Interview mit Tekoşîna Anarşîst

Anarchist:innen in Rojava – Die Revolution ist ein Kampf für sich

Das Interview führte die Gruppe União Libertária

Die União Libertária (UL, Libertäre Union),1 eine Gruppe junger Libertärer in Portugal, traf sich mit Militanten von Tekoşîna Anarşîst (TA; Anarchistischer Kampf)2 aus Rojava im Nordosten Syriens zu einem Gespräch über die Überlegungen dieser anarchistischen Gruppe Freiwilliger zu Gerechtigkeit, Kunst, Religion und was es bedeutet, »Revolutionär:in« zu sein.
TA war nicht nur am schwierigen Kampf gegen die Kräfte des Islamischen Staates (IS) beteiligt, sondern fungiert derzeit auch als Sanitätseinheit, hilft bei landwirtschaftlichen Arbeiten und spielt eine erzieherische Rolle.3

 

Wir haben Berichte über die Arbeit von TA außerhalb der Kriegsfront gesehen, von medizinischer Unterstützung bis hin zu Bildung. Der zweite Punkt ist für uns von großem Interesse. Könntet ihr bitte ein wenig erläutern, wie ihr mit Aufklärungskampagnen vorgeht, nicht nur bei euch selbst, sondern auch bei den lokalen Gemeinden? Gibt es irgendwelche Lehren, die ihr über die Rolle (und den Prozess) der revolutionären Erziehung weitergeben möchtet? Inwiefern seht ihr Pädagogik nicht nur als ein Werkzeug, sondern auch als einen Raum innerhalb der Kämpfe, die ihr führen müsst?

Bildung ist das, was die Grundlagen einer neuen Gesellschaft schafft. Sie ist oft unser bestes Werkzeug, um uns und unsere Gemeinschaften zu verteidigen. Die Freiheitsbewegung Kurdistans legt sehr viel Wert auf Bildung, und das hat uns auch dazu gebracht, über unseren Ansatz nachzudenken. In Rojava ist es üblich, an mehrmonatigen Schulungen teilzunehmen, bei denen Militante aus verschiedenen Orten nichts anderes zu tun haben, als zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Das ist keine neue Praxis in Rojava, die kurdische Bewegung arbeitet schon seit Jahrzehnten an ihren Ausbildungsmethoden. Als wir an einigen dieser Schulungen teilgenommen haben, ist uns auch aufgefallen, wie sehr unser Verständnis von Bildung mit Schule, Universität und anderen staatlichen Systemen verbunden ist. Und wie sehr wir unsere eigenen Bildungsprogramme entwickeln sollten, die von unseren eigenen politischen Ansichten und Werten geprägt sind. Dabei kann die »Pädagogik der Unterdrückten« von Paulo Freire sehr wichtige Perspektiven aufzeigen.

Revolutionäre Bildung kann alles sein, was wir tun, wenn wir auf organisierte Weise daraus lernen. Geschlossene Bildungsgänge ermöglichen es uns, ein Thema zu vertiefen, z. B. die Philosophie und die politischen Ansichten von Abdullah Öcalan kennenzulernen, die Vorschläge von Machno oder Malatesta über den organisierten Anarchismus und die verschiedenen Versuche, ihn in die Praxis umzusetzen, zu studieren oder etwas über Erste Hilfe und medizinische Versorgung in Kriegssituationen zu lernen. Aber das muss auch mit der Praxis einhergehen, die oft die beste Ausbildung ist, wie zum Beispiel dann, wenn wir in der Gesellschaft mit unseren kurdischen, arabischen und anderen Genoss:innen arbeiten, wenn wir unsere Organisation Tag für Tag aufbauen oder wenn wir als Sanitäter:innen an der Front arbeiten. Die Theorie bringt Wissen und hilft, Verständnis und Vertrauen aufzubauen, aber es ist die praktische Arbeit, die unsere Erfahrung ausmacht.

Einiges an Wissen, das wir mit uns herumtragen, ist hier rar, und es ist wichtig, es zu kollektivieren. Wir haben kurdische, arabische und armenische Genoss:innen in Erster Hilfe und taktischer Feldversorgung geschult. Wir haben auch unser Wissen und unsere Erfahrungen untereinander ausgetauscht, manchmal in kurzen Seminarformaten, manchmal in längeren geschlossenen Schulungen. Dies half uns, unsere Kapazitäten und einen gemeinsamen Rahmen als Organisation aufzubauen, sowohl praktisch als auch ideologisch. Mit der Zeit haben sich unsere Methoden und Bildungssysteme immer mehr an unsere Bedürfnisse angepasst und spiegeln nicht nur wider, was wir lehren und lernen wollen, sondern auch, wie wir es tun wollen. Für einige Genoss:innen ist es hilfreich, mehrere Stunden lang ein Seminar zu lesen oder zu hören, für andere ist es besser, Dinge zu tun und in der Praxis zu lernen. Wir versuchen, dies im Auge zu behalten, aber auch uns selbst herauszufordern, indem wir z. B. Genoss:innen, die mit akademischen Bereichen vertrauter sind, ermutigen, an der Basis zu arbeiten, und indem wir die ideologische Entwicklung und theoretische Arbeiten mit denen vorantreiben, die mehr an der praktischen Arbeit orientiert sind.

