Wenn die Gesellschaft Widerstand leistet, muss die Kunst auch Widerstand leisten

Die Geschichte des kurdischen Theaters wird geschrieben

Interview mit Mitgliedern des Stadttheaters aus Amed

Hevin Tekin führte ein Interview mit Mitgliedern des Stadttheaters aus Amed (Diyarbakır), die sich im Herbst 2017 auf Europatournee befanden und in zahlreichen Städten die Stücke »Qirix« und »Dawiya Dawi« (Stand Up) aufführten. Das Interview wurde nach der Vorstellung in Berlin geführt.

Das Stadttheater aus AmedKönntet Ihr Euch zunächst einmal vorstellen und erzählen, wie Ihr dazu gekommen seid, im Bereich der Kunst und Kultur zu arbeiten?

Özcan: Ich heiße Özcan, so wie ich mich auch schon in meinem Einpersonenstück »Stand Up« vorgestellt habe. Ich wurde 1980 in einem Dorf bei Amed geboren. Seit langer Zeit, schon fast fünfzehn Jahre, spiele ich Theater. »Stand Up« ist das erste Stück, in dem ich allein auf der Bühne stehe. Davor war ich immer Teil einer Theatergruppe bzw. eines Gruppenstücks. Kurz, ich kann über mich sagen: Ich komme aus Amed, lebe dort und arbeite als Schauspieler.

Berfîn: Ich bin Berfîn. 1993 brachte mein Vater mich in ein Kunst- und Kulturzentrum mit der Intention, meine eigene Kultur besser kennen zu lernen. Dort habe ich dann am Kinderprogramm teilgenommen, da ich noch sehr jung war. Mit sechzehn Jahren musste man einen Zweig wählen, in dem man sich spezialisieren wollte. Ich habe mich dann für das Theater bzw. die Schauspielerei entschieden. So bekam ich den ersten Kontakt zum Theater. Und so hat es sich mit der Zeit ergeben, dass ich zunächst in Theaterarbeiten involviert war. Ich wechselte dann für eine längere Zeit zum Fernsehen und habe in diesem Bereich gearbeitet. Seit 2010 bin ich jedoch wieder als Schauspielerin tätig.

Wie sieht Euer Alltag als Künstler/Schauspieler in Nordkurdistan aus?

Özcan: So wie andere Menschen zur Arbeit gehen, tun auch wir dasselbe. Unsere Arbeit ist die Schauspielerei. Wir haben in Amed einen Ort, an dem wir als professionelle Gruppe jeden Tag unsere Arbeit weiterführen. Unser Alltag fängt um neun Uhr an und endet um neunzehn Uhr. Wenn wir Stücke proben, dauert er meist sogar noch länger. Dazu kommt, dass wir in der Woche mindestens drei Mal auftreten, unter anderem auch mit Sketchen für Kinder. Theater ist unsere Arbeit. Mit der Schauspielerei verbringen wir die meiste Zeit. Auch gibt es Phasen, in denen beispielsweise Filme oder Serien gedreht werden. Dann ist natürlich auch dieser Bereich Teil unserer Arbeit als Schauspieler.

In Nordkurdistan herrscht seit längerer Zeit schon ein schlimmer Krieg, eine enorme Repression des türkischen Staates. Inwieweit wirkt sich diese Situation auf die Kulturarbeit aus?

Berfîn: Natürlich wirkt sich die Repression erheblich auf unsere Arbeit aus. In einem Krieg ist die Kunst- und Kulturarbeit immer zuerst davon betroffen. Kunst und Kultur sind gesellschaftliche Aspekte, die zu einem sozialen Zusammenführen sowie zum Wohlbefinden der Gesellschaft beitragen. In einem Krieg ist es jedoch genau das, was man einer Gesellschaft nicht lassen will.

Zu der Zeit, in der Amed-Sûr einem heftigen Krieg ausgesetzt war, konnten wir beispielsweise monatelang den Vorhang nicht heben. Es war uns nicht möglich, unsere Proben fortzusetzen, während nebenan mit schwerer Artillerie alles dem Erdboden gleichgemacht wurde. So wie es auch genauso unmöglich ist, als Zuschauer ins Theater zu gehen, wenn doch eine Ausgangssperre ausgerufen wurde und Krieg herrscht. An dieser Stelle gilt es auch zu erwähnen, dass der Schauspieler nicht getrennt vom Zuschauer betrachtet werden kann, sie sind miteinander verbunden.

