Auf der Suche nach Freiheit

Mira Douro


Was ist Freiheit? Diese Frage stellen wir uns viel zu selten; wir trauen uns nicht mehr, den Kern unserer Verhältnisse aufzudecken. Leichter fällt es uns, wenn wir beschreiben, was die Freiheit nicht ist, wo wir eingeschränkt werden, wo wir unterdrückt werden, was Abhängigkeitsbeziehungen sind, wo wir überall unterworfen werden. In uns spüren wir eine Sehnsucht nach Freiheit und wissen eigentlich, was wir nicht wollen. Doch was wollen wir denn? Wie erreichen wir eine kollektive Freiheit in einer Welt höchster Unfreiheit?

Heleno Saña1 stellte sich vor 15 Jahren dieselbe Frage: Ist der Mensch heute frei? Er beginnt mit den Worten: »Freiheit kann nur in einer humanen Gesellschaft Wirklichkeit werden. Wir aber leben im Zeitalter des Inhumanen.« Auch Abdullah Öcalan stellte sich diese Frage. Er sagt: »Wahrheit ist Liebe, Liebe ist freies Leben.« Demnach müssen wir uns auch fragen: Was ist Wahrheit? Was ist Liebe? Was ist Leben?

Dass der Kampf um Freiheit eigentlich den Kampf um ein selbstbestimmtes und schönes Leben bedeutet, realisieren wir, wenn wir feststellen, dass das, was wir heute leben, kein Leben ist. Wir führen ein Leben in Unterdrückung, Versklavung, Ausbeutung, Unterwerfung und Fremdbestimmung. Wo uns doch so klar ist, dass es ein bedeutungsvolles und schönes Leben nur gemeinsam und in Freiheit geben kann. Freiheit bedeutet also kollektive Selbstbestimmung!

In der kapitalistischen Moderne wird uns versichert, dass wir in einer »freien Welt« leben, um uns vorzugaukeln, wir würden in der besten aller Welten leben. Doch eigentlich leben wir in ständiger Angst, Verunsicherung und Zwang. Also genau dem Gegenteil von Freiheit.

Dass alles eine große Lüge ist, stellen wir spätestens dann fest, wenn wir hinterfragen, was für uns Freiheit ist. Oder wie es Rosa Luxemburg formulierte: »Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht.«

Wir haben uns weit von uns selbst entfremdet

Weil wir uns aber frei bewegen wollen, ist es wichtig, eine militante Haltung gegenüber Patriarchat, Staat und kapitalistischer Moderne einzunehmen, die uns den Freiheitsbegriff als etwas Individuelles, im Liberalismus Gegebenes verkaufen will. Von politischen Philosophen der Aufklärung2 wie John Locke bis Jean-Jacques Rousseau wissen wir, dass sie der Überzeugung waren, dass alle Menschen von Natur aus frei geboren sind. Es waren die gleichen Philosophen, die uns lehrten, dass die individuelle Freiheit dort endet, wo die Freiheit anderer beginnt.3 Oder der viel zitierte Satz von Rosa Luxemburg: »Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.« Doch diese Freiheit wird heute als individuelle Freiheit verstanden, in der wir scheinbar tun und lassen können, was wir wollen. Wir leben in einer Welt, in der das Wahlrecht der Frauen erkämpft wurde, die Gleichstellung der Geschlechter gesetzlich festgeschrieben ist. Doch sowohl unsere Mentalität als auch unsere Umgebung ist weiterhin geprägt von einer chauvinistischen Sichtweise und einer Vergewaltigungskultur, die nicht im Entferntesten mit Freiheit in Verbindung gebracht werden kann. Mit dem Konkurrenzdenken der kapitalistischen Moderne wird versucht, das Individuum zum Einzelkämpfer zu machen, welcher nur nach den eigenen Vorteilen und Profiten strebt, weil wir für unsere gegebenen Misserfolge auch selbst verantwortlich gemacht werden sollen. Uns wird eine Wahrheit vermittelt, die besagt, Glück, Wohlstand und Freiheit lägen in der individuellen Eigenverantwortung. Dass mit der ganzen Unfreiheit, der »Angst des Versagens oder Scheiterns« in der kapitalistischen Moderne ein System mit 5000-jähriger Geschichte fortgeführt wird, das System der Sklavenhaltergesellschaft, wird mit jener vermeintlichen Wahrheit übertüncht, um uns weiter als Gefangene des Systems zu halten, die für den Fortbestand dieser patriarchalen Mentalität nicht nur ihre Sehnsucht nach Freiheit aufgeben, sondern auch ihr Leben. Erich Fromm beschreibt dieses inhaltslose und verzweifelte Leben der Moderne wie folgt: »Wir sind eine Gesellschaft notorisch unglücklicher Menschen: einsam, von Ängsten gequält, deprimiert, destruktiv, abhängig – jene Menschen, die froh sind, wenn es ihnen gelingt, jene ›Zeit‹ totzuschlagen, die sie ständig einzusparen versuchen.«4

