Gemeinsam durch den Widerstand für Efrîn wachsen

»Trauer zu Wut und Wut zu Widerstand«

Arif Rhein, Civaka Azad

Newrozdemonstration in Hannover. | Foto: A. BenderDer Angriff auf Efrîn ist ein Angriff auf alle demokratischen Kräfte dieser Welt. Und damit auch ein Angriff auf uns hier in Deutschland. Neben den kurdischen Organisationen in Deutschland begreifen auch zahlreiche demokratische Kräfte in diesem Land den Ernst der Lage und werden zunehmend aktiver. Seit dem Angriff auf Efrîn wurde auf verschiedensten Wegen die direkte Verwicklung Deutschlands in den türkischen Besetzungskrieg in Efrîn angeprangert. Es wurden gemeinsame Veranstaltungen organisiert, Widerstandskomitees gegründet und gemeinsame Protestaktionen durchgeführt. Efrîn ist weder der Anfang noch das Ende der Zusammenarbeit kurdischer und internationalistischer Organisationen in Deutschland. Spätestens seit dem Widerstand von Kobanê haben kurdische und deutsche Aktivistinnen und Aktivisten angefangen, eng miteinander zusammenzuarbeiten, voneinander zu lernen und eine gemeinsame Politik zu entwickeln. Das ist gut und wichtig. Doch wir müssen an dieser Stelle auch sagen, dass die Zusammenarbeit sehr häufig hinter den Erfordernissen der aktuellen Phase zurückbleibt, also nicht schnell, entschlossen und umfassend genug erfolgt. An dieser Stelle wollen wir also die Gelegenheit nutzen, eine Kritik an den Teilen der deutschen Linken zu üben, die sich in den letzten Jahren solidarisch mit uns gezeigt haben, also an den Freundinnen und Freunden, die wir besser kennenlernen durften. Diese Kritik üben wir im Geiste der Solidarität und Genossenschaftlichkeit, die ohne eine ehrliche und regelmäßige gegenseitige Kritik nur ein Lippenbekenntnis bleiben würde. Wir wollen zu Beginn feststellen, dass der gemeinsame Widerstand in Deutschland gegen die Angriffe auf Efrîn grundlegende Schwächen der deutschen Linken zu Tage treten lässt, die älter sind als unsere Zusammenarbeit selbst. Es geht um drei zentrale Schwachpunkte, die wir gemeinsam angehen und beheben können: fehlende Gesellschaftlichkeit, Zersplitterung und die Frage nach der ideologischen Ausrichtung. Diese Schwächen führen dazu, dass breite Teile der Linken in Deutschland noch zu passiv, zu abwartend und zu wenig strategisch handeln.

Stärke aus der Organisierung der Gesellschaft schöpfen

Kommen wir zum ersten Punkt, der Gesellschaftlichkeit. Wir leben in einem Land, dessen Bevölkerung zum Großteil wenig von Erdoğan hält, deutsche Waffenexporte ablehnt und Kriegen noch immer wenig positiv gegenübersteht. Breite Teile der Gesellschaft erfahren die Systemkrise am eigenen Leib, ob durch prekäre Arbeitsverhältnisse, Verdrängung aus dem Kiez oder die Berichte von Verwandten und Freunden aus den Kriegsgebieten dieser Welt. Es macht sich also eine gewisse Stimmung im Land breit, die Ausdruck einer Unsicherheit, einer Suche ist. Ein Schüler an einer Berliner Oberschule brachte das vor Kurzem in einem Gespräch auf den Punkt: »Ich stehe an einer Kreuzung mit achtzig Abfahrten und weiß nicht, welche ich nehmen soll. Deswegen bleibe ich einfach stehen.« Die Frage ist nun, wie sensibel und aufgeschlossen die demokratischen Kräfte in Deutschland auf die Stimmung in der Gesellschaft reagieren. Wie gut kennen wir die Stimmung der Menschen? Wie oft diskutieren wir mit unserer Familie, unseren Freundinnen und Freunden oder Nachbarinnen und Nachbarn? Wie oft stellen wir Fragen und nehmen die Antworten für unsere politische Arbeit ernst, anstatt Vorträge zu halten? In Deutschland gibt es Millionen von Menschen, die prinzipiell gegen den türkischen Krieg in Efrîn sind, aus welchen Gründen auch immer. Die Frage ist, ob wir sie mit unseren Aktionen erreichen, ob wir sie aufwecken und im besten Fall organisieren. In der Linken Deutschlands zeigt sich mehr oder weniger unterschwellig eine sehr ablehnende Haltung der eigenen Gesellschaft gegenüber. Man schreibt sich zum einen auf die Fahne, für die Befreiung der Menschen zu kämpfen, und begegnet zugleich der eigenen Gesellschaft mit Ablehnung. »Eine Aktion ist nur erfolgreich, wenn durch sie Menschen organisiert werden.« So definiert Abdullah Öcalan sinngemäß das Ziel einer jeden Aktion. Inwieweit haben wir das bisher bei unseren Protesten gegen den Efrîn-Krieg berücksichtigt und geschafft? Wie viele unserer Verwandten und Bekannten sind zu unseren Demonstrationen, Veranstaltungen und Aktionen gekommen? Um die Menschen in diesem Land zu organisieren, müssen wir sie berühren und dafür kämpfen, dass sie sich mit uns und unseren Zielen identifizieren. Der Kampf um Gesellschaftlichkeit ist ein langer und intensiver. Doch solange die deutsche Linke diesen Kampf nicht praktisch angeht, wird sie weiterhin so marginal und schwach bleiben, wie sie es derzeit ist. Wir müssen also gemeinsam unsere Art und Weise der Aktionen überdenken und erweitern. Kiezdemos sind ein Ansatz. Aber es muss noch mehr möglich sein: Besuche bei Verwandten, Bekannten und Nachbarn, »Widerstandscafés« in den Restaurants und Cafés unserer Nachbarschaften, offene Mikrofone auf unseren Kundgebungen könnten ein Weg zu mehr Austausch mit der eigenen Gesellschaft sein. Die demokratischen Kräfte in diesem Land werden diesen Weg gehen müssen, um ihre eigene Gesellschaft zu stärken, ein Gefühl für sie zu entwickeln und Kraft aus ihr zu schöpfen.

