Ein eigenständiges Dorf von, für und mit Frauen

Jinwar – ein Ort der Frauen

Andrea Benario, April 2017

Inmitten des Krieges in Syrien bauen sich Frauen in Rojava ein neues Leben auf. Die beim Aufbau der demokratischen Autonomie, bei der Basisorganisierung in Frauenkommunen, Frauenkooperativen und Frauenräten gewonnenen Erfahrungen haben ihnen Mut und Selbstvertrauen gegeben, neue Schritte zu wagen. So entstand die Idee, das Frauendorf Jinwar zu gründen. Jinwar, was auf Kurdisch »Ort der Frauen« heißt, soll ein Dorf werden, in dem Frauen, die durch Krieg und Gewalt Leid erfahren haben, genauso wie Frauen, die keine klassische Familie gründen wollen, sondern sich vielmehr nach einem kollektiven Leben mit anderen Frauen sehnen, gemeinsam und selbstbestimmt leben können. Frauen aus verschiedenen Städten und Dörfern Rojavas sind in dieses Projekt involviert. Mit dem Aufbau von Jinwar verbinden sie den Aufbau einer neuen Lebenskultur, die zugleich an traditionelle ökologische Produktions- und Lebensformen in der Region des Fruchtbaren Halbmondes anknüpft. Sicher ist jetzt schon, dass die Wirkung von Jinwar nicht auf ein Dorf beschränkt bleiben wird, sondern auch Frauen an anderen Orten inspirieren, stärken und neue Lebensperspektiven aufzeigen wird.Emine und Cihan

In einem Interview berichten mir Cîhan und Emîne vom Dorfaufbaukomitee »Jinwar« mit Stolz und Zuversicht von ihrem Vorhaben.

Cîhan arbeitet zugleich im Vorstand der Einrichtung für Angehörige von Gefallenen mit. Sie hat acht Kinder. Ihr Sohn Mazlum ist 2014 in Mabruka gefallen, als die vom IS besetzten Gebiete zwischen den Kantonen Kobanê und Cizîrê befreit wurden. Fünf weitere Kinder und ihr Ehemann sind bei der Guerilla und bei den Volksverteidigungseinheiten YPG bzw. bei den Frauenverteidigungseinheiten YPJ. Sie lebt mit ihrer jüngsten Tochter zusammen.

Emîne arbeitet im Stadtrat von Dirbêsiyê und hat auch Angehörige im Krieg verloren. Seit dem Beginn der Revolution in Rojava ist sie aktiv beim Frauenkongress Kongra Star und repräsentiert ihn im Dorfaufbaukomitee. Sie ist nicht verheiratet. Sie sagt, dass sie sich für die Frauenarbeit entschieden habe, weil sie selbst eine Frau sei und sich anderen Frauen verbunden fühle: »Als Frauen können wir den Schmerz anderer Frauen besser begreifen.«

Welche Probleme erleben Frauen in der Gesellschaft in Rojava?

Emîne: Frauen erleben viele Probleme und viele Schmerzen. Frauen werden in unserer Gesellschaft immer noch nicht vollständig akzeptiert. Durch die Frauenarbeit wollen wir das ändern und Frauen die Last etwas erleichtern.

Wie kam es dazu, dass Ihr Euch am Jinwar-Aufbaukomitee beteiligt habt?

Emîne: Seit circa zwei Jahren haben wir über ein solches Projekt diskutiert. Wir wollten hier in Rojava etwas für Frauen auf die Beine stellen. Aber zunächst waren die Bedingungen dafür sehr schwierig, denn der Krieg ließ nicht zu, dass wir hier mit einem solchen Vorhaben beginnen. Als Anfang dieses Jahres einige Frauen ernsthaft die Initiative in die Hand nahmen, haben wir uns gefreut. Denn als Frauen wissen wir, was Frauen alles durchmachen müssen. Besonders freue ich mich darüber, dass wir unser Dorf jetzt hier in Rojava aufbauen.