Der Ort, an dem wir proben, und der Bezirk Sûr liegen sehr nah beieinander. Wir haben unsere Arbeit so gut es ging fortzusetzen versucht, allerdings fiel es uns sehr schwer unter den ganzen Bombardements und Schussgeräuschen. Wir hatten kaum Motivation weiterzumachen. So erging es uns die letzten zwei Jahre (Kobanê-Krieg). Im Zuge des Militärputsches hat noch mal eine neue Phase begonnen. Das Erste, was durch den türkischen Staat eingestellt wurde, war die Kunst- und Kulturarbeit. Die ersten vom türkischen Staat geschlossenen Institutionen waren Theater sowie Kunst- und Kulturinstitutionen und die ersten Verhafteten und Vertriebenen waren Künstler und Intellektuelle. Überall auf der Welt, nicht nur in Kurdistan, sorgt der Krieg dafür, dass der Alltag der Menschen stehenbleibt, und ein Teil des Lebens bzw. des Alltags sind eben auch die Kunst und Kultur.

Özcan: Berfîn hat vieles schon angesprochen. Ich möchte gern noch ein Beispiel nennen. Bevor der Krieg dieses Ausmaß erreicht hatte, haben wir viel Arbeit und Mühe in das Theaterstück »Mem û Zîn« gesteckt. Die Proben zu diesem Stück dauerten sechs, sieben Monate. Im Zuge des Krieges mussten wir das Stück, das großen Erfolg in der Gesellschaft hatte und unter freiem Himmel gespielt wurde, in einen Saal verlegen. Obwohl es in Amed sehr schöne Räumlichkeiten gibt, hat sie uns der Staat entzogen und wir spielen aktuell in einem sehr kleinen Raum. Auch muss man dazu sagen, dass wir nie wissen, wie lange uns dieser Raum noch bleibt und was uns der morgige Tag bringt. Wir sind aktuell in der Situation, dass wir für Stücke, die wir normalerweise in fünf bis sieben Tagen auf die Beine stellen können, drei bis vier Monate brauchen. Das demotiviert uns natürlich gewaltig. Dennoch machen wir als Gruppe weiter und setzen unsere Arbeit so gut es geht fort.

Wenn man in Deutschland von Theater spricht, fallen sofort Namen wie Schiller, Goethe. Wie ist es in Kurdistan? Wer prägte dort die Theatergeschichte?

Özcan: Die Theatergeschichte in Kurdistan reicht vielleicht gerade mal zehn, fünfzehn Jahre zurück. Wir können von höchstens zwanzig Jahren kurdischer Theatergeschichte sprechen. Damit die Gesellschaft prägende Namen nennt, ist es natürlich erst Mal nötig, dass eine Geschichte geschrieben wird. Die ersten Arbeiten begannen innerhalb des NÇM (Navenda Çanda Mesopotamya, Kulturzentrum Mesopotamien). Das wird immer noch fortgeführt. Dennoch gab es in der Vergangenheit nicht viele Theatergruppen. Erst seit 2005, mit der Gründung unserer Gruppe, haben wir offiziell begonnen, kurdisches Theater professionell auf die Bühne zu bringen.

Natürlich gibt es trotzdem Namen, die einem sofort einfallen, wenn man von kurdischem Theater bzw. Literatur spricht, wie beispielsweise Evdirehîm Hekarî, der ein Theaterstück geschrieben hat. Auch haben wir eine Menge Material an Theaterstücken, Erzählungen, Geschichten aus der Vergangenheit sowie »Mem û Zîn«, »Cembelî û Binefş« und »Dewrêşê Evdî«. Wir fokussieren uns in unserer Arbeit also vielmehr auf die kurdischen Legenden und Geschichten und wollen sie dem Publikum, der Gesellschaft, in Form eines Theaterstücks nahebringen. Auch im Bereich Film/Serie sind die Freunde dabei, ihr Fundament in diesen Geschichten und Legenden zu sehen. Wir befinden uns also aktuell in einer Zeit, in der die Geschichte des kurdischen Theaters geschrieben wird.