Die Kommodifizierung, oder der materialistische Individualismus, dem wir in der kapitalistischen Moderne ausgesetzt sind, trennt uns von unseren gesellschaftlichen Werten. Stattdessen bietet der Kapitalismus uns eine freie Marktwirtschaft oder den freien Menschen des Liberalismus, welcher tun und lassen kann, was er will, solange er nicht die Freiheit des anderen einschränkt. Damit entfernen wir uns vollkommen von Kollektivismus, Organisierung und gemeinschaftlichen Werten. Wir werden zu abgegrenzten Subjekten, die ihre Verwurzelung und ihren Gemeinschaftssinn verlieren. »Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen«, wie es Karl Marx beschrieb. Dass dies keine Freiheit ist, ist nicht schwer zu begreifen. Die positivistische Wissenschaft (die Religion des Kapitalismus) predigt uns einen Objektivismus, den wir mit unserer Vernunft erreichen können und der uns zur alleingültigen Wahrheit führen wird. Dass dieses Paradigma, in dem Wissen Macht ist, jedoch nur so lange gilt, wie wir uns selbst in Unwissenheit lassen und uns vom Denken der HERRschaft abhängig machen – also ein Vakuum von Unfreiheit schaffen –, funktioniert nur, weil wir uns so weit von uns selbst entfremdet haben.

Wichtig ist, dass wir verstehen, dass wir selbst Akteur*innen sind und uns zu handelnden Subjekten machen können, wenn wir lernen zu kämpfen. Widerstand ist ein großer Teil der Geschichte und des Kampfes um Freiheit! Der Kampf um Freiheit gibt uns Kraft, denn Freiheit ist das Leben selbst. »Das Leben des freien Menschen zu verteidigen, dessen Kraft des Verstehens eine vielleicht unendliche Schönheit besitzt, bedeutet zu kämpfen.« Mit diesen Worten beschreibt Abdullah Öcalan den Kampf als Mittel der Suche nach einer kollektiven Freiheit. Wie uns die Geschichte lehrt, kann uns Freiheit nie gegeben werden, sondern wir können sie uns nur gemeinsam erkämpfen.

Die Wörter »friend« (Freund) und »free« (frei) haben dieselbe etymologische Wurzel. Frei sein und verbunden sein ist ein und dasselbe. Ich bin frei, weil ich verbunden bin, weil ich an einer Realität teilhabe, die umfassender ist als ich. Sakine Cansız versucht in diesem Kampf, den Traum von Freiheit, die Utopie, in die Praxis umzusetzen und sie von diesem Moment an nicht weiter in die Zukunft zu verschieben: »Wir haben uns dem Sozialismus nie sehr utopisch angenähert. Das war für uns nie irgendetwas ganz weit Entferntes. Wir haben eher geguckt, wie lassen sich Sozialismus, Freiheit und Gleichheit verwirklichen. Wie können wir selbst zumindest bei uns anfangen, diese Grundsätze in unserem Leben umsetzen? Wir haben immer Hoffnung und Utopien gehabt, die wir nicht auf zukünftige Generationen projizieren wollten. Stattdessen haben wir angefangen, unsere Utopien im Hier und Jetzt umzusetzen.«

Der Kampf um Freiheit, einmal begonnen, wird immer, wenn auch schwer, gewonnen!5

Der Kampf um Freiheit zeigt sich wohl am klarsten in unserer Kindheit. Ein Kind will frei, in Liebe und Frieden aufwachsen. Dies sind heilige Wünsche, die der Wahrheit des menschlichen Daseins am nächsten kommen. Ihnen treu zu bleiben ist unsere Aufgabe, egal in welchem Alter und unter welchen Umständen. Ein Leben kann es nur in Freiheit geben! Die Sehnsucht, die uns bleibt, bewegt uns zu handeln und lässt uns leben.

