Interview über die Situation und Perspektiven der Frauen in Rojava

Befreiung der Frauen hängt mit der Befreiung der Gesellschaft zusammen

Fatma Letko, Sprecherin des Diplomatie-Komitees des Kongreya Star des Kantons Efrîn, im Gespräch mit Ramazan Mendanlioğlu, 14.05.2018, Amûdê

Hallo, kannst du dich bitte vorstellen?

Mein Name ist Fatma Letko, ich bin Sprecherin für diplomatische Beziehungen des Kongreya Star [Dachorganisation der Frauenbewegung in Nordsyrien-Rojava].

Kannst du ein wenig über die Rolle und Organisierung der Frauen in Efrîn erzählen? Mich interessiert insbesondere die Frauenarbeit und -perspektive. Welche frauenspezifischen Tätigkeitsfelder hattest du, welche institutionellen Strukturen hatte Kongreya Star? Welchen Einfluss hatte die fraueneigene Organisierung auf die Gesamtgesellschaft in Efrîn? Was in diesem Bereich ist durch den türkischen Angriff zerstört worden?

Ich bin 2011 der Frauenbewegung beigetreten. Es war notwendig, dass sich Frauen im Hinblick auf ihre damalige Situation Gedanken um existentielle Fragen machen. Für ein gerechtes und würdiges Leben mussten sie sich auf eine Suche begeben, sich selbst suchen. Sie stellen sich dabei die Entwicklung der Gesellschaft und die familiären wie frauenspezifischen Probleme betreffende Fragen und suchen nach möglichen Lösungen. Die Existenz der heutigen Frauenbewegung und -organisierung ist ein Resultat dieser Suche. Damals haben kurdische Frauen die Yekîtîya Star [Vorgängerorganisation von Kongreya Star] gegründet, mit dem Ziel, die Frauen auf diversen Feldern zu organisieren. Die Absicht war es, die Frauen so weit wie möglich zu emanzipieren, weil wir glauben, dass ihre Befreiung mit der Befreiung der gesamten Gesellschaft zusammenhängt, damit einhergehend die Befreiung des kurdischen Volkes und seiner politischen Gefangenen wie z. B. Abdullah Öcalan. Natürlich ist dabei die autoritäre patriarchale Mentalität eine der größten Herausforderungen und etwas, das grundlegend bekämpft werden muss.

Als die Revolution begann und Selbstverwaltungsstrukturen aufgebaut wurden, war es unser Anliegen, auch die Frauen zu organisieren. Wir haben frauenspezifische Räte und Kommunen gebildet, auf allen erdenklichen gesellschaftlichen Feldern sollten Frauen organisiert werden, so dass sie überall präsent und aktiv sind.

Auf der untersten Ebene wurden also Kommunen gegründet, innerhalb derer gibt es Komitees für bestimmte thematische Bereiche. Jede gemischte Kommune hatte ein Frauen-Komitee. Was haben sie gemacht? Sie haben die Frauen zu Hause besucht und deren Probleme angehört. Wie ist ihre Lage in Ehe, Familie und Gesellschaft?

Frauen-Leben-Freiheit – Protestaktion gegen den Angriffskrieg der Türkei gegen Efrîn. Foto: ANHAWir strebten einen Wandel der rückständigen Mentalität und der passiven Haltung der Frauen an. Es war notwendig, dass sich ihre Mentalität ändert, damit sie sich wieder selbst erkennen und in Richtung einer demokratischen Mentalität und einer freien Gesellschaft bewegen können. Deshalb haben wir Bildungskomitees gegründet. Sie haben diverse Bildungsveranstaltungen organisiert oder ganze Akademien gegründet, in denen Themen wie Verteidigung der Frauen in der Gesellschaft, Staat oder das Konzept der Autorität behandelt wurden. Weitere Themenkomplexe waren Frau und Familie, Sexismus, religiöser Fundamentalismus usw. Sehr unterschiedliche Themen und Perspektiven wurden in diesen Bildungseinheiten bearbeitet, so dass sich die Frauen langsam, aber sicher weiterentwickeln bzw. selbst erkennen konnten. Des Weiteren wurden diverse politische und soziale Aktivitäten durchgeführt. So gestalteten sich die Organisierung und der Aktivismus der Frauen.

