Über die Arbeit des Rojava-Solidaritätsvereins in Amed

Wir haben rund 80 000 Familien mit Nahrungsmitteln versorgt ...

Interview mit dem Rojava-Solidaritätsverein, Amed

Können Sie uns kurz Ihren Verein vorstellen? Wann und aus welchen Bedürfnissen heraus wurde er gegründet und was sind Ihre bisherigen Aktivitäten?

Der Rojava-Solidaritätsverein wurde am 15.10.2014 gegründet. Etwa ein Jahr vor der Gründung hat eine Gruppe von Ehrenamtlichen die Arbeit organisiert und als Koordiniationsgruppe die Solidaritätsarbeit geleitet. Aufgrund der Angriffe von 2014 auf Rojava, Kobanê, Şengal und Başûr, die Zehntausende von Menschen zur Flucht gezwungen haben, und um unsere Arbeit besser zu organisieren, haben wir den Beschluss gefasst, einen Verein zu gründen. Wir organisieren die Öffentlichkeit und helfen, entsprechende Ansprechpartner*innen zu finden.

Wir betreuen die Flüchtlingscamps in den Städten Amed (Diyarbakır), Şirnex (Şırnak), Sêrt (Siirt), Êlih (Batman), Riha (Urfa) und Mêrdîn (Mardin), sammeln Hilfsgüter, tonnenweise Nahrungsmittel und Kleidung für Kobanê, leisten Unterstützung nach der Flutkatastrophe für Artvin-Hopa und helfen bei der Versorgung von Menschen in den Städten, die von der Regierung nach der Ausgangssperre zerstört wurden: Farqîn (Silvan), Sûr, Kerboran (Dargeçit), Hezex (İdil), Silopya (Silopi), Cizîr (Cizre), Gever (Yüksekova), Şirnex (Şırnak) und Nisêbîn (Nusaybin).Wir haben rund 80 000 Familien mit Nahrungsmitteln versorgt ... | Foto: https://twitter.com/rojavadernegi

Seit Juli 2015 wird ein intensiver Krieg in Kurdistan geführt. Wir haben versucht, die Facetten dieses Krieges teilweise zu übertragen. Dennoch hat die Tragödie der Menschen kaum Aufmerksamkeit bekommen. Was sind die Auswirkungen dieses Krieges auf die Lebensgrundlagen der Menschen? Wie viele Menschen wurden bereits zu Opfern der staatlichen Vernichtungspolitik?

In den Städten Farqîn, Sûr, Kerboran, Hezex, Silopya, Cizîr, Gever, Şirnex und Nisêbîn, die von der Regierung nach den Ausgangssperren zerstört wurden, lebten etwa 600 000 Menschen und all diese Menschen, die in den genannten Städten und Kreisstädten lebten, wurden von dem Krieg betroffen und sind somit Opfer. Die Wohnhäuser vieler Einwohner*innen wurden in Brand gesetzt und zerstört, hinzu kommen dutzende Menschen, die in diesen Häusern verbrannten und ermordet wurden. Viele der betroffenen Menschen sind von den Städten in die umliegenden Dörfer gegangen, um diese Situation irgendwie zu bewältigen, einige konnten Unterschlupf bei ihren Verwandten finden. Wir haben seit dem 15. Juli 2015 rund 80 000 Familien (ca. 400 000 Personen) mit Nahrungsmitteln versorgt.

Was wurde unternommen, um diese Lage zu überstehen, welche Arbeiten wurden in der Region gemacht?

Wir sind uns darüber bewusst, dass keine unserer Hilfen die verbrannten und zerstörten Leben wieder zurückbringen wird und kann, für unseren Verein und unsere Mitarbeiter*innen ist es wichtig, diese Tatsache klar bei der Umsetzung unserer Arbeiten vor Augen zu haben.

Nachdem wie gesagt rund 80 000 Familien mit dem Nötigsten versorgt wurden, begannen wir eine Kampagne für Familienpatenschaften zur längerfristigen Hilfe und Sicherung.

Außer diesem Projekt haben die Kommunen in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft Türkischer Ingeneur*innen und Architekt*innen eine Schadensbilanz erstellt und in Farqîn, Cizîr und Hezex wurde für den Wiederaufbau nur leicht beschädigter Gebäude das Baumaterial zur Verfügung gestellt.

Aufgrund des Krieges mussten viele Menschen ihr Zuhause verlassen. Von wie vielen Familien bzw. Menschen sprechen wir dabei? In Bezug auf diese Frage hat Ihr Verein das Projekt Familienpatenschaften. Können sie uns das Projekt genauer vorstellen? Wie funktioniert es, wie viele Menschen sind beteiligt, was sind die Ziele dieses Projektes?