Cîhan: Als das Jinwar-Aufbaukomitee gegründet wurde, wollte ich mich im Namen der Angehörigen von Gefallenen daran beteiligen. Ich habe mich darüber gefreut, weil dies eine Arbeit von Frauen für Frauen ist. Was in meiner Kraft steht, werde ich tun, um zum erfolgreichen Aufbau beizutragen. Seit tausenden von Jahren werden Frauen unterdrückt. Aber die Zukunft gehört ihnen. Die männliche Mentalität hat sich alles einverleibt, was Frauen erschaffen haben. Dabei waren es Frauen, die am Anfang die Welt und die Gesellschaft aufgebaut haben. Frauen haben Weizen gefunden und angebaut. Frauen haben alles gemacht: Gärten angelegt, das Leben organisiert, Kinder bekommen und aufgezogen ... Dann wurden Frauen all dessen, was sie in der Geschichte erschaffen haben, beraubt und unterdrückt. Mit der Revolution in Rojava und der Wertschätzung, die der Vorsitzende Apo ihnen gezeigt hat, haben Frauen großen Mut bekommen, sich ihr Leben zurückzuerobern. Viele Männer wollen das immer noch nicht akzeptieren. Sie beschweren sich: »Alles ist immer nur für Frauen. Früher gehörte alles den Männern, jetzt sind Frauen zu allem geworden und nehmen sich alles!« Nein, das stimmt so nicht. Wir wollen diese Welt gemeinsam gestalten. Wir wollen die Männer nicht unterdrücken. Aber Männer sollen auch die Frauen nicht mehr unterdrücken. Es soll ein gleichberechtigtes Leben geben. Deshalb ist Jinwar für uns sehr wichtig. Wer hätte sich erträumen können, dass eines Tages ein Frauendorf aufgebaut wird? Darüber freuen wir uns und wir rufen alle Frauen der Welt auf: Egal wo Ihr lebt, freut Euch gemeinsam mit uns!Grundsteinlegung für das Frauendorf Jinwar

Jinwar bedeutet »Ort der Frauen«. Wie stellt Ihr Euch das Leben am Ort der Frauen vor? Was für ein Leben wollt Ihr dort aufbauen?

Cîhan: Wir fangen erst neu damit an, aber wir wollen ein natürliches, freies, schönes Leben aufbauen. In den Familien gibt es immer Streit zwischen Männern und Frauen. Es herrscht Unzufriedenheit. Wir wollen ein Leben mit Verständnis füreinander. Das ist unsere Vision. Aber wir fangen erst neu an, deshalb wissen wir noch nicht, wie es in der Realität aussehen wird. Häufig stimmen Phantasie und Wirklichkeit nicht überein. Das Ziel des Dorfes ist, dass alle Dorfbewohnerinnen dort gemeinsam leben und arbeiten können. Wir können dort unsere eigenen Gärten und Bäume anpflanzen. Frauen, die Kinder haben, können dort gemeinsam mit ihren Kindern leben. Das Ziel ist, dass sich Frauen dort ohne Schwierigkeiten ausdrücken und ihr eigenes Leben verwirklichen können.

Emîne: Wir wollen ein kollektives und natürliches Leben, d. h. ein ökologisches Leben aufbauen. Soweit möglich, wollen wir uns mit unserer Arbeit selbst versorgen. Wir wollen gemeinsam unserem Bedürfnis entsprechend hier die nötigen Lebensmittel erzeugen, gemeinsam ernten und essen.

Am 25. November 2016 hat sich das Dorfkomitee offiziell gegründet und Ihr habt an der Stelle, wo Jinwar entstehen wird, die ersten Bäume gepflanzt. Zum 8. März hat die Grundsteinlegung stattgefunden. Wie sieht der gegenwärtige Stand der Arbeiten aus?

