Über die Suche nach Hoffnung

Jiyan Bengin, Rojava


2014, als zunächst Şengal und darauf folgend Kobanê von Daesch (Name des sog. Islamischen Staates in der Region) angegriffen wurde, begann die Welt die Kurd*innen wahrzunehmen, die YPG und die mutigen Frauen der YPJ, die sich organisiert und bewaffnet Daesch entgegenstelten. Für viele steht der Kampf zwischen YPG/YPJ und Daesch für den Kampf zwischen Gut und Böse. Immer mehr wollten sich an diesem Kampf direkt beteiligen, von denen einige nur wenig über Rojava und nichts von der Revolution wussten, kurz zuvor überhaupt das erste Mal von Kurd*innen gehört hatten und den Mittleren Osten generell als unstabiles Krisengebiet betrachteten. Einigen aber war die kurdische Befreiungsbewegung ein Begriff und sie wussten, dass hier eine neue Gesellschaft aufgebaut wird. Von diesen kamen mit zunehmender Bekanntheit immer mehr. Für sie bedeutete die Revolution mehr als lediglich der Kampf gegen Daesch, und sie verbanden ihr Engagement mit großen Hoffnungen.

Bis heute sind 45 Internationalist*innen bei der Verteidigung Rojavas gefallen. Freund*innen aus England, Deutschland, Spanien, Italien, Griechenland, Argentinien, Portugal, USA, Kanada, Frankreich, Island, Polen, Türkei, Iran und viele mehr. Natürlich betrachten wir alle Gefallenen als Internationalist*innen, gerade weil sich der Kampf hier nicht auf Grenzen oder eine Staatskonstruktion bezieht. Wie einige andere Worte in unserem politischen Sprachgebrauch müssen wir aber auch den Begriff »Internationalismus« diskutieren, analysieren und neu füllen, damit sich eine neue Geschwisterlichkeit entwickeln kann, die gemeinsam weltweit Widerstand und Perspektive aufbaut. Die hier genannten Internationalist*innen aus den westlichen Ländern kamen und gaben alles, genauso wie alle anderen kurdischen, arabischen, türkischen, assyrischen, turkmenischen, armenischen Freund*innen. Zuletzt ist in Deir ez-Zor während der Operation in al-Bagouz ein weiterer italienischer Freund, Heval Têkoşer, gefallen. Mittlerweile nehmen Internationalist*innen sowohl in militärischen als auch in gesellschaftlichen Strukturen an der Revolution teil. Sie beteiligen sich an Bildungs- und Diskussionsveranstaltungen, arbeiten in verschiedenen Strukturen, sind Teil von Projekten. Sie informieren über den Aufbau, die Revolution, die Perspektiven und geben das Licht und die Hoffnung, die sie hier finden, weiter an ihre Freund*innen, ihr Umfeld, ihr Land, an die Weltöffentlichkeit.

Über die Suche nach HoffnungDie Auseinandersetzung mit Internationalismus ist von besonderer Bedeutung

Nicht immer war es für die Internationalist*innen und die Freund*innen hier einfach. Unterschiedliche Sprachen, Kulturen, Mentalitäten und Perspektiven erschwerten eine gemeinsame Praxis, genau wie ein zu reduziertes Verständnis der Bedeutung des Internationalismus. Manche betrachteten lediglich den bewaffneten Kampf als revolutionär und trennten ihn damit von der gesellschaftlichen und persönlichen Entwicklung. Erst hier wird Schritt für Schritt verstanden, dass grundlegend für die Entwicklung einer demokratischen Kultur und damit das Verständnis der Revolution ist, uns gegenseitig kennenzulernen, zu verstehen und zu unterstützen. Für Menschen von außerhalb ist das einer der größten Lernprozesse – unsere Unterschiede lieben und schätzen zu lernen, und selbstverständlich gleichzeitig den Einfluss des kapitalistischen Systems auf unsere Persönlichkeit zu erkennen.

Mit der Kenntnis der Analysen und der Philosophie Abdullah Öcalans, mit dem Aufbau von Strukturen für Internationalist*innen und intensiveren Auseinandersetzungen entwickeln sich immer mehr langfristigere Perspektiven. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Internationalismus, der oft nur als helfende Solidaritätshandlung verstanden wird, von besonderer Bedeutung, um »auf Augenhöhe« miteinander umgehen zu können. Viele Erfahrungen wurden bis jetzt gesammelt und unsere Pflicht ist es, die vielfältigen Erfahrungen aufzuarbeiten und darauf aufbauend eine gemeinsame und nachhaltige kämpfende Perspektive zu entwickeln.

