Diese magische Region, die nicht nur wegen ihrer Bräuche, sondern auch wegen ihrer Natur und ihrer Architektur fesselt

Die 900-jährige mythische Hochzeit des Pîr Şaliyar

Devriş Çimen, Journalist, Hewraman

Hewraman, so lautet der Name einer für mich magischen Region Kurdistans. Denn in Hewraman, so sagte man mir, liegen mystische Geheimnisse verborgen. Die Bevölkerung von Hewraman praktiziert heute noch ihre mythischen, aus vorislamischer Zeit stammenden Bräuche, die auf den Zoroastrismus und die Zeit der Naturreligionen zurückgehen, so wurde mir berichtet. Diese magische Region, die nicht nur wegen ihrer Bräuche, sondern auch wegen ihrer Natur und ihrer Architektur fesselt, möchte ich unbedingt mit eigenen Augen sehen. Und ich möchte auf jeden Fall der seit neunhundert Jahren alljährlich in Hewraman begangenen Hochzeit des Pîr Şaliyar beiwohnen. Doch das ist leider nicht möglich ...

Hewraman Taxt ist eigentlich ein Dorf. Es liegt im Herzen der Region Hewraman. Hier befinden sich auch das Haus und die Heiligenstätte des Pîr Şaliyar. | Foto: Nasih Ali Xayat

Ich befinde mich in Südkurdistan (Nordirak). Meine Reise in Richtung Hewraman endet am Örtchen Tewala, das rund 25 km entfernt von Helebce (Halabdscha) liegt. Von hier aus sind es zwar nur noch 15 km zu dem Ort Hewraman Taxt, der mitten in der Hewraman-Region liegt und in dem die legendäre Hochzeit des Pîr Şaliyar vollzogen wird. Doch die Reststrecke bis zu meinem Ziel erweist sich als unüberwindbar. Es sind nicht die Hänge des Zağrosgebirges oder das Meer der Walnussbäume, die meinen Weg unmöglich machen. Es ist die Grenze zwischen den beiden Nationalstaaten Irak und Iran, die meine Reise nach Hewraman stoppt. Die Grenze, die nach dem Ersten Weltkrieg von den Westmächten mitten in die kurdischen Siedlungsgebiete getrieben wurde. Mir bleibt nichts anderes übrig, als von Tewala aus in Richtung Hewraman zu schauen. Eigentlich beginnt die Region Hewraman schon ab dem Örtchen, in dem ich mich befinde. Genau genommen befinde ich mich also schon in einem Teil von Hewraman und blicke in dessen anderen Teil. Doch die Trennung ist unübersehbar – viele Wachtürme säumen die Grenze, und ein gefährliches Minenfeld.

Zumindest gedanklich reisen …

Doch die für mich unüberwindbare Grenze hat meine Neugier auf die Geschichte von Pîr Şaliyar nicht vertrieben. Pîr war ein Gelehrter und weiser Mensch, der in der zoroastrischen Gemeinschaft die religiösen Rituale ordnete und dadurch auch sehr respektiert wurde und immer noch wird. Warum wird das Hochzeitsfest dieses Mannes seit 900 Jahren gefeiert? Wenn ich schon nicht selbst dieser Feier beiwohnen darf, dann möchte ich sie wenigstens aus dem Munde von jemandem hören, der die Rituale des Festes und ihre Hintergründe sehr gut kennt. Und ich traf diesen Jemand – den 38-jährigen Fotografen ­Nasih Ali Xayat, der mittlerweile wie ich in Südkurdistan lebt und arbeitet, aber aus dem besagten Ort Hewraman Taxt stammt. Er freute sich bei unserem Kennenlernen sichtlich über mein Interesse. Er besitzt zahlreiche Bilder von dem Hochzeitsfest, mit denen er mich zumindest in meinen Gedanken nach Hew­raman Taxt reisen lassen konnte.