Natürlich wirkte sich all das auf die Gesamtgesellschaft aus. Wenn wir beispielsweise eine Frau besuchten, haben wir gemeinsam diskutiert: Was ist zu tun, was ist notwendig? Die eigene Muttersprache soll gesprochen, die eigene Kultur verteidigt werden. Wie können wir positive Traditionen am Leben erhalten? Wie haben die Frauen in lange vergangenen Zeiten gelebt? Wie sollte unser gemeinsames Leben mit arabischen oder turkmenischen Frauen gestaltet sein? Wir haben eine gemeinsame Geschichte. Was ist Nationalismus? Diese und andere Themen wurden diskutiert; wir wollten dabei eine Sensibilisierung für eine Frauengeschichte und Frauenidentität herbeiführen und die Frauen von der sexistischen Unterdrückung befreien.

Unser Ziel war es, eine egalitäre Gesellschaft, Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, den verschiedenen ethnischen Gruppen und Volksgruppen in Efrîn zu schaffen.

Ich muss betonen, dass die Menschen diese Perspektive sehr begrüßt haben und dafür sehr offen waren, insbesondere die Frauen. Ob Kinder, Jugendliche oder Frauen, alle kamen auf uns und unsere Arbeit zu, alle organisierten sich um die Yekîtîya Star. Wir haben zu dieser Zeit ein wichtiges Fundament gelegt.

Ich möchte auf Folgendes hinweisen: Als die Frauen 2011 angefangen haben sich zu organisieren, gründete sich das auf eine vierzigjährige Erfahrung und den Kampf der Frauen in der PKK, der in den Bergen Kurdistans begonnen hatte. Wir lehnen die Stigmatisierung der PKK als terroristisch ab, das werden wir niemals akzeptieren, weil sie die Partei der Unterdrückten, der Armen und der Frauen ist. Sie kämpft für die Befreiung und ist verliebt in die Freiheit. Die Freiheit des Lebens und aller Völker. Natürlich akzeptieren die Unterdrücker diese Tatsache nicht, deshalb diffamieren sie die PKK mit solchen Bezeichnungen, um ihren Widerstand zu beenden. Eigentlich ist der Kampf der PKK gleichzeitig der Kampf der Frauen. Wenn die Unterdrücker die PKK als terroristisch bezeichnen, sagen sie damit eigentlich, die Frauen seien »Terroristinnen«. Wenn wir in die Geschichte zurückblicken, dann war dies sehr oft der Fall: Die Frau war immer eine »Terroristin«. Die Frau sei eine Hexe, eine Schlange, hinterlistig, sie würde lästern, sei teuflisch, eine Sünderin etc. Auf diese Weise haben sie die kommunale und matrizentrische Gesellschaft zerstört und sukzessive das Patriarchat errichtet.

Wenn wir vom Patriarchat sprechen, wollen wir nicht falsch verstanden werden: Wenn wir sagen, wir bekämpfen den Mann, dann heißt das nicht, dass wir ihn in Person bekämpfen, sondern die patriarchale Mentalität und die entsprechenden Strukturen. Die Strukturen sind so stark und verfestigt, dass auch die Frau sie reproduziert, beispielsweise in der Erziehung der Kinder. Insofern bekämpfen wir eine unterdrückerische Mentalität, die auch die Frauen haben. Das ist der Charakter unseres Kampfes, der noch in den Anfängen steckt. Wenn heute im Nahen und Mittleren Osten ein – wie schwach oder stark auch immer – freiheitlicher Wind weht und die freie Frau sich entwickelt, ist das natürlich ein Ärgernis für die Unterdrücker und despotischen Staaten wie die Türkei oder den Iran in der Region, aber auch für die patriarchalen Staaten in anderen Regionen der Welt. Diese Staaten forcieren stets die Absicherung ihrer Herrschaft über die Gesellschaft. Dabei bedienen sie sich spezieller Techniken zur Beeinflussung und Kontrolle, die zunächst bei den Frauen und der Jugend eingesetzt werden. Über diffuse Kontrollmechanismen gegenüber den Frauen und der Jugend wird die ganze Gesellschaft im Griff gehalten. So ist es zumindest im Nahen und Mittleren Osten.

