Dohuk statt Rojava oder:

Das widerwärtige Spiel der Großmächte im Mittleren Osten

Ella Bremer

Ella Bremer von der feministischen Kampagne »Gemeinsam kämpfen – für Selbstverwaltung und demokratische Autonomie« war im Juli und August für 4 Wochen gemeinsam mit einigen Genoss_innen in Kurdistan unterwegs.

Geschlossener Grenzübergang nach RojavaAm 13. Juli sind wir mit einer kleinen Gruppe in den Irak, nach Südkurdistan, Hewlêr (Erbil), geflogen, um von dort nach Rojava, in die Demokratische Föderation Nordsyrien zu gelangen. Dort wollten wir ein Waisenhaus in Kobanê besuchen, uns als Sozialarbeiter_innen und Lehrer_innen mit dem Bildungssektor in Rojava vertraut machen, neue Kontakte knüpfen und dringend benötigte Materialien vorbeibringen.

Vier Tage später sitzen wir in Dohuk – in Südkurdistan (bzw. Nordirak) –, einige kurieren den ersten Durchfall aus und alle von uns versuchen mit der Enttäuschung und Wut umzugehen, die das Verwehren der Einreise bei uns auslöst.

Zwei Tage hintereinander, am Sonntag und Montag, sind wir zur Grenze gefahren: Wir hatten offizielle Schreiben dabei, haben unseren Besuch und unsere Pläne angekündigt, sind Gäste von Einrichtungen und Verantwortlichen in Rojava – doch all das zählt nicht.

Was zählt, das sind die Machtspielchen derer, die die Grenze kontrollieren und die wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen mit dem Grenzübergang in Semalka, mit der Aufteilung Syriens, der Neubildung einer irakischen Regierung, der Ordnung der Welt zu ihren Gunsten, verbinden.

Alles nur schlechte Ausreden

»Just NGOs and journalists« ist die erste offizielle Formulierung der Grenzbeamtin im Vorzimmer – nur wenige Meter trennen uns dort physisch von unserem Ziel und den Menschen, die dort auf uns warten. »Warum?«, fragen wir, und: »Was macht unser Anliegen anders als das einer registrierten NGO?«

»HE says no, that‘s it, you cannot pass.« Über Stunden versuchen wir am ersten Tag eine Erklärung für diese Neuregelung, die erst seit wenigen Tagen in Kraft scheint, zu bekommen. Und wir versuchen zu IHM vorzudringen, dem Mann, der hinter der Tür sitzt, hinter der sie, die Beamtin aus dem Vorzimmer, immer wieder verschwindet und dann mit den Pässen und entweder guten oder schlechten Nachrichten zurückkehrt.

Hartnäckig versuchen wir die Absage auszusitzen und fordern immer wieder eine Erklärung ein, gehen ordentlich auf die Nerven und machen unseren Unmut deutlich – ohne Wirkung.

Als wir gehen, lächeln wir noch einmal dem jungen Mann zu, der mit uns im Büro saß. Er steht trotz seiner Zurückweisung direkt am Grenzübergang mit seinen Taschen und viel zu warmen Klamotten. Er wollte offensichtlich als Kämpfer zu den YPG, den Volksverteidigungseinheiten. Erst versuchte er es mit »I want to teach English«, als die Absage kam, sagte er noch »YPG?«, erntete ein Kopfschütteln und verließ mit hängendem Kopf den Raum.

Nun also Dohuk, was uns dort wohl erwartet ...

Bestürzt und hungrig steigen wir also nach stundenlangem Verhandeln und Beratschlagen ins Taxi zurück nach Dohuk – von dort wollen wir es einen Tag später wieder versuchen.

Dohuk ist anderthalb Stunden von der Grenze entfernt und wir kommen in einem Hotel unter, in dem zeitgleich Peschmerga (Sicherheitskräfte) und Vertreter der Regionalregierung Kurdistans tagen. Nur Männer; überhaupt bewegen wir uns in einer Gesellschaft von Männern, auf den Straßen kommen uns nur wenige Frauen entgegen.

Südkurdistan ist eine autonome Region im Irak, regiert von der PDK, der »Demokratischen Partei Kurdistans«. Diese besteht aus undurchsichtigen Clanstrukturen, verfolgt die Idee eines klassischen Nationalstaates und erlaubt der türkischen Regierung Angriffe auf ihr »autonomes« Territorium, wenn es um Rückzugsräume der PKK geht.