In früheren Erklärungen habt ihr die Notwendigkeit für Revolutionär:innen diskutiert, sich von individualistischen, egoistischen Denkweisen zu lösen, ebenso wie von Fragen des Egos im Umgang mit Genoss:innen und der Organisation. Wie habt ihr es innerhalb von TA geschafft, mit solchen Denkweisen umzugehen? Wir kennen diese Auffassung, wonach sich Anarchismus und revolutionärer Kampf ständig auf einer schwierigen Linie zwischen Lebensstil und Bequemlichkeit bewegen, die es uns nicht erlaubt, sinnvolle Beziehungen auf dem Pfad zur Befreiung aufzubauen. Gibt es irgendwelche Lehren oder Warnungen aus euren eigenen Aktivitäten, die geteilt werden können?

Das ist eine sehr schwierige Frage, denn das ist eine der größten Herausforderungen, vor denen wir stehen. Der Anarchismus hat immer über die Widersprüche zwischen einzelnen Militanten und der Notwendigkeit revolutionärer Organisationen diskutiert. Wir arbeiten daran, diese Punkte auszugleichen, denn wir sehen auf beiden Seiten sehr wichtige Argumente. Wie viele Anarchist:innen vor uns sind wir zu dem Schluss gekommen, dass Organisation eine Notwendigkeit ist, nicht als Ziel an sich, sondern als Mittel zum Zweck. Wir akzeptieren keine unnötigen Hierarchien und schätzen die Individualität unserer Militanten, wobei wir uns oft auf die Idee beziehen, dass es »keine Organisation ohne Militante und keine Militanten ohne Organisation« gebe. Damit wollen wir auch auf die Bedeutung der individuellen Verantwortung gegenüber der Organisation sowie der kollektiven Verantwortung der Organisation gegenüber den Einzelnen hinweisen.

Militante:r in einer revolutionären Organisation zu werden, bringt individuelle und kollektive Widersprüche mit sich. Die wichtigsten Aspekte unserer Persönlichkeiten sind durch die Gesellschaften geprägt, in denen wir aufgewachsen sind. Das Leben in der kapitalistischen Moderne beruht auf der Individualisierung. In der Schule, am Arbeitsplatz, in den Medien, die wir konsumieren, wird uns gesagt, dass die individuelle Freiheit alles ist, was zählt. »Deine Freiheit endet dort, wo die Freiheit der anderen beginnt«, das ist oft der Leitgedanke unserer Gesellschaften. Damit wird die kollektive Zugehörigkeit geleugnet, und es werden individualistische Denkweisen und Werte gefördert. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der individualistische Anarchismus in den kapitalistischen Gesellschaften, aus denen wir kommen, gedeiht, denn er knüpft an die individualistischen Werte an, die der Liberalismus fördert. Wir wollen das in Frage stellen. Wir glauben, dass unser einziger Ausweg Solidarität und gegenseitige Hilfe ist, und dafür müssen wir den tief verwurzelten Individualismus, den wir alle in uns tragen, in Frage stellen.

Individualismus kann viele Formen annehmen. Einige sind offensichtlicher, wie Egoismus, Elitismus oder Narzissmus; aber subtilere Formen können mehr Zeit brauchen, um bemerkt zu werden, wie die Verweigerung von Hilfe, wenn sie gebraucht wird, das Nichtteilen von Informationen oder Wissen mit Genossen:innen, das Nichtzuhören oder das Nichtberücksichtigen von Vorschlägen und Ideen anderer. Wir alle haben Spuren von Individualismus, und sie sind oft mit unserem Ego und dem Bild verbunden, das wir von uns haben und projizieren. Um dies zu überwinden, müssen wir in der Lage sein, uns selbst und andere sowie unsere Art der Beziehung zu bewerten. Kritik und Selbstkritik gehen Hand in Hand, wir müssen in der Lage sein, unsere Unzulänglichkeiten anzuerkennen, um uns sinnvoll mit den Unzulänglichkeiten anderer auseinanderzusetzen. Uns selbst einzugestehen, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, wie wir uns selbst wahrnehmen/wie wir wahrgenommen werden wollen, und dem, wie andere uns wahrnehmen, kann schmerzhaft sein. Die Anerkennung dieser Diskrepanz eröffnet uns jedoch die Möglichkeit, uns weiterzuentwickeln. Jeder Mensch hat diese Kluft, bei manchen ist sie größer, bei manchen kleiner, und wenn wir sie in Frage stellen, können wir Raum schaffen, um zu wachsen und zu lernen. Wenn wir uns dies vor Augen halten, können wir bessere Beziehungen aufbauen, die auf Ehrlichkeit und Vertrauen beruhen.

