben die USA, die nach Saddam eine relativ funktionierende bürgerliche Demokratie aufzubauen versuchten, diese Pläne nicht erfüllt, und der Krieg selbst sowie die Ausgaben für den Aufbau des Landes nach dem Krieg haben die US-Wirtschaft stark belastet, zusätzlich zur finanziellen Belastung durch den Krieg in Afghanistan und die zwanzig Jahre andauernde Besatzung.

Der vorige US-Präsident Donald Trump und sein Umfeld wollten diesen Preis nicht mehr zahlen und den Einfluss der USA in der Region minimieren. Genau hier setzt die Hauptdebatte innerhalb der USA an. Während die eine Seite wie Trump denkt, argumentiert die andere Seite, dass dieser Ansatz die Sicherheit der Energie und Israels gefährde sowie die weltweite Souveränität der USA in Frage stellt und das Vertrauen in die USA in der Welt schwinden lasse.

Russland hingegen strebt eine komplexere Politik in der Region an. Die russischen Erdöl- und Erdgasreserven sind schwieriger zu fördern als die im Nahen Ostens. Daher ist Russland auf der Suche nach neuen Partnern im Nahen Osten, um seine Kohlenwasserstoffexporte zu diversifizieren. Während Russland einerseits mit den Ländern des Nahen Ostens auf den Energiemärkten konkurriert, möchte es andererseits seine Kohlenwasserstoffversorgung durch eine Zusammenarbeit diversifizieren und die Initiative bei der Förderung und Ausbeutung der Kohlenwasserstoffressourcen in diesen Ländern ergreifen. Außerdem sind die Unruhen im Nahen Osten auch für Russland von Vorteil, da sie die Energiepreise in die Höhe treiben. Darüber hinaus ist Russland einer der wichtigsten Waffenlieferanten für die Länder der Region. All das macht Russland zu einem wichtigen Land in der Nahostpolitik.

Russland hat seine strategische Bedeutung erhöht

Russland ist zu einem der strategisch wichtigsten Länder in der Region des Nahen Ostens geworden, insbesondere aufgrund seiner Beziehungen zu Iran und Syrien. Die Organisationen und Kreise, die mit dem Iran und dem syrischen Regime kooperieren, arbeiten indirekt mit Russland zusammen. Dennoch hat Russland Israel nicht ausgeschlossen und versucht, seine wirtschaftlichen Beziehungen zu diesem Land zu stärken. Im Laufe der Zeit haben sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern weiter diversifiziert und wurden in den Bereichen Energie, Medizin, Tierzucht und Industrie ausgebaut. Jüdinnen und Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel eingewandert sind, spielen dabei eine wichtige Rolle. Heute machen diese Menschen etwa zwanzig Prozent der israelischen Bevölkerung aus. Jedoch haben die jüngsten Entwicklungen eine Pause in den russisch-israelischen Beziehungen verursacht. In der Region hat Russland vor allem seine Beziehungen zum Iran und zu Syrien vertieft, während es andererseits nicht darauf verzichtet hat, seine Beziehungen zu Saudi-Arabien, Ägypten, Jemen, Algerien und der Palästinensischen Autonomiebehörde zu verbessern.

Auch China hat seinen Einfluss in der Region verstärkt

China, das mit dem Anfang der 1980er Jahre eingeleiteten wirtschaftlichen Reformprozess zweistellige Wachstumszahlen erreicht hat, sieht sich mit einem ständig steigenden Energiebedarf konfrontiert, um diesen Trend aufrechtzuerhalten. Daher versucht auch die chinesische Regierung, ihre Beziehungen zu den Ländern der Region zu verbessern. Darüber hinaus bietet sich der Nahe Osten als wichtiger Markt für die Überschussproduktion an, die aus dem Wachstum der chinesischen Wirtschaft resultiert. Weil China bei den Erdölimporten nicht nur vom Nahen Osten abhängig sein will, hat es seine Beziehungen zu afrikanischen Ländern ausgebaut und damit begonnen, etwa fünfundzwanzig Prozent seiner gesamten Erdölimporte aus afrikanischen Ländern zu beziehen.