Hier orientiert sich alles am Erdöl und an sonstigen Machtinteressen der Regionalmächte und der Einfluss nehmenden NATO-Staaten.

Ein bisschen gruselig ist es mit den Menschen, die in letzter Instanz dafür sorgen, dass wir hier festsitzen, in einem Hotel unterkommen. Nichtsdestotrotz, beim WM-Finale in der Lounge sind alle gleich, es scheint keine akute Bedrohung zu geben und so versuchen wir es am Montag ein zweites Mal.

So einfach gehen wir nicht ...

Diesmal werden wir schon am zweiten von drei Kontrollpunkten angehalten und gar nicht mehr in die heiligen Hallen des »International Office« vorgelassen. Wir versuchen dort also bei »Nummer vier von oben« erneut unsere Vorhaben und unsere Lage zu erläutern und die einzelnen Entscheidungsträger_innen durch dauerhafte Präsenz bei vierzig Grad im Schatten von unserer Ernsthaftigkeit zu überzeugen.

Mit uns ist auch eine zweite Gruppe aus Deutschland dort. Fünf ganz unterschiedliche Frauen; es ist spannend, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sie versuchen ebenfalls bereits zum zweiten Mal eine Erlaubnis zu bekommen. Ihr Ziel ist der Aufbau einer Partnerschaft zwischen Universitäten in Rojava und Deutschland. Auch ihre offiziellen Schreiben interessieren hier keine_n.

Nun stehen wir alle gemeinsam da – Lehrer_innen, Sozialarbeiter_innen, Matriarchatsforscherin und Ärztin, Studentin und Übersetzerin – und lernen die Willkür der Regime um uns herum kennen.

Um die Mittagszeit flammt in unserer Delegation noch mal Hoffnung auf. Zwei von uns werden an die Grenze vorgelassen – und neben einem UN-Mitarbeiter, der sich für unseren »Fall« interessiert, kennt unser Taxifahrer einen Menschen im Büro des »Dritten von oben«, der uns zusichert, dass er noch einmal schauen wird, was möglich ist. Als wir wieder im Vorzimmer der Nummer drei auftauchen, kennt uns die Beamtin dort bereits mit Namen. Einige Minuten später sitzen wir bei çay (Tee) und Wasser zu zweit im Restaurant um die Ecke und warten auf weitere Informationen, während die anderen beiden Taxen ausharren und genau studieren, welche Produkte Rojava verlassen (z. B. viele lebende Tiere) und welche hineingebracht werden (z. B. Fertigprodukte). Außerdem verlassen leere Tanklaster Nordsyrien.

Um 14 Uhr fällt die Entscheidung, dass es nichts weiter zu besprechen gibt und wir die Grenze nicht überqueren werden. Uns bleibt nichts anderes übrig, als wieder nach Dohuk zurückzukehren und weitere Pläne zu schmieden. Den gesamten Abend sitzen wir in der Hotellounge und beratschlagen, wen wir noch einschalten könnten. Die andere Gruppe telefoniert mittlerweile mit dem Auswärtigen Amt und streitet über die Notwendigkeit von wissenschaftlichen Beziehungen zwischen deutschen Hochschulen und den Einrichtungen in Rojava.

Wir bitten auch noch mal einige Abgeordnete und NGOs um das Verfassen eines Solidaritätsschreibens an die »Nummer zwei«. Zwischendrin fällt der Strom aus, das Internet funktioniert nur begrenzt – doch Süßigkeiten vom Basar, çay und Kaffeesatzleserei (»morgen um 11.25 Uhr wird es einen freien Weg geben«) halten die Moral hoch.

Eine rein politische Entscheidung

Die Entscheidung, dass gerade nur wenige Menschen in Semalka die Grenze nach Rojava übertreten können, verdanken wir wohl Nêçîrvan Barzanî, dem Neffen des PDK-Chefs Mesud Barzanî und Cousin von Masrour Barzanî, dem die Verantwortung für den Grenzübergang obliegt. Die Neuregulierung scheint in Kraft, seit Nêçîrvan Barzanî zum Antrittsbesuch bei Erdoğan in der Türkei war.

Die Menschen hier – inklusive Kurd_innen, die aus dem Ausland nach Rojava reisen, weil sie humanitäre Hilfe leisten oder ihre Familienangehörigen sehen wollen – werden damit wie so oft zum Spielball der Machtpolitik Erdoğans, der regionalen Clanstrukturen und all der Staaten, die ihre kapitalistischen und menschenverachtenden Interessen in dieser Region sichern wollen.