Verbindung zwischen verschiedenen Kämpfen praktisch werden lassen

Ökologie, Krieg und Widerstand

Anselm Schindler

»Mit der Revolution kommen die Bäume langsam zurück, es wurden Naturschutzgebiete ausgerufen und wiederaufgeforstet. Ein Prozess, der auch durch die Ökologiekampagne ›Make Rojava Green Again‹ unterstützt wird, in deren Rahmen auf dem Gelände der Internationalistischen Kommune von Rojava eine Baumschule aufgebaut wird. Tausende Bäume haben die Internationalist*innen bereits gepflanzt. Im nun auch auf Deutsch erscheinenden Buch ›Make Rojava Green Again‹ stellt die Internationalistische Kommune ihre Analysen und Arbeiten vor.« | Foto: MRGADie drohende Eskalation im Kampf um Nordsyrien verschärft auch die ökologische Krise im Nahen Osten. Doch der Krieg des Erdoğan-Regimes bietet gleichzeitig auch die Chance, Kämpfe gegen Umweltzerstörung, Militarisierung und Krieg zusammenzuführen.

Seit die Schülerin Greta Thunberg in Schweden gemeinsam mit zunächst hunderten, dann tausenden Mitschüler*innen begonnen hat, jeden Freitag die Schule zu bestreiken, um gegen Naturzerstörung und den menschengemachten Klimawandel zu protestieren, geht eine Welle des Protests um die halbe Welt. Nach vielen Jahren ist es die breiteste ökologische Protestbewegung und zudem geprägt von Akten des Ungehorsams und der Verweigerung, weiter tatenlos zuzusehen. Die Proteste sind eine erste Antwort auf die globale Klimakrise; am Anfang wurden sie kleingeredet, doch sie wachsen immer weiter, Freitag für Freitag. Die Natur werde dem Wirtschaftswachstum, dem Kapitalismus geopfert, für den Profit einiger Reicher, sagte Greta vor der UN-Klimakonferenz. Das Video ihrer Ansprache hat sie berühmt gemacht.

Sie hat Recht. Es tobt ein weltweiter Krieg um Ressourcen, mit vielen Verlierern und wenigen Siegern; ein Krieg, der zugleich ein Krieg zwischen Großmächten und ein Krieg gegen die Natur ist. Es geht um die Kontrolle des Wassers, den Abbau von Ölsand und teuren Erden, um die Förderung von Uran, um Treibhausgasemissionen oder auch um die Frage, wer den Kampf gegen den Klimawandel bezahlen soll. Um nur einige Beispiele zu nennen. Puzzlesteine, die oft getrennt voneinander gesehen werden, die aber weltweit Menschen verbinden, von den Leuten, die am Mekong, einem der längsten Flüsse Asiens, vom Fischfang leben und deren Heimat von Staudämmen des chinesischen Staates bedroht ist, bis zur indigenen Bevölkerung Chiles, deren Heimat Stück für Stück von Baggern und Motorsägen zerfressen wird.

Oben und Unten

Aber auch wenn die ökologische Krise global ist, sind nicht alle Menschen gleichermaßen davon betroffen: Während die Entscheidungen über unsere Welt insbesondere von alten Männern getroffen werden, werden die Kinder und Jugendlichen von heute in der Zukunft mit den Konsequenzen leben müssen. Und die ökologische Frage verläuft auch zwischen Oben und Unten. Zwischen dem globalen Norden und Süden. Und zwischen den Klassen der Großgrundbesitzer*innen, der Reichen und Kapitalist*innen auf der einen und den Arbeiter*innen, Angestellten und Bäuer*innen auf der anderen Seite.

Nichts macht das so deutlich wie der Klimawandel: Die Interessen der Leute im Vorstand eines Kohleunternehmens sind mit den Interessen des Großteils der Menschheit unvereinbar. Weil der Profit der einen den Untergang der anderen bedeutet. Die ökologische Krise ist deshalb nicht lösbar, ohne die Systemfrage zu stellen. Es ist auch eine Frage der Demokratie: des Föderalismus oder Zentralismus, das zeigt sich unter anderem bei der Energiegewinnung: Kraftwerke, die Energie aus Kernspaltung erzeugen, riesige Staudämme und Stromtrassen sind immer auch ein Ausdruck zentralistischer Herrschaftssysteme. Die Energiewende zeigt, dass die ökologische Krise nur durch dezentrale Lösungen behoben werden kann, sie zielt im besten Fall auf Selbstversorgung und Autonomie. Auf ein kommunales Versorgungs- und Entsorgungssystem.

