»Marx Matinée« zur »marxistischen Moderne«

Die Bedeutung von Karl Marx im kurdischen Befreiungskampf

Reimar Heider, Internationale Initiative »Freiheit für Abdullah Öcalan – Frieden in Kurdistan«

Auf einer Tagung »Marx Matinée« der Rosa-Luxemburg-Stiftungen Rheinland-Pfalz und Saarland am 6. Mai 2018 in Trier sollte anlässlich des 200. Geburtstages von Marx die unterschiedliche Marx-Rezeption in neuerer Zeit beleuchtet werden. Aus der Einladung: »Was denken Marxist_innen heute? Welchen ›Gebrauchswert‹ haben seine Analysen in den täglichen Kämpfen und Auseinandersetzunge? In welchen Projekten lebt Marx fort?« Wir dokumentieren den Beitrag Reimar Heiders für die Talkrunde »Marx‘sche Kapitalismuskritik als Religionskritik«

Wenn es um Marx’ Bedeutung für den kurdischen Befreiungskampf gehen soll, so muss ich zunächst einmal ganz kurz die verschiedenen Phasen der Geschichte des kurdischen Befreiungskampfs umreißen. Und es wird um Abdullah Öcalan gehen, der es als Vordenker der kurdischen Freiheitsbewegung auf (nach einer aktuellen Zählung) einundachtzig veröffentlichte Bücher bringt und der seit fast zwanzig Jahren im Gefängnis sitzt, die letzten drei davon in totaler Isolation ohne den geringsten Kontakt zur Außenwelt.

Zweite Kongress der PKK im August 1982Kurzer geschichtlicher Abriss

Aufbaujahre (1973–1983)

Die Aufbaujahre umfassen rund zehn Jahre zwischen der Bildung der ersten Gruppe um Abdullah Öcalan 1973 und der Aufnahme des bewaffneten Kampfes gegen das türkische Regime im Jahre 1984. In dieser Zeit entstand eine ganze Reihe von theoretischen und programmatischen Texten, die heutzutage alle online – wenn auch oft nur in türkischer Sprache – verfügbar sind, darunter das Gründungsprogramm der PKK von 1978.

Wenn wir uns diese Texte, die zumeist nach kollektiver Diskussion von Abdullah Öcalan verfasst wurden, betrachten, so finden wir darin die Spuren einer ausgiebigen Marxlektüre der frühen Protagonist_innen. Die Partei definiert sich als proletarische Partei, die politische Situationsanalyse geht von den unterschiedlichen Interessen der verschiedenen Klassen aus.

Kampfjahre

In den Jahren, als die Guerilla von rund 30 Kämpfer_innen auf bis zu 30.000 anwuchs, spielten praktische Probleme eine Hauptrolle. Fragen von Macht und Bürokratie gerieten in den Vordergrund, da die Volksbefreiungsarmee (ARGK) ganze Gebiete zumindest zeitweise kontrollierte. Gleichzeitig wurde eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Religion wichtiger, da weite Teile der Bevölkerung religiös waren und sind, gleichzeitig aber viele verschiedene religiöse Gruppen sich das Land teilen.

Eine der erstaunlichsten Leistungen der kurdischen Freiheitsbewegung ist, als nichtreligiöse Bewegung in einer religiösen Gesellschaft zur Massenbewegung zu werden. Ein Schlüssel liegt in einer genauen Kenntnis der verschiedenen Glaubensrichtungen und dem Verzicht auf direkte Konfrontation. Religion wird dialektisch in ihren verschiedenen Funktionen betrachtet: Einerseits spendet sie Gemeinschaft, bietet Menschen eine moralische Leitlinie und eine Erzählung über Vergangenheit und Zukunft. Andererseits wird die Religion zum Spielball der Interessen der Herrschenden und dient dazu, Gemeinschaften gegeneinander aufzuhetzen – bis hin zum Völkermord. So wird es möglich, dass überall, wo die Bewegung einflussreich ist, die verschiedenen Gemeinschaften kooperieren und sich nicht bekämpfen.

Neues Paradigma (1999–heute)

Nach der Verschleppung Abdullah Öcalans aus Nairobi im Jahre 1999 und dem folgenden, rund fünf Jahre anhaltenden Waffenstillstand unterzog die Bewegung ihre theoretischen Grundlagen einer umfassenden Neubewertung. Dabei spielten die Gefängnisschriften des Vordenkers Öcalan eine entscheidende Rolle, in denen er sowohl die eigene politisch-praktische Erfahrung als auch die Lektüre von marxistischen und anderen Autor_innen von Hegel bis Murray Bookchin verarbeitete. Die auf dieser Grundlage erfolgte Neuausrichtung der Bewegung bildet den Hintergrund für die Revolution in Rojava/Nordsyrien, aber auch für die Politik der HDP (Demokratische Partei der Völker) in der Türkei.

Bedeutung Marx‘

Worin liegt nun also die Bedeutung Marx‘ für die Bewegung über die Jahre? Ich möchte eine Reihe von theoretischen und praktischen Bezugspunkten vorstellen, die verdeutlichen, wie die kurdische Freiheitsbewegung im Wesentlichen der Philosophie und der Methode von Marx folgt – und wo sie es nicht tut.