Wir als Frauen wollen diese Fesseln loswerden und diese Mentalität durchbrechen. Wie können wir das schaffen, haben wir uns gefragt. Dafür haben wir versucht, den Feind zu analysieren, ihn gut zu verstehen, seine Techniken und Taktiken zu verstehen, welche Spielchen er treibt, auf welche Weise er den Frauen ihre Freiheit und Gleichberechtigung genommen hat – wie können wir auf all das reagieren? Diese Umstände machen eine Frauenorganisierung und -organisation sowie die Aufklärung der Gesellschaft unabdingbar.

Wir müssen uns daher mit der unterdrückten Frau solidarisieren und ihre Befreiung anstreben. Wir müssen ihr sagen: Wann und an welchem Punkt hast du deine Selbstbestimmung verloren, wie ist es zu einem solchen Ausmaß der Fremdbestimmung gekommen? Die Frauen brauchen eine Antwort auf diese existenziellen Fragen. Und derjenige, der uns die Richtung in dieser Suche aufzeigte, und das sage ich sehr bestimmt und stolz, war der Vorsitzende Apo [Abdullah Öcalan]. Durch seine Ideen und praktischen Konzepte ist es der gesamten Gesellschaft möglich, sich in Richtung eines befreiten Zustands zu bewegen. Leider ist der Initiator und Ideengeber dieser Entwicklungen seit nun 19 Jahren in einem türkischen Gefängnis. Das ist für uns ein nicht hinnehmbarer Umstand, wir akzeptieren nur die Fortsetzung der Frauenbefreiung, also der Ideen Abdullah Öcalans.

Die Frauenorganisierung war Triebfeder und Fundament der 2011 begonnenen Revolution hier in Nordsyrien. Ohne Organisierung hätten die Frauen kaum etwas an ihrer unterdrückten Lage verändern können und wären wieder in die Abhängigkeit des syrischen, islamischen oder türkischen Staates geraten. So haben sie sich und mit ihnen die Gesellschaft organisiert und entsprechend auf das Chaos im syrischen Bürgerkrieg reagiert. Es wurden Konferenzen und Kongresse durchgeführt, auf denen der Umgang mit dem Krieg aus der Frauenperspektive diskutiert wurde.

Heute ist es wichtig, dass wir Rojava unbedingt verteidigen. Wenn wir Rojava verteidigen, verteidigen wir auch Syrien. Unsere Organisierung macht den Frauen in Idlib, Damaskus, Homs oder Dera Zor Hoffnung und Mut – sie haben dort sehr stark gelitten.

Kannst du bitte die einzelnen Fraueninstitutionen benennen, die es in Efrîn gab? Welche spezifischen Frauenorganisationen wurden ins Leben gerufen?