Für China, das sechzig Prozent seines gesamten Energiebedarfs aus dem Nahen Osten deckt, ist es nicht wünschenswert, dass die USA die Erdöl- und Erdgasressourcen im Nahen Osten und deren Transitrouten kontrollieren. Daher hat sich China in den letzten Jahren bei seinen Energieeinkäufen verstärkt dem zentralasiatischen Öl zugewandt.

Iran ist ein wichtiger Akteur für die globale Energiesicherheit

Die sich entwickelnden Beziehungen Chinas zu den Ländern des Nahen Ostens und die Ölförderung chinesischer Unternehmen im Nahen Osten beunruhigen die USA. Vor allem die jüngsten Energieabkommen Chinas mit Saudi-Arabien und dem Iran, die seit Jahrhunderten Probleme miteinander haben, werden in den USA mit Sorge beobachtet. Die Beziehungen, die der Iran, der wichtigste Feind der USA in der Region, mit China eingegangen ist, um sich Vorteile in der internationalen Gemeinschaft zu verschaffen, sind bemerkenswert. Der wichtigste Faktor, der den Iran in der Region auszeichnet, ist, dass er aufgrund seiner regionalen Position die Möglichkeit hat, die Energierouten zu kontrollieren. In diesem Punkt ist der Iran ein wichtiger Akteur, der im Hinblick auf die globale Energiesicherheit nicht vernachlässigt werden darf.

Darüber hinaus ist der Iran eines der wichtigsten Länder in der Region mit einer Bevölkerung von fast 90 Millionen Menschen. Manche vergleichen den Iran aufgrund seiner Spannungen mit den USA in den internationalen Beziehungen mit Nordkorea; diese Betrachtungsweise des Irans ist jedoch sehr oberflächlich. Es stimmt, dass der Iran und die Vereinigten Staaten in vielen Punkten aneinandergeraten, aber in einigen Punkten überschneiden sich die Interessen beider Länder, wie im Falle des Irak und Afghanistans. Außerdem sind die iranischen Gasvorkommen für die EU sehr wichtig.

Wettbewerb zwischen China und den USA

Vor allem in den letzten Jahren ist China bei den zunehmenden internationalen Spannungen stärker in Erscheinung getreten und hat mit seiner Wirtschaftsleistung, seinem modernisierten Militär und seiner zunehmend aggressiven Diplomatie mehr Aufmerksamkeit erregt. Die Energiesicherheit ist für China, das im letzten Jahrzehnt zum zweitgrößten Ölimporteur der Welt geworden ist, sehr wichtig geworden. China ist das einzige Land, das das Potenzial hat, die USA langfristig auszugleichen. Der Wettbewerb zwischen China und den USA um die Kontrolle über die weltweiten Energieressourcen und Transitrouten wird immer deutlicher. Zwischen China und den USA herrscht ein intensiver Kampf um Energieressourcen und Transitrouten im Nahen Osten, in Zentralasien, im Kaukasus, in Afrika und in Südamerika.

Neuer Energiegürtel

Nach dem 11. September wollten die USA, die sich auf den Nahen Osten konzentrierten, ihre Rivalität mit China im Fernen Osten über Japan fortsetzen. Japan, das seit fast sechzig Jahren besondere Sicherheitsabkommen mit den USA unterhält, hat darauf geachtet, in der regionalen und globalen Politik auf einer Linie mit den USA zu bleiben. Die USA haben jedoch erkannt, dass sie mit der Unterstützung Japans allein in der Region keine Ergebnisse erzielen können, und versuchen, ihren Einfluss im Fernen Osten zu erhöhen, um den wachsenden Einfluss Chinas zu verringern.