Daesch ist eigentlich nur der offensichtlichste Ausdruck des Patriarchats

Dort, wo Daesch zuletzt in al-Bagouz ums Überleben kämpfte, sahen wir Bilder tausender Frauen, Männer und Kinder, die sich den QSD ergaben. Manche sind geflohen, manche versuchen zu überleben und einen Weg zur Flucht zu finden. Wir sahen Bilder, in denen sich Frauen freuten, endlich ihre Verschleierung abnehmen zu können. Aber wir sahen auch Bilder von Frauen, die den Zeigefinger in die Luft streckten und den Daesch anpriesen: »Gott ist groß und es ist noch nicht vorbei.« Für viele, die die unzähligen Bilder gesehen und die unzähligen Geschichten darüber gehört haben, wie Frauen versklavt, gefoltert, benutzt, vergewaltigt und weggesperrt wurden, scheint das schier verrückt zu sein, nicht wirklich nachvollziehbar. Wie kann die frauenverachtendste Organisation von Frauen verteidigt werden? Hierzu können wir sagen, dass Daesch nicht die einzige Organisation mit einer frauenverachtenden Mentalität ist, bei der sich Frauen trotz allem »sicher«, »geborgen«, ja gar »frei« fühlen. Dieses Wertechaos, das uns selber zu unseren größten Feinden werden lässt, ist kein spezifisches Produkt von Daesch. Wir sehen es jeden Tag, überall: Gewalt gegen Frauen ist akzeptiert, je nach Ort, Region, Tradition, Kultur, mal mehr, mal weniger sichtbar. Daesch hat es in die Welt hinausgeschrien, während andere sich besser tarnen. Daesch ist eigentlich nur der offensichtlichste Ausdruck des Patriarchats.

Im Vergleich ist Daesch dann natürlich für alle der perfekte Feind. Ohne jegliche Moral, ohne Gewissen, brutal, mörderisch und schlichtweg verachtenswert. Und ein klarer Beweis, dass das Patriarchat nur Zerstörung schafft. Doch für alle, die gegen Daesch kämpfen, für eine neue Gesellschaft, ist es wichtig zu verstehen, dass Daesch auf perfide Weise eine Hoffnung schaffen konnte. Tausende von Menschen sind von überall aus der Welt hierher gereist, um in Daeschs Kalifat zu leben, zu kämpfen und dafür zu sterben. Für einen Teil der Umma bedeutet Daesch mehr als nur Krieg. Die Taliban, al-Qaeda, al-Nusra und andere Organisationen konnten viele Kämpfer mit dem militärischen Djihad rekrutieren, aber Daesch hatte es geschafft, unzählige Familien anzuziehen. Wenn auch mit Blut und endloser Unterdrückung verbunden, hat Daesch auf eine Art einen Traum, eine – trügerische – Hoffnung geschaffen, eine Antwort auf das weltweite Chaos. Das Paradigma von Daesch steht für Kompromisslosigkeit und Konsequenz, für Rache und Macht, für das Glück im Jenseits durch totale Hingabe im Diesseits. Viele sind deshalb gekommen, weil sie Werte wollten, einen Sinn, ein besseres Leben. Nach ihren Regeln und nicht nach denen der sogenannten Kreuzfahrer, der kapitalistischen Kolonialisten, die ihre Länder lange schon ausbluten lassen.

Deshalb müssen wir verstehen, dass Daesch auch nur der extreme Ausdruck eines unterdrückerischen und überall akzeptierten Systems ist, der Staats- und Herrschaftsmentalität, des Systems des Patriarchats. Aber gleichzeitig ist er auch eine Antwort auf das kapitalistische System, seinen Werteverfall und seine räuberische Geschichte. Deshalb ist Daesch nicht das plötzlich aus dem Nichts aufgetauchte »Monster«, sondern das Produkt einer 5000 Jahre alten Geschichte, die Ausbeutung, Macht und Gewalt als gottgegeben, biologisches Schicksal, als logische Konsequenz der Wahrheit des Staates versteht. Und von daher ist der Kampf gegen Daesch nicht nur ein militärischer, sondern besonders ein gesellschaftlicher und ideologischer Kampf. Diese Mentalität, die eine Organisierung wie Daesch erschaffen hat, ist die gleiche Mentalität, die die Welt in Herrscher und Beherrschte aufteilt, die Frauen in sie erstickende Rollen zwängt und der Willkür der Tradition und tödlichen Regeln ausliefert. Eine Mentalität, die so viel Chaos aufbaut, dass es Frauen gibt, die sich selber diesem Tod hingeben, da ihre Realität, und jede andere Alternative auch, auf Unterdrückung und Erniedrigung hinausläuft. Und viele suchen noch nicht mal eine Alternative. Die gleiche Einstellung, die Frauen nackt als Werbeobjekt benutzt, in der Freiheit bedeutet, dass die Frau nur schön ist, wenn sie sexuell verfügbar ist: das ist die gleiche Mentalität, die Frauen die totale Verhüllung als Schutz sehen lässt, ein Leben innerhalb klarer Grenzen, als Sicherheit und Antwort auf das Verlangen der Männer nach Befriedigung und Dienst. Diese unterschiedlichen Formen, von denen noch viele mehr existieren, sind Ausdruck des gleichen Systems. Das müssen wir verstehen.