Emîne: Wir haben nun die Infrastruktur für das Dorf vorbereitet: Der Boden wurde geebnet und ein Zufahrtsweg wurde gebaut. Die Strom- und Wasserversorgung wurde gesichert. Es gab einen alten Brunnen, der wieder instand gesetzt wurde. Aber da es dieses Jahr viel geregnet hat und die Regenzeit noch nicht vorbei ist, konnten wir mit dem Häuserbau noch nicht beginnen. Wir haben jetzt alle Vorbereitungen dafür getroffen, dass wir beginnen können, sobald die Wetterbedingungen geeignet sind. Das heißt, es wurden die notwendigen Materialien beschafft und die Menschen organisiert, die am Bau mitwirken werden.

Für die verschiedenen Arbeitsbereiche haben wir Arbeitsgruppen und ein Komitee zusammengestellt. Wir sind fünf Frauen, die die gesamten Arbeiten koordinieren. Es gibt Frauen, die für die Finanzen zuständig sind, andere organisieren die Bauarbeiten. Zugleich müssen wir uns um die Verpflegung der BauarbeiterInnen kümmern. Andere Frauen legen die Gärten an, wieder andere machen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Zugleich haben wir ein breites unterstützendes Umfeld von Frauen aus verschiedenen Arbeitsbereichen der Frauenbewegung und von zivilgesellschaftlichen Einrichtungen, die mitwirken. Es gibt sehr viele Arbeiten, die gleichzeitig stattfinden und koordiniert werden müssen.

Ihr baut ein Dorf aus Erde, in Lehmbauweise. Warum habt Ihr Euch dafür entschieden?

Cîhan: Unser Dorf aus Erde wird sehr schön werden. Es ist natürlich und gesund. Auch unsere Vorfahren haben hier in Lehmbaudörfern gelebt. Auch wenn es mehr Arbeit bedeutet, sind Häuser aus Lehm schöner als aus Beton. Lehm isoliert im Winter gegen Kälte und im Sommer gegen Wärme. Frauen verstehen was von dieser Arbeit. Wir haben früher auch Lehmziegel gemacht, mit Lehm gebaut und verputzt. Arbeiten, die Frauen in die Hand nehmen, sind erfolgreich. Wir machen unsere Arbeit sorgfältig und schön. Jinwar soll unser Paradies werden.

Mit dem Dorf plant Ihr auch die Versorgung und die Landwirtschaft. Was wollt Ihr anbauen?

Emîne: Insgesamt haben wir für das Dorf und die Landwirtschaft zwanzig Hektar Fläche zur Verfügung. Dreieinhalb Hektar Obst- und Olivenbäume haben wir angepflanzt. Des Weiteren haben wir Roggen gesät. Als nächstes wollen wir noch Weintrauben anpflanzen. Ansonsten können hier Linsen, Bohnen, Kichererbsen, Kümmel, Weizen, Kohl, verschiedene Gemüse- und Kräutersorten angebaut werden. Der Boden und das Klima sind traditionell sehr ergiebig. Wenn die Bauarbeiten des Dorfes fertig sind, werden wir den landwirtschaftlichen Anbau erweitern.

Wie viele Frauen werden in dem Dorf leben? Wie viele Häuser werdet Ihr bauen? Wird es außer Wohnhäusern noch andere Gemeinschaftseinrichtungen geben?

Emîne: Insgesamt haben wir Platz für fünfzig Wohnhäuser vorgesehen. In diesem Jahr wollen wir bis Ende Herbst dreißig Häuser, eine Schule, eine Jineolojî-Akademie, ein Haus für das Gesundheitskomitee und Depots für die Landwirtschaft fertigstellen. Einen Garten mit Heilkräutern werden wir anlegen. Die Gesundheitsversorgung soll vorrangig auf traditioneller »kurdischer Medizin« (d. h. Naturheilkunde) basieren. Frauen, die von Kräutern und traditionellen Heilmethoden etwas verstehen, beteiligen sich auch am Aufbau von Jinwar.

Wenn eine Frau kommen und in Jinwar leben möchte, kann sie dann einfach zu Euch kommen? Können Frauen hier ihre eigenen kulturellen oder landwirtschaftlichen Projekte verwirklichen?