Vertrauen ist in unserer Gesellschaft Mangelware. Es ist viel einfacher zu lernen, zu misstrauen, Angst vor den Nachbar:innen zu haben, auf den Kolleg:innen herumzutrampeln, um die Oberhand zu gewinnen und ein besseres Stück vom Kuchen zu bekommen. Der Kapitalismus beruht auf dem Wettbewerb, auf der Lüge und dem Selbstverkauf, auf der Gesellschaft des Spektakels. Es gibt keinen Platz für Ehrlichkeit und Vertrauen in einem System, das auf Leistung beruht, auf dem Anschein dessen, was man eigentlich nicht ist, auf dem Vortäuschen von Leistung und dem Glauben, es eines Tages zu schaffen. Ehrlichkeit und Transparenz gegenüber unseren Genoss:innen setzt Verletzlichkeit voraus. Uns wurde beigebracht, diese Dinge zu verbergen, anderen unsere Schwächen nicht zu zeigen, uns als die allwissende Person zu präsentieren, die alles tun kann, was nötig ist. All diese individualistischen Züge wirken gegen uns, besonders in schwierigen Momenten, wenn Stress und Schwierigkeiten die Dinge ans Licht bringen, die wir zu verbergen suchen.

Wir haben an diesen Themen gearbeitet, indem wir Instrumente wie Tekmîl4 und Plattform, die wir von der Freiheitsbewegung Kurdistans gelernt hatten, in die Praxis umgesetzt haben. Wir haben auch andere Methoden erforscht, und in letzter Zeit haben wir unser Wissen über Konfliktlösung mit Wiederherstellungskreisen und transformativer Gerechtigkeit vertieft. Transformative Gerechtigkeit bietet einen guten Ansatz, der mit unseren ideologischen Werten verbunden ist und sich an Themen wie Verantwortung und Rechenschaftspflicht orientiert, die immer die Grundlage unserer Organisierung sein sollten. Wir haben gelernt, dass Organisation ein Kampf in sich selbst ist und dass Widersprüche, Konflikte und Herausforderungen immer in unserer Organisation auftauchen werden. In Abwesenheit hierarchischer Strukturen ist die Art und Weise, wie wir Entscheidungen treffen und wie wir Konflikte lösen, ein sehr wichtiger Teil unserer Organisation.

Wie werden in der Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien (AANES) zwischenmenschliche Konflikte im Allgemeinen gelöst? Wir haben mehrere abstrakte Perspektiven gesehen, aber nur wenige tatsächliche Berichte über die Prozesse der Gerechtigkeit und Gleichheit; wie werden solche Fragen behandelt? Haben die verschiedenen autonomen Gruppen die Freiheit, sie »intern« zu lösen? Sind alle Konfliktlösungen zentralisiert?

In der AANES sind derzeit zwei Rechtssysteme im Spiel. Eines, das der staatlichen Justiz ähnelt, und eines, das eher auf der kommunitären Justiz basiert. Das kommunitäre System besteht aus bäuerlichen Konsensausschüssen und lokalen Räten, die sich häufig aus religiösen Führern und Gemeindeältesten zusammensetzen. Diese ermutigen die Menschen, Verantwortung für ihre eigenen Probleme zu übernehmen und diese selbst in die Hand zu nehmen. Doch leider funktioniert dieses System nicht so gut. Deshalb werden viele Konflikte nach wie vor durch das staatsähnliche Rechtssystem gelöst, das zur Hälfte vom Al-Assad-Regime übernommen und zur Hälfte von der Autonomieverwaltung neu organisiert wurde. Es handelt sich um eine unglückliche Mischung, die mit den vorhandenen Mitteln in einer schwierigen Situation funktioniert. Die Anwält:innenvereinigung spielte eine wichtige Rolle, ebenso wie die Bemühungen, den AANES-»Gesellschaftsvertrag« zu verfassen, eine Art Verfassung, die alle paar Jahre in Gesprächen mit verschiedenen politischen und sozialen Organisationen überarbeitet wird.

Die Gründe, die die Autonomieverwaltung dazu veranlasst haben, sich mehr um die Neuordnung des allgemeinen Rechtssystems zu bemühen, anstatt die kommunalen Justizräte zu fördern, sind uns nicht ganz klar. Wir schlagen vor, sich direkt an den Justizausschuss der AANES zu wenden, der diese Frage sicher besser beantworten kann. Daneben gibt es noch die autonomen Frauenstrukturen wie die Frauenhäuser (mala jin) und das Frauenrecht. Diese spielten und spielen eine wichtige Rolle bei der Bewältigung von geschlechtsspezifischen Problemen und bei der Suche nach Lösungen für Familienkonflikte, die Frauen betreffen (Heirat, Scheidung, Missbrauch usw.).

Räte, Ausschüsse, Gemeinden und autonome Organisationen haben einen gewissen Spielraum, um Konflikte »intern« zu lösen. Wie genau vorgegangen und ob das staatliche Rechtssystem einbezogen wird, hängt von der Art und Größe des Konflikts sowie von den beteiligten Personen und Gruppen ab. Bei Verbrechen, die große soziale Auswirkungen haben, wie brutalen Morden oder organisiertem Verrat (Weitergabe von Informationen an die Türkei, die zur Ermordung von Revolutionär:innen verwendet werden, oder Unterstützung des IS bei der Planung und Durchführung von Anschlägen), gab es bereits Volksgerichtsverfahren. Bei diesen Prozessen kommen verschiedene Vertreter:innen der sozialen Gemeinschaft zusammen, insbesondere diejenigen, die von der zu verurteilenden Straftat stärker betroffen sind, und entscheiden als Volksgerichte über das Strafmaß.