Den Anfang bildet eine Episode aus der Zeit der 1968er-Bewegung in der Türkei. Öcalan, der in seiner Jugend durchaus religiös gewesen war, fiel ein Exemplar von Leo Hubermans »Das ABC des Sozialismus« in die Hände, einer populären Einführung in den Marxismus. Er verschlang es und kam zu dem Schluss: »Mohammed hat verloren, Marx hat gewonnen.«
Die türkischen Übersetzungen jener Zeit von Marx‘ Werken genießen einen zweifelhaften Ruf und wurden später vielfach kritisiert und revidiert. Außerdem war die neue Bewegung nicht in erster Linie an ökonomischen Details interessiert, sondern an der Theorie und Praxis der von Marx und Lenin inspirierten Befreiungskämpfe in Kuba, Angola und vor allem Vietnam. Und dennoch bilden einige Kernelemente der Philosophie von Karl Marx seit fünfundvierzig Jahren die ideologischen Herzstücke der kurdischen Befreiungsbewegung. Viele davon sind der Bewegung dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie gar nicht mehr als von Marx stammend wahrgenommen werden.

Geschichte

Da wäre zunächst die Geschichtsphilosophie. Alle Verhältnisse sind von Menschen gemacht und können von Menschen verändert werden. Dazu kommt die Zuversicht, dass sich die Geschichte mit einer gewissen Zwangsläufigkeit auf den Sozialismus zubewegt, wobei es aber noch das Eingreifen bewusster Revolutionär_innen benötigt. Wenn derartiger Determinismus auch in letzter Zeit ausführlich innerhalb der Bewegung kritisiert wird, so ist doch das Bewusstsein, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, ziemlich hilfreich, wenn man es gleichzeitig oder nacheinander mit dem NATO-Staat Türkei und seinen Folterknechten, den arabischen Despoten in Syrien und dem Irak sowie der Theokratie der Mullahs im Iran aufnehmen will.

Darüber hinaus erweist sich Öcalan aber als Schüler jener Methode, die Engels in »Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats« vorexerziert. Anhand der aktuellsten Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Forschung versucht er, die Historizität der Grundlagen der heutigen Gesellschaft aufzudecken und zu kritisieren. Wie Engels geht es ihm dabei um den Ursprung des Staates, allerdings befasst er sich ausführlich mit den tatsächlich allerersten Staaten, den sumerischen Stadtstaaten wie Uruk und Nippur, von deren Existenz Marx und Engels noch nichts wissen konnten. Heraus kommt dabei eine faszinierende Analyse der theologischen Grundlagen des staatlichen Denkens von der sumerischen Mythologie bis zur säkularen Religion des Nationalismus.

Größtes Augenmerk gilt aber den vor den Staaten existierenden nichtstaatlichen Strukturen, zu denen der Staat die Antithese bildet. Diesen Strukturen und ihrer Fortexistenz in oppositionellen religiösen und philosophischen Bewegungen widmet Öcalan größte Aufmerksamkeit. Langsam hat er sich dabei von Marx‘ Postulat, alle Geschichte sei die Geschichte von Klassenkämpfen, wegbewegt. Heute begreift die Bewegung die Geschichte als Geschichte der Konflikte zwischen der staatlichen, urbanen, patriarchalen Zivilisation und den kommunalen Widerständen dagegen. Diese können von Frauen geführt werden oder von heterodoxen religiösen Gruppen, von unterdrückten Völkern und ethnischen Gruppen oder von Gemeinschaften mit oppositionellen Philosophien einschließlich des wissenschaftlichen Sozialismus.

In vielerlei Hinsicht, so meine These, unternimmt Öcalan für den Mittleren Osten das, was Marx und Engels für die westliche Geschichte getan haben: eine Geschichtsschreibung aus der Sicht der Unterdrückten, mit dem Ziel der Befreiung, mit den Methoden des historischen Materialismus.

Damit wären wir beim zweiten Punkt: dem dialektischen Denken.

Dialektik

Wie Marx denkt Öcalan alles in Beziehungen, in Bewegung, in Widersprüchen. Die gesamte Geschichte der Zivilisation, die er in vielen Bänden untersucht, besitzt demnach eine Antithese, eben die von der staatlichen Zivilisation unterdrückten Frauen, Völker und heterodoxen Glaubensgemeinschaften und Bewegungen.

Eine der Methoden der politischen Arbeit der Bewegungen ist, Menschen mit verschiedenen soziokulturellen Hintergründen zusammenarbeiten zu lassen, also zum Beispiel eine kleinbürgerliche Studentin aus Istanbul mit einem analphabetischen Hirten aus einer Bergregion Kurdistans. Die entstehenden Konflikte werden dann analysiert und diskutiert und dienen als Bildungsmaterial für die gesamte Bewegung. So werden Widersprüche produktiv nutzbar gemacht.

Internationalismus

In bester Tradition von Marx denkt die PKK die Befreiung im Mittleren Osten als eine Befreiung aller Unterdrückten, nicht nur der Kurdinnen und Kurden.