Die wundersame Heilung der Königstochter – ein Mythos als Grundlage

Hewraman Taxt ist eigentlich ein Dorf. Es liegt im Herzen der Region Hewraman. Hier befinden sich auch das Haus und die Heiligenstätte des Pîr Şaliyar. Es wird berichtet, dass dieser Ort eine aus vorislamischer Zeit stammende zoroastrische Kultstätte gewesen sei. Pîr Şaliyar soll hier nicht nur gelebt, sondern wahre Wunder vollbracht haben. Dem Mythos nach hat zu seinen Lebzeiten ein persischer König über das Reich geherrscht, der voller Kummer um seine Tochter gewesen war. Denn seine Tochter konnte weder sehen, sprechen noch hören. Doch umso größer war seine Liebe zu dieser Tochter und er ließ nichts unversucht, sie zu heilen. Im ganzen Reich gab es keine Tür, an die er nicht klopfte, um Heilung für die Tochter zu finden. Doch die frohe Kunde blieb aus. Als er sich dem Schicksal seiner Tochter schon fast geschlagen geben wollte, wurde ihm von einem Geistlichen mit dem Namen Pîr Şaliyar berichtet, der sich jeglicher irdischen Güter verweigerte und dem große Weisheit nachgesagt wurde. Dem König blieb nicht viel übrig, als die letzte Hoffnung für seine Tochter auf diesen Weisen aus Hewraman zu setzen. Er gab gar das Versprechen ab, seine Tochter mit Pîr Şaliyar vermählen zu lassen, sollte dieser tatsächlich das Wunder der Heilung vollbringen. Und so geschah es. Nachdem die Königstocher eine bestimmte Zeit im Dorf Hewraman Taxt bei dem weisen Mann verbracht hatte, öffnete sie ihre Augen. Anschließend begannen ihre Ohren zu hören und sie konnte das Vogelgezwitscher wahrnehmen. Zu guter Letzt löste sich sogar ihre Zunge und sie konnte ihre Liebe für ihren Heiler in Worte fassen.

Der König war über diese wundersame Heilung nicht nur hoch erfreut, sondern er hielt auch sein Wort und verkündete die Hochzeit zwischen seiner Tochter und Pîr Şaliyar. Doch der weise Mann, der seinerseits auch entzückt war über die Aussicht, die königliche Tochter heiraten zu können, hatte ein Problem. Es fehlten ihm für die Hochzeit und das dazugehörende Fest die entsprechenden materiellen Mittel und Möglichkeiten. Doch Pîr Şaliyar war nicht nur in seinem Dorf ein beliebter Mensch, sondern er genoss auch in den Nachbarorten von Hewraman Taxt große Wertschätzung. Um den weisen Mann Pîr nicht der Schande auszusetzen, kamen die Menschen aus den Nachbarorten und aus Hewraman Taxt zusammen und beschlossen, gemeinsam für Pîr Şaliyar und die Königstochter eine so ansehnliche Hochzeit auszurichten, wie sie die ganze Region Hewraman bis dahin nicht erlebt haben sollte.


Heute ranken sich Mythen um das Leben und die Taten von Pîr Şaliyar. Hat es ihn wirklich gegeben? Hat er gar Kinder und Angehörige gehabt? Niemand kann diese Fragen wirklich beantworten. Doch Fakt ist, dass Pîr Şaliyar, ob Mythos oder reale Person, ein reiches Erbe hinterlassen hat. Denn seit 900 Jahren veranstalten die Dorfbewohner alljährlich die Hochzeit dieses weisen Mannes und lassen bei dieser Zeremonie zahlreiche vor allem zoroastrische Rituale aufleben. Mein Freund Nasih erklärte mir, allein die Tatsache, dass diese Hochzeit seit mehr als 900 Jahren immer wieder von Neuem gefeiert wird, sei ein ebensolches Wunder wie die Heilung der Königstochter. Natürlich spielt die religiöse Komponente für die Aufrechterhaltung dieses Rituals eine besondere Rolle. Denn die Menschen aus Hewraman haben zwar vor geraumer Zeit den Islam angenommen, doch sie haben sich auch viele religiöse Eigenheiten und Rituale aus vorislamischer Zeit bewahrt.

