Buchrezension: Abdullah Öcalan. Manifest der demokratischen Zivilisation Bd. 2

Die kapitalistische Zivilisation – Unmaskierte Götter und nackte Könige

Ramazan Mendanlioglu

Abdullah Öcalan. Manifest der demokratischen Zivilisation Bd. II: Die kapitalistische Zivilisation – Unmaskierte Götter und nackte Könige. Übersetzt von Reimar Heider, mit einem Vorwort von Radha D’Souza. Im März diesen Jahres in Kooperation mit der Internationalen Initiative »Freiheit für Abdullah Öcalan – Frieden in Kurdistan« und dem Mezopotamien Verlag beim Unrast-Verlag in Münster erschienen.Im zweiten Teil seines fünfbändigen »Manifests der demokratischen Zivilisation« vertieft Abdullah Öcalan seine bisherigen Arbeiten und beschäftigt sich umfassend mit dem Phänomen »Kapitalismus«. Die Leser*innen erwartet eine vielseitige und multiperspektivische Beleuchtung des Themas Kapitalismus aus historischer, soziologischer, philosophischer, politischer und erkenntnistheoretischer Perspektive. Wo der kapitalistische Geist seinen Anfang nahm, wie er sich historisch und geografisch schrittweise hin zur globalen Ordnung entwickelte und welche spezifischen Konstellationen für den Lauf der kapitalistischen Hegemonie verantwortlich waren und sind, bearbeitet Öcalan sehr ausführlich und auf eine holistische Weise, wenn er die diversen Perspektiven, Ereignisse und Zusammenhänge miteinander zu einem Ganzen verknüpft. Die Leser*innen dürften überrascht sein, wenn sie Öcalan folgend feststellen, dass »der Kapitalismus« nicht nur keine Wirtschaftsweise, sondern im Gegenteil eine die Wirtschaft und Gesellschaft ausplündernde und mit diversen Machtstrukturen verwobene krisenhafte Herrschaft ist.

Die folgende Rezension beschäftigt sich jedoch im Gegensatz zur Multiperspektivität des Buches zentral mit einem einzigen thematischen Aspekt und Zusammenhang, welcher sich durch alle Bücher Öcalans seit seiner Verschleppung und seinem Paradigmenwechsel zieht. Es ist ein Hauptmerkmal des Denkens Abdullah Öcalans und ein ausschlaggebender Punkt seiner Philosophie. Er selbst behandelt ihn punktuell immer wieder oder ganze Teilkapitel sind dem gewidmet, doch scheint mir die gesonderte Beschäftigung damit noch immer notwendig, um den entscheidenden Punkt in der Positionierung Öcalans verständlicher zu machen. Auch um Öcalans Werk zu bekräftigen, behandelt die Themenstellung dieser Rezension primär die Ebene des Denkens bzw. der Mentalität, welche der konkreten Formierung des Kapitalismus samt seinen sämtlichen negativen Folgen den Weg ebnete und diese noch immer legitimiert. Eine Loslösung vom oder Überwindung des Kapitalismus, wieder Öcalan folgend, kann auch wieder nur auf der geistigen Ebene beginnen, um gegen seine Herrschaft mit Gegenpositionen und alternativen Perspektiven erst gewappnet sein zu können. Von daher möchte ich darauf hinweisen, dass hier keine Zusammenfassung des Buches oder eine Aufzählung der Kernpunkte erfolgt, stattdessen aber ein scheinbar beiläufiger, eigentlich aber einschneidender Teilaspekt im öcalanschen Denken im Fokus steht.

Befreiung von geistigen Prägungen des Kapitalismus

»Zu den ersten Dingen, die ich bei der Ausarbeitung meiner Stellungnahme gegen das kapitalistische System tun muss, gehört die Befreiung von seinen geistigen Prägungen«, so der in das Buch einleitende Satz Öcalans. Was ist damit gemeint? Und vor allem, warum ist das so essentiell und wichtig? Öcalan setzt sich vielfältig und an vielen Stellen sehr kritisch mit dem »Positivismus« und der »Subjekt-Objekt-Spaltung« auseinander. Warum tut er das so konsequent?