Ja. Am Anfang gab es Yekîtîya Star, doch war ihre damalige Rolle zu eng geschnitten. Als dann auf dem 6. Kongress der Yekîtîya Star die Umorganisierung beschlossen und Kongreya Star gegründet wurde, waren wir wesentlich offener und breiter aufgestellt. Wir wurden damit zur Frauenbewegung für alle Frauen in Rojava. Alle einzelnen Institutionen und Vereine der Frauen, Frauen in Parteien und den Selbstverwaltungsstrukturen, in den Räten und Komitees, in den Kommunen, Verteidigungsstrukturen etc. waren unter dem Dach von Kongreya Star vereint. Mit dieser integrativen offenen Haltung war es uns nun für Kongreya Star möglich, jede Frau und ihre Rechte zu verteidigen, egal wo sie sich befindet. Als 2014 die demokratische Autonomie ausgerufen wurde, hatten wir innerhalb der Selbstverwaltungsstrukturen eine vierzigprozentige Geschlechterquote, mit Kongreya Star liegt sie jetzt bei fünfzig Prozent. Und das hast du nirgendwo auf der Welt, dass die politische Administration einer Gesellschaft zur Hälfte aus Frauen besteht. In der demokratischen Autonomie ist der Kongreya Star als explizite Vertretung und Organisation der Frauen enthalten. Auch die Frauen in Tev-Dem (Bewegung der demokratischen Gesellschaft) waren nun unter dem Dach des Kongreya Star organisiert. In der demokratischen Autonomie gibt es eine Frauenkommission, eine Art Frauenministerium, etatistisch gesprochen, in der alle Frauenstrukturen vertreten sind. Damals im Januar 2014 wurde ich zur Vorsitzenden gewählt. Unsere Aufgabe war es, den Frauen in der demokratischen Autonomie in allen Aspekten zu helfen und auch den Frauen außerhalb der Organisationsstrukturen jede mögliche Hilfe anzubieten, beispielsweise ökonomische Unterstützung, Projekte für Kinder oder Bildungsmaßnahmen.
Kommen wir zu den einzelnen Teilbereichen des Kongreya Star und ihrer Arbeitsweise. Wir haben eine allgemeine Koordination auf kantonaler Ebene, die die diversen Tätigkeiten abstimmt. Sie trifft sich regelmäßig zwei bis vier Mal im Monat mit den Frauen in Tev-Dem, mit der Bewegung der Jungen Frauen, den Frauenverteidigungsstrukturen und mit den diversen fraueneigenen Räten in Sitzungen. Dabei berichtet jede Einheit über die aktuelle Lage, die Tätigkeiten, Probleme etc. Es wird diskutiert und Weiteres abgesprochen, außerdem werden künftige Problem- und Tätigkeitsfelder in die Planung mit aufgenommen, die bearbeitet werden sollen. Auf diese Weise kommen die Probleme von unten nach oben, werden diskutiert und gemeinsam entschiedene Maßnahmen bzw. Lösungsvorschläge wieder nach unten getragen. Das ist die Arbeitsweise von Kongreya Star. Eine, wie ich finde, sehr gut organisierte und tolle Sache!

Für die Realisierung der diversen Aufgaben haben wir Komitees, zum Beispiel für Ökonomie, Diplomatie, Politik, Jugend etc. Auch die Komitees treffen sich regelmäßig und führen ihre Planung bzw. die delegierten Aufgaben in der Gesellschaft, in den Räten und Kommunen sowie Institutionen, durch. All die Komitees sind miteinander verbunden und kommunizieren untereinander. Du musst dir das wie ein organisches, zirkuläres und sehr dynamisches Ganzes vorstellen. Es bewegt sich in beiden Richtungen, von unten nach oben und von oben nach unten, bei gleichzeitiger horizontaler Verlinkung aller organisatorischen Einheiten. Auf diese Art ist es möglich, dass sich die Frauen überall in der Gesellschaft organisieren. Und diese Art und Struktur der Arbeit von Kongreya Star hat wirklich einen enormen Einfluss auf die Gesellschaft.

Auch viele unserer arabischen Frauen haben sich uns angeschlossen und arbeiten mit uns zusammen. Wir haben arabische Schwestern auch in der demokratischen Autonomie, in den Räten und Kommunen sowie in den Bildungsstrukturen u. v. m.

Natürlich geriet der Feind deshalb in Panik. Der IS und Individuen und Gruppen mit dessen Mentalität fragten sich, wie es sein könne, dass sich Frauen im Nahen Osten so organisieren.