Cîhan: Ja, natürlich. Bislang haben wir schwerpunktmäßig Frauen angesprochen, die durch den Krieg ihre Ehemänner verloren haben. Sie haben am meisten das Bedürfnis nach einem kollektiven Leben mit anderen Frauen. Jede kann hier ihren eigenen Möglichkeiten entsprechend etwas tun: Manche wollen in der Landwirtschaft arbeiten, andere wollen Gartenbau oder Viehzucht betreiben. Traditionell werden in den Dörfern hier Schafe, Ziegen, Kühe, Hühner, Truthähne, Gänse für den Eigenbedarf gehalten und in kleinem Umfang wird auch Handel damit betrieben. Jede Frau, die hier leben möchte und etwas tun will, kann sich an das Aufbaukomitee wenden. Wir werden dann gemeinsam diskutieren, ob unsere Pläne und Vorstellungen zusammenpassen. Überall in Rojava können Frauen über ihre Kommunen, über Kongra Star und die verschiedenen gesellschaftlichen Basisorganisationen und Räte mit uns Kontakt aufnehmen.

In Rojava ist das Leben insgesamt über Kommunen und Volks- bzw. Frauenräte organisiert. Wird sich Jinwar auch als Frauenkommune organisieren?

Emîne: Ja, natürlich. So wie es in allen Dörfern und Städten Kommunen und Räte gibt, werden wir uns als Frauenkommune auch im Rahmen der Strukturen der Demokratischen Autonomie organisieren.

Wie werden die Regeln des Zusammenlebens in Jinwar aussehen? Welche Regeln und Wertvorstellungen gibt es? Wer beschließt darüber? Wie sollen Probleme im Alltag gelöst werden? Als Beispiel: Wenn eine Frau ihren Müll einfach in die Gegend wirft und die anderen sich darüber ärgern. Wie wird dann damit umgegangen?

Cîhan: Solche Probleme werden wir selbst lösen. Dafür gibt es unsere Kommuneversammlungen. Heute sind es schon überall die Frauen, die Probleme und Konflikte des gesellschaftlichen Zusammenlebens lösen. Frauen haben sowohl in der Geschichte als auch in der heutigen gesellschaftlichen Realität bewiesen, dass sie sich selbst verwalten können. Arbeiten und Aufgaben, die früher nur Männer gemacht haben, erledigen heute ganz selbstverständlich auch Frauen. Frauen haben gelernt zu kämpfen, Auto zu fahren und ihr Leben selbst zu lenken. Frauen können ihre Häuser und ihr Leben selbst aufbauen. Frauen können Kinder auf die Welt bringen und erziehen. Es gibt nichts, was Frauen nicht können. Deswegen können Frauen auch ihre Probleme selbst lösen. Eine Frau wird niemals ihren Müll in den Garten einer anderen Frau werfen! Diese Mentalität ist uns fremd. Frauen verstehen einander und Frauen achten auf die Sauberkeit in ihrer Umgebung.

Wie werdet Ihr Euren Schutz und Eure Verteidigung gewährleisten? Jinwar stellt eine Alternative zu patriarchalen Lebensformen dar. Es kann Männer geben, die das nicht akzeptieren. Zugleich gibt es die Realität des Krieges in Syrien und Rojava. Wie könnt Ihr Euch vor eventuellen Angriffen durch den IS oder das Regime schützen?

Emîne: Die Sicherheit ist ein grundlegender Bestandteil unserer Organisierung in den Kommunen und Räten. In einem Frauendorf werden Frauen für ihre eigene Sicherheit sorgen. Wir werden unser eigenes ziviles Selbstverteidigungs- und Sicherheitskomitee zusammenstellen.

Wie sind die Reaktionen und die Erwartungen von Frauen, mit denen Ihr über den Aufbau von Jinwar redet? Was sagen Eure Bekannten und Nachbarn dazu?