Die kurdische Freiheitsbewegung war von vornherein als eine internationalistische konzipiert. Die erste Dreiergruppe der Bewegung bestand aus zwei Türken und einem Kurden. Die Befreiung Kurdistans wurde in den 1970ern im Kontext einer sozialistischen Revolution im Mittleren Osten gedacht. Die Ausbildung der ersten Guerillakämpferinnen und -kämpfer erfolgte in den Lagern der palästinensischen PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas).

Der kurdische Nationalismus, der zumeist in Form von Kollaboration mit den staatlichen Mächten daherkommt, wurde von Anfang an kritisiert und bekämpft. Dieser Hintergrund ist wichtig zu kennen, wenn heutzutage nicht nur die bürgerliche Presse von einem »kurdischen Staat« in Nordsyrien schwa­droniert. Auf einer Reise durch Nordsyrien habe ich kürzlich den riesigen Friedhof von Kobanê gesehen, wo die meisten der Freiwilligen begraben liegen, die dem Islamischen Staat seine wichtigste Niederlage zugefügt haben. Mehr kurdische Freiwillige sind jedoch bei der Befreiung der sogenannten »arabischen« Städte gefallen, wo die syrisch-demokratischen Kräfte ein multiethnisches und multireligiöses Rätesystem aufbauen.

Frauenbefreiung

In der Betonung der Frauenbefreiung geht die Bewegung über Marx und fast alle anderen revolutionären Bewegungen weit hinaus. Marx lieferte zwar mit seiner Mehrwerttheorie die Grundlage auch der Analyse der Reproduktion, jedoch geht es ihm im Wesentlichen um die Produktion. Ausgehend von der Analyse der Geschlechterfrage als dem wesentlichen sozialen Widerspruch im Mittleren Osten interpretiert Öcalan hingegen das Verhältnis von »Reproduktion« und »Produktion« andersherum: Die wesentlich von Frauen getragene Ökonomie der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Kleidung und der Aufzucht von Kindern ist die eigentliche, die gebrauchswert­orientierte Ökonomie, während die mal tauschwertorientierte, mal auf gewaltsamer Plünderung basierende »Ökonomie« eine Entwicklung der Männer ist. Belege für den mehrere Jahrhunderte – wenn nicht Jahrtausende – währenden Übergang von einer matriarchalen Ökonomie zu patriarchalen Gewaltverhältnissen in den sumerischen Stadtstaaten findet Öcalan in altmesopotamischen Texten.

Sichtbaren Ausdruck findet die Haltung zur Frauenbefreiung nicht nur in der großen Zahl autonom organisierter Kämpferinnen in der Guerilla und den Selbstverteidigungsstrukturen in Nordsyrien, sondern auch in der gemischtgeschlechtlichen Doppelspitze in sämtlichen Gremien auf allen Ebenen der politischen Arbeit, einschließlich eines Vetorechts der Frauenstrukturen.

»Philosophie der Praxis«

Der vielleicht wichtigste Punkt aber, an dem die Bewegung von Marx inspiriert ist und der in der Beschreibung als »kämpfende Bewegung« schon mitschwingt, ist die Auffassung von marx‘schem Denken als einer »Philosophie der Praxis«. Die theoretische Auseinandersetzung dient nicht der Rechthaberei oder dem Füllen von Zeitschriftenseiten, sondern dem Erkenntnisgewinn für die politische Praxis. Die Praxis wiederum ist der Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung der Theorie. Dies ist in der kurdischen Bewegung in so großem Maße erfolgt, dass sie sich gutschreiben kann, dem Korpus der sozialistischen Literatur mehr hinzugefügt zu haben als nur ein paar Fußnoten.

So entwickelt die Bewegung immer neue Methoden, bestehende Machtverhältnisse abzubauen und durch egalitäre Strukturen zu ersetzen.

Fazit

Mit ihrer kreativen Marx-Rezeption und einer ständigen, lebendigen Auseinandersetzung mit vielen Fragen der sozialistischen Theorie und Praxis stellt die kurdische Freiheitsbewegung die heute vielleicht bedeutendste revolutionäre Bewegung in der Tradition von Karl Marx dar. Dass viele Marxist_innen davon kaum etwas wissen, ist ein trauriger Zustand, an dessen Beseitigung wir aktiv arbeiten.

Die Revolution in Nordsyrien ist bedroht, nicht nur durch die Türkei und ihre islamistischen Söldnertruppen. Auch die deutsche Bundesregierung bekämpft die Bewegung aufs Heftigste. Öcalan, auf dessen Ideen die Revolution in Nordsyrien wesentlich aufbaut, ist in der Türkei seit drei Jahren vollständig von der Außenwelt isoliert, seit fast sieben Jahren hat er keinen Kontakt mehr zu seinen Anwält_innen gehabt. Der Protest gegen diese Zustände fällt hierzulande – außer bei Kurd_innen – leider sehr bescheiden aus. Ich rufe alle auf, die Revolution und die sie tragende Bewegung besser kennenzulernen und sich vor Ort mit ihr zu solidarisieren.