Im Jahr 2013 ergriff China eine Reihe von Initiativen zur Verwirklichung des Projekts »One Belt, One Road«, das als moderne Seidenstraße bezeichnet wird, um die Bedenken zu zerstreuen, die durch den Einfluss der USA auf die Energietransportrouten entstanden sind. Seit der Ankündigung des Projekts im Jahr 2013 hat die chinesische Diplomatie intensiv in den betreffenden Ländern gearbeitet. Russland, Iran und die Türkei sind die Länder, die Chinas Projekt am stärksten unterstützen. Die USA hingegen standen dem Projekt von Anfang an skeptisch gegenüber und haben trotz Einladung keine Vertreter zu den Treffen im Zusammenhang mit dem Projekt entsandt. Westliche Länder wie Deutschland haben an den Treffen auf Ministerebene teilgenommen, dabei aber ihre Skepsis gegenüber dem Projekt nicht unterdrückt.

Chinesische Banken werden die Finanzierung der im Rahmen des Projekts zu bauenden Eisenbahnen, Autobahnen und Häfen übernehmen. Mit diesem Projekt will China ein Verkehrs-, Industrie- und Handelsnetz zwischen Asien, Europa und Afrika schaffen. Damit versucht China, den Einfluss der USA auf die Transitrouten für Energie und Waren zu minimieren. Wenn dieses Projekt erfolgreich ist, wird es die Wirksamkeit der USA auf hoher See, die sie insbesondere mit Flugzeugträgern vollständig kontrollieren, zunichte machen. Diese Pläne Chinas werden von den westlichen Ländern mit Skepsis verfolgt. Die westlichen Länder, insbesondere die USA, sind der Ansicht, dass dieses Projekt den Einfluss Chinas in der Welt vergrößern und die Entwicklungsländer, die in den Einflussbereich des Projekts fallen, dazu veranlassen wird, in großem Umfang Kredite bei China aufzunehmen.

Im Mai 2017 erklärte Erdoğan auf einem Gipfeltreffen in Peking, an dem die Staats- und Regierungschefs von 29 Ländern teilnahmen, dass die türkische »Annäherung an China eine andere Wirkung auf die Welt haben wird«, und äußerte seinen Wunsch nach einem globalen Wettbewerb. Diese Entschlossenheit brachte Erdoğan auch bei einem im Anschluss abgehaltenen Minigipfel mit Putin und Xi Jinping zum Ausdruck. Erdoğan erlebt ständig Krisen mit Europa und der westlichen Welt und will den abnehmenden Kapitalzufluss durch Handelsbeziehungen mit China kompensieren.

IMEC: Wirtschaftskorridor von Mumbai nach Hamburg

Um die Auswirkungen des chinesischen Projekts einer modernen Seidenstraße im globalen Wettbewerb zu minimieren, suchten viele EU-Länder und Golfstaaten, insbesondere Saudi-Arabien, unter Führung der USA nach einer Alternative durch die Einbeziehung von Indien. Die langjährigen Bemühungen führten schließlich zu Ergebnissen. Auf dem G20-Gipfel am 9. und 10. September in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi wurde von den beteiligten Ländern der India - Middle East - Europe Economic Corridor (IMEC) angekündigt. Demnach soll das Projekt von Mumbai in Indien über die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Jordanien zum israelischen Hafen Haifa, dann über Südzypern zum europäischen Kontinent in den griechischen Hafen Piräus und von dort durch Osteuropa zum deutschen Hafen Hamburg führen. Indien, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Italien, Frankreich, Deutschland, die USA und die EU, die Parteien des Abkommens, haben das Projekt mit der Unterzeichnung der Absichtserklärung auf den Weg gebracht.