Emîne: Hier gibt es viele Menschen, die sich nicht so einfach von etwas Neuem überzeugen lassen, solange sie es nicht mit eigenen Augen gesehen haben. Viele meinen skeptisch, dass es unrealistisch und eine Illusion sei, ein Frauendorf aufzubauen. Einige sagen: »Was ist das für ein Dorf, das Ihr da aufbauen wollt? Ihr werdet unsere Beziehungen zu Männern kaputtmachen, es wird Streit mit den Männern geben. Jede Frau, die Ärger mit ihrem Ehemann hat, wird das Haus verlassen und dort hinziehen.« Wir sagen, dass es uns darum geht, dass Frauen auf eigenen Beinen stehen, sich aus Abhängigkeiten lösen und für sich selbst sorgen können. Es gibt zum Beispiel junge Frauen, die mit ihrer Familie nicht zurechtkommen, dort nicht mehr leben und auch nicht heiraten möchten. [Es wird gesellschaftlich bislang kaum akzeptiert, dass junge Frauen von zuhause ausziehen und allein leben.] Sie möchten selbst für sich sorgen und eine Arbeit machen. Auch für diese Frauen wollen wir Alternativen schaffen. Aber es wird etwas Zeit brauchen, bis die Gesellschaft allgemein ein solches Projekt verstehen und akzeptieren wird. Aber wenn Jinwar steht, wenn sie es mit eigenen Augen sehen, dann werden alle hierherziehen wollen.

Was sagen Männer dazu?

Cîhan: Es ist nicht verwunderlich, dass Männer und die männliche Mentalität sich gegen unser Vorhaben stellen. Sie sagen: »Diese Apocî haben Frauen zu Göttinnen gemacht, die jetzt über uns bestimmen können!« Aber sie können nicht mehr verhindern, dass wir unsere Pläne umsetzen. Die Perspektiven von Serok haben uns viele neue Möglichkeiten eröffnet. Frauen akzeptieren die Männerherrschaft nicht mehr. Frauen spielen jetzt überall eine Führungsrolle und nutzen diese Möglichkeiten. Es ist uns egal, was die Männer dazu sagen, da wir uns unserer Stärke bewusst sind, können sie uns nicht mehr aufhalten.

Vielleicht wird es nicht allen Frauen möglich sein, nach Jinwar zu ziehen, aber ich bin mir sicher, dass die Wirkung von Jinwar weit über das Dorf hinausgehen und Frauen an anderen Orten auch Mut machen wird. Eine wichtige Erfahrung beim Aufbau der ersten Fraueneinrichtungen vor circa fünfzehn Jahren war, dass Frauen an Selbstbewusstsein hinzugewonnen haben. Denn fortan wussten sie, dass es einen Ort gibt, der ihnen gehört, wo sie immer willkommen sind. Dieser Fakt hat auch das Verhalten der Männer beeinflusst, denn Männer waren fortan auch gezwungen, ihr Verhalten gegenüber Frauen zu reflektieren. Denn Frauen vermittelten, dass sie Alternativen haben und nicht mehr gezwungen sind, sich alles gefallen zu lassen.

Was denkt Ihr für Euer eigenes Leben? Wie sieht der Zeitplan aus? Wann werden die ersten Frauen in Jinwar einziehen?

Eigentlich hatten wir den Baubeginn für den 10. März geplant. Aber dieses Jahr hat es sehr spät geregnet, deshalb gibt es einige Verzögerungen im Ablauf. Bis zum Herbst, d. h. innerhalb von sechs Monaten, wollen wir die ersten dreißig Häuser, die Schule, Akademie und Krankenstation fertigstellen.

Welche Botschaft und welchen Aufruf habt Ihr an Frauen außerhalb von Rojava? Wie können Frauen aus anderen Ländern ihre Solidarität mit Jinwar zeigen?

Emîne: Unsere Tür ist für alle Frauen offen. Alle Frauen können Jinwar ideell und materiell unterstützen. Wir erklären uns mit Frauen in allen Teilen der Welt solidarisch und genauso freuen wir uns über die Solidarität und Mitarbeit von anderen Frauen.