Berfîn: Das kurdische Theater hat eine sehr kurze Geschichte. Wir stützen uns auf die Kultur der Dengbêjîs – Klagelieder – und schöpfen unsere Ideen aus deren theatralen Mitteln. Vor circa neunzig Jahren schrieb Evdirehîm Rehmî Hekarî das Theaterstück »Memê Alan«. Es ist das erste anerkannte Dokument des kurdischen Theaters von etwa sieben bis acht Seiten, über das wir verfügen. Natürlich nutzen wir auch das internationale Theater, wie z. B. die Theaterstücke von Brecht und Arthur, die alternative Formen des Theaters geschaffen haben und sich ihm alternativ annähern. Wir versuchen ein kurdisches Theater zu entwickeln, indem wir auch diese Thesen einbinden. Die ersten Entwicklungen des Theaters in Nordkurdistan haben 1991 mit dem NÇM ihren Anfang genommen. Zeitlich betrachtet ist die Kunst bzw. Theatergeschichte Kurdistans also so kurz, dass wir sagen können, wir sind gerade an dem Punkt, die Gesellschaft vom Theater zu überzeugen und sie als Publikum zu gewinnen. Dass der kurdischen Gesellschaft das Theater noch sehr fremd ist, wird darin deutlich, dass wir sie mit Extra-Einladung regelrecht ins Theater locken. Noch gibt es für das kurdische Theater kein »freiwilliges« Publikum. Wie schon erwähnt, stecken wir also in Kurdistan in der starken Anfangsphase einer noch ungeschriebenen bzw. enorm kurzen Theatergeschichte. Ein wichtiger Punkt ist, das Theater ein Stück weit zu institutionalisieren. Das Theater in der Großstadt Amed besteht durch die Institutionalisierung nun schon seit zehn Jahren und das Publikum der Kinderaufführungen von vor zehn Jahren ist heute immer noch treuer Zuschauer des Theaters.

Mit welchen Problemen seid Ihr am stärksten konfrontiert?

Wir sind mit Problemen konfrontiert, zunächst überhaupt Schauspieler zu fördern und gar kurdisch verfasste Texte zu finden. Nicht genug kurdische Texte zu haben, ist ein enormes Defizit. Andere Teile Kurdistans haben ein wenig früher angefangen, Schriftliches festzuhalten. Die kurdische Gesellschaft und so auch die kurdische Sprache waren und sind in Nordkurdistan einer starken Repression ausgesetzt. Alles Kurdische wie auch die kurdische Sprache waren verboten.

Das ist ein riesiges Dilemma für uns. Trotz der Situation haben die Arbeiten für die kurdische Kunst und Kultur in den türkischen Metropolen angefangen und sich erst danach in Kurdistan verbreitet. In den 1990ern wurden die ersten Zentren des NÇM in der Türkei eröffnet. Und wir alle sind Kinder dieser Zeit. Als wir in das NÇM gingen, haben wir nicht als Erstes mit dem Theater angefangen, sondern mit dem Erlernen der kurdischen Sprache. Entweder man hatte sie gelernt oder, wie viele unserer Künstler es auch tun, künstlerisch zu arbeiten versucht, ohne die eigene Sprache zu können. Ohne die kurdische Sprache versuchen wir kurdische Kunst, Theater und Musik zu machen. Von hier aus verbreitete sich dieser Gedanke in Kurdistan. Auch dort sind die Probleme nicht anders. An erster Stelle ist das Problem mit der Sprache. Um etwas schaffen zu können, muss man der Sprache mächtig sein. Es ist ein Ausdruck der sozialen Existenz und ein Bestandteil des Gedächtnisses. Wie erlangt man das Gedächtnis? Durch die Sprache und Kultur. Um zum kulturellen Erbe zu gelangen, ist es noch ein sehr weiter Weg. Wir sind erst am Anfang. Und genau das hat für uns eine sehr große Bedeutung. Daher war der erste Schritt bei der Übernahme der Stadtverwaltungen durch das türkische Regime die Schließung des Theaters. Daraus erschließt sich, dass die Einflüsse von Kultur und Kunst für uns eine wichtige Rolle spielen und für den Feind eine bedrohliche.