Unbehagen der Türkei

Die Türkei ist eines der Länder, die sich am meisten an dem Projekt des Wirtschaftskorridors von Indien nach Europa stören. Bei der Beantwortung der Fragen von Journalist:innen im Flugzeug nach dem G20-Gipfel brachte Erdoğan sein Unbehagen über das Projekt deutlich zum Ausdruck. »Es kann keinen Korridor ohne die Türkei geben, die Türkei ist ein wichtiger Produktions- und Handelsstandort, die geeignetste Strecke für den Verkehr von Ost nach West muss durch die Türkei führen«, sagte Erdoğan.

Am Anfang des Artikels habe ich geschrieben, dass für die Geopolitik eines Landes nicht nur seine Lage in der Welt wichtig ist, sondern auch die Vision derjenigen, die dieses Land regieren. Die wichtigsten Wirtschaftsmächte der Welt geben Zypern und Griechenland den Vorzug, obwohl sie teurere und kleinere Märkte in einem Projekt sind, das von Indien bis zum Hamburger Hafen in Deutschland reicht und die Türkei, ein Land mit achtzig Millionen Einwohner:innen, außen vor lässt.

Beide Projekte sind im globalen Wettbewerb sehr wichtig, und der Wirtschaftskorridor Indien-Mittlerer Osten-Europa hat die geopolitische Bedeutung der Türkei beendet, von der die türkische Regierung in ihrer Außenpolitik und innerhalb der NATO immer gesprochen hat. Der Erdoğan/Bahçeli-Faschismus hat die Beziehungen der Türkei zu den westlichen Ländern weiter geschwächt. Die Türkei ist jetzt ein chaotisches, instabiles Land, dem der Westen nicht vertraut, und niemand will in ein solches Land investieren.

Ereignisse in Gaza

Auch die Ereignisse in Gaza müssen unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden, Duran Kalkan hat das als erster zum Ausdruck gebracht. Wie Sie sich vielleicht erinnern, sagte der ehemalige türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar einmal in einer Rede: »Die Türkei ist vielleicht kein Spielmacher in der Region, aber sie kann sie stören!« In dieser Hinsicht ist der größte Verlierer des Wirtschaftskorridors Indien-Mittlerer Osten-Europa der Erdoğan/Bahçeli-Faschismus, und damit liegen die üblichen Verdächtigen dessen, was in der Region geschieht, auf der Hand. Die Ereignisse in Gaza haben dieses Projekt für eine Weile gebremst. In der Region herrscht derzeit ein großer Machtkampf, und es scheint, dass dieser Kampf noch lange andauern wird.

Aus diesem Blickwinkel ist es leichter zu verstehen, warum die USA, China und andere Länder unmittelbar nach den Zusammenstößen zwischen Hamas und Israel Kriegsschiffe in die Region geschickt haben. All diese Länder kümmern sich weder um die dort lebenden palästinensischen Araberinnen und Araber noch um das jüdische Volk, das in der Geschichte schon viele Male ermordet wurde. Sie beziehen in der Region Position für ihre eigenen globalen Interessen.

Der erbärmliche Zustand der Türkei

Auf Fragen nach seinem Treffen mit dem britischen Außenminister James Cleverly in Ankara am 13. September sagte der türkische Außenminister Hakan Fidan: »Wenn wir uns das Projekt ansehen, das in Indien begonnen und kürzlich auf dem G20-Gipfel unterzeichnet wurde, haben Experten Zweifel an seinem Hauptzweck, seiner Rationalität und Effizienz. Es zeigt sich, dass auch geostrategische Überlegungen im Vordergrund stehen.« Er musste zugeben, in welch erbärmliche Situation die Türkei geraten ist.

Während dieses Projekt die Bedeutung der Republik Zypern und Griechenlands erhöht, verringert es die geopolitische Bedeutung der Türkei. Erneut wird die Türkei im östlichen Mittelmeer in die Enge getrieben und bei den in der Region entstehenden Spannungen niemanden auf ihrer Seite finden. Die Regierung, die lange Zeit den Vorteil der geografischen Lage der Türkei ausgenutzt hat, ist in dieser Hinsicht am Ende. Da die Länder, die sich im Rahmen des Projekts zusammengefunden haben, ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Erdoğan-Regime hegen, zogen sie die Republik Zypern und Griechenland vor, obwohl sie teurer sind. Die Türkei wird aufgrund der falschen Politik der derzeitigen Regierung zu einem immer unbedeutenderen Land werden.

