Kritische Betrachtung der internationalen Strukturen und Aussicht auf Perspektiven

Gemeinsam geht nur zusammen!

Malte Frisch

In der letzten Ausgabe des Kurdistan-Reports (Nr. 197) gab es eine Reflexion und solidarische Kritik besonders gegenüber internationalistischen Strukturen und Arbeiten in Deutschland. Darauf würde ich gern Bezug nehmen, selbstkritisch und zugleich solidarisch kritisch darauf eingehen und Perspektiven in Aussicht stellen.

Gemeinsam geht nur zusammen!Die Entwicklung einer basisdemokratischen Revolution in Nordsyrien, welche eine unglaubliche Kraft versprüht, hat auf die ganze Welt eine große Ausstrahlung. Ihre Grundpfeiler Basisdemokratie, Ökologie und Frauenbefreiung haben eine globale Bedeutung. Vor diesem Hintergrund gibt es auch in Deutschland in den vergangenen Jahren wieder verstärkt internationalistische Arbeiten, die einiges in Bewegung setzen. Viele solidarische Menschen & Gruppen haben sich entschieden, die Prozesse zu unterstützen und zu verbreiten, die von der kurdischen Freiheitsbewegung ausgehen. Dabei teile ich die Kritik, dass diese Arbeiten sich nicht auf bloße Solidaritätsarbeit beschränken dürfen, sondern eine wirkliche Unterstützung, der Aufbau eigener starker Strukturen und die Entstehung einer revolutionären Bewegung sein müssen. Die Auseinandersetzung mit Ideologien und Werten von revolutionären Bewegungen wie der kurdischen Freiheitsbewegung wird uns helfen, hier in Deutschland für diese Aufgabe eine stabile Grundlage zu entwickeln. Internationalismus bedeutet, dass wir die bisherigen Fehler unserer politischen Praxis erkennen und verändern wollen. Dabei haben wir das Glück, auf eine durchdachte und auf Analyse gestützte Ideologie zurückgreifen zu können.

Gesellschaftlich arbeiten

In der Phase der Angriffe auf Efrîn wird unsere isolierte Herangehensweise an Probleme sichtbar. Es sind zwar viele Menschen auf die Straßen gegangen und in der Bevölkerung gibt es eine gewisse Sympathie für die Freiheitsbewegung und viel mehr noch eine große Abneigung gegenüber Machthabern wie Trump, Erdoğan, Assad, Putin und deren Kriegspolitik. Doch haben wir es nicht geschafft, die Verbindung zu sozialen Kämpfen in unserem Umfeld herzustellen. Die Unzufriedenheit der Menschen sollten wir nicht plumpen rechten Ideologien überlassen, sondern Perspektiven für freiheitliche Selbstorganisierung sichtbar machen. Ich teile dabei die Kritik, dass dies vor allem am Mangel unserer Kreativität der Aktionen und damit an den Beteiligungsmöglichkeiten liegt. Es gab eine Vielzahl an Demonstrationen, Kundgebungen und Aktionen. Wie groß ist die Chance, dass uns unbekannte Menschen an diesen Aktionen teilnehmen? Was fühlen Menschen dabei, wenn sie bei unseren Kämpfen mitmachen? Ist da ein Gefühl von Veränderung und Hoffnung? Welchen Einfluss haben die Aktionen auf den Alltag?

Um die Gesellschaft zu kontrollieren, wird sie vom System in verschiedenste Gruppen zerteilt. Mit unseren Aktionen sollten wir diese Grenzen überschreiten, auf verschiedenste Menschen zugehen und sie miteinander in Kontakt bringen. Dazu muss die Linke raus aus ihren Zentren, klandestinen Gruppen, Kneipen und Szene-Räumen, denn so reproduzieren wir die Trennungslinien. Um auf Menschen außerhalb unseres Umfeldes zuzugehen, braucht es kreative neue Versuche und Ansätze. Ein erster Schritt kann aber sein, all die uns unbekannten Gesichter anzusprechen, wenn wir auf Kundgebungen oder Infoveranstaltungen sind.