Hewrama | Foto: Nasih Ali Xayat

Dem Mythos entspringt ein kommunaler Ansatz

Die Hochzeit des Pîr Şaliyar wird alljährlich am ersten Mittwoch und Donnerstag des Februars gefeiert. Abgeschlossen wird die Hochzeitszeremonie jedes Jahr durch eine Wahl, an der die Bewohner von Hewraman Taxt und den Nachbardörfern teilnehmen. Die Wahl findet im Haus von Pîr Şaliyar statt, das in diesen Tagen auch die Funktion eines Parlaments einnimmt. Gewählt werden Menschen, die ehrenamtlich ein Jahr lang gesellschaftlich relevante Aufgaben für die Gemeinschaft übernehmen.

Doch beginnen wir zunächst mit der Hochzeitszeremonie. Die Kinder des Dorfes haben die ehrenvolle Aufgabe der Hochzeitsankündigung. Im Februar liegt im Dorf Taxt auf den Dächern der Häuser noch eine dicke Schneeschicht. Doch das ist kein Hindernis. Am Hochzeitstag stürmen sie mit einer Tasche gewappnet noch vor Sonnenaufgang aus den Häusern und kündigen überall im Dorf die bevorstehenden Feierlichkeiten an. Natürlich erwarten sie für ihren wichtigen Ankündigungsdienst von den Dorfbewohnern auch eine kleine Gegenleistung. Deshalb tragen sie immer die Taschen mit sich. Die Dorfbewohner würdigen die Arbeit der Kinder mit Walnüssen, frischem oder getrocknetem Obst und Schokolade oder Bonbons. »Die Kinder sind die Verkünder der frohen Botschaft«, erklärt mir Nasih. Natürlich sind sich die Dorfbewohner bewusst über die bevorstehende Hochzeitszeremonie, denn sie müssen rechtzeitig die Vorbereitungen für dieses wichtige Fest treffen. Doch wenn die Kinder an den Türen klopfen, tun die Dörfler so, als hätten sie erst jetzt gerade von der bevorstehenden Hochzeit des Pîr Şaliyar erfahren, und danken den Verkündern mit kleinen Aufmerksamkeiten. So wie seit Jahrhunderten.

Alle steuern etwas bei

Die Vorbereitungen für die Hochzeit verlaufen in Hewraman Taxt und den Nachbardörfern in hellster Vorfreude. Am herbeigesehnten Tag der Feierlichkeit verlassen die Männer, gekleidet in ihren traditionellen kurdischen Aufzügen, in aller Morgenfrühe ihre Häuser. Alle bewegen sich in die Richtung des Hauses des Pîr Şaliyar, wo man sich herzlich begrüßt und freudig unterhält. Jede Familie steuert zu den Feierlichkeiten ein Opfertier bei. Welches Tier welche Familie beisteuert, hängt davon ab, wie wohlhabend sie ist. Die Gaben für das Fest werden vor dem Haus geschlachtet. Das für die zweitägigen Feierlichkeiten benötigte Fleisch wird beiseitegelegt und die übrigen Opfergaben werden an bedürftige Familien aus der Umgebung verteilt. Die großen Kessel werden auf den Feuerstellen erhitzt und die Köche erwarten das Fleisch, mit dem sie das traditionelle Hochzeitsessen, die Suppe des Pîr Şaliyar, kochen werden.