Für unsere Organisation und für Organisationen in Europa halten wir es für wichtig, dass wir den Wert der transformativen Gerechtigkeit verstehen und dass wir Kapazitäten aufbauen, um Alternativen zum System der juristischen »Gerechtigkeit« anzubieten, das ein rassistischer, ableistischer Strafschwindel ist und eng mit der nationalstaatlichen Macht verbunden. Das Thema der transformativen Gerechtigkeit liegt in linken Kreisen in Europa schon seit einiger Zeit auf dem Tisch. Wir sehen, dass es jetzt langsam in eine praktischere Phase übergeht. Beginnen wir mit kleinen praktischen Anpassungen; sobald wir einige Erfahrungen aus dem täglichen Leben gesammelt haben, können und sollten wir sie mit etwas Lektüre/Studium/Theorie ergänzen. Konfliktlösung kann nicht aus Büchern gelernt werden, ihre Grundlagen können nur in der Praxis erlernt werden. Bücher werden sehr hilfreich sein, um uns zu verbessern, aber nur, wenn wir sie bereits in die Praxis umsetzen. Wir werden viele Fehler machen müssen, und das ist gut so. Wir müssen viel von den staatlich verordneten Systemen der »Gerechtigkeit« verlernen. Wir machen einen unvollkommenen Anfang, indem wir Instrumente wie Tekmîl, Wiederherstellungszirkel und autonome Frauenstrukturen nutzen, um darauf aufzubauen.

Wie steht es um die Kunst in Rojava und darum, sich selbst ausdrücken zu können? Gab es die Möglichkeit und den Raum für Menschen, ihre künstlerischen Kreationen aufzuführen, zu schaffen oder zu zeigen? Wie wird dies aufgenommen? Wie haben sich die wechselnden Facetten des Konflikts ausgewirkt?

Tevgera Çand û Hunera De­mokratîk a Mezopotamya (TEV-ÇAND, die Organisation für Kunst und Kultur) ist eine Koordination aller Kunst- und Kulturzentren, die es in jeder Stadt gibt. Die meisten dieser Zentren haben verschiedene Sparten, wie Tanz, Musik, Theater, Kino, Malerei, Literatur, Bildhauerei usw. Sie fördern vor allem die Kunst im Zusammenhang mit der kurdischen Kultur, Sprache und Identität. Jede ethnische Gruppe wird ermutigt, ihre eigene traditionelle Kunst und Kultur zu fördern und gleichzeitig Raum für andere Kunstformen außerhalb der folkloristischen Tradition zu schaffen. TEV-ÇAND verfolgt einen politischen Ansatz in Bezug auf die Kunst und betrachtet sie als ein Mittel, um die Werte der Revolution zu vermitteln und zu verbreiten. Einige erfolgreiche Beispiele sind Hunergeha Welat5 – mit ihrem YouTube-Kanal, auf dem neue Lieder und Videoclips aus Rojava veröffentlicht werden – oder die Komîna Fîlm a Rojava6 – die Kinokommune, die mehrere Filme, Kurzfilme und Clips produziert hat. Letztere veröffentlichte kürzlich eine Serie über Rojava mit dem Titel »Evîna Kurd« (Kurdische Liebe).

Die lokalen Gruppen ­treten oft bei lokalen Feiern, an Festtagen und bei anderen kulturellen Veranstaltungen auf. In den letzten Jahren haben einige dieser Gruppen und Künstler:innen an Erfahrung ge­wonnen und sind professioneller geworden, und wir sehen ihre Kunst in verschiedenen Theatern, Ausstellungen und Veranstaltungen. Kunst wird als volkstümlicher und kultureller Reichtum angesehen, und es gibt keinen Prozess der Kommerzialisierung in diesem Bereich. Theater, Kino und Musik werden kostenlos aufgeführt und weitergegeben, und wir haben noch nie eine kulturelle Veranstaltung mit Eintrittspreisen gesehen. Dies ist Teil des politischen Ansatzes für Ethik und Ästhetik, der gefördert wird. Um es kurz zu machen, können wir einfach auf die Bemühungen hinweisen, Ästhetik mit politischen und ethischen revolutionären Werten zu verbinden. Dieser Ansatz stellt die Schönheitsnormen in Frage, die die kapitalistische Moderne aufzuerlegen versucht, und betrachtet die Kunst als Ausdrucksmittel der Menschen, der Gesellschaft und ihrer Werte. Viele Kunstwerke sind mit dem Widerstand gegen den IS und den türkischen Faschismus verbunden, mit besonderem Augenmerk auf dem Widerstand der Frauen und der YPJ (Frauenverteidigungseinheiten), aber auch mit den historischen Wurzeln und Kämpfen des kurdischen Volkes.