Ihm zufolge legitimieren diese beiden philosophischen Kon­strukte im Grunde alle Ungleichgewichte und Hierarchien. Dass alle wichtigen antikapitalistischen und sozialen Kämpfe der letzten Jahrhunderte im Ergebnis erfolglos blieben, begründet Öcalan auch damit, dass die (emanzipatorischen) Ideologien dieser demokratischen Bewegungen innerhalb des paradigmatischen Denk- und Wissenssystems des Herrschenden blieben und damit zum Scheitern verurteilt waren. Abgesehen davon, dass sich der kapitalistische Geist und seine Verfechter zentral auf diese beiden Konstrukte stützten, verlangt Öcalan von der demokratischen und antikapitalistischen Front einen Bruch mit dem positivistischen Denken und der cartesianischen Subjekt-Objekt-Aufspaltung, weil diese als die größten geistigen Barrieren für ein demokratisches Bewusstsein und die entsprechenden nichthierarchischen gesellschaftlichen Zustände festgemacht werden.

Soziale Ökologie – jenseits von Spaltung und Hierarchien

Bekanntlich wurde Öcalan sehr stark vom US-amerikanischen Philosophen Murray Bookchin beeinflusst. Dieser gilt als einer der Begründer der »Sozialen Ökologie«1, welche die Menschen und die Gesellschaft an sich als eine durch natürliche wie soziale Evolution emergierte zweite Natur versteht. Dies wiederum verlangt ein Bewusstsein des Menschen über seinen Platz und seine Bedeutung in der Einheit der gesamten Natur. In diesem Verständnis von menschlichem Sein und Gesellschaftlichkeit stecken in gewisser Weise und mit Vorsicht bedacht metaphysische und/oder nicht wahrnehmbare Elemente wie zum Beispiel »Verbundenheit« (Holismus). Damit zusammenhängend weist die Soziale Ökologie im Rahmen der Verbundenheit (mit der Natur, den Menschen und der Gesellschaft) auf eine Verantwortung hin. Und Verantwortung trägt eine gewisse Eigenständigkeit bzw. Freiheit in sich.

Die Soziale Ökologie versucht das Verhältnis zwischen Menschen und Natur in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen. Damit diese Harmonie erst möglich wird, müssen die menschlichen Konstrukte der »Herrschaft« und »Hierarchie« als gesellschaftliche und politische Phänomene als vermeidbare Verirrungen, aus denen das ungleichgewichtige und antagonistische Verhältnis der herrschenden Zivilisation zur Natur entstanden ist, abgeschafft werden. Diese Aufhebung gelingt jedoch nur, wenn der herrschaftlich-hierarchische Zustand im Inneren der Gesellschaft, d. h. ihre hierarchische Verfasstheit, sowie die hierarchischen Verhältnisse der Gesellschaften zueinander überwunden werden.

Konsequenterweise würde die vorgesehene Überwindung der hierarchischen und ungleichen Verhältnisse die Harmonisierung der (konstruierten) dichotomischen Antagonismen wie z. B. Mensch vs. Natur, Mann vs. Frau, Staat vs. Gesellschaft oder Subjekt vs. Objekt nach sich ziehen. Daher macht es sich die Soziale Ökologie zur Aufgabe, »diejenigen Weichenstellungen innerhalb der sozialen Evolution [zu] untersuchen, wo die Brüche entstanden, die die Gesellschaft mehr und mehr in einen Gegensatz zur Natur brachten, und muß eine Antwort darauf finden, wie sich dieser Gegensatz bis zu unserer modernen Zeit herausbildete«2.

Wir halten fest: Zum einen impliziert die Soziale Ökologie philosophisch-metaphysische Elemente, zum anderen will sie die auf Ungleichheit und Ausbeutung basierende Hierarchie sowohl in der sozialen Evolution bzw. in der zweiten Natur als auch im Verhältnis der Menschen zur zweiten Natur überwinden.

