Hatip Dicle ‒ »Ein Leben im Kampf für die Rechte der kurdischen Bevölkerung«

Politischer Kampf in Zeiten des staatlichen Terrors

Buchbesprechung von Reimar Heider, Sprecher der internationalen Initiative »Freiheit für Abdullah Öcalan – Frieden in Kurdistan«

 

Hatip Dicle ist einer der prominentesten kurdischen Politiker. In der Türkei saß er erst im Parlament und dann mehr als zehn Jahre im Gefängnis. Mit »Ein Leben im Kampf für die Rechte der kurdischen Bevölkerung« legt er eine kurze Autobiografie vor, die bisher nur auf Deutsch erschienen ist.

Schon der Titel des Buches wirft Fragen auf. »Kurdische Bevölkerung« ist sicherlich kein Begriff, den Hatip Dicle selbst verwendet, weil speziell in der Türkei der Kampf für die Anerkennung der Kurd:innen sich seit Jahrzehnten um die Anerkennung als eigenständiges Volk dreht. Trotzdem hat sich der Verlag dafür entschieden, durchgängig den Begriff »Volk« durch »Bevölkerung« zu ersetzen und so die Botschaft des Autors leicht, aber signifikant zu verfälschen. Auch sonst wirkt das Buch stark reduziert, eine Reihe von Ereignissen wird nur kurz gestreift oder ganz ausgelassen.

Was allerdings tatsächlich Eingang ins Buch gefunden hat, ist packend und mitreißend. Dicle, 1954 geboren, engagierte sich in den 1970ern in einer militanten Gruppe, von der die Wenigsten je gehört haben dürften, die aber verwirrender Weise eine Zeitlang ebenfalls mit »PKK« abgekürzt wurde. Lange nach dem Zusammenbruch dieser Gruppe engagierte er sich im Menschenrechtsverein İHD und war an der Gründung der HEP beteiligt, der ersten in einer langen Reihe von politischen Parteien, die sich in Bakur (Nordkurdistan) am parlamentarischen Kampf für die kurdische Sache beteiligten. Von 1991 bis zu seiner Verhaftung 1994 war er Abgeordneter in der Türkischen Nationalversammlung und unter anderem Vorsitzender der Partei DEP. In diesen blutigen Jahren wurden zunächst sein Freund Vedat Aydın und dann Tausende weitere Menschen in Kurdistan vom türkischen Geheimdienst JİTEM ermordet oder verschwinden gelassen. Auf der anderen Seite war Hatip Dicle 1993 eine der Personen, die Botschaften von Präsident Özal an den damaligen Generalsekretär der PKK, Abdullah Öcalan, überbrachte, die zum ersten Waffenstillstand der Organisation führten. Als Zeitzeuge war er auch bei der Pressekonferenz zur Verlängerung des ersten Waffenstillstandes der PKK anwesend.

Nach dem Zusammenbruch dieser Initiative mit dem Tod Özals und der darauf folgenden Repressionswelle war auch die Zeit der kurdischen Repräsentation im türkischen Parlament vorbei. Nach zehn Jahren in einem Gefängnis in Ankara zusammen mit Leyla Zana, Orhan Doğan und Selim Sadak übernahm er wieder verschiedene Funktionen in zivilgesellschaftlichen Organisationen, bis er am Heiligabend 2009 erneut inhaftiert wurde. Nach weiteren Jahren in türkischen Gefängnissen hat er mittlerweile widerwillig die Türkei verlassen und lebt mittlerweile in Deutschland.

Bei der Lektüre des durchgängig interessanten Bandes tauchen zahlreiche bedeutende Ereignisse der letzten Jahrzehnte schlaglichtartig vor dem Auge der Leserin auf. Andere bekommen durch die autobiografische Darstellung eine neue Perspektive. Somit legt der Westend Verlag hier eine gut lesbare und durchgängig empfehlenswerte Nacherzählung eines wichtigen Teils der Geschichte der kurdischen Freiheitsbemühungen vor.

Einige Teile hätte der Rezensent sich deutlich ausführlicher gewünscht, beispielsweise die Darstellung des İmralı-Prozesses als der bis heute weitreichendsten Gespräche zwischen Abdullah Öcalan, dem türkischen Staat und der PKK, unter Einbeziehung verschiedener zivilgesellschaftlicher Institutionen. Hatip Dicle war als Teil der İmralı-Delegation an diesen Gesprächen persönlich beteiligt, bis Präsident Erdoğan sie 2015 abbrach. Die militärische Eskalation und die massive Repression gegen den politischen und zivilgesellschaftlichen Bereich, auf die Erdoğan stattdessen setzte, halten bis heute an.

Eines der großen Verdienste des Buches ist dagegen die erste ausführliche deutschsprachige Darstellung des dem İmralı-Prozess vorausgehenden Oslo-Prozesses. Es ist immer wieder wichtig zu betonen, dass all die »Terrorismus«-Rhetorik und die dazugehörige Repressionspolitik nicht dazu beiträgt, den Konflikt zu beenden, sondern ihn im Gegenteil verlängert. Ein erfolgreicher Abschluss der Gespräche, die der türkische Staat jahrelang mit Öcalan und der PKK führte, hätte dagegen unsagbares Leid verhindern können. Insofern stellt Hatip Dicle hier auch die deutsche Politik bloß, die dem türkischen Staat bei der Unterdrückung kurdischer Politik fleißig nacheifert.

Hatip Dicle: Ein Leben im Kampf für die Rechte der kurdischen Bevölkerung. Erschienen 2023 im Westend Verlag, 20 €.


Kurdistan Report 233 | Mai / Juni 2024