Wenn sich Frauen organisieren, dann ist das eine Bedrohung für die ganze Welt – nicht für die Gesellschaften, sondern eine Gefahr für den patriarchalen Staat. Ob hier in der Region oder in Staaten in der NATO. Ihr Angriff auf Efrîn war eigentlich ein Angriff auf die Werte und Strukturen der Frauen. Als die militärischen Angriffe begonnen wurden, waren die ersten Ziele historische Stätten mit einer matriarchalen oder kurdischen Geschichte. Schade, dass du nicht in Efrîn warst, als die türkische Armee ihre Angriffe begann, du hättest es sehen und untersuchen können. Ihre Absicht dabei war, die jahrtausendealte kurdische Geschichte und damit die Erinnerung auszulöschen.

Du hast von Bildungsmaßnahmen erzählt. Welche Bildungsinstitutionen gibt es in Efrîn und was ist der Inhalt der Bildung?

In Efrîn haben wir Akademien eröffnet, Akademien der Frauen bzw. des Kongreya Star. Sowohl in Efrîn-Stadt als auch in kleineren Orten im ganzen Kanton gab es Akademien. Alle Frauen in den Selbstverwaltungsstrukturen, ob normale Frauen aus den Kommunen oder Funktionsträgerinnen in den Strukturen – alle kamen für Bildungs- und Fortbildungsmaßnahmen in die Akademien. Eine Bildungsphase dauerte dort zwischen zwei und vier Wochen. Bildungsinhalte waren die Bedeutung von Bildung, Geschichte der kurdischen Frauen und der Frauen allgemein, Politik und Administration, Staat und Autorität, Sexismus, religiöser Fundamentalismus, Kultur und Moral, Geschichte Kurdistans und kurdische Geschichte. Das waren so die hauptsächlichen Themen, zudem wurde sehr viel über Selbstbestimmung und Selbstermächtigung sowie eine demokratische Gesellschaft diskutiert. Es waren also sehr breit gefächerte und tiefgründige Themen. Der Unterricht war sehr offen, es wurde sehr viel diskutiert. Auf diese Weise reflektierten und öffneten sich die Frauen. Sie fragten sich: Wie habe ich bisher gelebt, wie werde ich in Zukunft mein Leben gestalten?

Natürlich trug das Ganze zur Entwicklung der Frauen und damit auch der Gesellschaft bei.

Was kannst du über die Männer aus Efrîn erzählen, ob in den Selbstverwaltungsstrukturen oder allgemein: Wie sind sie mit der Frauenorganisierung umgegangen? Gab es Probleme? Wie haben sie sich dazu verhalten?

Wenn die Männer die Gleichberechtigung der Frauen in der Gesellschaft akzeptieren und keine Probleme bestehen würden, wären solche Maßnahmen ja nicht erforderlich. Natürlich haben wir diesbezüglich viel erlitten und haben bis heute Schwierigkeiten.

Zum Beispiel?

Zu Beginn der Revolution zum Beispiel wollten sehr viele Frauen in der öffentlichen Sphäre, in den Selbstverwaltungsstrukturen mitmachen. Ihre Ehemänner [wörtliche Übersetzung: Lebenspartner] waren oft dagegen: »Was wollt ihr machen, was wollt ihr draußen? Kocht uns lieber eine gute Mahlzeit und kümmert euch um die Erziehung der Kinder. Wollt ihr nun Kurdistan befreien oder wie?« Sie nahmen es nicht ernst und amüsierten sich über den Willen ihrer Frauen. Ihre belustigte Haltung gegenüber der Frau in der Öffentlichkeit war zugleich eine abschätzige Haltung gegenüber der Hausarbeit der Frauen. Als ob Hausarbeit und Kindeserziehung eine niedere Arbeit seien. Dabei ist eine freie Frau eine Bereicherung für die ganze Familie, auch wenn sie »nur« Hausarbeit macht, weil sie ihre Kinder auf der Basis demokratischer und liberaler Werte großzieht, sie macht das Zuhause zu einer Akademie. Und das ist das Wichtige für uns. Ob die Frau zu Hause oder in der Öffentlichkeit tätig ist, spielt keine Rolle, wenn sie selbstbestimmt ist und die entsprechende Haltung hat. Der Wandel der patriarchalen und passiven Mentalität ist uns wichtig.