Anstatt das aktuelle Problem durch eine Demokratisierung im eigenen Land zu lösen und einen friedlichen Ausweg zu finden, tun die Machthaber der Türkei das Gegenteil. All das führt dazu, dass der Rest der Welt der Türkei misstraut, und alle Menschen in der Türkei zahlen den Preis dafür. Die Türkei ist ohnehin Hauptverdächtige in vielen potenziellen Spannungen, insbesondere im Konflikt zwischen der Hamas und Israel. Wenn man von hier aus viele im Dunkeln gebliebene Fragen verfolgt, kann man wahrscheinlich zu einer Schlussfolgerung kommen. Es ist absehbar, dass die Türkei, die ihre EU-Perspektive in ihrem jetzigen Zustand bereits verloren hat, in einiger Zeit über ihre NATO-Mitgliedschaft zu diskutieren beginnen wird.

Unsere Aufgabe sollte es sein, einen demokratischen Konföderalismus aufzubauen, der auf dem Wohl und der Freiheit aller Völker in der Region basiert.


Verwendete Quellen:

Putin and Russia’s Middle Eastern Policy
https://www.fdd.org/analysis/2006/05/31/putin-and-russias-middle-eastern-policy/

Saudi-Arabien des Lithiums
http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Afghanistan/lithium.html

Grossmacht China
https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/artikel/136288.gro%C3%9Fmacht-china.htmlhttps://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/artikel/136288.gro%C3%9Fmacht-china.html

Iran und die Angst vor Chaos in Afghanistan
https://www.dw.com/de/iran-und-die-angst-vor-chaos-in-afghanistan/a-59632274

Yeni Yüzyıldaki Çin-Amerika Rekabeti
https://dergipark.org.tr/tr/download/article-file/210914

Küresel Güçler ve Ortadoğu:
https://cdn.istanbul.edu.tr/FileHandler2.ashx?f=turkish---great-powers-and-mena-(concept-paper)-.pdfhttps://cdn.istanbul.edu.tr/FileHandler2.ashx?f=turkish---great-powers-and-mena-(concept-paper)-.pdf

Değerler ve Çıkarlar: ABD’nin Ortadoğu Politikasını Belirleyen Temel Unsurlar ve İlkeler:
https://www.ormer.sakarya.edu.tr/uploads/files/17_degerler_ve_cikarlar_abdnin_ortadogu.pdfhttps://www.ormer.sakarya.edu.tr/uploads/files/17_degerler_ve_cikarlar_abdnin_ortadogu.pdf

Para Analiz Hindistan
https://www.paraanaliz.com/2023/dunya-ekonomisi/analiz-hindistan-ortadogu-avrupa-koridoru-projesinde-turkiye-neden-yok-g-63357/

Voice Of Amerika; Hindistan-Ortadoğu-Avrupa Koridoru projesine Türkiye neden dahil edilmedi?
https://www.voaturkce.com/a/hindistan--ortadogu--avrupa-koridoru-projesine-turkiye-neden-dahil-edilmedi-/7270157.html

Deutsche Welle Türkçe; İpek Yolu Projesi: Beklentiler ve Kuşkular
https://www.dw.com/tr/modern-i%CC%87pek-yolu-projesi-beklentiler-ve-ku%C5%9Fkular/a-38832963

Der Artikel wurde auf deutsch zuerst am 7.12.2023 bei ANF veröffentlicht - https://anfdeutsch.com/hintergrund/-40103


Kurdistan Report 233 | Mai / Juni 2024