Auf der Suche nach den Weichenstellungen

Öcalan verortet die möglicherweise erste markante Weichenstellung, welche das Phänomen der Hierarchie entstehen und institutionalisieren ließ, in einem historisch-kontextuellen Geflecht bestehend aus einer in der Jagdkultur enthaltenen emotionalen wie analytischen Potenz, der Weiterentwicklung der analytischen Intelligenz, der patriarchal organisierten Gewalt und politischen Hegemonie einerseits sowie andererseits dem gesellschaftlichen Mehrprodukt an materiellen und immateriellen Werten, das sich in der jahrtausendealten neolithischen Kultur um die Frau ergeben hatte (u. a. S. 53ff). Wichtig zu bemerken ist auch, dass in den Ausführungen Öcalans die Weichenstellung im Denken im Hinblick auf die Hierarchie wechselwirkend und parallel mit der Entstehung der ersten institutionalisierten hierarchischen Ordnung (Stadt-Staat-Klasse auf Basis eines Monopols über akkumulierte Werte) im sumerischen Stadtstaat geschieht. Anfänglich wurde die Etablierung der Hierarchie mythologisch begründet, dann religiös-philosophisch legitimiert, und seitdem der Hauptfluss – der Mainstream der Zivilisation – in der Neuzeit ab dem 15. Jahrhundert nach Europa strömte, auch positivistisch-wissenschaftlich »untermauert«. Auch diese Wesensverwandtschaft zwischen diesen Denksystemen ist gemeint, wenn Öcalan schreibt: »Die Erkenntnis, dass dogmatische Überzeugungen [Religion], der Glaube an gradlinigen Fortschritt [Liberalismus, Marxismus], wissenschaftliche Gewissheiten und starre Gesetzmäßigkeiten [positivistische Wissenschaft] derselben herrschenden Mentalität entsprangen, beruhigte mich zutiefst.«

Ich darf an dieser Stelle vermuten, dass das Öcalan Beruhigende die Erkenntnis darüber war, dass geltende »Wahrheitsinstanzen« mit »Herrschaftsinstanzen« verflochten sind, und dass diese Einsicht Öcalan dazu befähigt, sich von ihnen zu emanzipieren und Alternativen bzw., wie er es sagt, »einen Ausweg zu finden« (S. 37).

Zurück zu unserer Problemstellung: Zwei der neuzeitlichen, in der Wissenschaft gestellten Weichen, mittels derer »die Brüche entstanden, die die Gesellschaft mehr und mehr in einen Gegensatz zur Natur brachten« und die Hierarchie und Herrschaft im Sozialen letztendlich philosophisch untermauern, sieht Öcalan erstens in der von Descartes initiierten Subjekt-Objekt-Dichotomie und zweitens in der damit verbundenen positivistischen Wissenschaft. Gewiss kann hier keine ausführliche und detaillierte Darstellung aller impliziten und expliziten gesellschaftlichen Folgen und lebenswirklichen Prägungen der beiden Phänomene vorgenommen werden; stattdessen wird nur auf den philosophischen Gegensatz zwischen der Sozialen Ökologie auf der einen Seite und der herrschenden Wissenschaftlichkeit und Mentalität seit dem 16. Jahrhundert andererseits hingewiesen.

Subjekt-Objekt-Dichotomie

Die Spaltung von Subjekt und Objekt, die Gegenüberstellung eines aktiv wahrnehmenden Subjekts und eines passiv gegebenen Objekts, bedeutet nicht nur eine Getrenntheit von Mensch und Natur oder von Subjekten, die mit dem Holismus der Sozialen Ökologie im Widerstreit steht. Ferner erfolgte aus dieser Dichotomie auch die Überhöhung der Objektivität und des rationalen Denkens. Am gravierendsten ist jedoch, dass sie konsequenterweise auch eine philosophisch begründete und mit »wissenschaftlicher« Legitimität einer Wahrheitsinstanz beladene Konstruktion von Herrschaftsverhältnissen als »soziologische Tatsachen« bedeutet. Die in diesem Denken enthaltene Rechtfertigung von Hierarchien betrifft nicht nur das Verhältnis der Menschen zu ihrer Umwelt und Natur, sondern es lassen sich davon auch andere hierarchische und ungleichgewichtige Dichotomien wie z. B. Kapitalist-Arbeiter, Mann-Frau, Staat-Gesellschaft, Reich-Arm, Regierte-Regierende, Unterdrücker-Unterdrückte, Herr-Sklave usw. ableiten.