Eine gemeinsame politische Kultur entwickeln

Ein riesiges Problem, auf das wir immer wieder bei Bündnistreffen mit unterschiedlichen Gruppen treffen, ist die Zersplitterung der Linken in Deutschland. Man kennt sich nicht, mag sich nicht und respektiert sich noch weniger. Politische, ideologische und organisatorische Auseinandersetzungen über die eigene Kleingruppe hinaus bleiben entweder komplett aus oder werden sehr oberflächlich geführt. Lieber bleibt man der eigenen Kleingruppe verhaftet, als sich in Ruhe miteinander auseinanderzusetzen. Obwohl viele diesen Zustand beklagen, lassen die wenigsten daraus praktische politische Folgen entstehen. Als würde die aktuelle Phase es zulassen, weiter vereinzelt und schwach zu bleiben. An zahlreichen Orten in der Bundesrepublik kommen nun seit Wochen im Rahmen der Efrîn-Widerstandskomitees Gruppen zusammen, die sich noch vor Kurzem nur von Weitem beäugt haben. Wir sind froh darüber und sehen auch, dass wir als kurdische Bewegung eine Rolle dabei spielen können, die verschiedenen Gruppen an einen Tisch zu bringen. Aber wir müssen ganz ehrlich sehen, dass das fehlende Vertrauen, das Konkurrenzdenken und die fehlende gemeinsame Praxis der Linken in Deutschland unseren Widerstand gegen den Efrîn-Krieg enorm erschweren. Es führt dazu, dass wir viel zu langsam handeln. Teilweise hat es Wochen gedauert, bis lokal eine gemeinsame Praxis entwickelt werden konnte. Da waren die türkische Armee und ihre islamistischen Verbündeten schon kilometerweit nach Efrîn vorgedrungen, dutzende unserer Freundinnen und Freunde gefallen. Die Zersplitterung der Linken hierzulande hat zur Folge, dass unser Feind, seien es nun deutsche oder türkische Faschisten, weitgehend ungehindert ihre Politik verfolgen können. Das hat in Kurdistan noch einmal ganz andere Folgen als in Deutschland. Denn in Efrîn fallen unsere Freundinnen und Freunde, weil wir die Waffenexporte nicht verhindern. Dort wird gegen unsere Träume Krieg geführt, weil wir die Verantwortlichen in Deutschland nicht zu einer anderen Politik zwingen. Die Unfähigkeit, zusammen Politik zu betreiben, hat also sehr weitreichende praktische Folgen für uns, unseren Kampf und die Menschen, die uns am Herzen liegen. Wir alle tragen dafür die Verantwortung. Wäre die deutsche Linke nicht so sehr damit beschäftigt, sich voneinander abzugrenzen und sich in Kleinstkämpfen untereinander zu verlieren, könnte sie sich gemeinsam mit der kurdischen Bewegung an die Umsetzung des eigentlichen Ziels machen: breite Bündnisse lokal und bundesweit mit allen demokratischen Kräften aufbauen, von den Gewerkschaften über Kirchen bis hin zu Basisinitiativen und revolutionären Gruppen.