Ich nenne dir ein Beispiel: Als wir 2015 die Frauengesetze erließen, waren die Reaktionen der Männer sehr ablehnend. Wir haben als die allgemeine Frauenkommission den Gesetzentwurf dem Volksrat vorgeschlagen, sie wurden dort bewilligt und in Kraft gesetzt. Auf allen Sitzungen, in allen Bildungseinheiten wurden die Frauengesetze hinsichtlich ihrer Bedeutung, Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit breit diskutiert. Es ist das erste Mal im Nahen und Mittleren Osten – auch in der Welt, denke ich –, dass Gesetze von Frauen in Bezug auf Frauen entwickelt und etabliert worden sind. Die Gesetze gelten für die gesamte Gesellschaft, samt den verschiedenen ethnischen oder religiösen Gruppen, nicht nur für Christen oder Êzîden, sondern für alle.

Und die Männer haben sehr hart dagegen angekämpft. Die Frauengesetze beinhalten z. B. das Polygamie-Verbot und das Verbot der Ehe unter 18 Jahren, egal für welches Geschlecht. Ferner muss das Erbe unter Töchtern und Söhnen gleich aufgeteilt werden. Auch Gesetze über die Rechte der Frauen in den Räten und Kongressen sind Inhalt der Frauengesetze. Des Weiteren muss Frauen und Männern bei gleicher Arbeit der gleiche Lohn ausgezahlt werden. An dieser Stelle sei an den internationalen Weltfrauentag am 8. März erinnert, der in engem Zusammenhang mit Lohngleichheit steht. Wenn wir in unserem Terminus von Gleichberechtigung in den Strukturen sprechen, dann meinen wir damit eine Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen, eine grundsätzliche Egalität.

Ferner beinhalten die Frauengesetze das Verbot der Arbeit bzw. von Geschäften auf Kosten der Frauen und Kinder. Auch ist Betrug in der Ehe verboten. Weder Männer noch Frauen sollten den Lebenspartner betrügen. Wenn sie sich lieben und heiraten, dann sollte das mit Respekt gelebt werden. Auch die Scheidung ist nur in bestimmten Kontexten, der häuslichen Gewalt oder des Betruges, möglich.

Viele Männer reagierten darauf mit Äußerungen wie »Warum erlaubt ihr uns nicht, mehrere Frauen zu heiraten? Vielleicht kriegen wir keine Kinder und wollen es mit einer anderen versuchen?«. Diese Haltung sehen wir als Ausdruck einer sexistischen und patriarchalen Kultur.

Eine andere Kritik war, dass Staaten Gesetze erlassen würden, eine sich selbst verwaltende moralische Gesellschaft brauche keine Gesetze, die Gesellschaft habe ihr eigenes Recht. Dazu sagen wir: Wir haben diese Gesetze entwickelt und etabliert, weil sie auf den egalitären Werten der matriarchalen Kultur beruhen. Wenn es Gleichberechtigung, gleiche Rechte und Anerkennung gibt, wenn Menschen sich lieben und respektvoll wie gleichberechtigt zusammenleben, dann sind solche rechtlichen Maßnahmen erst gar nicht notwendig. Wenn Kinder respektiert werden, ihnen ihr Recht auf Bildung zugestanden wird, wenn ihre Entscheidung und ihr Wille, wann und wen sie lieben oder heiraten wollen, wie sie ihr Leben gestalten wollen, respektiert werden, dann sind solche Gesetze nicht nötig.

Nun bist du in Şehba aktiv. Was tust du dort; machst du weiter? Bist du auch in den Flüchtlingslagern organisiert?