Auch, oder vielleicht gerade im Nahen Osten liegen die Zusammenhänge zwischen ökologischer und sozialer Unterdrückung auf der Hand. Die Ausbeutung des Erdöls durch imperialistische Länder, riesige Staudämme, die zur Versteppung ganzer Regionen führen, und die Verpestung durch chemische Kriegswaffen sind da nur einige Beispiele. Auch in einigen Teilen des Nahen Ostens ist als Reaktion auf die Naturzerstörung in den vergangenen Jahren eine Ökologiebewegung herangewachsen. Noch ist es eine kleine Bewegung, doch sie ist in der Lage, die entscheidenden Fragen aufzuwerfen. Ökologie war von Anfang an auch eine der ideologischen Grundsäulen des radikaldemokratischen Aufbruchs in Rojava, welcher von Anfang an auch als ökologischer Neubeginn gedacht war. Das Ziel: eine dezentrale Landwirtschaft, Energieversorgung und Müllentsorgung innerhalb des Kommunensystems. Eine Vision, bereits vorgedacht von Menschen wie dem Ökosozialisten Murray Bookchin und von Abdullah Öcalan weitergesponnen.

Ökologie in Kurdistan

Leider blieben das oft nur schöne Worte; wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage, der Embargos und des Krieges war an Ökologie oft nicht zu denken – obwohl es so notwendig wäre. Einige Anfänge wurden trotzdem gemacht, beispielsweise was die Wiederaufforstung betrifft. Das Assad-Regime hat das bisschen Wald, welches das Osmanische Reich übriggelassen hatte, in den letzten Jahrzehnten abgeholzt, was zur Versteppung und weiteren Austrocknung der Region geführt hat. Mit der Revolution kommen die Bäume langsam zurück, es wurden Naturschutzgebiete ausgerufen und wiederaufgeforstet. Ein Prozess, der auch durch die Ökologiekampagne »Make Rojava Green Again« unterstützt wird, in deren Rahmen auf dem Gelände der Internationalistischen Kommune von Rojava eine Baumschule aufgebaut wird. Tausende Bäume haben die Internationalist*innen bereits gepflanzt. Im nun auch auf Deutsch erscheinenden Buch »Make Rojava Green Again« stellt die Internationalistische Kommune ihre Analysen und Arbeiten vor.

Und auch das Wasser- und Müllproblem soll in Rojava angegangen werden, auf dem Gelände der Kommune entstehen erste Modellprojekte für Wasserwiederaufbereitung und Recycling. Es sind Projekte, die in der Zukunft dazu beitragen sollen, dass die Menschen künftig trotz Klimawandel und ökologischer Zerstörung in der Region leben können. Denn wenn es so weitergeht wie bislang, wird menschliche Besiedlung in Teilen des Nahen Ostens kaum noch möglich sein und Millionen Menschen werden ihre Heimat verlassen müssen.

Vor allem das Problem der Wasserknappheit muss in Nordsyrien und im ganzen Nahen Osten dringend angegangen werden. Die Bäuer*innen in der Region sind seit jeher auf das Wasser des Euphrat und des Tigris angewiesen, die aus dem Norden, also vom türkischen Staatsterritorium, Richtung Rojava fließen. Der türkische Staat nutzt das aus, denn Staatschef Erdoğan weiß: Wer das Wasser kontrolliert, der kontrolliert auch das Leben. Der türkische Staat errichtet in seinem besetzten Teil Kurdistans riesige Staudammprojekte wie das in Heskîf (Hasankeyf), und so nimmt der Pegel der wichtigsten Flüsse weiter südlich immer weiter ab. Ganze Landstriche veröden, nicht nur in Rojava, sondern auch im Irak. Doch auch für dieses Problem gibt es Antworten. Wiederaufforstung kann die Austrocknung der Böden rückgängig machen. Und dann gibt es Filtermethoden, die verhindern, dass das Wasser verdreckt und verschwendet wird. Auch in der Internationalistischen Kommune wird diesbezüglich mit einem Schwarz- und Grauwassersystem geforscht.