Wir sollten überall das Interesse an anderen Menschen zeigen und uns der Auseinandersetzung stellen: auf der Straße, in der Nachbarschaft, im Betrieb, in der Schule. Dass wir dabei auch auf reaktionäre Denkansätze stoßen werden, darf uns nicht davon abhalten, diese Gespräche zu führen. Vielmehr sollte es uns anspornen herauszufinden, wie wir andere von diesen Erklärungsmustern abbringen können, welche stets vermeintlich Schwächere für ihre Probleme verantwortlich machen, und von den Möglichkeiten einer gleichberechtigten selbstorganisierten Gesellschaft überzeugen können.

Zusammen kämpfen

Wir müssen aufeinander zugehen. Ohne Besonderheiten zu ignorieren, gibt es doch viele gemeinsame Probleme. Viele Kurd*innen leben schon lange hier oder sind hier geboren. Die Überschneidungen werden immer größer und die Sozialisierung durch das kapitalistische System auch. Das heißt, dass die Arbeiten auch einen viel stärkeren Fokus auf hier vor Ort brauchen. Das passiert in den Volksräten und Organisationen bereits, aber der verbindende Charakter muss noch mehr zum Vorschein kommen. Die kurdische Bewegung sollte sich also mehr in die Themen und Kämpfe hier einbringen, nicht nur, um uns zu unterstützen, sondern vor allem, weil es unsere gemeinsamen Themen und Kämpfe sind. Viele Internationalist*innen gehen auf die Demos und Veranstaltungen der kurdischen Bewegung, aber wie oft und mit welcher Zahl passiert das anders herum. Wir haben oft Veranstaltungen gemacht, sogar zum Thema Kurdistan, Türkei, Nord­syrien, aber die kurdischen Freund*innen waren oft nur wenig bis gar nicht vertreten. Auch das muss sich ändern für ein gemeinsames Gefühl und eine gemeinsame Stärke. Andererseits bedeutet es, sich auf die Herangehensweisen und die Ideologie der kurdischen Freiheitsbewegung intensiver einzulassen. Es gibt immer wieder das Angebot zu Diskussionen, wir müssen offener werden und Veränderungen an unserer politischen Praxis und uns selbst zulassen. Ein Festhalten an gewohnten Formen von »Politik machen« verhindert größere Schritte zu gesellschaftlicher Veränderung. Ich teile die Einschätzung, dass es Zusammenschlüsse braucht, die stärker sind als Bündnisse. Wir müssen uns austauschen, zusammen bilden und strategisch diskutieren. Es braucht eine widerständige Kultur, in der wir uns in Verbundenheit auf bestehende und vergangene Kämpfe beziehen. Internationalismus bedeutet, dass wir unsere Kämpfe als eins verstehen müssen, wir haben gleiche Ziele und die gleichen Feinde.

Konfrontieren

Bei den Protesten gegen den Krieg in Efrîn wurde die unmittelbare Beteiligung der BRD und deutscher Rüstungsbetriebe zwar thematisiert, allerdings haben wir es nicht ausreichend geschafft, die wahrhaftigen Profiteure dieser und auch anderer Kriege zu demaskieren und zur Rechenschaft zu ziehen. Doch es gibt zukünftig viele Möglichkeiten, mit neuer Stärke weiterzumachen. So wird es in diesem Sommer über den Antikriegstag am 1. September am Rheinmetall-Standort Unterlüß ein Camp geben. Über mehrere Tage werden dort Vorträge, Workshops, Diskussionen, Aktionen und eine Demonstration stattfinden. Im Camp können wir ein kollektives Leben entwickeln, uns die Zeit nehmen, um uns besser kennenzulernen und gemeinsam voranzukommen. Viele unterschiedliche Gruppen werden zusammenkommen: Friedensinitiativen, kurdische Bewegung, antimilitaristische & antifaschistische Gruppen, Gruppen von Geflüchteten, Gewerkschafter*innen und auch Anwohner*innen.

Es ist geplant, mit den Menschen vor Ort und den Angestellten in den Dialog zu gehen, um friedliche Alternativen zu finden, statt nur zu kritisieren. Anhand unserer Schwächen zu lernen hat ein großes Potential und bedeutet Veränderung. Dafür brauchen wir Mut für neue Wege und den Willen, viele zu werden. Ohne uns abzukapseln oder trennen zu lassen, müssen wir uns dem System entgegenstellen. Mit Kunst, mit Öffentlichkeit, mit Kultur, auf alle (un)denkbaren Arten.