Die Kampagne Familienpatenschaften hat in der Gesellschaft eine große Unterstützung erhalten. Im Rahmen der Kampagne wurden Familien, die helfen wollen, mit Familien, die betroffen sind, zusammengeführt. Weltweit erklärten sich Menschen bereit, die Versorgung einer Familie für gut ein Jahr zu übernehmen und somit eine Patenschaft einzugehen. Warum haben wir als Verein die Familien zusammengeführt? Wir hätten die Daten und Kontoverbindungen der betroffenen Familien aufnehmen und die Hilfe ohne direkten Kontakt übermitteln können, aber wir wollten, dass die Familien sich kennenlernen und die betroffenen Familien mit ihrem Leid nicht alleingelassen werden. Dieses gegenseitige Kennenlernen der jeweils anderen Familie sollte auch das Gefühl der Isolation und des Imstichgelassenwerdens aufbrechen, um neuen Mut zu fassen.

In verschiedenen Städten konnten so schon mehrere tausend Patenschaften organisiert und realisiert werden: Cizîr: 1000, Silopya: 310, Hezex: 300, Gever: 700, Sûr: 750, Şirnex: 700 Familien, für Nisêbîn wird folgen.

Wie können Menschen aus Deutschland und Europa, die keine Verbindung zu den regionalen Vereinen haben, Solidarität leisten?

Freiwillige, die keine Verbindungen zu den Organisationen und Institutionen haben, können uns jederzeit kontaktieren, unsere Mitarbeiter*innen sind jederzeit gerne behilflich.

Menschen, die aktiv anpacken und vor Ort helfen wollen, können sich bei uns melden. In der Regel können wir Hilfe und Unterstützung in den von uns betreuten Flüchtlingslagern jederzeit gut gebrauchen.

Zusätzlich läuft die Kampagne der Familienpatenschaften für die wir immer nach neuen Paten suchen, noch viel zu viele Familien erhalten zu wenig Unterstützung. Voraussetzung für eine Patenschaft ist die finanzielle Möglichkeit. Die Hilfe einer Patenschaft beträgt monatlich 150 € und soll über mindestens 12 Monate durchgehend laufen. Als Pat*innen können sich nicht nur Einzelpersonen oder Familien melden, mehrere Menschen können auch eine Patengruppe bilden.

Für weitere Fragen zum Projekt »Patenschaft« siehe vorletzte und letzte Seite dieses Kurdistan Reports.


Familienpatenschaften: Für die Würde der Menschen in Kurdistan

Familienpatenschaften: Für die Würde der Menschen in KurdistanDer brutale Krieg des türkischen Staates gegen die kurdische Bevölkerung hat verheerende humanitäre Folgen

Krieg und Instabilität beherrschen die Türkei, allerdings nicht erst seit dem jüngsten Putschversuch des Militärs. Nach den Parlamentswahlen vom 7. Juni 2015 – Erdoğans AKP verfehlte die für ein Präsidialsystem erforderliche absolute Mehrheit und die progressive HDP schaffte trotz 10%-Hürde den Einzug ins Parlament – begann in der Türkei ein ziviler Putsch. Der Friedensprozess mit den Kurden wurde ad acta gelegt, Menschen- und Freiheitsrechte massiv beschnitten. In Folge wurde der faktische Ausnahmezustand mit monatelangen Ausgangssperren verhängt, ganze Stadtteile wurden von der Armee belagert und dem Erdboden gleichgemacht, hunderte Zivilisten starben, wurden gar bei lebendigem Leib verbrannt.

Flucht, Verarmung und Verslumung sind die Folge. Menschenrechtsorganisationen sprechen von 400 000 Binnenflüchtlingen seit Mitte letzen Jahres. Diese Menschen haben alles verloren außer ihrer Würde und ihrem Widerstandsgeist gegen die Barbarei. Sie führen einen unermesslichen Kampf für Demokratie und Gleichberechtigung, gegen jegliche Diktatur und sind daher weiterhin Angriffsziel des AKP-Regimes.

Diese Menschen brauchen unsere Hilfe!
Werden Sie Pate für diese Familien!

Der Rojava-Hilfs- und Solidaritätsverein aus der Türkei hat gemeinsam mit dem Kurdischen Roten Halbmond (Heyva Sor a Kurdistanê) eine Patenschaftskampagne für diese Familien gestartet. Bisher konnten 3 186 von 31 100 erfassten hilfsbedürftigen Familien unterstützt werden.
Wir, das Demokratische Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland (NAV-DEM), erachten es gemäß dem Grundsatz der unantastbaren Menschenwürde als unerlässlich, diese Kampagne auch hierzulande zu unterstützen und eine Vermittlerrolle zu übernehmen.

Mit einem monatlichen Mindestbeitrag von 150 Euro – dieser kann auch von mehreren Personen zusammen getragen werden – leisten Sie, leistet Ihre Organisation nicht nur einen finanziellen Beitrag für eine Familie, sondern Sie spenden auch Hoffnung und ermutigen die Menschen zu weiterem Widerstand gegen die Despotie.

Wir stehen Ihnen gerne für weitere Fragen unter der Rufnummer: 015772085796 oder der Mailadresse: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zur Verfügung.

NAV-DEM Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland e. V. | http://navdem.com
Weitere Infos zur Kampagne: heyvasor.com/de/xwiskubira