Cîhan: Alle Frauen können unsere Stimme weiter in die Welt tragen und sich mit uns vereinen. Jede Frau, die mit einem Stein oder Lehmziegel zum Aufbau von Jinwar beitragen möchte, ist herzlich eingeladen.

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AwazEin weiteres Gespräch führte ich mit Awaz, die sich entschlossen hat, mit ihren drei Kindern nach Jinwar zu ziehen. Sie ist dreißig Jahre alt und hat eine zwölfjährige Tochter Viyan, den zehnjährigen Sohn Heval und den siebenjährigen Sohn Reber. Sie leben in der Nähe von Tirbesipiyê, in einem kleinen Dorf mit dreißig Häusern. Sie hat bis zur sechsten Klasse die Schule besucht. Der Unterricht war damals auf Arabisch. In jungem Alter wurde sie verheiratet. Gemeinsam mit ihrem Ehemann arbeitet sie hart in der Landwirtschaft, um ihre Familie zu ernähren. Da es jedoch keine ausreichende Arbeit gab, gingen sie nach Aleppo und Hama. Vor sechs Jahren kamen sie mit Beginn der Revolution in Rojava zurück in ihr Heimatdorf. Ihr Ehemann schloss sich den YPG an und wechselte nach drei Jahren zu den Asayîş. Vor einem Jahr, am 3. April 2016, verlor er bei einem Bombenanschlag auf die Asayîş-Einrichtung in Qamişlo sein Leben.

Wie war es für Dich, als sich Dein Ehemann entschied, zu den YPG zu gehen?

Das war für uns nichts Unerwartetes. Denn ich wusste, dass Avdulxani seit dem Alter von zwölf Jahren mit den Hevals zusammengearbeitet hat. Damals musste er aufgrund der Unterdrückung durch das Regime diese Arbeit im Geheimen machen. Das war kein Problem für mich, weil ich wusste, dass er da mit dem Herzen bei der Sache war. Er hat sowohl politische Arbeiten gemacht als auch für den Unterhalt der Familie gearbeitet und sich zuhause um seine Kinder gekümmert.

Standest Du auch mit FreundInnen aus der Bewegung in Kontakt?

Ja. Sehr viele FreundInnen, darunter auch viele, die im Freiheitskampf gefallen sind, waren bei uns zu Gast, sie haben häufig bei uns übernachtet. Ich kenne die Gedanken und Ziele der Freiheitsbewegung. Da Avdulxani von klein auf unter den Hevals aufgewachsen ist, hat er auch mir viel davon erzählt, und ich habe mich auch für den Freiheitskampf interessiert.

Welche Veränderungen hat der Tod von Avdulxani in Deinem Leben ausgelöst?

Es gab sehr große Veränderungen für mich. Denn davor haben wir gemeinsam mit unseren Kindern gelebt. Nachdem ich dann mit meinen Kindern allein war, war das sehr schwer für mich. Ich bin stolz auf das, was er getan hat, wofür er gekämpft hat. Aber als Partnerin hat mir sein Tod das Herz gebrochen. Er war ein Mensch mit einem großen Herzen.

Wie haben Deine Kinder die Nachricht vom Tod ihres Vaters verkraftet?