Krieg gegen die Natur

Doch das zarte Pflänzchen des ökologischen Aufbruchs in Rojava ist nun von Erdoğans Krieg bedroht. Es ist ein Krieg, der auch die ökologischen Lebensgrundlagen der Menschen zerstören würde, so wie es bereits in Efrîn geschehen ist, wo die türkische Armee bei ihrer Invasion vor einem Jahr die Olivenhaine anzündete. Kriege werden in Toten, in Verwundeten und wirtschaftlichen Schäden gemessen, über die zerstörte Natur jedoch wird kaum gesprochen. Dabei haben im Nahen Osten nicht nur der Krieg um Syrien, sondern alle Auseinandersetzungen um die Aufteilung der Region zwischen den Großmächten riesige Schäden hinterlassen.

Beispiel Irakkrieg 2003: Der Qualm der während des Einmarsches des US-Militärs angezündeten Ölquellen enthielt mehrere Tonnen Schwefeldioxid, Stickstoffoxide und Kohlenmonoxid. Hinzu kamen krebserregende Schwermetalle wie Cadmium, Chrom und Blei. Flächenbombardements trafen irakische Industrieanlagen: Raffinerien, Pipelines, Chemie- und Düngerfabriken, Staudämme und Elektrizitätswerke. In der Folge starben hunderttausende Schafe und zehntausende Kamele an Luft- und Wasserverschmutzung.

Und nicht zuletzt die tonnenweise verschossene Uranmunition belastet bis heute Wasser und Boden. Bis heute liegen in irakischen Kliniken tausende an Krebs erkrankte Kinder, deren Erkrankung auf die Verstrahlung durch die Überreste von Uranmunition zurückzuführen ist. In Syrien zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Auch dort wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Ölfelder angezündet, verschiedene Konfliktparteien setzten chemische Kampfstoffe wie Sarin oder Brandkampfstoffe wie weißen Phosphor ein.

Das geplante weitere Vorrücken der türkischen Armee und ihrer dschihadistischen Proxys in Nordsyrien würde die ökologische Krise im Nahen Osten weiter zuspitzen. Das ist der Grund, warum sich Ende Januar auch zahlreiche Ökologieaktivist*innen den Protesten gegen Erdoğan und seine westlichen Unterstützer*innen in Wirtschaft und Politik anschlossen. Die deutsche Anti-Kohle-Bewegung »Ende Gelände«, Aktivist*innen aus dem besetzten Hambacher Forst und zahlreiche Ökologiegruppen aus Kanada, den USA, Großbritannien und anderen Ländern unterschrieben den Aufruf der Kampagne »Make Rojava Green Again« zu den Global Days of Action am 27. und am 28. Januar und beteiligten sich an Protestaktionen und Demonstrationen.

Die Kämpfe zusammenbringen

Aus der Internationalistischen Kommune von Rojava folgte wenige Tage darauf ein Video, in welchem sich Aktivist*innen der Kommune mit ökologischen Kämpfen in Europa, den USA und Südamerika solidarisieren. Es sind vor allem symbolische Akte, doch sie weisen in die richtige Richtung. Wenn wir es geschickt anstellen, können wir die Bedrohung des demokratischen Aufbruchs in Kurdistan und Nordostsyrien in eine Offensive und in eine Stärkung der Zusammenarbeit zwischen progressiven und linken Kräften verwandeln. Dazu müssen wir unseren Einsatz zur Beendigung des Krieges und unseren Widerstand gegen die Unterstützung Erdoğans durch Konzerne und Regierungen in die ökologischen Kämpfe dieser Tage hineintragen. Und uns andererseits die Ideen und Praktiken der Klima- und Ökologiebewegung aneignen.

Eine ehemalige Baumbesetzerin aus dem Hambacher Forst schreibt in einem offenen Brief, der letzten Herbst unter anderem auf der Nachrichtenseite ANF veröffentlicht wurde, dass sie nach Rojava gegangen sei, um diese Verbindung zwischen den Kämpfen praktisch werden zu lassen.1 Solidarität muss praktisch werden und erste Schritte dazu wurden bereits unternommen, Aktivist*innen von Make Rojava Green Again beteiligen sich regelmäßig an den Klimastreikprotesten oder an Aktionen von Ende Gelände. Es braucht mehr solcher Akte. Die aktuelle Protestwelle der Klimastreiks zeigt, dass es selbst in den kapitalistischen Metropolen möglich ist, Widerstand zu formieren, und es liegt an uns zu zeigen, was diesen Widerstand mit dem in Kurdistan oder anderswo auf der Welt verbindet. 

Fußnote:

1 - https://anfdeutsch.com/aktuelles/von-rojava-an-den-hambacher-forst-6604