In dieser Herangehensweise an die Kunst können wir einen Wandel erkennen, den die Revolution mit sich brachte und der vielleicht schon vor Rojava begann. Das kurdische Kino des 20. Jahrhunderts ist oft tragisch und handelt von den Massakern und dem Exil, die das kurdische Volk erlitten hat. Auch Dengbêj, eine Art traditioneller Lieder/Gedichte, ist durchdrungen von Geschichten über zerstörte Dörfer, ermordete Familien und verwaiste Kinder. In diesem neuen Jahrhundert hat die kurdische Kunst begonnen, ein neues Bild zu zeichnen. Eines, das die Kurd:innen nicht nur als Opfer unmenschlicher Tragödien, sondern auch als Akteur:innen des Wandels darstellt. Die Lieder der YPG und YPJ (Volks- und Frauenverteidigungseinheiten), die den IS besiegen, oder der in den Bergen kämpfenden Guerillas, die neuen Filme über den Widerstand in Sûr oder in Kobanê, die großen Feiern zu Newroz (dem kurdischen Neujahr) sind Beispiele für eine Wiedergeburt des kurdischen Volkes und seinen Willen zum Widerstand. Sie sind nicht nur ein Volk, dessen Glaube leidet, sie sind ein staatenloses Volk, dessen Land besetzt worden ist und dessen Dörfer niedergebrannt wurden. Sie haben aus anderen antikolonialen Kämpfen und aus revolutionären Bewegungen der nationalen Befreiung gelernt und werden ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Sie werden ihr Land und ihre Kultur verteidigen und eine Zukunft für die nächsten Generationen aufbauen, mit Waffen, aber auch mit Musik, Tanz und Kino.

Was ist die Ansicht von TA über die Rolle der Religion und wie hat dies eure Fähigkeit beeinflusst, Verbindungen und Beziehungen zu lokalen Gemeinschaften herzustellen? Gab es Herausforderungen oder Veränderungen in der Haltung der Militanten? Im Westen kämpfen wir damit, Antiklerikalismus [Position gegen die Eliten der religiösen Institution; Anm. d. Red.] von grundlegender Islamophobie und Eurozentrismus zu trennen. Welche Lehren habt ihr aus eurem Einsatz in kurdischen und arabischen Gesellschaften gezogen?

Religion ist für uns nicht das Problem, wenn sie mit den Menschen und der Ethik verbunden ist, sondern wenn sie mit Macht und Herrschaft verbunden ist. Es ist diese Machtausübung, gegen die wir sind, was ihr auch mit dem Antiklerikalismus ansprecht. Einige Anarchist:innen kamen mit einem atheistischen Hintergrund hierher, und wenn wir nach unserer Religion gefragt werden, ist es für uns einfach zu antworten, dass wir keine Religion haben. Aber diese Antwort wird oft so verstanden, als ob wir keine Ethik hätten, und das hat uns auch zum Nachdenken darüber gebracht, dass die meisten von uns, auch wenn sie keine praktizierenden Christ:innen sind, in einer christlichen Kultur aufgewachsen sind.

Wir geben euch recht, dass wir im Westen schlecht darin sind, Antiklerikalismus von Islamophobie und Eurozentrismus zu trennen. Die Gesellschaft, in der wir leben, ist mehrheitlich muslimisch (mit kleinen Minderheiten anderen Glaubens), fast jede:r glaubt an den Koran, auch wenn sich nicht jede:r als praktizierende:r Muslim:a bezeichnet. Diese Realität bildet die Grundlage für unsere Arbeit mit den Menschen hier. Wir sollten verstehen, welche Bedeutung die Religion für die Menschen und die einheimischen Genoss:innen hat. Es ist sehr hilfreich, ein wenig oder viel über den Islam zu wissen, wenn wir mit den lokalen Genoss:innen diskutieren. Mit der Religion für eine revolutionäre Perspektive zu argumentieren, ist eine Taktik, die sich als erfolgreich erwiesen hat. Es ist notwendig, die religiöse Überzeugung der Menschen zu respektieren, aber gleichzeitig kritisieren oder hinterfragen wir die Genoss:innen, wenn sie dadurch zu Handlungen verleitet werden, die nicht im Einklang mit den revolutionären Werten stehen. Es gibt Bestrebungen, einen demokratischen Islam aufzubauen, der sich mit der ethischen Seite der islamischen Religion befasst und nicht so sehr mit der Scharia. Dies ist ein notwendiger Prozess, um mit den Folgen des islamistischen Fundamentalismus fertigzuwerden, der vom IS als theokratischer Faschismus ausgeübt wird. Auch wenn es von außen so aussieht, als gebe es den IS nicht mehr, geht der Kampf gegen ihre Ideologie hier weiter. In einigen Regionen der AANES ist die IS-Ideologie immer noch weit verbreitet, und es wird Zeit und Mühe kosten, bis sich alle auf einen demokratischen Islam zubewegen.

Anarchistische und so genannte revolutionäre Bewegungen in Europa haben jahrzehntelang darum gerungen, etwas zu finden, das unsere eigenen Schwächen und unsere Kleinheit überwinden kann, indem sie sich mit alten und neuen Methoden auseinandergesetzt haben. Was ist eure Perspektive dazu? Stimmt ihr dem zu oder habt ihr das Gefühl, dass sich die Bewegungen selbst beschränken, und wenn ja, warum? Fehlender Einsatz von aufständischer Gewalt, fehlende Strukturen zur Führung des Kampfes, fehlende Ressourcen, fehlende Überzeugung?