Zuerst wussten sie nicht, dass ihr Vater bei dem Bombenanschlag sein Leben verloren hatte. Als ich die Nachricht erhielt, bin ich zusammengebrochen und ins Krankenhaus gebracht worden. Deshalb dachten meine Kinder, dass unsere Verwandten und Bekannten um mich weinten. Mein kleiner Sohn sagte zu seinem großen Bruder: »Unser Vater wird bald aus Şengal kommen.« Sie dachten, er sei noch dort. Als ich sie nach zwei Tagen zur Beerdigung mitnahm, sahen sie auf dem Sarg das Foto ihres Vaters. Da verstanden sie erst, was passiert war. Sie begriffen, dass ich aufgrund des Todes ihres Vaters krank geworden war und dass sich ihr Vater im Sarg befand. Bis die FreundInnen den Sarg ins Grab gelegt hatten, wichen meine drei Kinder nicht von seiner Seite. Mein Sohn sagte: »Mama, die sollen keine Steine und keine Erde auf meinen Vater legen!« [Awaz weint] (...) Nach dem Tod von Avdulxani sind meine Kinder meine Zukunft geworden. Mein ganzes Leben widme ich ihnen und ihrer Bildung. Es ist meine Sehnsucht, dass meine Kinder eine gute Ausbildung bekommen. Das war auch der Wunsch ihres Vaters. Sie gehen bei uns im Dorf in die Schule. Sie lernen auf Kurdisch. Ich selbst kann nicht gut Kurdisch lesen und schreiben. Jetzt lerne ich mit meinen Kindern selbst das kurdische Alphabet und sitze mit ihnen über den Schulbüchern.

Wie hast Du davon erfahren, dass ein Frauendorf aufgebaut wird?

Eine Freundin kam zu mir und erzählte mir, dass ein Frauendorf aufgebaut wird, wo insbesondere Frauen und Kinder willkommen sind, die durch den Krieg Angehörige verloren haben. Sie hat mich gefragt, ob ich mit meinen Kindern dorthin ziehen möchte. Darüber haben ich und meine Kinder uns sehr gefreut. Ich habe überlegt, was bedeutet der Name Jinwar? Es bedeutet, dass es einen Ort für Frauen und Kinder gibt, der auf dem Erbe der gefallenen FreiheitskämpferInnen aufgebaut wird. Ich habe darüber nachgedacht, was es bedeutet, in ein solches Dorf zu ziehen; vielleicht wird es uns als Frauen die Möglichkeit geben, zu uns selbst zu finden. Es bedeutet, dass ich als alleinerziehende Frau mit meinen Kindern ein neues Leben beginnen kann. Bislang habe ich noch nicht gehört, dass es ein solches Dorf irgendwo anders gibt. Wir leben immer noch unter den Bedingungen der Revolution. Jeden Tag sterben Menschen, die diese Revolution und die Gesellschaft gegen Angriffe verteidigen. Wir verwirklichen hier Dinge, die es bislang noch nirgendwo anders gegeben hat. Als Frauen werden wir unser Leben von Neuem aufbauen und beweisen, dass wir selbstbestimmt leben und uns versorgen können. Ich weiß, es wird nicht einfach werden. Aber wenn meine Kinder erleben, dass wir eigenständig leben können, dann werden sie das in Zukunft auch können. Denn ich weiß, wenn ich mir keine Ziele setze und mich in der Trauer verliere, dann werden auch meine Kinder darunter leiden. Ich möchte, dass sie sich weiterbilden, eigenverantwortlich und selbstbewusst über ihr Leben entscheiden können.

Was haben Deine Kinder dazu gesagt, als sie von Jinwar hörten?

Sie haben sich sehr gefreut. Sie sagten: »Mama, wir werden in unser eigenes Dorf ziehen und gemeinsam mit anderen Kindern, die genauso wie wir ihre Väter im Krieg verloren haben, spielen und zur Schule gehen können.« Jeden Tag fragt mich mein Sohn ganz aufgeregt: »Wann ist es endlich so weit? Wann ziehen wir in unser Dorf?«

Was haben Deine Verwandten dazu gesagt, als Du ihnen Deinen Entschluss mitgeteilt hast?

Ich lebe im selben Dorf wie meine Eltern, Schwiegereltern und Geschwister. Sie haben mich und meine Kinder nach dem Tod von Avdulxani nicht alleingelassen und viel unterstützt. Wir werden weiterhin in Kontakt sein und einander besuchen.

Hast Du Kontakt zu anderen Frauen, die auch ihre Ehemänner durch den Krieg verloren haben?