Das Kochen der Suppe ist ein fester Bestandteil der Hochzeitszeremonie. Jede Familie bringt Zutaten mit. Erstaunlich, was nicht alles zu dieser Suppe gehört! Zum Beispiel das berühmte getrocknete Obst aus Hewraman – Feigen, Maulbeeren und Aprikosen. Ebenso Trauben, Äpfel, Mandeln, Granatapfelkerne, Walnüsse, auch Bohnen, Kichererbsen und zahlreiche Gewürze. Die Suppe erinnert stark an die Aşuresuppe, die bei den Aleviten in Kurdistan zubereitet wird. Der einzige Unterschied besteht darin, dass hier eine der Hauptzutaten des Gerichts das Fleisch ist. Eine Besonderheit bei der Zubereitung ist außerdem, dass sie ausschließlich von den Männern gekocht wird. Und nicht jeder Mann darf sich an diesem Tag zum Koch ernennen. Denn die Köche wurden bereits bei der Hochzeitsfeierlichkeit des vorangegangenen Jahres zeremoniell zum Mitglied des »Encümen-i Şurâ Hewraman«, einer Art traditionellem Volksrat der Region Hewraman, gewählt. Es ist die letzte Pflicht der Mitglieder des Volksrates, diese Suppe anzurichten. Mich interessiert natürlich, welche Rolle dieser Rat spielt und wie es zu den Wahlen kommt. Doch mein Gesprächspartner Nasih mahnt mich zur Geduld. (Eigentlich sollten wir nun erstmal die Suppe essen … ach wären wir nur da …) Die Rolle des Rates werde er mir noch ausführlich schildern.

Doch zuvor möchte er mir den weiteren Verlauf der Hochzeitszeremonie erzählen. Denn wenn die Bewohner gemeinsam vom Mittagsgebet in der nahegelegenen großen Moschee zurückgekehrt sind, ist die Suppe angerichtet. Alle Anwesenden schöpfen nacheinander sie. Manche kommen sogar mit kleinen Eimern, um die Suppe mit ihrer Familie und ihren Gästen daheim zu verspeisen. Andere kommen mit ihren Tellern und essen auf den öffentlichen Plätzen in der Umgebung des Hauses von Pîr Şaliyar. Anschließend werden Zigaretten geraucht und Schwätzchen gehalten, und erst dann kommt so langsam Bewegung in die Hochzeitsgesellschaft. Die Menschen versammeln sich zum traditionellen »Halperke«, einem Tanz aus Hewraman. Arm in Arm tanzen Jung und Alt zu der Musik der Schlaginstrumente (Tef). Der Tanz befördert die Menschen in eine Art Trance. Es ist, als befreie sich der Geist des Tänzers von dessen Körper und begebe sich auf eine spirituelle Reise. Sobald der Geist wieder den Weg in den Körper des Tänzers zurückgefunden hat, macht dieser seinen Platz im Tanzkreis frei für eine andere Person. Die Menschen lösen sich beim Tanzen ab, ruhen sich kurz aus und betreten dann wieder den Tanzkreis, bis zum Sonnenuntergang. Jene, die sich nicht in den Tanzkreis trauen – es sind Hunderte –, beobachten die Tanzenden von ihren Türschwellen aus. Mit Einbruch der Dunkelheit geht der erste Tag der Hochzeitsfeier zu Ende. Die von außerhalb angereisten Gäste, also aus der Umgebung, werden von den Familien aus Hewraman Taxt an diesem Abend als Gäste eingeladen. So wird bis spät in die Nacht in den Häusern diskutiert, erzählt, gesungen und Gedichte werden vorgetragen.

Mittlerweile sind viele islamische Motive in die Feierlichkeiten eingeflossen

Der zweite Tag des Hochzeitsfestes beginnt mit ähnlichen Ritualen wie am Vortag. Die Männer kommen gegen 10 Uhr bei der Moschee zusammen. Der Imam lässt an diesem Tag die Bedeutung der Hochzeit des Pîr Şaliyar in seine Predigt einfließen. Nach dem Gebet wird erneut die Suppe serviert und von Neuem beginnen die Tänze. Auch an diesem Tag wird bis in die Dunkelheit getanzt und zum Abschluss der Tanzzeremonie werden rituelle Gebete gehalten.