Natürlich ist die Organisiertheit geblieben, selbst wenn wir Efrîn verlassen mussten. Wenn heute die Gesellschaft Efrîns sich in Richtung Şehba bewegt, dann tut sie das auf der Grundlage der Organisierung. Wie zu Beginn der Revolution haben wir uns auch in Şehba sehr schnell organisiert und die Organisierung institutionalisiert. In den Flüchtlingslagern gibt es Räte und Kommunen. Die Menschen leben in Zelten, daneben gibt es aber auch institutionelle Zelte wie z. B. das des Rates der Angehörigen von Gefallenen, Kongreya Star hat ein Zelt, der Schulunterricht wird so weit wie möglich in Zelten weitergeführt. Ferner gibt es Zelte der Selbstverwaltungsorgane, eines für diplomatische Angelegenheiten, wo ich die Sprecherin bin. Wir versuchen dort für humanitäre Hilfe Beziehungen zu Hilfsorganisationen aufzubauen und mögliche Hilfsleistungen zu koordinieren. Insgesamt arbeiten die Institutionen sehr viel in den Lagern. Kongreya Star hat in Şehba wieder eine Koordination, die die Arbeit der vier Regionen dort abstimmt und die Bedürfnisse und Anliegen der Frauen und Menschen aufnimmt.

Doch muss ich leider auch mitteilen, dass die Menschen, insbesondere die Frauen und Kinder, in den Flüchtlingslagern viel Leid ertragen müssen. Ebenso in der umliegenden Region. Schätzungsweise 170.000 bis 200.000 Menschen sind aus Efrîn geflohen. Viele von ihnen siedeln sich auf dem umliegenden Ackerland an und bauen Dörfer. Dort fanden früher Kämpfe statt. 2013 war der IS dort, dann al-Nusra und al-Qaida. Überall gab es heftige Gefechte. Die Leidtragenden waren wieder Frauen und Kinder, die gesamte Gesellschaft. Der IS hat in den Dörfern und auf dem Ackerland sehr viele Minen gelegt. Als sich die Menschen aus Efrîn im Umland von Şehba niederließen, waren die Kinder wieder die ersten Opfer. Nicht wenige sind auf Minen getreten und dabei gestorben. Wir haben diese Fälle dokumentiert.

Die Flüchtlingslager haben eine Kapazität für ca. 20.000 Menschen, nicht alle können dort untergebracht werden. Von daher haben wir beschlossen, Dörfer zu bauen und die Menschen in verlassenen Dörfern unterkommen zu lassen. In den zuvor leeren Dörfern bewohnen jetzt mehrere Familien, manchmal fünf, ein Haus. Dort sind die Minen die größte Gefahr.

Letzte Frage: Wo bist du geboren? Magst du kurz etwas zu dir selbst erzählen?

Ich bin aus Efrîn, aus dem Dorf Bêne. Ich selbst wurde in Aleppo geboren, doch meine Familie ist aus Bêne. In Şehba habe ich geheiratet und 17 Jahre dort verbracht, mein Lebenspartner kommt aus Şehba. 2011 wurde ich politisch aktiv. Im August 2012 haben wir Şehba verlassen, weil uns der IS angriff. Meine Familie, also mein Lebenspartner und meine Kinder, haben zu der Zeit sehr gelitten. Wir gingen daher nach Efrîn, dort bin ich dann in den Selbstverwaltungsstrukturen tätig gewesen, zunächst als Vorsitzende der Frauenkommission, dann später als Diplomatie-Sprecherin von Kongreya Star – bis heute. Ich habe fünf Kinder, drei Söhne und zwei Töchter.

Vielen Dank. Willst du noch etwas sagen?

Ich hoffe, dass unsere Stimme, die Stimme unseres Volkes, der Gesellschaft, der Frauen und Kinder gehört wird und dass diese Stimme international Druck auf die Staaten und Mächte ausübt. An die Kurden in Europa möchte ich richten, seid solidarisch und einig unter euch, organisiert euch, damit unsere Feinde kein leichtes Spiel haben. Die Kurden in Europa müssen unsere dortige Stimme in Politik und Gesellschaft sein. Bleibt wachsam und aktiv. Viele Grüße!