Teil und Kraft der Veränderung werden

Und besonders als Frauen müssen wir uns und diese Realität begreifen, um auf die richtige Weise kämpfen zu können. Denn auch wenn wir in verschiedenen Teilen der Welt unter verschiedenen Bedingungen leben, ein Angriff auf eine von uns ist ein Angriff auf alle und wir müssen unsere Selbstverteidigung organisieren. Solange wir still sitzen, keinen Mut zum Hoffen und Aufstehen entwickeln, uns »wohl fühlen«, solange es uns individuell irgendwie gut geht, so lange wird dieses System, diese Mentalität von uns legitimiert und Bestand haben. Wenn wir die Gewalt, unsere Missachtung und Ausbeutung nicht mehr als normal und unveränderbar betrachten, dann sind wir Teil und Kraft der Veränderung. So sieht Internationalismus in Verständnis und Praxis aus. Wir spüren die Ungerechtigkeit über Grenzen hinweg und fühlen uns für eine Veränderung selbst verantwortlich. Wir müssen die Geschichte der Frau, unsere Geschichte, verstehen, damit wir zurück zu unseren Werten, unserer Kraft finden und damit für eine demokratische Welt kämpfen können. Aufbauend. Diese Perspektive ist es, die heute viele internationalistische Freund*innen hierherkommen lässt: die Freiheit, als Frau zu kämpfen und die Gesellschaft und das Leben wieder mitzugestalten, anstatt im goldenen Käfig zu verharren und sich damit zufriedenzugeben, dass der Körper ja noch lebt. Für Daesch ist die Frau nie mehr als nur ein Körper gewesen, genauso wie im Kapitalismus die Frau nicht mehr als ein Körper ist.

Überall spüren die Menschen, dass etwas nicht stimmt

Für die internationalistischen Freund*innen ist deshalb wichtig, das hier Erfahrene in ihre Länder zu tragen und die Geschwisterlichkeit der Völker zu stärken. Überall spüren die Menschen, dass etwas nicht stimmt, viele sind mit ihrem System unzufrieden. Aber ohne tieferes Verständnis der Ursachen werden ihre Versuche, etwas zu verändern, keine wirkliche Veränderung bringen. Wenn wir nicht verstehen, warum die Menschen an Kontrolle, Macht und Gewalt glauben, können wir ihnen selber nur mit Kontrolle, Macht und Gewalt entgegnen. Daesch ist das beste Beispiel. Daesch mag nun militärisch besiegt sein, zumindest hier, aber die ihm zugrunde liegende Haltung, das System, das ihn hat entstehen lassen, noch nicht. Weiterhin werden sich Menschen in der ganzen Welt auf den Weg machen, um woanders gegen das zu kämpfen, was sie unter Ungerechtigkeit verstehen. Die Menschen sind wütend. Aber sie werden ihre Methode, Perspektive und Hoffnung unterschiedlich wählen. So werden die einen zu uns kommen und manch andere hingegen zu Daesch – die einen werden für Freiheit, die anderen für Unterdrückung kämpfen. Die einen werden sich denen anschließen, die im Hier und Jetzt ein neues Leben erkämpfen wollen, die anderen denen, die dieses Leben verachtend sich selber und dabei so viele, wie es nur geht, ins Jenseits befördern wollen. Alle sind Ausdruck dessen, dass etwas nicht stimmt in den herrschenden Systemen. Doch wo die einen die Lösung darin sehen, an eine Gesellschaft, die sich nach basisdemokratischen, ökologischen und frauenbefreienden Prinzipien organisiert, zu glauben und sie zu erarbeiten, sehen die anderen eben in den Macht-, Gewalt- und Kontrollkonstrukten, die Ausdruck desselben uns alle unterdrückenden Herrschaftssystems sind, ihr Heil. Sie finden ihren Platz bei Daesch, in den modernen Kolonialstrukturen der ersten Welt oder einfach weltweit im Patriarchat und seinen unterschiedlichen Formen und Angeboten.