Mit dem Aufwachsen erleben wir die ersten Widersprüche. Mit der »Erziehung« wird versucht, den Eigenwillen des Kindes zu brechen, um es zu einem gehorsamen, kontrollierbaren Wesen zu formen. Unsere sozialen Probleme und Zerrissenheit im Erwachsenwerden beginnen mit dem Verrat an unseren Kindheitsträumen. Wir tauschen unsere Kindheitsträume ein für ein »Ich«, das sich abgrenzt vom Anderen. Es ist eine Anschauung, die das Individuum von der Gesellschaft löst und in den Mittelpunkt stellt. Wir kreisen um unsere eigene Achse, haben keine Verwurzelung, keinen Halt, keine Organisierung. Stattdessen sind wir flexibel, jung, dynamisch und somit das beste Fressen für die Logik der kapitalistischen Ausbeutung. Weil unser Leben keine Werte mehr vertritt, sondern Karriere und Profit. Ganz nach dem Motto: »Ich existiere, weil ich habe, nicht weil ich bin!«

Dieser Individualismus ist es, der uns voneinander entfernt hat, der uns vereinzelt, uns von uns selbst entfremdet und durch unser Konkurrenzverhalten spaltet. In den gezogenen Grenzen des Systems haben wir die »Freiheit der Wahl«. In seinen Grenzen können wir alles sein und werden. Doch das ist noch lange keine Freiheit. Denn Freiheit kann es nur kollektiv geben. Wenn ich weiß, dass auf dieser Welt noch irgendein Lebewesen unterdrückt wird, wie kann ich mich da auf meinen Privilegien ausruhen und mich gegenüber jeder Unfreiheit blind, taub und stumm stellen?

Diese Arroganz ist es, die uns gleichgültig werden lässt, die uns abstumpft, die uns davon abhält, uns zu organisieren, unser Leben wieder kollektiv in die Hand zu nehmen. Eigentlich mangelt es uns an so vielem in der Moderne des Überflusses, hauptsächlich aber an menschlichen Werten und Solidarität.

Die Auswirkungen der Zerstörung sind global, die Kolonialisierung findet nicht nur auf Territorien statt, sondern auch auf unserem Körper und in unserem Denken.

Wir müssen eigene Methoden aus Frauensicht entwickeln

Hevala Necbîr, eine kurdische Freiheitskämpferin, sagte: »Wenn wir anfangen, uns auf die Suche nach Freiheit zu begeben, müssen wir damit anfangen, die ideologische Herrschaft des Systems zu hinterfragen. Das Herrschaftssystem hat sich über die sexistische Gesellschaft immer wieder organisiert und reproduziert.« Der wichtigste Kampf ist also jener um unser Bewusstsein. Dafür benötigen wir neue Methoden, denn die Methoden der HERRschenden brachten uns immer nur Unterwerfung, Ausbeutung und Unterdrückung. Erst die Freiheit der Frau kann uns eine kollektive Freiheit verschaffen, denn durch ihre Befreiung wird auch der befreite Mann geschaffen, was die Grundlage für eine geschlechterbefreite Gesellschaft ist. Hevala Fatma von der kurdischen Freiheitsbewegung sieht den Widerspruch darin, dass Frauen sich nicht befreien können, wenn sie genau die gleichen Dinge einfordern wie die, die momentan dem Mann gehören: »Meiner Meinung nach dürfen freiheitssuchende Frauen und Frauenbewegungen sich nicht auf den Wettbewerb mit dem männlichen System, mit seinen Methoden und mit seiner Realität einlassen. Vielmehr muss es darum gehen, aus Frauensicht eigene Methoden zu entwickeln, die Realität, d. h. die wirkliche Realität, zu verstehen und das Leben selber neu zu gestalten.«

Die Jineolojî (Wissenschaft der Frau) ist auf der Suche nach dieser Realität: der Wahrheit der Frau. Sie versucht die Geschichte der Frau zu schreiben, das Wissen der Frau wieder aufzudecken, das im Laufe der Zeit von ihr entfremdet wurde und später gegen sie und gegen die Gesellschaft als Unterdrückungsmechanismus verwendet wurde. Dieses Wissen von den und um die Frauen soll in der Gesellschaft bleiben und an sie zurückgehen, damit sie ihre Identität und Wahrheit finden, sich organisieren und selbst stärken können und so ihre emphatische und heilende Wirkungskraft im Kampf um Befreiung für eine demokratische, ökologische Gesellschaft auf der Grundlage der Geschlechterbefreiung einsetzen können.

