Editorial

Seit dem 7. November 2018 ist Leyla Güven im Hungerstreik für die Aufhebung der Isolation von Abdullah Öcalan. »Es ist nicht einfach in dieser Welt eine Frau zu sein. Ob Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, die Mirabel-Geschwister, Sakine Cansız, Leyla Şaylemez, Fidan Doğan oder tausende weitere Frauen – für sie alle war und ist es nicht einfach eine Frau zu sein. In einem indischen Sprichwort heißt es: ›Der Pfeil ist immer auf die Frau gerichtet. Ebenso wie der Zeigefinger der Männer immer auf eine Frau gerichtet ist.‹ Die Herrschenden haben immer zuerst die Frau zum Angriffsziel erklärt. Denn sie wissen, dass das Erwachen der Frauen die gesamte Gesellschaft erweckt.«

Liebe Leserinnen und Leser,

mit diesen Worten antwortete die Abgeordnete der Demokratischen Partei der Völker (HDP) und Ko-Vorsitzende des Kongresses für eine Demokratische Gesellschaft (DTK), Leyla Güven, auf die Frage ihrer Tochter, wie sie es schaffe, eine derart starke Frau zu sein. Während unserer Redaktionsarbeiten dauert der Hungerstreik von Leyla Güven bereits seit über 100 Tagen an und hat damit schon längst seine kritische Schwelle überschritten. Derselbe kritische Zustand gilt auch für hunderte Hungerstreikende in den türkischen Gefängnissen, in Südkurdistan, Kanada und in Europa.

Leyla Güven beschreibt ihren Protest als eine Art Aufschrei inmitten der Dunkelheit. Diese Dunkelheit begann mit dem einseitigen Abbruch der Friedensgespräche durch den Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Juli 2015. Er beendete die Friedensgespräche, die zwischen der türkischen Regierung, Abdullah Öcalan und weiteren kurdischen PolitikerInnen von 2013 bis April 2015 stattfanden. Ersetzt wurde diese kurze Phase der Verhandlungen durch einen bis heute andauernden blutigen Krieg.

Diese Dunkelheit beschränkt sich seitdem jedoch nicht nur auf die Türkei, wo Dialog, politische Diskussion, Pluralismus und Grundrechte de facto abgeschafft sind, sondern umfasst die kurdische Gesellschaft in allen Teilen Kurdistans und Europa. Der seitdem in voller Fahrt laufende Vernichtungsfeldzug der Türkei gegen die KurdInnen und ihre vielfältigen politischen Organisationen manifestiert sich hierbei in Nordkurdistan (Türkei) durch die Vernichtung demokratischer politischer Strukturen, in Südkurdistan (Nordirak) durch völkerrechtswidrige Luftangriffe auf kurdische Dörfer und Tötung von ZivilistInnen wie zuletzt in Şîladizê und in Rojava (Nordsyrien) in Form ständiger Bedrohung durch eine türkische Invasion. In Europa entscheidet sich die deutsche Bundesregierung mit ihrer Verbotspolitik zu einer Fortsetzung der menschenverachtenden Politik des türkischen Staates. Das jüngste Verbot des Mezopotamien-Verlags im Februar reiht sich hierbei ein in die Zerstörung des kurdischen Kulturerbes.

Es ist schwer abzuschätzen, wie dieser Hungerstreik von Leyla Güven enden wird. Wer sich vor Augen hält, dass es bei den Forderungen lediglich um die Einhaltung der Menschenrechte geht, wird einsehen, dass es im Falle eines tödlichen Ausgangs dieser kurdischen Welle von Hungerstreiks Auswirkungen auf die Türkei geben wird, wie im Falle des Hungerstreiks von Bobby Sands für Irland und Großbritannien. Das Vertrauen in die (internationale) demokratische Politik wird in diesem Falle großen Schaden nehmen. Das Erwachen der Frauen hat bereits die gesamte Gesellschaft geweckt, tagtäglich gehen Menschen in zahlreichen Städten auf die Straße, um die Forderung der Hungerstreikenden nach einem Ende der Isolation Abdullah Öcalans zu unterstützen.

In diesem Sinne möchten wir mit dem Appell von Leyla Güven enden:

»Ich habe von Anfang an gesagt, dass die Totalisolation Abdullah Öcalans nicht nur ein kurdisches Problem ist. All diejenigen, die das glauben, liegen falsch. Wir sitzen alle im selben Boot. Ich bin davon überzeugt, dass diejenigen, die uns heute alleine lassen, das morgen bereuen werden. Diese Prüfung erfordert von allen, klar Position zu beziehen. Dieser Kampf erfordert die Zusammenarbeit aller Menschen und Völker.«

Eure Redaktion