Wissen, wofür man kämpft

Wir alle träumen von einer anderen Welt. Efrîn, Rojava und die Demokratische Föderation Nordsyrien zeigen uns, dass unser Traum schon heute Wirklichkeit werden kann. Deshalb sind seit dem Beginn der Angriffe auf Efrîn hunderttausende Menschen in Deutschland auf die Straße gegangen und haben auf verschiedensten Wegen klargemacht, dass sie ihren Traum verteidigen werden. Das zeigt, wie verbunden sich viele Menschen mit der Revolution in Kurdistan fühlen. Gleichzeitig sehen wir bei unseren deutschen Freundinnen und Freunden häufig, dass sie sich sehr wenig Zeit für eine ideologische Auseinandersetzung mit unserer Bewegung nehmen. Generell kommt es uns so vor, als würde recht wenig Zeit für Bildung und ideologische Auseinandersetzungen aufgewendet. Die Stärke des Widerstandes in Efrîn basiert zu einem großen Teil auf dem Glauben der Menschen an die Idee des demokratischen Konföderalismus. Sie wissen, dass sie für das Richtige kämpfen und es sich lohnt, dafür alles zu geben. Ihr Widerstand ist ein ideologischer Widerstand. Deshalb können sie seit so langer Zeit den Angriffen der hochgerüsteten türkischen Armee einen derart entschlossenen Widerstand entgegensetzen. Die demokratischen Kräfte in Deutschland sind nicht nur organisatorisch und politisch schwach, sondern auch ideologisch. Gibt es in unserem Land heute eine Kraft, die ideologisch gefestigt ist und von der Gesellschaft ernst genommen wird? Hat sich die Linke hierzulande mit der eigenen Geschichte, den Lehren aus dem Realsozialismus und der europäischen Geschichte demokratischer Zivilisation auseinandergesetzt? Inwiefern gelingt es ihr, ideologisch umfassend zu denken und zu leben? Wir sehen eine Gefahr darin, dass sich viele unserer Freundinnen und Freunde in Deutschland nicht tiefgreifend mit der Ideologie Abdullah Öcalans und der kurdischen Bewegung auseinandersetzen. Denn wir müssen anerkennen, dass die jahrzehntelange Staatspropaganda gegen unsere Bewegungen in allen Köpfen ihre Spuren hinterlassen hat. Unsere Bewegung wird als terroristisch, unmündig oder impulsiv stigmatisiert. Der wirksamste Weg, diese Vorurteile zu brechen, die unsere gemeinsame politische Arbeit auch heute noch behindern, ist die direkte Auseinandersetzung mit den Schriften Abdullah Öcalans und der Bewegung im Allgemeinen. Viele deutsche Freundinnen und Freunde betonen häufig, die Überlegungen Öcalans seien nicht eins zu eins auf Europa übertragbar. Das stimmt. Aber es bedeutet nicht, dass man deshalb bei den altbekannten Klassikern verharren sollte und Öcalan als Randnotiz abtun kann. Das wäre ein großer Fehler. Die Ideen Abdullah Öcalans und sein eigenes Verhalten haben Millionen von Menschen den Mut gegeben, für die Freiheit zu kämpfen. Sie haben einen Ort wie Efrîn erst möglich gemacht. Sich mit der Ideologie der kurdischen Bewegung wirklich tiefgreifend und aufgeschlossen auseinanderzusetzen, kann für die demokratischen Kräfte in Deutschland die Chance bieten, althergebrachte Gewissheiten zu überdenken und sich ideologisch für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu wappnen.

Ein gemeinsamer Demokratischer Kongress

Kritik muss immer aufbauend sein, aktuelle Gegebenheiten verständlicher werden lassen und Wege der Entwicklung aufzeigen. In diesem Sinne wollen wir unsere Kritik an unseren Freundinnen und Freunden in Deutschland mit einem Vorschlag abschließen. Unser gemeinsamer Widerstand gegen die Angriffe auf Efrîn lässt uns näher zusammenrücken. Wir lernen uns besser kennen, entwickeln gemeinsame Ziele und eine gemeinsame Praxis. Damit hätten wir schon viel früher beginnen müssen. Die Möglichkeiten bestehen seit dem Tag, an dem demokratische Kurdinnen und Kurden in Deutschland begonnen haben sich zu organisieren. Dieser Tag liegt ca. vierzig Jahre zurück. Seit Kobanê haben wir viel in dieser Richtung erreicht, was sich auch daran zeigt, dass so vielfältige Gruppen und Personen zur Verteidigung Efrîns zusammenkommen. Unsere Verantwortung liegt darin, diesen Moment zu etwas Langfristigem zu machen. Also unsere Widerstandskomitees nicht nur als Übergangslösung zu begreifen, sondern zu einem kontinuierlichen Rahmen weiterzuentwickeln. Es ist unsere Verantwortung, die Perspektive unserer Bewegung in die Tat umzusetzen: den Aufbau lokaler, regionaler und globaler Demokratischer Kongresse. Also breiter, offener und widerstandsfähiger Bündnisse, die eine gemeinsame Politik für die Sache der Freiheit durchsetzen. Das wird bedeuten, dass wir noch mehr Gruppen dazugewinnen, noch mehr Themen aufgreifen und noch mehr Kraft in unsere Zusammenarbeit stecken. Denn die gemeinsame Organisierung unter dem Dach eines Demokratischen Kongresses, ob auf lokaler, regionaler oder globaler Ebene, ist angesichts der Größe und Dringlichkeit unseres Kampfes keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Lasst uns also heute gemeinsam Efrîn verteidigen, um morgen gemeinsam die Freiheit auf der ganzen Welt zu verteidigen, auch hier in Deutschland!