Unsere Unfreiheit ist kein Schicksal

Im Kampf um Befreiung kann erst die Freiheit entstehen; dafür müssen wir das Individuum aus seiner Vereinzelung lösen und es wieder in einem kollektiven Zusammenhang denken. Denn das Individuum existierte nicht vor der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft formt uns als Individuen. Wenn wir lernen, unseren Willen und unser Denken vom Konkurrenzdenken zu befreien und stattdessen dem Denken eine kollektive Form geben, die die Gemeinschaft und das Umfeld im Blick hat, können wir erfahren, was Freiheit ist: kollektives Handeln. In kollektiv organisierten Gesellschaften, in denen sich der Mensch als Teil einer Gemeinschaft begreift, sich mit ihr verbunden fühlt, geschieht jedes Handeln zugunsten von anderen und gleichzeitig im Eigeninteresse. Aggression gegen andere bedeutet in diesem Zusammenhang, sich selbst zu schaden.

Die Hoffnung sollte uns zum Erfolg verhelfen, den Egoismus zu überwinden und zu einer – in unserer Vielfalt – vereinten Kraft zu werden. Wir kommen der Freiheit wohl am nächsten, wenn wir die Frage von Nâzım Hikmet6: »Würdest du heute einen Baum pflanzen, wenn die Welt morgen untergehen würde?«, mit »Ja« beantworten. Und zwar nicht, weil wir ihn vielleicht unseren Kindern weitergeben möchten, sondern weil wir an den Tod nicht glauben. Ganz nach der Überzeugung von Abdullah Öcalan: »Wir opfern uns für das Leben, weil wir es so lieben, dass wir ein Leben im Tod nicht akzeptieren. Dem Tod stellen wir uns mutig entgegen, wenn ein sinnvolles Leben dies erfordert.«

Unsere Unfreiheit ist kein Schicksal, dem wir zur Untätigkeit verdammt ausgesetzt sind. Die eigene Unterwerfung bringt die größte Unfreiheit. Wenn wir aber willig sind, uns zu widersetzen und eigene Strukturen und Organisierung aufzubauen, also wieder lernen, Verantwortung für uns und unser Umfeld zu tragen, lernen wir gemeinsam zu kämpfen und kommen der Freiheit Stück für Stück näher. Wir sollten nicht darauf warten, dass sich die Sehnsucht nach Freiheit vielleicht irgendwann erfüllt. Nein, wir sollten uns von ihr mobilisieren lassen, denn sie ist eine Kraft, die uns verbindet und Teil einer Realität werden lässt, die wir mitgestalten können. Je mehr wir uns beteiligen, desto mehr können wir sie in einer ästhetischen Weise formen. Freiheit entsteht mit der »Ent-Täuschung«. Das heißt, am Anfang standen das Leid, der Schmerz und die Inexistenz, doch je mehr wir uns dieser patriarchalen Täuschung klar werden, je mehr wir uns dem Kampf um Freiheit widmen, desto näher kommen wir uns selbst und der Koexistenz – der Basis für ein kollektives Leben in Freiheit. Diese Erkenntnis führt zur wahren Existenz eines revolutionären Wesens und birgt all das Glück, die Freude und Liebe in sich, die wir erfahren, weil wir das Leben lieben und ihm einen Sinn geben. Den Sinn des Seins und der Freiheit.


 Fußnotem:

1 - Heleno Saña wurde 1930 in Barcelona geboren, die Eltern gehörten dem libertären Milieu an und kämpften im spanischen Bürgerkrieg gegen das Franco-Regime. Seit 1959 lebt Saña als freier Schriftsteller in der BRD.

2 - Aufklärung kommt von »aufklären« und bezeichnet die um das Jahr 1700 einsetzende Entwicklung, durch rationales Denken alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden.

3 - Nach Immanuel Kant (1724–1804).

4 - Erich Fromm in: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 1976

5 - Georgia Alexiou.

6 - Nâzım Hikmet war ein türkischer Dichter und Dramatiker. Er gilt als einer der bedeutendsten Lyriker im 20. Jh. Nâzım Hikmet hat es trotz Verfolgung, Verhaftung, mehreren Jahren im Knast und danach vielen Jahren im Exil geschafft, die sozialistische Literatur nachhaltig zu prägen.