Dies ist ein sehr wichtiger Punkt und eine sehr wichtige Frage, die ihr hier aufwerft. Wir stimmen zu, dass sich die Bewegungen selbst einschränken. Wir sehen das Problem im Kern darin, dass es an Organisationen mangelt, die langfristige Zielperspektiven schaffen und fördern können, da wir derzeit hauptsächlich auf Sympathie basierende Gruppen mit kurzfristigem Denken sehen.

Die Welle des Aufstands in den 90er Jahren, besonders in Italien, brachte eine kurzfristige Kampfperspektive, die die Effektivität zu fördern schien. In gewisser Weise hat das funktioniert, allerdings um den Preis, dass die Organisierungsfähigkeit untergraben wurde. Organisierungsfähigkeit ist entscheidend. Indem wir eine Organisation wurden, haben wir als TA nun die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, wir müssen nicht ständig neu anfangen. Wir können auch dauerhafte Projekte und Beziehungen aufbauen, wir können unser Verständnis vertiefen und von anderen Organisationen lernen, die sich abgemüht haben und abmühen. Nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch auf organisatorischer Ebene. Das bedeutet, dass dieses Wissen und diese Erfahrungen nicht mehr nur an eine Person, eine Zelle oder eine Gruppe gebunden sind, sondern dass sich die gesamte Organisation damit befasst. Dadurch wird unsere Kapazität als Organisation erheblich gesteigert.

Es ist nicht einfach, sich als revolutionäre Organisation zu entwickeln, darüber haben wir bereits gesprochen. Wir müssen mit der liberalen individualistischen Denkweise brechen, die so tief mit der kapitalistischen Sozialisation verwurzelt ist. Unsere Gesellschaften sind um diese kapitalistischen Werte herum organisiert, und um sie zu verändern, müssen wir unsere eigenen Werte und sozialen Institutionen entwickeln, um die Gesellschaft, die wir wollen, vorwegzunehmen. Die Dinge, die ihr erwähnt, die in anarchistischen Bewegungen fehlen (Strukturen, um den Kampf zu lenken, Ressourcen, Überzeugung, Aktion), können oft mit dem Mangel an Organisierung zusammenhängen. Wenn wir isoliert sind, als Einzelpersonen oder in kleinen Gruppen, nimmt unsere Fähigkeit ab, die Gesellschaft um uns herum zu beeinflussen und zu verändern. So, wie wir viele Dinge in Rojava lernen können, gibt es auch viele Lektionen, die wir von den anarchistischen Organisationen in Lateinamerika übernehmen können. Die Ideen des »especifismo«, eines theoretischen Rahmens, der auf die Entwicklung spezifischer anarchistischer Organisationen ausgerichtet ist, sind das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe. Wir können sie bis zu den plattformistischen Vorschlägen von Pjotr Arschinow und Nestor Machno zurückverfolgen, die jedoch in der Praxis von der Federación Anarquista Uruguaya (FAU) entwickelt wurden. Als portugiesische Anarchist:innen habt ihr leichten Zugang zu den Materialien und Texten, die von brasilianischen anarchistischen Organisationen entwickelt wurden.

Kürzlich gab es Kritik daran, dass sich die westliche Linke auf die entstehenden anarchistischen Bewegungen in der Ukraine konzentriert habe und ihnen Ressourcen habe zukommen lassen. Diese Bewegungen ohne echte autonome Strukturen und eingebettet in staatlich gelenkte Armeen haben großzügige Unterstützung und Mittel erhalten, während nichtweiße Bewegungen um einen Bruchteil dieser Unterstützung kämpfen mussten. Stimmt ihr mit dieser Kritik überein?

Wir nehmen an, ihr bezieht euch auf den Artikel »Anarchist who Fought in Rojava: Response to ›No War But Class War‹ Debate«, der auf Abolition Media zu finden ist.7 Wir stimmen mit dem Artikel überein, dass der Umfang der Ressourcen, die von westlichen Linken in die Ukraine geschickt wurden, in keinem Verhältnis zu der Menge an materieller Unterstützung steht, die die Genoss:innen in Nordostsyrien erhalten haben, vor allem wenn man bedenkt, dass die Revolution hier so explizit in der libertären revolutionären Ideologie und Praxis verwurzelt ist, während dies für die Ukraine eher fraglich ist, wie der Artikel hervorhebt. »Solidarität ist etwas, das man in den Händen halten kann« – ein Slogan, der von der antiimperialistischen Gruppe KAK, die in den 70er Jahren in Dänemark aktiv war,8 populär gemacht wurde –, ist eine Aussage, in der wir uns sehr gut wiederfinden können. Während die AANES eine ganze Reihe von Solidaritätsbildern, Sensibilisierungskampagnen, diplomatischen Kampagnen usw. als materielle, finanzielle oder sonstige Unterstützung erhalten hat, die wir »in Händen halten« können, hat die westliche Linke sich nicht ernsthaft darum bemüht.