Doch wie sehr messen wir der Kunst Bedeutung bei und fördern ihre Weiterentwicklung? Unabhängig von den finanziellen und technischen Problemen haben wir noch das Problem der Wertschätzung und des Interesses. Das kann z. B. den Kontakt zu den Zuschauern betreffen. Die Unterdrücker wissen über die Macht und den Einfluss der Kultur. Doch wie sehr sind wir Unterdrückten uns dessen bewusst? Wir versuchen es immer noch zu verstehen. Eines der Ziele unserer Tournee durch Europa ist es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen.

Der Zwangsverwalter in Amed hat die Theaterräume geschlossen. Wir haben daraufhin neue eröffnet. Das war eine wichtige Widerstandshaltung. Der Widerstand kann durch den Kontakt zur Gesellschaft gesichert werden. Daher erledigen wir unsere Arbeiten trotz der Zwangsverwaltung und sind in Kurdistan, der Türkei und Europa auf Tournee. In Europa ist die geschilderte Situation für das Publikum nicht anders. Auch hier wollen wir die Menschen erreichen und mit den Zuschauern in Kontakt kommen. Wir haben hier das Theaterstück »Qirix« aufgeführt. Es ist befremdlich, die Reaktionen des Publikums hier und in Amed zu sehen, die sich grundlegend unterscheiden. Und das ist so, weil wir uns nicht gekümmert haben, weil wir nicht hergekommen sind. Auch hier ist es möglich, etwas aufzubauen.

Wie bewertet Ihr die Aufgabe des Theaters im Hinblick auf die Gesellschaft? In Deutschland beispielsweise verliert das Theater immer mehr an politischem und gesellschaftskritischem Charakter. Immer mehr gewinnt der Schwerpunkt der »Show« und Unterhaltung an Gewicht. Wie bewertet Ihr das? Wie sehr hängt das Theater mit der politischen und gesellschaftlichen Situation zusammen?

Özcan: Wenn wir ein Stück spielen, dann hat das für uns immer einen Grund. Die Gesellschaft in Kurdistan ist mit bestimmten Themen konfrontiert, die für uns ausschlaggebend sind. Wenn wir ein Stück auf die Beine stellen, fragen wir uns immer: »Was wollen wir damit ausdrücken?« Auch wenn es ein lustiges Stück ist, versuchen wir dem Publikum inhaltlich immer etwas mitzugeben, denn die aktuelle Lebenssituation macht das nötig.

Berfîn: Wenn wir sagen, dass das Theater ein Teil der inneren Gesellschaft ist, dann ist das Theater ganz klar an die Gesellschaft gebunden und es ist nicht möglich, sie getrennt voneinander zu betrachten. Also ist es demnach unabdingbar, Stücke zu spielen, die das Leid der Gesellschaft als Thema aufgreifen. Auch wenn du diese Trennung von der Gesellschaft vollziehen wollen würdest, wäre es dir als Schauspieler nicht möglich, denn letztendlich lebst du als Schauspieler von deinem Publikum, das die Gesellschaft ist. Wenn du also als Schauspieler die Probleme, das Leid, die Situation der Gesellschaft nicht aufgreifst, wirst du kein Publikum haben. Sie würden dir kein Gehör schenken. Das bedeutet für uns, dass wir, wenn wir Theater spielen, sei es auch etwas völlig Fremdes wie z. B. »Hamlet« von Shakespeare, dieses Theater auf die Gesellschaft umschreiben. Unsere Fassung von »Hamlet« ist also keine englische Fassung, die im englischen Schloss spielt. Unser »Hamlet« spielt z. B. in Mîrbotan, Cizîr (Cizre). Hätten wir einfach den klassischen »Hamlet« nach Shakespeare aufgenommen, wäre niemand zur Vorstellung gekommen.