In der Zeit vor dem Islam wurden von der damals zoroastrischen Gemeinschaft zum Abschluss kulturelle Beiträge vorgeführt, begleitet von den Instrumenten Tambur (Saiteninstrument) und der Tef. Doch diese Instrumente wurden unter dem Einfluss des Islams und den Verboten der Islamischen Republik Iran verboten. Mittlerweile sind entsprechend viele islamische Motive in die Hochzeitsfeierlichkeiten des Pîr Şaliyar eingeflossen. Aber dennoch finden sich auch vorislamische Motive und Rituale in der Zeremonie wieder. Wenn sich langhaarige Derwische Arm in Arm in die rituellen Tänze stürzen und in eine Art Trance geraten, dann hat das wenig mit Islam und deutlich mehr mit dem Zoroastrismus zu tun. Doch der Besuch in der Moschee gehört nun ebenso zur Zeremonie. Es wird auch zum Abschluss des zweiten und letzten Festtages gemeinsam in der Moschee zu Abend gebetet. Zu guter Letzt versammeln sich die Menschen nach dem Gebet nochmals im Hause des Pîr Şaliyar. Dort wird gemeinsam gegessen und dann kommt es zu einem äußerst wichtigen Ritual. Nasih unterbricht die Erzählung und fordert mich auf, an dieser Stelle besonders aufmerksam zuzuhören.

Im Dienste der Gemeinschaft

Ich wiederum bitte ihn, mich nicht länger auf die Folter zu spannen, sondern weiterzuerzählen. Er lächelt kurz und fährt in leisem Ton fort, ganz so, als handele es sich um ein wichtiges Geheimnis, das er mir nun preisgibt: »Das Haus des Pîr Şaliyar ist eine Art Parlament, in dem nun Wahlen stattfinden.« Nasih erklärt, dass zum Abschluss der Hochzeitsfeier die Vertreter der Familienstämme an dieser Parlamentssitzung teilnehmen. In Hewraman gibt es zwischen den Familien keinerlei Konflikte. Komme es doch mal zum Streitfall, schalten sich die weisen Männer ein, von denen es in jeder der Familien welche gebe. Diese Männer fungieren als eine Art natürliche Autorität innerhalb der Gesellschaft.

Bis zu tausend Menschen aus verschiedenen Familien kommen an diesem besagten Abend im Haus des Pîr Şaliyar zusammen. So viel Raum ist vorhanden. Jeder Familienstamm bestimmt aus seinen Reihen Mitglieder, die an diesem Abend zu einem Teil der Versammlungsleitung werden. Die Leitung verliert jedoch bei den nachfolgenden Wahlen gleich das Stimmrecht. Der Wahlgang, der völlig gesittet und ohne große Aufregung verläuft, dauert rund eine halbe Stunde. Gewählt wird eine Person, die den freiwilligen Dienst und die gesellschaftliche Verantwortung für die Gemeinschaft übernimmt. Deshalb wird bei den zur Auswahl stehenden Kandidaten besonders auf ihre moralische Integrität und ihr gesellschaftliches Gewissen Wert gelegt. Nicht das gewählte Individuum, sondern der Familienstamm, dem es angehört, steht im Vordergrund. Die Familie, der der Kandidat angehört, wird für das kommende Jahr im Dienste der Gesellschaft stehen. Dementsprechend werden die Familien der Kandidaten bereits vor dem Wahlgang für das kommende Jahr ausgesucht. Die aufgestellten Kandidaten werden durch eine Nuss- oder Obstsorte symbolisiert. Der Prediger der Moschee verkündet den Wahlberechtigten, welches Lebensmittel zu welchem Kandidaten gehört. Die Wahlberechtigten kommen dann mit dem Obst, das für den von ihnen priorisierten Kandidaten steht, zu den Säcken, die als Wahlurnen fungieren, und geben ihre Stimmen ab. Es wird also tatsächlich mit Nüssen und Obst gewählt. Nach erfolgter Wahl und Verkündung des Wahlergebnisses werden die Lebensmittel dann wieder an die Gäste des »Parlaments« verteilt.