Deshalb müssen wir die Analysen Abdullah Öcalans allen zugänglich machen. Es gibt nicht die »guten« und die »bösen« Menschen. Wir alle sind Kinder unseres Umfeldes und der verschiedenen dominanten Realitäten darin. Im ständigen sozialen Austausch, aktiv oder passiv, sind unsere Momente mit positiven, negativen und allerlei anderen Gefühlen gefüllt. Darin entwickeln wir uns und prägen die Entwicklung anderer. Fortwährend. Wir reichen Hand und Herz oder bauen Mauern auf und vertiefen Abgründe. Ständig.

Entwicklung und Veränderung geschieht weder schicksalhaft, noch resultiert sie automatisch aus dem Recht des Stärkeren oder Schlaueren. Entweder bewegen wir uns in Richtung einer ignoranten Wettbewerbs-Gesellschaft oder hin zu einer kommunalen, herzlichen Gemeinschaft. Deswegen sagt Abdullah Öcalan sinngemäß: »Wenn ein Mensch tief im Sumpf steckt und nur noch ein einziges Haar herausguckt, werden wir ihn an diesem Haar aus dem Sumpf herausziehen.« Auf dieser Grundlage können wir den Zustand der Gesellschaft und damit uns selber sowie unsere Aufgabe als Revolutionäre begreifen. So viele Menschen haben sich selber aufgegeben, sind in Depressionen versunken, können sich nur durch Gewalt ausdrücken, meinen andere besitzen zu müssen, um sich selbst lebendig, wert- oder machtvoll zu fühlen, sehen keinen Sinn außer Geldverdienen, können nur ans Überleben denken – wer glaubt denn an deren Veränderung? Wem ist es denn überhaupt wichtig, dass sie sich ändern, damit sich auch unsere generelle Mentalität und damit unser »Jetzt« und unsere Zukunft ändern? Revolution lässt sich nicht machen durch das Abwägen des Möglichen im Rahmen des Bekannten, mit den Wenigen, die sich selber aufraffen. Zerstörung ist eine Mentalität, die uns alle erfasst hat, die sich aus den Prinzipien »Gewinnen«, »Beherrschen«, »Dominieren« nährt. Wir müssen füreinander miteinander kämpfen, während wir gleichzeitig den Angriffen der Staaten widerstehen und gleichzeitig die Alternative aufbauen.

Auch nach dem militärischen Sieg gegen Daesch wird es nicht ruhiger werden. Das Aufeinanderstoßen verschiedener Interessen im Norden Syriens – die ständigen Drohungen und Versuche der Türkei, ihre Operation im Norden Syriens zu starten, der Territorialkampf der Koalitionskräfte um Ressourcen, die Interessen Russlands und damit des syrischen Assad-Regimes, daneben noch Iran, Israel, die Verwicklung Saudi-Arabiens – bedeutet, dass auch weiterhin keine Ruhe einkehren wird. Auch wird Daesch weiterhin ein Faktor sein als erfahrene Untergrundkraft, die versuchen wird, noch mehr Anschläge und Attentate durchzuführen, um den Paten Türkei zu unterstützen. Tausende Kämpfer von Daesch und ihre Familien haben sich ergeben, und wir betrachten die Weigerung ihrer Herkunftsländer, die Verantwortung für ihre Staatsbürger*innen zu übernehmen, als weiteres Detail in der Politik gegen einen stabilen Mittleren Osten, gegen ein stabiles Nord- und Ostsyrien. Tausende Menschen aus der Gesellschaft Nord- und Ostsyriens sind im Kampf gegen Daesch gefallen, und jetzt soll diese Gesellschaft ganz allein die Folgen auf sich nehmen, während sich die Politiker*innen im Ausland den Sieg über Daesch an ihre eigene Brust heften; sie wollen die demokratische Autonomie in Rojava scheitern sehen und damit eine Fortsetzung des Chaos im Mittleren Osten bewirken. Wir müssen verstehen, wogegen wir kämpfen. An uns liegt es, gegen die Akzeptanz von Hoffnungslosigkeit und Gewalt neue Hoffnung und Perspektiven zu entwickeln und anzubieten. Hoffnung und Glaube sind unsere Waffe gegen Selbstzerstörung und militaristische »Lösungen«. Eine andere Welt ist möglich – daran glauben wir. Und das werden wir erreichen durch eine stürmische Offensive, die uns zu mehr Verantwortung, kommunaler Herzlichkeit und hoffnungsvoller Entschlossenheit befähigt. Vergesst nicht: »Jeder Sturm beginnt mit einem Regentropfen«, wie Heval Têkoşer so treffend sagte, »wir sind dieser Tropfen, immer jetzt, immer miteinander verbunden ...«. Es ist unser aller Pflicht, die Hoffnung Rojavas in die Welt zu tragen, damit die unzähligen Daeschs und ihre zerstörerische Mentalität heute, morgen und übermorgen auch besiegt werden.