Abgesehen davon dauert der Krieg in der Ukraine seit etwas mehr als einem Jahr an, der Krieg in Rojava seit über zehn Jahren. Natürlich haben diese Zeitspannen auch eine Auswirkung. Die Ukraine ist in den Nachrichten und wir nicht, und wir werden es auch nicht sein, bis zu einer neuen Invasion, und selbst dann werden wir nur einen Bruchteil der Medienaufmerksamkeit erhalten, die die Ukraine bekommt. Wenn wir über die Ukraine und Rojava hinausblicken, fragen wir uns: Wer hat sich den völkermörderischen Krieg in Tigray oder den jüngsten Krieg im Sudan angesehen? Wer hat die materielle Unterstützung für diese Konflikte organisiert? Die Selbstverteidigungskräfte des Volkes von Tigray haben eine lange revolutionäre Tradition mit einem Projekt, das den Ideen des Demokratischen Konföderalismus ähnelt. Im Sudan haben wir vor kurzem eine militärische Eskalation erlebt, nachdem große Mobilisierungen und Aufstände das Land erschüttert hatten, das über eine bemerkenswerte und für die meisten afrikanischen Länder ungewöhnliche anarchistische organisierte Bewegung verfügte. Aber es werden nur wenige Artikel darüber geschrieben und noch weniger anarchistische Bücher über diese Konflikte diskutiert. Es ist auch nicht fair, dass diese Bewegungen wenig bis gar keine Medienberichterstattung, geschweige denn materielle Unterstützung erhielten. Das ist ein Teil des Kolonialismus, den wir zu bekämpfen versuchen. Für uns ist das auch ein Grund, bei Rojava zu bleiben, wo die Werte des Antikolonialismus sehr lebendig sind.

Um auf die Ukraine zurückzukommen: Anarchist:innen haben seit Beginn des jüngsten Konflikts gekämpft, sie waren auf dem Maidan-Platz und versuchten, sich dort zu organisieren. Wahrscheinlich ist dies nicht der richtige Ort, um darüber zu diskutieren, wie sehr diese Bewegung in der historischen anarchistischen Bewegung in der Ukraine verwurzelt ist, mit der Schwarzen Armee zur Befreiung der Bäuer:innen und der Machno-Revolution, aber heutzutage ist die Präsenz von Anarchist:innen entscheidend, um das nationalistische Narrativ der Rechtsextremen in Frage zu stellen, das von Anfang an eine dominierende Präsenz bei den Protesten in der Ukraine hatte. Wir haben als Anarchist:innen die Verantwortung, in solchen Zeiten unseren Platz einzunehmen, wir können nicht den Rechtsextremen den ganzen Raum überlassen, denn wenn wir das tun, werden sie ihn sich nehmen. Nun ist die aktuelle Situation in der Ukraine keine Revolution, die mit unseren Prinzipien übereinstimmt, aber es ist unsere Aufgabe, unsere Prinzipien in den Vordergrund zu stellen und sie bekannt zu machen. Wir können Malatesta zitieren: »Wir sind auf jeden Fall eine der Kräfte, die in der Gesellschaft wirken, und die Geschichte wird, wie immer, in den Richtungen fortschreiten, die sich aus allen Kräften ergeben.«

Historisch gesehen stehen Krieg und Revolution in einem wichtigen Zusammenhang. Ein Kriegsumfeld führt an manchen Orten dazu, dass die staatliche Autorität ins Wanken gerät und die Autorität zerfällt. Der Staat ist nicht mehr immer da, um den Menschen Infrastruktur und Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Das bedeutet, dass es oft Gelegenheiten gibt, den Menschen bei der Selbstorganisation und Verwaltung zu helfen, zunächst vor allem im Sinne der gegenseitigen Hilfe und Solidarität. Dies ist eine Situation, in der es nützlich sein kann, unsere Ideologie unter die Leute zu bringen und in die Praxis umzusetzen, um unsere Tendenz zu stärken, wie Malatesta sagt.

Wir unterstützen unsere anarchistischen Genoss:innen, die in der Ukraine kämpfen, wir verfolgen einen Ansatz der kritischen Solidarität mit dem Volk der Ukraine und wollen uns mit den Widersprüchen auseinandersetzen, die er aufwirft, und nicht in einen binären und dogmatischen Ansatz verfallen. Wir möchten eure Aufmerksamkeit auch auf die Genossen Leschiy und Çîya lenken, die beide Zeit in der AANES verbracht haben und zusammen mit anderen anarchistischen Genoss:innen an der ukrainischen Front gefallen sind. Wir trauern um diesen Verlust und wollen aus ihrem Leben und ihren Entscheidungen lernen. Sie zeigen uns auch einen Weg der differenzierten Analyse und Überlegung, der Raum für die Widersprüche lässt, die unweigerlich auftauchen, wenn wir uns in der Revolution die Hände schmutzig machen. Wir stimmen mit dem Genossen oder der Genossin überein, der/die den Artikel geschrieben hat, dass es sehr einfach ist, von einem bequemen Sessel aus puristisch die in der Ukraine und in Rojava getroffenen Entscheidungen zu bewerten. Durch die Teilnahme an einer tatsächlichen Revolution oder einem bewaffneten Konflikt wird schnell klar, dass es oft keine »sauberen« oder klaren Lösungen gibt und dass ein:e Revolutionär:in in Taten und nicht nur in Worten zu sein bedeutet, ein tieferes Verständnis für differenzierte Analysen und Widersprüche zu erlangen.

Wie können wir euch bei TA unterstützen, materiell oder anderweitig?