Nasih spricht voller Stolz von der Demokratie und dem gesellschaftlichen Nutzen des Wahlvorgangs am Ende der Hochzeitszeremonie. Doch ich muss ihn unterbrechen, denn eine Frage brennt mir die ganze Zeit auf der Seele: »Was ist mit den Frauen? Warum nehmen sie nicht an dem Hochzeitsfest und dem Wahlvorgang teil?« Nasih wirkt etwas perplex auf meine Nachfrage, ganz so, als sei er höchstpersönlich für den Ausschluss der Frauen aus der Zeremonie verantwortlich. Fast schon entschuldigend antwortet er: »Früher waren auch Frauen Teil des Rates. Doch auch Hewraman blieb von der Exklusion der Frauen aus dem gesellschaftlichen Leben durch die Islamische Republik Iran nicht verschont.« Bis in das 20. Jahrhundert hinein erfolgten die Wahlen unter Beteiligung von Frauen. Doch mit der Ausrufung der Islamischen Republik wurde auch das patriarchale Denken der Männer in Hew­raman wiederbelebt und die Frauen wurden aus diesem gesellschaftlich so bedeutenden Ritual ausgeschlossen. Es scheint also ganz so zu sein, dass das patriarchale Gedankengut und Handeln bei Männern, kaum ist die Möglichkeit da, wieder zum Tragen kommt.

Die Bedürfnisse der Gesellschaft werden seit Jahrhunderten erfolgreich und friedlich auf kommunaler Ebene geregelt

Doch zurück zu der gewählten Person. Diese hat nun in der ersten Woche nach der Wahl die Aufgabe, mit den Männern der Großfamilien aus der Region zu sprechen und weitere Mitglieder für den Rat (Encümen-i Şurâ) zu bestimmen, der ein Jahr lang für die Gesellschaft arbeiten soll. In der Regel lehnen die angefragten Personen die ihnen angetragene Verantwortung nicht ab. Zu den Aufgaben des Rates gehört – neben der Organisierung der öffentlichen Infrastruktur sowie des Zugangs zu Wasser, Strom, Benzin –, sich ebenso um die dringenden Bedürfnisse der Hilfsbedürftigen in der Gemeinschaft zu kümmern. Auch werden vom Rat Dienste wie der Transport von Kranken zum nächstgelegenen Krankenhaus oder die Bestattung der Verstorbenen übernommen. Mit der 900-jährigen Tradition des Hochzeitsfestes des Pîr Şaliyar wird also in Hewraman alljährlich eine demokratische Verantwortung an Menschen übertragen, die sich um die Selbstorganisation der Gesellschaft kümmern. Dadurch erübrigt sich für die Bewohner die Notwendigkeit einer allzu starken Bindung  an den und Abhängigkeit vom Zentralstaat. Im Gegenteil, die eigenen Bedürfnisse der Gesellschaft werden seit Jahrhunderten erfolgreich und friedlich auf kommunaler Ebene geregelt.

Das Abschlussritual des Hochzeitsfests des Pîr Şaliyar wird am Freitag der dem Fest folgenden Woche abgehalten. Im Haus des Pîr Şaliyar, das über das ganze Jahr hinweg als heilige Stätte fungiert, wird ein Gefäß zur Kollekte aufgestellt. Sowohl an diesem Freitag als auch bei allen weiteren Besuchen über das Jahr hinweg hinterlassen die Menschen entsprechend ihren Möglichkeiten eine Spende. Die gesammelte Kollekte wird vom Rat verwaltet und wo notwendig eingesetzt.

Am besagten Freitag kommen die Bewohner also nochmals zum Abschlussritual zusammen. Sie bringen ein besonderes Brot mit, das in der Region als »Getemijgê« bekannt ist. Es hat die Form einer Sonne, was auf ihre Heiligkeit in früheren Zeiten hindeutet. Dieses Brot wird von einer verantwortlichen Person des Rats gesammelt, auf einer großen Platte zerbröselt, mit frischem Joghurt vermischt und so zu einer kollektiven Mahlzeit verarbeitet. Nach dem gemeinsamen Essen und den getätigten Spenden kehren die Menschen dann nach und nach in ihre Häuser zurück. Das diesjährige Hochzeitsfest des Pîr Şaliyar ist damit beendet. Im Geiste dieser Zeremonie, die für das kollektive gesellschaftliche Leben steht, übernimmt der Rat seine einjährige Verantwortung für die Gesellschaft. Und Pîr Şaliyar kann im Wissen darüber, dass dieser kollektive Geist weiterhin über seiner Heimatregion herrscht, in Frieden weiter ruhen.