Bei uns im Dorf bin ich die Einzige. Eine andere Frau kannte ich, bis mich eines Tages Freundinnen zu einer Versammlung eingeladen haben, die vom Verband der Angehörigen von Gefallenen organisiert worden war. Es waren nur Frauen dort, deren Partner gefallen sind. Ich kannte zunächst keine von ihnen und war ganz erstaunt, wie viele wir sind. Bis dahin hatte ich geglaubt, ich sei die Einzige. Ich hoffe, dass wir uns durch Jinwar noch näher kommen werden und gemeinsam unsere Probleme lösen und uns gegenseitig unterstützen können. Denn wir kennen unseren eigenen Schmerz genauso wie den der anderen Frauen. Wir können unseren Schmerz teilen und einander Kraft geben.

Das Dorf soll aus Lehmhäusern gebaut werden, schwerpunktmäßig mit Baumaterialien, die dort in der Gegend vorhanden sind. Denn einerseits ist es durch das Embargo schwer, an andere Materialien heranzukommen, andererseits können so auch die Kosten gering gehalten werden. Außerdem sind Landwirtschaft und Gartenbau geplant. Wie findest Du das?

Die Freundinnen vom Dorfaufbaukomitee haben uns mitgeteilt, dass die Häuser aus Lehmziegeln gemacht werden sollen. Das ist etwas ganz Normales für mich: Ich bin in einem Lehmhaus geboren und lebe immer noch in einem Lehmhaus. Auch meine Kinder werden in einem Haus aus Erde aufwachsen. Wir suchen nicht nach materiellen Dingen, sondern nach ideellen Werten und einem gemeinschaftlichen, solidarischen Leben.

Ist es auch ein Ausdruck der Verbundenheit mit der Erde und dem Leben hier? Viele Menschen, die jetzt in Betonhäusern leben oder ins Ausland gegangen sind, berichten davon, dass sie etwas von ihren Wurzeln und ihrer Natürlichkeit verloren haben ...

Wenn wir fest entschlossen sind, sagen wir auf Kurdisch: »Solange ich Wasser in den Augen habe ...« Ich sage, solange ich Wasser in meinen Augen habe, werde ich meine Erde hier nicht verlassen. Unser Leben und unser Land haben wir mit so vielen Opfern befreit. Jetzt werden wir als Frauen einen eigenen Ort haben, von dem uns niemand mehr vertreiben kann.

Was sind Deine Ziele, die Du in Jinwar verwirklichen möchtest?

Wenn die Leute mich fragen, was willst Du machen, wenn Deine Kinder groß sind, dann sage ich immer, dann werde ich bei der Asayîşa Jin [Frauensicherheitskräfte] arbeiten. Das ist ein Wunsch, den ich in meinem Herzen trage. Wenn ich in Jinwar lebe und das Leben dort kennengelernt habe, dann werde ich weitere Pläne und Schritte voran machen. Ich weiß, dass mich die Freundinnen unterstützen werden, und genauso werde ich meine Freundinnen unterstützen. Aber sobald ein Frauensicherheitskomitee im Dorf gebildet wird, werde ich mich als Erstes dort einschreiben.

Wir werden als Frauen unsere eigene Kommune aufbauen. Ich weiß, was das bedeutet. Das haben wir auch jetzt schon in unserem Dorf gemacht. Ich habe mich nicht blind für etwas entschieden. Es war eine bewusste Entscheidung. Ich weiß, dass auch Schwierigkeiten auf uns zukommen werden, die wir gemeinsam lösen müssen. Wir werden diese Verantwortung gemeinsam schultern. Indem wir uns neuen Herausforderungen stellen, werden wir gemeinsam neue, schöne Seiten des Lebens kennenlernen.

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Kontakt und weitere Infos zu Jinwar über das Dorfaufbaukomitee: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Siham Muhammed.

Spenden sind erwünscht unter:
Kurdistan Hilfe e.V.,
IBAN: DE40 2005 0550 1049 2227 04
BIC: HASPDEHHXXX
Stichwort: WJAR-Frauendorf