Innerhalb solch eines Denkens und im aus diesem Bewusstsein resultierenden Handeln ist eine gleichgewichtige Harmonie im Sozialen und Ökologischen nicht realisierbar, da ihnen herrschaftliche Hierarchie und Getrenntheit inhärent ist. Anders ausgedrückt: Im Denken und Bewusstsein muss die auf den Gegensatz von Aktiv und Passiv beruhende Aufspaltung von Subjekt und Objekt bewältigt werden. Dies geht auch dann, wenn die »unaufhebbare Differenz« (Karl Jaspers) zwischen Subjekt und Objekt nicht verleugnet wird.

Positivismus

In diesem Zusammenhang arbeitet sich Öcalan auch am Positivismus ab, dem die Subjekt-Objekt-Spaltung zugrunde liegt. Der Positivismus erkennt nur das als Wissen und wahrhaftig an, was sich sinnlich wahrnehmen und messen lässt. Er negiert andere Formen des Wissens und lehnt jegliche Metaphysik ab, da diese in der Theorie unmöglich sei und in der Praxis keinen Nutzen habe. Die Ablehnung anderer Formen von Wissen sowie der Verdrängung der Philosophie bzw. der Metaphysik allgemein in die Bedeutungslosigkeit, welche sich im kapitalistisch-positivistischen Zeitalter ergeben hat, überhöht zum einen die Wissenschaft selbst als absolute und tendenziell dogmatische Wahrheitsinstanz. Fügt man dieser einseitigen Beschränktheit noch die angebliche Wertneutralität und Abhängigkeit wie Verflochtenheit der Wissenschaft mit der kapitalistisch-politischen Machtordnung hinzu, dann zeigt sich laut Öcalan zudem die passive wie aktive Komplizenschaft der positivistischen Wissenschaft mit Herrschaft, Hierarchie und Ausbeutung um so klarer. »Vielleicht ist die seichteste Metaphysik und Religion der Positivismus selbst. Auf keiner Stufe ihrer Geschichte wurde die Menschheit derart grausam entfesselt wie gleichzeitig stramm gefesselt. Nie zuvor wurden Natur und Gesellschaft so mit Herrschaft überzogen.« (S. 36).

Im Hinblick auf den philosophischen Kern der Sozialen Ökologie bedeutet der Positivismus die Ablehnung und Verhinderung eines holistischen Denkens, von dem sich »Verbundenheit« und »Verantwortung« im Gesellschaftlichen und bzgl. der Natur ableiten. Schließlich versperrt sich der Positivismus der jahrtausendealten vor-zivilisatorischen, nicht positiven, d. h. nicht geschriebenen Geschichte der damaligen Gesellschaften und Gesellschaftlichkeit samt ihrer historischen Werte und Moral. Im Ergebnis ist das positivistische Denken als eine zu überwindende Barriere hin zu einem notwendigen harmonischen Gleichgewicht zwischen der ersten und der zweiten Natur, wie auch im Inneren der menschlichen Gesellschaften zu betrachten.

Für demokratisch-libertäre Intellektuelle und Bewegungen bedeutet laut Öcalan die Überwindung des Positivismus und der Subjekt-Objekt-Dichotomie einen »ideologischen Sprung« (S. 244) nach vorne. Mit Gramsci3 gesprochen bedeutet dieser ideologische Sprung, sich die kulturelle und moralische Hegemonie im Bewusstsein, der Wissenschaft, Gesellschaft und Politik zu erarbeiten und entsprechende politische Organisierung und Aktionsformen zu entwickeln.

Vor dem hier behandelten Hintergrund und den im Vorwort von Radha D’Souza gegebenen Hinweisen ist das neue Buch Öcalans auch dank der guten Übersetzungsarbeit, welche sich durch eine verständliche Formulierung komplexer Themen auszeichnet, eine wichtige und spannende Lektüre für Interessierte allgemein und Menschen im Kontext der Wissenschaft, sowie für diverse Aktive im Politischen und der Zivilgesellschaft, vor allem für jene Akteur*innen, die sich als Antikapitalist*innen verstehen.


 Fußnoten:

1 - Vgl. u. a. Bookchin 1992: Die Neugestaltung der Gesellschaft. Trotzdem Verlag.

2 - (ebd.: 21)

3 - Vgl. Barfuss / Jehle 2014: Antonio Gramsci zur Einführung. Junius Verlag.