Wir als Schauspieler in Amed sind genauso wie alle anderen Menschen, die dort leben. Die Probleme, die meine Nachbarn beschäftigen, sind auch Probleme, die mich beschäftigen. Ich fühle und erlebe den Krieg genauso wie sie. Ich verliere auch wie sie in diesem Krieg Familienmitglieder, ich erlebe dieselbe Repression, dieselbe Polizeigewalt und auch ich werde genauso festgenommen und eingesperrt, bin genauso von der Ausgangssperre betroffen, gehe auf dieselben Demos, gehe ins gleiche Restaurant essen (lacht). Ich kann mich nicht getrennt von ihnen und ihren Problemen betrachten.

Ihr habt uns mit Eurem Auftritt gezeigt, dass man mit dem Theater sowohl politische als auch witzige bzw. unterhaltsame Inhalte aufführen kann. Derzeit findet in Kurdistan eine Revolution statt, die mit der Freiheit der Frau einhergeht. Welche Rolle spielt das Theater in dieser Revolution?

Berfîn: Jeder Zeitabschnitt bringt spezifische gesellschaftliche Probleme mit sich. Wir sind nun seit einer Woche in Europa auf Tour und beschäftigen uns mit der Frage, was die Probleme der Menschen in Europa sein können. Wenn die Gesellschaft keine existenziellen Sorgen hat, wird sich dies auch in der Kunst und dem Theater widerspiegeln. Denn die Kunst nährt sich, genauso wie auch der Künstler, von der Gesellschaft, um künstlerische Werke zu schaffen. Der Kapitalismus jedoch ist bestrebt, die Menschen ihrer Persönlichkeit zu berauben, sie zu entleeren. Das kapitalistische System lässt den Menschen keinen Raum für Kritik.

Durch meine Aufenthalte in Europa weiß ich, dass es jedoch viele Künstler gibt, die die alternative Kunst leben. Das ist auch enorm wichtig, denn um ein Teil der Gesellschaft zu werden, ist es wichtig, mit ihr zu leben, und eben das sollte sich dann auch in der Kunst widerspiegeln. Wir sind die Kinder und Künstler einer Widerstand leistenden Gesellschaft.

Wenn Krieg herrscht, wird automatisch auch ein Kampf geführt. Parallel dazu entwickeln sich viele Bereiche weiter. Dazu gehört einmal der Frauenkampf und ebenso auch der kulturelle Bereich. Wie erfolgreich sich diese Bereiche trotz des Krieges weiterentwickeln, ist jedoch ungewiss. Doch es muss parallel laufen, es gibt keine andere Chance, als sich diesen Bereich zu erkämpfen. Sonst gibt es keinen anderen Lebensraum, um die Probleme der Gesellschaft und die verschiedenen Dynamiken aufzunehmen.

Wir könnten genauso wie viele andere auch empfindungslos, emotionslos sein. Das heißt, dem existenziellen Kampf aus dem Weg zu gehen. Es gibt viele Kurden, die dies tun, das beobachten wir zum Teil auch mitten in Amed. Dennoch ist die Frage, wie viel Lebensraum man trotz der Umstände erkämpfen bzw. schaffen kann. Wenn wir uns als Künstler des Volkes verstehen und uns mit der Gesellschaft identifizieren, ist es unsere Pflicht, uns mit den Kämpfen und der Dynamik der Gesellschaft zu identifizieren. Das ist der Grund, warum unsere Theaterstücke auch politische Inhalte haben.

Özcan: Für Kurdistan, die Türkei, Europa und auf der ganzen Welt gilt, dass es, wenn ein Unterschied zwischen Frauen und Männern gemacht wird, für Künstler unumgänglich ist, die Unterdrückung der Frau als grundlegendes Problem der Gesellschaft zu betrachten.

In unseren Theateraufführungen finden sich gesellschaftliche Themen wieder. Wenn Menschen in Kellern ermordet werden, kann man nicht vorbeigehen, ohne davon betroffen zu sein. Daher stehen unsere Kämpfe miteinander in Verbindung. Die Situation spiegelt sich in unseren Aufführungen wider.

Berfîn: Als die Zwangsverwaltung etabliert und unsere Einrichtung geschlossen wurde, wäre es genauso möglich gewesen, dass wir uns ergeben bzw. die Arbeiten ruhen lassen. Das können wir nicht tun. Wenn die Gesellschaft Widerstand leistet, muss die Kunst auch Widerstand leisten.