Die wichtigsten Punkte, bei denen wir uns eure Hilfe vorstellen können, sind: a) ideologische Entwicklung, b) engagiertes Netzwerk, c) Widerstand gegen Repression, d) Militante, e) Res­sourcen.

a) Die ideologische Entwicklung des anarchistischen Kampfes ist die Grundlage für unser Vorankommen. Wir sehen, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir als europäische Anarchist:innen erkannt haben, dass eine Organisierung auf der Basis von Affinität allein nicht ausreicht. Wir brauchen anarchistische Organisationen oder Strukturen, die uns nicht nur aufgrund persönlicher Affinität, sondern auf organisierte Weise zusammenhalten, um langfristig denken und eine umfassendere Strategie entwickeln zu können. Indem wir die anarchistische Ideologie und Praxis in unserem aktuellen Kontext weiterentwickeln, stärken wir uns gegenseitig.

b) Engagierte Netzwerke sind eine Grundlage für den Austausch von Diskussionen, Projekten, Ressourcen und Erfahrungen. Wir sehen dies im Aufbau langfristiger Beziehungen zu soliden Organisationen, und ein solcher Austausch kann durch Besuche und den Austausch von Militanten sowie andere Formen der Kommunikation erfolgen. Bezogen auf den Punkt der ideologischen Entwicklung umfasst dies das gegenseitige Lesen und Besprechen von Stellungnahmen und Briefen, das Lernen aus den Erfahrungen der anderen und das Geben von Rückmeldungen, Vorschlägen und Kritik dazu.

c) Netzwerke führen auch zum Widerstand gegen Repression. In den vergangenen Jahren wurden Militante, die in Rojava waren, und die kurdische Bewegung im Allgemeinen zunehmend kriminalisiert. Nicht wenige Genoss:innen sitzen im Gefängnis oder haben andere rechtliche Probleme. Wir brauchen überall Anarchist:innen, die sich gegen diese Kriminalisierung wehren.

d) Wir brauchen mehr Militante, die sich uns in Rojava anschließen, um hier zu kämpfen und zu entwickeln. Es besteht auch die Möglichkeit für Genoss:innen, die bereits in Europa organisiert sind, sich uns hier anzuschließen und gleichzeitig mit ihrer europäischen Organisation verbunden zu bleiben. Wir würden das sogar sehr begrüßen. Wir sehen darin einen möglichen Weg, die Beziehungen zwischen unserer Organisation und anarchistischen Organisationen in Europa zu stärken.

e) Was Material konkret betrifft, so brauchen wir Geld. Da sich von Zeit zu Zeit ändert, welche Materialien wir genau benötigen, kann ihr direktes Verschicken etwas schwierig sein. Wir können jedoch darüber sprechen, wenn der Wunsch besteht, so etwas zu tun. Wenn wir Geld direkt zur Verfügung haben, können wir es den dringendsten Bedürfnissen zuweisen und bei Bedarf in jeder sich ändernden Situation Anpassungen vornehmen.

1https://uniaolibertaria.pt

 

2https://tekosinaanarsist.noblogs.org/

 

3Quelle: UL-Interview, übersetzt aus dem englischen Original von Batata Pala (AGZK; https://www.instagram.com/agzk038), veröffentlicht in der vierteljährlich erscheinenden portugiesischen Zeitung MAPA
(https://www.jornalmapa.pt/2023/09/23/anarquistas-em-rojava-a-
revolucao-e-uma-luta-em-si-mesma) und auf der Website der UL.

 

4Tekmîl ist der kurdische Begriff für eine Form von Selbstkritik und Kritik. Es ist eines der wichtigsten Werkzeuge der kurdischen Bewegung in ihrer Art und Weise der Organisierung. Jede:r hat am Ende von Versammlungen, Aktionen usw. die Möglichkeit zu analysieren, zu kritisieren und sich selbst zu kritisieren, damit sich jede:r individuell und kollektiv aus einer revolutionären Perspektive heraus weiterentwickeln kann.

 

5https://www.youtube.com/c/HunergehaWelat

 

6https://www.youtube.com/@kominafilmrojava5677

 

7https://abolitionmedia.noblogs.org/post/2022/04/18/anarchist-who-fought-in-rojava-response-to-no-war-but-class-war-debate
Der Autor des fraglichen Artikels vom 18. April 2022 beginnt mit den Worten: »Ich verließ Rojava vor nun fast drei Jahren und bis jetzt habe ich entschieden zu schweigen und das Schreiben denen zu überlassen, die lieber reden als handeln. Ich habe zugesehen, wie die Ukrainer:innen innerhalb des westlichen anarchistischen Milieus mehr Unterstützung erhalten haben, als die Kurd:innen, Araber:innen, Assyrer:innen, Êzîd:innen und andere sich jemals hätten vorstellen können.«

 

8»Kommunistisk Arbejdskreds« (Kommunistischer Arbeitskreis, KAK), 1963–1978; der Fokus seiner Arbeit lag auf der internationalen Solidarität mit unterdrückten Völkern, besonders durch die Unterstützung von Befreiungsbewegungen in der »Dritten Welt«, u. a. auch mit erbeutetem Geld aus bewaffneten Banküberfällen. Er hatte engere Kontakte zur palästinensischen PFLP.